Nur noch 21-mal kontrollieren: Wie ein Leben mit Zwangsstörung aussieht

Zwangsstörungen werden gerne als Spleen verharmlost. Doch für Betroffene können sie den Alltag zur Qual machen. Es gibt ein paar Dinge, mit denen sich Erkrankte helfen können.

"Sie ist jetzt sauber. Oder? Jetzt aber. Vielleicht doch nicht. Jetzt? Lieber nochmal abwaschen." © Stocksnap / Catt Liu

Es ist weit nach Mitternacht, als ich mich nach einem langen, anstrengenden Tag bettfertig mache. Ich gehe ins Bad, putze meine Zähne, wasche mein Gesicht, schalte das Licht aus und schlurfe zu meinem Bett. Moment, habe ich das Badfenster wirklich geschlossen? Unschlüssig stehe ich im Halbdunkeln vor der verlockend gemütlichen Matratze. Nein, ich muss das jetzt noch einmal kontrollieren. Also schlurfe ich zurück und sehe nach. Ja, das Fenster ist zu. Oder?

Ich gehe zum Fenster und obwohl ich sehe, dass es keinen Millimeter geöffnet ist, drücke ich sicherheitshalber noch einmal feste dagegen. Ich könnte mich ja irren. Jetzt ist das Fenster aber wirklich zu. Oder?

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Unschlüssig stehe ich einige Sekunden im hell erleuchteten Bad, bis ich schließlich noch einmal gegen das Fenster drücke. Und noch einmal. Und noch einmal. Leise zähle ich jeden Druck gegen die Glasscheibe mit. 30, 31, 32. Allmählich bin ich frustriert, aber ich kann nicht aufhören. 67, 68, 69. Obwohl ich weiß, dass das Fenster geschlossen ist, bleibt eine unerklärliche Unsicherheit, die mich immer wieder erneut zur Kontrolle zwingt.

So verbringe ich etwa eine halbe Stunde im Bad, bis mein Handgelenk vom ständigen Drücken schon zu schmerzen beginnt. Endlich überzeuge ich mich mit all meiner Gedankenkraft, dass das Fenster wirklich, definitiv, ganz sicher geschlossen ist und kehre erschöpft zum Bett zurück. Endlich.

Auf dem Weg komme ich an der Haustür vorbei. Habe ich sie wirklich gut abgeschlossen? Ich muss es kontrollieren. Noch einmal. Und noch einmal.

Ein fremdbestimmter Alltag

Lange habe ich mich gegen die Einsicht gesträubt, doch die Symptome sind eindeutig: Mit meinen allabendlichen Kontrollgängen gehöre ich zu den knapp zwei Prozent der Erwachsenen in Deutschland, die unter Zwangsstörungen leiden. Die Dunkelziffer aber ist wohl noch weitaus höher, denn nur die wenigsten Erkranken lassen sich auch wirklich therapeutisch behandeln.

Viele Betroffene gestehen sich hingegen das Krankheitsbild nicht ein und bezeichnen ihr Verhalten liebevoll und dramatisch untertreibend als Spleen oder persönliche Macke. Doch hinter diesen harmlos klingenden Worten verbirgt sich eine psychische Erkrankung, die den Alltag von zehntausenden Menschen bestimmt und sabotiert.

Zwangsstörungen fallen in drei Kategorien: Zwangshandlungen, Zwangsgedanken und Zwangsimpulse – doch unabhängig von der Benennung ist der Effekt auf die Betroffenen gleich. Sie fühlen sich dazu gezwungen, bestimmte Handlungen oder Gedanken immer und immer wieder zu wiederholen. Eine Qual für Betroffene, irritierend für das Umfeld.

Via Twitter suche ich nach Menschen, die ihre eigenen Erfahrungen mit Zwangsstörungen teilen wollen und hatte innerhalb weniger Stunden knapp einhundert Zuschriften in meinem Postfach. Einer von ihnen ist der 26-jährige Viktor*, der in einem Medienunternehmen arbeitet und mir von seinen persönlichen Symptomen erzählt: “Meine Zwangsstörungen äußern sich in einer Art Waschzwang, der sich in einer sehr strikten Vorstellung von Reinheit und Unreinheit manifestiert.”

Befindet sich Viktor in einem für ihn “unreinen” Zustand, ist es ihm schlichtweg unmöglich, bestimmte Gegenstände in seinem Besitz zu berühren oder zu verwenden. Ohne für ihn erkennbaren Grund sind das vor allem technische Geräte und bestimmte Kleidungs- oder Möbelstücke. Erst, wenn er sich mehrfach geduscht hat, kann er wieder alle Gegenstände uneingeschränkt benutzen. “Die Anzahl der Duschvorgänge hängt dabei von den zuvor durchgeführten Aktivitäten ab, die zur Unreinheit geführt haben”, erklärt er weiter.

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Viktor empfiehlt Betroffenen eine therapeutische Behandlung. Zum einen empfand er es als unglaublich erleichternd, sein Empfinden von rein und unrein einer Person zu erklären, zu der er keine persönliche Beziehung hatte und von der er keine Ablehnung oder ähnliches befürchten musste. Neben dieser Erleichterung lernte er aber auch zwei wichtige Lektionen, die er mit anderen Betroffenen teilen will: “Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es keinen Sinn hat und keine Besserung bringt, von außen dazu aufgefordert zu werden, sich doch endlich zu ändern. Daran erinnere ich meine Freunde und Bekannten immer, wenn es nötig ist – das nimmt mir viel Last von den Schultern.”

Der zweite Ratschlag dreht sich ganz um den Betroffenen selbst: “Meine Therapeutin meinte, dass es vielleicht nicht unbedingt das Ziel sein muss, von der Störung loszukommen, sondern stattdessen zu lernen, besser mit ihr zu leben, um möglichst wenige Einschränkungen zu erfahren.” Diese Aussage hilft Viktor, für sein eigenes Verhalten Verständnis aufzubringen und sich Strategien zu überlegen, wie er mit seiner Zwangsstörung besser umgehen kann.

Wie genau diese Strategien aussehen können, sollten Betroffene am Besten im direkten Gespräch mit ihren Therapeuten erarbeiten. Doch auch eine offene Unterhaltung mit einer Vertrauenspersonen wie Eltern oder engen Freunden können dabei helfen, eigene Bewältigungsstrategien für die Zwangsstörung zu finden.

Medikamente sind nicht die Lösung

Auch Ben, der im Rahmen seines Psychologie-Studiums viel über Zwangsstörungen lernen durfte, teilt die Ratschläge von Viktor und ergänzt sie um einen wichtigen Punkt: “Ich würde unbedingt davon abraten, die Störung rein medikamentös behandeln zu lassen, da dadurch meist nur die Symptome unterdrückt werden, aber nicht das zugrunde liegende Problem behandelt wird.”

Ähnliches gilt für den Konsum von Alkohol, der von vielen Betroffenen genutzt wird, um den täglichen Kontrollzwang zu betäuben. Für diese Menschen besteht eine erhöhte Suchtgefahr, die im schlimmsten Fall in die Alkoholabhängigkeit führen kann. Eine selbstzerstörerische Spirale, die spätestens zu diesem Zeitpunkt therapiert werden sollte.

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Doch soweit muss es für Betroffene nicht kommen: Wer an sich selbst Symptome einer Zwangsstörungen erkennt oder vermutet, sollte das Gespräch mit Vertrauenspersonen suchen. Diese Hilfe von Außen kann entscheidend dazu beitragen, dass Betroffenen der wichtige Schritt gelingt, ihre Zwangsstörung zu akzeptieren und Strategien zu erarbeiten, die ihnen den Alltag erleichtern.

Wem diese Ansprechpartner fehlen, der kann sich auch kostenfrei an die Telefonseelsorge wenden, wie mir ein Psychotherapeut versichert, als ich ihn seinen wertvollsten Rat für Menschen mit Zwangsstörungen bitte: “Am Ende des Tages ist in erster Linie das offene Ohr wichtig und nicht so sehr, wem das Ohr eigentlich gehört”.


*Name geändert