Ob du treu oder untreu bist, hängt nicht von deinen Genen ab

Wissenschaftler*innen haben bei Tieren eine genetische Veranlagung für Monogamie entdeckt. Diese Erkenntnis lässt sich aber nicht als billige Ausrede nutzen.

Monogamie ist eine Entscheidung, deine Gene spielen keine Rolle.

Monogamie ist eine Entscheidung, deine Gene spielen keine Rolle. Foto: Joanna Nix / Unsplash | CC0

Wenn ich so darüber nachdenke, kenne ich nur ein einziges Paar, das sich wirklich treu war und ist – ausgerechnet die zwei, die Monogamie eher kritisch sehen. Statistiken zu (Un-)Treue gibt es viele aus verschiedenen Quellen – wie belastbar die Zahlen sind, ist ungewiss. Untreue gehört sich offiziell nicht, das gibt kaum jemand gern zu. Aber schätzungsweise ein Viertel der Frauen und ungefähr 40 Prozent der Männer sind in Beziehungen schon mal fremdgegangen.

Da ploppen doch direkt zwei Fragen auf: Wieso zur Hölle fällt Treue so schwer? Und: Wenn sie uns so schwer fällt, wieso halten wir dann so verbissen daran fest?

Gene fürs Paarleben

Evolutionsbiolog*innen der University of Texas haben unlängst herausgefunden, dass die Veranlagung zur Monogamie in den Genen liegt. Es gibt offenbar eine spezienübergreifende genetische Formel, die wilde Wirbeltiere zu treuen Seelen macht. Dafür haben die Forscher*innen die Gehirne von verschiedenen, miteinander verwandten Tierarten untersucht, darunter Mäuse, Fische, Frösche und Vögel. Fünf davon monogam, fünf nicht.

Ergebnis: Sie entdeckten 24 Gene, die mit Monogamie zusammenhängen und deren Aktivität in den Gehirnen der monogam lebenden Wirbeltierarten permanent veränderlich war. Zellkommunikation, Erinnerung, Lernen und kognitive Fähigkeiten waren in den monogamen Gehirnen zum Beispiel viel aktiver. Das könnte laut der Wissenschaftler*innen mit den Lebensumständen zu tun haben, bei denen Anpassung, Kollaboration und Wiedererkennung wichtig sind. Aber was heißt das jetzt für uns Menschen?

Monogamie ist nicht gleich Treue

Tja, biologisch definierte Monogamie ist nicht das, was wir so allgemein dafür halten. Im Tierreich gilt eine Art nämlich schon als monogam, wenn sie für eine Paarungszeit zusammen abhängt und gemeinsam den Nachwuchs aufzieht, dabei aber durchaus mal hier und da mit dem Nachbarhasen. Erklär das mal deinem*deiner Partner*in als monogam.

Nein, uns Menschen geht es in erster Linie um Treue. Und die ist komplizierter. Das wissen auch die Wissenschaftler*innen: „Die Frage, inwieweit die gesellschaftliche Definition menschlicher Monogamie mit unserer funktionalen Definition übereinstimmt, öffnet die Büchse der Pandora“, sagt Studienleiterin Rebecca Young. Natürlich könnte es sein, dass entsprechende Gen-Expressionen auch bei Menschen vorkommen. Aber die Forschung ist diesbezüglich noch nicht weit genug.

Biologie vs. Verhalten

Der Unterschied zwischen einer simplen biologischen monogamen Lebensweise und gelebter Treue, wie wir sie so ganz allgemein definieren, liegt in der Entscheidung – im Regulieren des eigenen Verhaltens. Die Vorstellung einer genetischen Veranlagung zur (Un-)Treue klingt deshalb so verlockend, weil sie eine prima Ausrede darstellt. Den Weg des geringsten Widerstandes. Das Delegieren von Verantwortung.

Und zwar für all diejenigen, die zu bequem sind, sich mit ihren Gefühlen, Sehnsüchten, Unzulänglichkeiten und Beziehungen wahrhaftig auseinanderzusetzen. Es wäre deutlich einfacher, schulterzuckend „Sorry, Schatz – du weißt schon, die Gene …“ zu sagen, als sich mit seinem*seiner Partner*in hinzusetzen, sich ernsthaft über die Gestaltung der Beziehung zu unterhalten und sie individuell zu definieren. Wie wollen wir leben? Wo haben wir unterschiedliche Sehnsüchte und wie können wir uns da annähern, ohne einander zu verletzen? Das kostet emotionale Energie, Zeit und Nerven. Na, dann doch lieber das mit den Genen!

Beziehungsarbeit statt Ausrede

Im Grunde steht der Wunsch nach einer genetischen Veranlagung zur Monogamie – oder eben Promiskuität – auf ähnlich tönernen Füßen wie das alberne, einseitige Konzept, dass Männer quasi biologisch dazu gezwungen sind, ihr Sperma überall zu verteilen und sich nur mit größter Mühe und Not davon abzuhalten vermögen. Ich kann ja nichts dafür, ich bin halt so! Schenkelklopfen, Augenzwinkern, Schulterzucken, Thema durch.

Dabei täte es gut, stattdessen (eigene) Bedürfnisse und Grenzen auszuloten, sich zu öffnen und ehrlich miteinander zu sein. Mit anderen Worten: Beziehungsarbeit zu leisten. Und wer weiß? Vielleicht kommt dabei ja sogar heraus, dass Monogamie gar nicht unbedingt angesagt ist – bei euch beiden.