Österreich darf hoffen, es muss sogar

Viele Menschen sind seit dem Wochenende regelrecht in Ekstase. Andere kritisieren, dass sich im Land ohnehin nichts verändern wird. Ein Stimmungsbild unserer Autorin aus Wien

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Vor dem Ballhausplatz versammelten sich am Samstag spontan Tausende Menschen. Laute Musik, Gesang und Plakate. Foto: Christopher Glanzl

Mein Handy piept ununterbrochen, seit Stunden. Freund*innen verschicken aufgeregte bis hysterische Nachrichten. „Ich kann das alles nicht glauben!”, „Viva Ibiza”, „I Love Ibiza” oder „Nie wieder Strache! Habe Angst, dass alles nur ein Traum ist”. Es ist Samstagmittag und der Vizekanzler Österreichs ist soeben zurückgetreten. Am Tag zuvor veröffentlichten Journalist*innen des Spiegels und der Süddeutschen Zeitung ein Video, das sowohl den Vizekanzler Heinz-Christian Strache als auch den Fraktionschef der FPÖ Johann Gudenus in Erklärungsnot bringt.

Wien in Ekstase

Feiertagsstimmung breitet sich in der Stadt aus. Die Menschen auf den Straßen Wiens feiern und tanzen. Vor dem Ballhausplatz versammeln sich spontan Tausende. Laute Musik, Gesang und Plakate. Immer wieder spielen sie das Lied We are going to Ibiza. Der Hit der Vengaboys wird zur neuen Hymne der Linken. Menschen weinen und lachen, fallen sich um den Hals, als am Samstagabend Neuwahlen angekündigt werden.

Es ist eine Stimmung, wie es sie seit langer Zeit nicht mehr in Wien und ganz Österreich gegeben hat. Innerhalb weniger Stunden dreht sie sich um 180 Grad. Die Frustration der vergangenen Wochen und Monate, die schleichende Ohnmacht, gegen den Rassismus und die menschenfeindliche Politik der Regierung anzukämpfen, verwandelt sich in Euphorie und Hoffnung.

Memes, Fotos, Videos und Statusmeldungen zum Ibiza-Gate überschwemmen das Netz. Von rechts ist wenig zu hören, Trolle sind verdächtig leise. Eine Veranstaltung im Netz kündigt an, in einem Wiener Kino die Ibiza-Tapes am kommenden Samstag in voller Länge zu zeigen. Auf Facebook sagen so viele Menschen zu, dass sich das Kino öffentlich äußert, dass es sich um eine Fake-Veranstaltung handelt. Für den 18. Mai 2020 wird ein Facebook-Event unter dem Titel „Mein persönlicher Feiertag <3” erstellt. Wiener Bars werben mit Vodka-Bull-Specials, spielen Ibiza-Songs in Dauerschleife. Wien scheint vor Freude auf dem Kopf zu stehen.

Ära Strache zu Ende

Straches Rücktritt löst quer durch die politischen Lager Freude bei vielen Österreicher*innen aus. Seit vielen Jahren hat er eine ganze Generation beeinflusst. Die Ekstase und das Feiern seines Rücktritts hat wenig mit Schadenfreude zu tun, sondern mit Erleichterung. Der FPÖ-Chef hat die Partei aufgebaut und auf sich selbst ausgerichtet. Viele Menschen verbinden sein Gesicht mit Rassismus, menschenfeindlicher Politik und rechten selbsternannten Ausrutschern.

Als ich vor etwa zehn Jahren zum ersten Mal wählen durfte, war Strache bereits Oppositionsführer im Parlament. Er reformierte die kaputte FPÖ voller Alt-Nazis und wenig medientauglichen Überbleibseln zu einer nach außen jungen Partei. FPÖler*innen besuchten Bierzelte und Diskos. Straches Wahlplakate klebten über die Jahre immer wieder vor unserem Fenster am Nachbarhaus im Dorf. Es gab keine Diskussion, keine Wahl, in der er nicht mitmischte. Einige meiner Freund*innen begannen unter ihm die FPÖ zu unterstützen. Die Partei wurde immer größer und schließlich sogar Regierungspartei. Seine Politik und Hetze schienen wie ein Zug, den niemand aufhalten konnte. Nach Jahren voller Bewegung nach rechts musste er nun gehen.

Ein Fotograf auf Instagram beschreibt es so: “Ich habe selten so einen Tag wie gestern erlebt. Ausnahmslos alle Freund*innen, insbesondere jene mit Migrationsbiografie und Musliminnen waren in Extase.” Er erklärt, dass Strache maßgeblich zur Stimmung gegen sie beigetragen habe und sein Rücktritt damit besonders bedeutend ist. “Ja, das war ein besondere Tag für viele. Für manche ganz besonders.”

Ja, das war ein besondere Tag für viele. Für manche ganz besonders.

Pessimismus versus Optimismus: Ändert sich nun wirklich was?

Nicht alle sind euphorisch high vor Glück, manche bleiben skeptisch. Sie warnen, dass sich in Österreich nichts ändern werde. Sebastian Kurz sei immer noch Bundeskanzler und Norbert Hofer sei nicht weniger rechts oder populistisch als Strache. Österreich sei und bleibe ein rassistisches Land.

Das stimmt. Der Rücktritt von Strache und Neuwahlen bedeuten nicht, dass damit der Kampf gegen die Hetze im Land vorbei ist. Sebastian Kurz hat Österreich am Wochenende nicht vor einer korrupten Partei gerettet, sondern hat gemeinsam mit ihnen regiert und trägt Mitverantwortung. Die Donnerstagsdemo, die sich ein Ende der Regierung zum Ziel gesetzt hat und dafür jede Woche auf die Straße geht, formuliert es so: “Gestern war ein schöner, emotionaler, kämpferischer, politischer Tag mit einer Aufbruchstimmung, wie sie viele von uns selten erlebt haben. Und weil viele uns fragen: ‚Wir gehen, bis ihr geht‘ gilt natürlich immer noch, daran hat sich nichts geändert. Wir sehen uns diesen Donnerstag wieder und noch viele Donnerstage.”

Es braucht Optimismus, um den Glauben an ein Land und die Politik nicht total zu verlieren.

Was am Wochenende passiert ist, darf den Österreicher*innen aber Hoffnung geben. Es braucht Optimismus, um den Glauben an ein Land wie Österreich und die Politik nicht total zu verlieren. Das Wochenende war ein Lichtblick für alle, die an ein menschenfreundliches und nicht rassistisches Österreich glauben. Diese Hoffnung bedeutet nicht, naiv zu denken, dass jetzt plötzlich alles anders ist, und Österreich sein Rassismusproblem los ist. Nur eben, dass es so etwas wie Hoffnung noch gibt.

Kater nach dem Wochenende macht sich breit

Nach dem Rausch kommt bekanntlich der Kater. Strache postete noch am Sonntag: “FPÖ – Jetzt erst recht! 👍🏻” auf Facebook. Mit diesem Spruch deutet alles auf einen dreckigen Wahlkampf hin und verbreitet eine trotzige Stimmung im Land, bei der sich erneut Abgründe auftun werden.

Ich sitze Montagmorgen nach dem politischen Erdbeben am Wochenende in der Straßenbahn. Eine alte, fein gekleidete Dame beginnt einen jungen Mann ihr gegenüber rassistisch anzupöbeln. Ihren Zorn entfacht ein Anti-Regierungssticker auf seiner Laptophülle. Andere Menschen beginnen sich einzumischen und ihm beizustehen. Beim Aussteigen frage ich ihn, ob alles okay sei. Er bedankt sich und meint, die Frau habe wohl die Geschehnisse vom Wochenende noch nicht verdaut und dass sich in Österreich nun etwas ändern werde.


„Was geht mit Österreich?“ Mit dieser Frage beschäftigt sich unsere Korrespondentin und Exil-Österreicherin Eva Reisinger in ihrer Serie. Sie lebt halb in Berlin und halb in Wien und erzählt euch, was ihr jeden Monat über Österreich mitbekommen müsst, worüber das Land streitet oder was typisch österreichisch ist. Wenn du unseren Österreich-Newsletter abonnierst, bekommst du ihn alle zwei Wochen in dein Postfach.