Österreichische Ministerin vergleicht Shoah mit Unfalltod ihres Opas

Die österreichische Ministerin Karoline Edtstadler bringt die systematische Vernichtung von Jüdinnen*Juden durch die Nazis in Zusammenhang mit dem Unfalltod ihres Opas. Die jüdische Community wirft ihr vor, die Shoah zu bagatellisieren.

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In ihrer Rede versucht die Politikerin Karoline Edtstadler empathisch an die Opfer der Shoah zu erinnern. Doch der Versuch scheitert. Screenshot: © ORF

In Wien soll es bald eine neue Gedenkstätte geben, die an die systematische Vernichtung der europäischen Jüdinnen*Juden durch die Nationalsozialist*innen erinnern soll: die Shoah-Namensmauer. Zu Baubeginn gab es eine offizielle Veranstaltung, bei der auch Karoline Edtstadler sprach, Bundesministerin für EU und Verfassung.

„Ich bin keine Jüdin“, beginnt Edtstadler ihre Rede. Sie kenne Krieg und die Ermordung von Millionen von Juden nur aus den Geschichtsbüchern. Dann spannt sie einen Bogen zu ihrer eigenen Biografie: „Im Alter von zwölf Jahren habe ich dennoch erfahren, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren.“ Ihr Opa sei damals nach einem schweren Verkehrsunfall verstorben. Ihre Mutter hätte sie damals versucht zu trösten und gesagt: „Solange du an ihn denkst, solange du über ihn sprichst, solange du seinen Namen nennst, wird er in dir weiterleben.“

Einen Tag nach der Veranstaltung postet Bini Guttmann, Präsident der European Union of Jewish Students, den Videoausschnitt auf Twitter. Dazu schreibt er: „Ich verstehe zwar was Karoline Edtstadler hier ausdrücken möchte, aber nein, der industrialisierte Massenmord an 6 Millionen Juden*Jüdinnen ist nicht mit dem Unfall des Großvaters vergleichbar.“

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Guttmann kritisiert im Gespräch mit ze.tt, dass Edtstadler das Verbrechen ausblende, die Shoah bagatellisiere und entpolitisiere. „Sie macht Tod zu einem allgemeinen Trauerfall: ‚Es sind Menschen gestorben und das ist sehr traurig. Weil in meinem Leben auch Menschen gestorben sind, kann ich verstehen, wie es sich anfühlt, traurig zu sein.'“

In einem Täterland ist es nicht genug, über eigene Trauererfahrungen zu reden, wenn man über die Shoah spricht.

Bini Guttmann

Das beschreibe aber die Shoah nicht, so Guttmann – das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte, bei der systematisch Millionen von Menschen umgebracht wurden. „Wenn das nicht in einen Kontext gesetzt werden kann, zeugt das davon, dass sich mit diesem wichtigen Thema viel zu wenig auseinandergesetzt wird.“

Guttmann kritisiert außerdem, dass Edtstadler in der ganzen Rede versucht, die Trauer greifbar zu machen, aber an keiner Stelle über die Täter*innen spricht. „Wenn man in einem Land wie Österreich oder Deutschland Vergleiche mit der Shoah bringt, dann müssen die in eine andere Richtung gehen. In einem Täterland ist es nicht genug, über eigene Trauererfahrungen zu reden, wenn man über die Shoah spricht.“

Auf Nachfrage von ze.tt hat sich Karoline Edtstadler zu der Kritik geäußert. „Der eingangs in meiner Rede erwähnte Tod meines Großvaters war kein Vergleich mit der Shoah – absolut nichts ist mit der Shoah vergleichbar!“ Es sei vielmehr der erste Moment in ihrem Leben gewesen, in dem sie mit Trauer und Verlust umgehen musste.

Daher habe sie auch an die tröstenden Worte ihrer Mutter erinnert. Eben das sei das Ziel der Shoah-Namensmauer: die Namen der Ermordeten sichtbar zu machen. „Ich bedaure, wenn der sehr persönliche Versuch, eine Brücke zu meinem Empfinden herzustellen, missverständlich war.“

Die brutale Erfahrung von Jüdinnen und Juden, die überlebt haben, lässt sich nicht mit einem Verkehrsunfall vergleichen.

Laura Cazés

„Das, was sie sagt, suggeriert zunächst Empathie“, sagt Laura Cazés, Referentin für Verbandsentwicklung bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Jüdinnen*Juden in Deutschland. Aber dieser Versuch der Empathie schlage an dieser Stelle leider fehl. Denn er verkenne, dass es sich bei der Shoah um ein intendiertes Verbrechen handelt und das mehr ist als ein tragischer Verlust im Familienkreis.

„Es irritiert mich, dass eine ranghohe Politikerin glaubt, dass der Trost, den sie mit dieser persönlichen Geschichte spenden wollte, an dieser Stelle angemessen ist. Die brutale Erfahrung von Jüdinnen und Juden, die überlebt haben, lässt sich nicht mit einem Verkehrsunfall vergleichen. Sie wurde ihnen auf Basis einer Hassideologie von Menschen angetan, und nicht durch einen tragischen Zufall.“

Opa war (k)ein Nazi?

Das Ausblenden der Täterperspektive sei indes kein Einzelfall, meint Cazés, sondern komme leider immer wieder vor. „Ich habe das Gefühl, dass es in der deutschen Mehrheitsgesellschaft oft ein Bedürfnis nach einer Art von Relativierungs- und Entlastungsrhetorik gibt, als einen Versuch, sich selbst von dieser Kontinuität zu entkoppeln.“

Deutsche oder österreichische Jüdinnen*Juden mit Überlebendenbiografie in der Familie könnten sich von dieser historischen Verstrickung nicht einfach lösen. Trotzdem fänden sie einen Weg sich mit dem Land, in dem sie leben, zu identifizieren und auseinanderzusetzen. Gerade letzteres würde sich Cazés auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft stärker wünschen. Wann und warum setzt man unbewusst oder bewusst Entlastungsstrategien ein oder wählt eine Rhetorik, die die Shoah verharmlost?

Bini Guttmann glaubt nicht, dass sich die Aussagen der Ministerin intendiert waren oder sie sich tatsächlich Gedanken über das Gesagte gemacht habe. „Das macht es aber in keiner Art und Weise besser. Vielleicht ist es sogar Kern des Problems. Denn Frau Edtstadler ist nicht irgendjemand, sondern eine österreichische Bundesministerin, die auf einer Shoah-Gedenkveranstaltung spricht, sie sollte es besser wissen. Das bereitet mir Sorgen.“

Auch Laura Cazés glaubt nicht, dass Edtstadler mit ihren Aussagen absichtlich die Shoah relativieren wollte. Im weiteren Teil ihrer Rede sagt die Politikerin Antisemitismus den Kampf an. „Aber in Zukunft sollten Politiker*innen auch daran gemessen werden, ob mit ihren wohl gemeinten Phrasen auch eine tatsächliche Auseinandersetzung einhergeht. Dafür müsste auch ein Bewusstsein dafür sichtbar sein, dass die Shoah kein tragisches Schicksal der Jüdinnen*Juden, sondern ein intendiertes Verbrechen war.“