Auf den Fotos von Oli Kellett sieht selbst Warten schön aus

Oli Kellett fotografiert Menschen, die umringt von hohen Gebäuden an breiten Straßenkreuzungen stehen. Für ihn eine Metapher für das Leben.

Was haben der Bluesmusiker Robert Johnson, Straßenkreuzungen und die letzte Präsidentschaftswahl in den USA gemeinsam? Einiges, zumindest für den Fotografen Oli Kellett.

Die Inspiration

Robert Johnson gilt als einer der erfolgreichsten Gitarristen und Sänger der Bluesgeschichte. Um seine Person entstand eine faustische Legende: Mitternachts soll der bis dato nur durchschnittlich begabte Musiker mit seiner Gitarre an einer Kreuzung in Clarkesdale, Mississippi gestanden haben, wo er auf den Teufel traf. Dieser hätte ihm die Gitarre abgenommen, gestimmt, und ihm einen Deal vorgeschlagen: Im Tausch gegen seine Seele würde Johnson zum berühmtesten Bluesmusiker des Mississippideltas aufsteigen. Johnson willigte ein. Er wurde in den 1930er-Jahren zum berühmtesten Bluesmusiker des Mississippideltas. Doch er starb bereits mit 27 Jahren.

Das Projekt

Diese Legende inspirierte Oli Kellett zu einem Fotoprojekt, das inzwischen den Namen Cross Road Blues trägt – Straßenkreuzungsblues. Kellett reiste 2016 eine Woche vor der US-Präsidentschaftswahl nach Los Angeles. „Mit meiner Kamera durchforstete ich die Straßen von LA auf der Suche nach Bildern, die das, was gerade passierte, erklären konnten“, sagt Kellett. Er blieb zehn Tage und schoss dabei unter anderem Straßenfotografien von Kreuzungen.

Wieder zu Hause in Großbritannien sichtete er die entstandenen Aufnahmen. Dabei fiel ihm insbesondere ein Foto auf: eine Frau, die an einer Kreuzung wartete. Die Sonne stand tief, sie war alleine und hielt ihre Hände in einer beinahe religiösen Position, als suche sie nach Rat.

„Das fasste für mich die Erfahrung, die ich in den zehn Tagen gemacht habe, zusammen“, sagt Kellett. „Wie viele andere, und dazu noch als Außenstehender, erlebte ich die USA als ein Land, das sich an einer Kreuzung befand: zwei sehr verschiedene Präsidentschaftskandidaten, die darauf hofften, das Land in zwei verschiedene Richtungen zu führen.“ Ihm gefiel die Kreuzung als Metapher, als Ort, an dem sich Gegensätze treffen.

Die Metapher

„Die Bedeutung dieses Moments der Frau, die an einer Kreuzung in LA wartete, wurde plötzlich zu einem Bild über Entscheidungen, Richtungen, Moral und das Gewicht der Entscheidungsfindung, das auf den Schultern der Bürger der USA lag“, sagt Kellett.

Seitdem reist der Fotograf regelmäßig in die USA und schießt Bilder von Straßenkreuzungen. Kellett begann, sich auf einen bestimmten Stil zu konzentrieren: „Ich suchte nach Individuen, allein und komplett still, die in der urbanen Umgebung winzig wirken, die Umgebung sollte das System repräsentieren, das viel größer ist als sie selbst, gegen dessen Wandel sie machtlos sind.“

Der Künstler

Kellett fotografiert, seit er 16 Jahre alt ist. Die Ästhetik des Alltags interessiert ihn besonders. „Ich hoffe, etwas Universelles im Alltäglichen zu finden. Etwas Tiefgründiges im Alltäglichen. Das passiert natürlich selten, aber das ist es, was Fotografieren für mich so interessant macht.“

Das Tiefgründige an Kreuzungen ist für Kellett die Frage nach dem Woher und Wohin. Es erinnert ihn an ein Zitat aus dem Buch The Pleasure of good Photographs von Gerry Badger: „Nehmen wir die breite Autobahn, die einfache Straße, gesucht von denen, die egoistisch alles daran setzen, die Dinge für sich einfach zu machen, sogar auf Kosten anderer? Oder nehmen wir die steinige Straße, an beiden Seiten mit Dornen gesäumt?“


Mehr über Oli Kelletts Arbeit erfahrt ihr auf seiner Webseite und auf Instagram.