Onlinedating in Zeiten des Coronavirus

Jemand Neues kennenzulernen, den oder die man mehr als nur mag, ist schwer genug. Wie soll das aber funktionieren, wenn man sich nicht treffen kann?

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Dating in Zeiten von Corona? Foto: Daniel Tafjord / Unsplash | CC0

„Auf Tinder geht nichts mehr“, schreibt mir Katja. „Ich hatte gestern ein Videodate, sehr flirty“, schreibt Laura. „Macht ihr noch Onlinedating?“, hatte ich gefragt. Die meisten schrieben zurück: „Gar nicht mehr.“

Die Liebe in Zeiten des Coronavirus. Einfach ist es nicht. Schließlich ist Verlieben ganz essentiell auf ein Erleben angewiesen, von dem momentan von höchster Stelle abgeraten wird: direkter Kontakt mit Menschen.

Anna Machin ist Anthropologin an der Universität Oxford und forscht zur Neurobiologie der Liebe. Beim Verlieben, erklärt sie, sind wir auf eine Ausschüttung von Botenstoffen angewiesen. Doch die werden nicht online, sondern nur im direkten Kontakt, wenn wir die andere Person live erleben, riechen und sehen können, ausgeschüttet: „Onlinedating kann helfen, unsere Optionen zu erweitern, aber darüber hinaus hat es keinen Vorteil, weil man mit einer Person im selben Raum sein muss, seine Sinne benutzen, um festzustellen, ob es die richtige Person für einen ist.“ Dedüm.

Was also tun?

Wer sich jetzt gerne verlieben möchte, oder zumindest mal jemanden kennenlernen, der*die fühlt sich zu Recht ziemlich eingeschränkt.

Und so zeigen auch offizielle Zahlen von Dating-Apps, dass die Wisch- und Chat-Tätigkeit durch die Corona-Pandemie deutlich beeinflusst wird. In Großbritannien hat OkCupid alle Nutzer*innen gefragt, wie stark die Pandemie sich auf das Dating-Verhalten auswirke. Zwischen Januar und März hatte das Unternehmen einen Anstieg des Begriffs „Corona“ in den User*innen-Profilen festgestellt, und zwar von über 260 Prozent. Doch über 90 Prozent sagten, sie würden weiterhin auch Treffen vereinbaren. Das Unternehmen verzeichnete zudem einen Anstieg von sieben Prozent bei neuen Chatverläufen. Zahlen für die deutschen User*innen der größeren Dating-Plattformen haben wir angefragt.

Klar ist: Verabredungen sind nicht mehr so leicht – oder zumindest nicht mehr so wie gewohnt – zu treffen. Bars und Clubs sind geschlossen und auch auf direkten Körperkontakt, und sei es nur Küsschen links und Küsschen rechts, sollten wir alle verzichten. Was bleibt? Vielleicht ein Spaziergang im Park mit Sicherheitsabstand.

Im Moment haben eh alle abends Zeit.

Oder aber intensiveres Chatten, Telefongespräche und Videotelefonate. Laura hat sich über Bumble zu einem Videodate mit jemandem verabredet, bei Wein, schmeichelhafter Beleuchtung und viel Zeit an einem Montagabend. Sie berichtet ganz entzückt von diesem Date und ist fast schon dankbar, dass die soziale Isolation dazu geführt hat, dass sie und ihr Date so schnell ein Treffen vereinbart haben: „Im Moment haben eh alle abends Zeit. Da kann man keine Ausreden vorschieben, sondern legt sich halt schnell auf ein Date fest.“

So proaktiv sehen es aber nicht alle derzeit. Anne, Tim und Lina haben allesamt gerade so gar keinen Nerv für Onlinedating. „Onlinedating geht mir eh auf den Zeiger, jetzt habe ich wenigstens einen Grund“, lacht Lina. Anne meint, sie date derzeit nur „Natur, Bücher und Bier“ und Tim erklärt, er fände es schlicht und ergreifend „komplett rücksichtslos“, sich jetzt mit fremden Menschen zu verabreden, und sei es nur zu einem Spaziergang: „Was genau verstehen die Leute eigentlich an ‚social distancing‚ nicht?!“

Risikofrei gibt’s nicht!

Onlinedating, und das macht die aktuelle Situation auch noch einmal deutlich, ist nunmal grundsätzlich eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit. Wer online datet und sich dann mit jemandem verabredet, der*die gibt einen Vertrauensvorschuss. Schließlich weiß man – da kann man googlen wie man will – vorab nicht so ganz genau, auf wen man sich da einlässt. Ein kleines Risiko bleibt immer. Und derzeit ist das Risiko erhöht. Nicht unbedingt nur für einen selbst, sondern für alle. Also ist vernünftig, wer sich dem nicht aussetzt.

Tinder schickt Hygienehinweise in der App, die User*innen darauf hinweisen, wie man sich vor einer Infektion schützen kann. Hände waschen, Sicherheitsabstand halten, von Menschenmassen fernhalten, nicht ins Gesicht fassen. Aber ob man unter solchen Vorzeichen gerne daten möchte?

Grund für Zuversicht

So wenig erbaulich sich diese Nachrichten gerade anhören mögen, es gibt auch Grund zur Zuversicht. Schließlich – und das meinen wir wirklich nicht zynisch – ist die aktuelle Lage zumindest ein gutes Gesprächsthema. Fast jede*r hat gerade das Bedürfnis, über Sorgen und Ängste zu sprechen, die eigenen Einschätzungen weiterzutragen und Erlebnisse aus den Abgründen des Hamsterkaufs zu teilen. Wer bei solch existentiellen Themen nicht erspürt, wie der*die andere tickt, der*die wird vermutlich auch beim Live-Dating nicht allzu viele gemeinsame Nenner zusammenkratzen können.

Vielleicht bietet also diese Ausnahmesituation auch eine Chance, andere Menschen ohne die übliche Selbstdarstellung kennenzulernen. Im Moment verblassen nunmal viele Dinge, die uns sonst vielleicht beeindruckt hätten. Es geht ans Eingemachte: Was ist uns wirklich wichtig?

Wer hierüber mit noch unbekannten Menschen in den Austausch tritt, der*die kann getrost Smalltalk überspringen und hat so die Möglichkeit auf eine ganz andere Art der ersten Begegnung. Und auch wenn die zunächst nur digital über einen Chat, Telefon oder Video stattfindet: Wenn es jetzt funkt, ist es schon etwas Besonderes.

 

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