Onlinedating mit Behinderung: „Wann sage ich es?“

Christian sitzt im Rollstuhl, Fern kann nicht sehen. Beide lernen ihre Partner*innen online kennen. Wann ist ein guter Zeitpunkt um zu sagen, dass sie eine Behinderung haben?

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"Ohne Onlinedating hätte ich kein Sex- und Liebesleben", sagt Christian Kiermeier. Foto: © Manuel Nieberle für ze.tt

Christian Kiermeier ist nie alleine unterwegs, ob er mit der Straßenbahn fährt oder in einer Bar sitzt. „Ich habe immer eine Assistenz bei mir – egal, wohin ich gehe“, sagt er. Christian lebt mit Spinaler Muskelatrophie und wird 24 Stunden von einer*einem Assistent*in begleitet. Nur bei einer Sache stört die Assistenz: dabei, mögliche Sex- und Beziehungspartner*innen kennenzulernen. „Diese Konstellation schreckt viele Menschen ab“, sagt er. „Ich würde auch nicht auf jemanden zugehen, der*die schon irgendwo mit jemand anderem sitzt.“

Ohne Onlinedating hätte ich kein Sex- und Liebesleben.

Christian Kiermeier

Und doch hat Christian ein erfülltes Liebesleben. Der 30-jährige Münchner lebt polyamor und hat sich in den letzten Jahren einen Freund*innenkreis für sexuelle Begegnungen und BDSM-Spiele aufgebaut. Auf seiner Homepage Sexabled bloggt er regelmäßig über seine erotischen Erfahrungen als Mensch mit Behinderung. Ohne Onlinedating sei das undenkbar gewesen: „Ich lerne meine Partner*innen ausschließlich übers Internet kennen“, sagt Christian. „Ohne Onlinedating hätte ich kein Sex- und Liebesleben.“

Auch Fern Lulham kann nicht einfach auf der Straße flirten. „Ich bemerke es nicht, wenn mich jemand anschaut“, sagt die 30-Jährige aus Großbritannien. „Und andersherum weiß ich auch nicht, ob sich gerade jemand in meiner Nähe befindet, den ich attraktiv finden würde.“ Fern ist seit ihrer Geburt sehbehindert.

Outing: Zu welchem Zeitpunkt kommuniziere ich die Behinderung?

Sowohl für Christian als auch für Fern ist Onlinedating ein hilfreiches Tool, um mögliche Partner*innen kennenzulernen. Doch während ihre Behinderung auf der Straße recht offensichtlich ist, ist sie das im Internet nicht. Hier erfährt das Gegenüber erst in dem Moment von der Behinderung, in dem sich Christian und Fern outen. Doch wann ist der geeignete Moment dafür? Und wie sagt man’s?

Das seien Fragen, die sich viele Menschen mit Behinderung stellten, die online nach Partner*innen suchen, sagt Markus Ernst. Der Psychologe betreut seit dem Jahr 2007 das Beratungstelefon für die Mitglieder der Datingplattform Parship. Pro Monat bekommt er rund zehn Anrufe von Mitgliedern, die mit einer Behinderung leben, schätzt Ernst.

Wie viele Mitglieder von Parship überhaupt mit einer Behinderung leben, wird nicht erhoben. „Wir möchten es unseren Kund*innen selbst überlassen, dieses Thema anzusprechen“, sagt Jana Bogatz, Pressesprecherin von Parship. Mitglieder mit Behinderung könnten dies entweder „offensiv in Freitextfeldern im Profil oder ganz individuell im persönlichen Kontakt mit anderen Mitgliedern“ kommunizieren.

Am Anfang wollte Fern ihre Behinderung verstecken

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Fern Lulham. Foto: ©privat

Als sie vor etwa acht Jahren mit dem Onlinedating anfing, sprach Fern ihre Behinderung gar nicht an. Sie ging auf Dates mit Männern, die sie online kennengelernt und denen sie nichts über ihre Sehbehinderung erzählt hatte. „Ich wollte, dass sie zuerst mich kennenlernten, bevor sie etwas über meine Behinderung erfahren“, sagt Fern. Sie hatte auch Angst davor, auf ihre Sehbehinderung reduziert zu werden: „Sie sollten mich als Person treffen.“

Doch die Dates waren anstrengend: Fern spielte die Rolle einer Sehenden. Damals war ihre Sehkraft nicht so schlecht wie heute. Einen Führhund brauchte sie noch nicht. „Für mein Gegenüber gab es damals nicht so viele Anzeichen für meine Sehbehinderung“, sagt Fern. In der Regel traf sie ihre Dates im Café. Einmal kam sie dort gleichzeitig mit ihrer Verabredung an. Der Mann sagte in der Tür zu ihr: „Bitte, nach dir.“ Fern bekam Panik: „Eine Sache, die du nicht kannst, wenn du blind bist, ist einen Tisch zu finden, der frei ist.“ Fern hatte Angst, sich an einen Platz zu setzen, an dem schon jemand saß. „Dann hätte ich mich blamiert“, sagt sie. Trotzdem wollte sie nicht um Hilfe bitten und zugeben, was los war. „Ich habe nur gedacht: Da musst du jetzt durch und das Beste hoffen“, erzählt sie. Sie fand einen freien Tisch. Ihr Begleiter merkte nichts.

Ich war permanent in Sorge, einen Fehler zu machen und aufzufliegen.

Fern Lulham

Doch der Druck stieg von Date zu Date. „Ich konnte die Treffen nicht genießen.“ Statt mit Flirten und einem lockeren Kennenlernen war sie damit beschäftigt, die Fassade der Sehenden aufrecht zu erhalten. „Ich war permanent in Sorge, einen Fehler zu machen und aufzufliegen.“ Zwar war die Behinderung nicht Gesprächsthema, doch stand sie permanent unausgesprochen im Raum. Sie beschloss, ihre Behinderung bei Dates nicht länger geheim zu halten – und sie künftig vor dem ersten Date anzusprechen.

„Es hat die Sache sehr viel angenehmer gemacht – für beide Seiten“, sagt Fern. Sie selbst hatte nicht mehr das Gefühl, etwas verstecken zu müssen. Ihr Gegenüber nicht mehr das Gefühl, etwas, das es vielleicht spürte und vermutete, nicht ansprechen zu können. Auch für Christian steht fest: Er datet nur Leute, die bereits von seiner Behinderung wissen. „Ich habe nichts von Dates, bei denen mein Gegenüber völlig überfordert ist mit der Situation. Und die andere Person auch nicht“, findet er.

Christian erwähnt seine Behinderung im Profil, Fern erst im Chat

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Christian Kiermeier. Foto: © Manuel Nieberle für ze.tt

Christian erwähnt seine Behinderung bereits im Profil: „Da steht jetzt nicht eine detaillierte Diagnose. Aber dass die Behinderung und der Rollstuhl vorhanden sind, erwähne ich dort bereits. Wenn meine Behinderung ein Ausschlusskriterium für jemanden ist, mit mir Kontakt zu haben, ist es mir lieber, diese Person schreibt mir erst gar nicht.“

Fern erwähnt ihre Behinderung erst im schriftlichen oder telefonischen Kontakt. Die Vorurteile seien zu groß, um die Sehbehinderung direkt im Profil zu erwähnen, glaubt sie: „Es gibt jede Menge Fehlvorstellungen rund um das Thema Sehbehinderung und darüber, was es bedeutet, blind zu sein.“

Eine Einschätzung, die der Psychologe Guido Gebauer von der Partner*innenvermittlung Gleichklang bestätigt. Aus einer Umfrage unter den nicht-behinderten Mitgliedern der Plattform darüber, was diese mit einer Partner*innenschaft mit einem behinderten Menschen assoziierten, weiß Gebauer: „Ganz viele denken vor allen Dingen an Schwierigkeit. An Schwierigkeit und Einschränkung.“ Befürchtungen, die oft nicht der Realität entsprächen und doch wie automatisch bei vielen Menschen hängen blieben.

Ich sage meinem Chatpartner immer: Du darfst mich alles fragen.

Fern Lulham

Fern befürchtet, dass potenzielle Datingpartner direkt an diese stereotypen Vorurteile denken könnten, würde sie ihre Sehbehinderung bereits im Profil erwähnen. Sie glaubt, viele Männer würden dann einfach weiterswipen, weil sie die Information zu sehr abschrecken könnte. Würde sie sich erst im persönlichen Kontakt mit jemandem outen, habe sie die Möglichkeit, den anderen über ihre Behinderung aufzuklären.

„Ich bin übrigens sehbehindert“

Fern versucht, das Outing im Chat oder am Telefon möglichst locker zu gestalten. „Es soll nicht so rüberkommen wie: Da ist noch diese große Sache, die ich dir zu sagen habe“, erzählt sie. Meist erwähnt sie ihre Sehbehinderung erst kurz vor dem ersten Treffen und erzählt ihrem Chatpartner, was ihre Sehbehinderung ganz konkret bedeutet. „In der Regel sage ich: Ich bin übrigens sehbehindert. Das bedeutet, du musst mich finden und du wirst mir die Speisekarte vorlesen müssen“, erzählt Fern.

Meist sei das der Beginn eines offenen Gesprächs. Manche Männer würden sie bitten, von ihrem Leben mit der Sehbehinderung zu erzählen. Andere seien sehr neugierig, zu erfahren, wie viel genau sie noch sehen könne.

Lästig sind Fern diese Fragen nicht, im Gegenteil. Fern ermutigt die Männer, ihr Fragen zu stellen: „Ich sage meinem Chatpartner immer: Du darfst mich alles fragen. Ich versuche den Leuten das Gefühl zu nehmen, sie dürften keine Fragen stellen.“ Denn Fern findet, dass ein offenes Gespräch darüber, was ihre Behinderung ganz konkret bedeutet, Ängste abbauen kann.

Gerade am Telefon könne man vielleicht besser erklären, was eine bestimmte Behinderung mit sich bringe und ob und wie sie sich auf die Lebensführung auswirke, findet auch Markus Ernst von Parship: „Dann hat das Gegenüber die Möglichkeit, zu reagieren und nachzufragen.“

Ghosting

„Ich bin positiv überrascht von der Anzahl der Leute, die offen genug sind, darüber zu reden und mich zu treffen“, sagt Fern. Unter diesen seien möglicherweise Menschen, die sie weggewischt hätten, wenn sie ihre Sehbehinderung bereits in ihrem Profil erwähnt hätte. Nach einem Gespräch seien sie aber durchaus offen für eine potenzielle Beziehung zu einer blinden Person.

Aber es gibt auch immer wieder Menschen, die nach dem Outing einfach nicht mehr reagieren. Als Christian mit dem Onlinedating anfing, erwähnte er seine Behinderung auch erst im Chat: „Aber das endete ziemlich oft damit, dass der Kontakt einfach nach zwei Minuten verschwand.“ Auch Fern kennt das: „Ghosting ist natürlich sehr schmerzhaft“, sagt sie. „Jemandem etwas zu erzählen und keine Antwort mehr zu erhalten, ist überhaupt kein gutes Gefühl. Es ist schrecklich.“

Die Frage nach dem geeigneten Zeitpunkt für ein Outing ist nur ganz individuell zu beantworten, findet Psychologe Markus Ernst. „Es gibt hier kein Richtig und Falsch“, sagt er. „Man muss sich überlegen: Wie gut ist mein Selbstbewusstsein? Wie gut kann ich mit einer möglichen Zurückweisung umgehen?“ Doch er rät, nicht zu lange mit der Wahrheit zu warten: „Sonst fühlt sich das Gegenüber möglicherweise getäuscht.“ Die Behinderung gar nicht zu erwähnen, könne als mangelnde Offenheit interpretiert werden. „Dann ist natürlich schon einmal ein Bruch in dem Kontakt“, sagt er.

Behinderte Menschen werden gefühlt schon fast moralisch dafür verurteilt, nicht über ihre Behinderung zu sprechen.

Fern Lulham

Auch Guido Gebauer von Gleichklang rät zur Offenheit und berichtet von einem Mitglied der Plattform, das sich mit einer Beschwerde an ihn und sein Team wandte: Nach dem ersten Treffen mit einem Menschen mit Behinderung fühlte es sich „hinters Licht geführt“. Die behinderte Person habe ihre Behinderung zwar angegeben, aber nach Empfinden des anderen Mitglieds nicht wahrheitsgemäß beschrieben.

Gefühle, die Fern nicht wirklich nachvollziehen kann. Sie findet, dass alle Menschen bestimmte Dinge hätten, die sie nicht unbedingt vor einem ersten Treffen teilen wollten. „Aber behinderte Menschen werden schon fast moralisch dafür verurteilt, nicht über ihre Behinderung zu sprechen.“ Das stört sie. Schließlich gebe es viel gravierendere Eigenschaften eines Menschen, von denen man nicht bereits vor dem ersten Treffen erführe. Warum sollte das bei einer Behinderung anders sein?

Mangelnde Barrierefreiheit für sehbehinderte und blinde Menschen

Für viele ist es keine Selbstverständlichkeit, auf Datingseiten Menschen mit Behinderung zu begegnen. Dabei könnten gerade Datingportale einen großen Beitrag dazu leisten, dass behinderte Menschen dort künftig selbstverständlicher vorkämen, findet Fern: Indem sie ihre Zugänglichkeit verbessern würden, zum Beispiel für User*innen mit einer Sehbehinderung. Viele der Seiten sind nicht kompatibel mit Apps zur Sprachausgabe, die den Seiteninhalt vorlesen können. Je geringer die Barrierefreiheit der Seiten sei, desto weniger User*innen mit einer Behinderung würden sich dort anmelden. „Wenn der Zugang so schlecht ist, fühlt es sich an, als ob du als blinder Mensch auf den Datingseiten nicht willkommen wärst“, findet Fern.

„Je sichtbarer behinderte Menschen sind, desto normaler wird es. Das betrifft unseren Alltag genauso wie das Leben im Netz“, ergänzt Christian. Und je normaler behinderte Menschen auf Datingseiten vorkommen, desto weniger stellt sich vielleicht eines Tages die Frage nach dem passenden Zeitpunkt für ein Outing.