„Orgasm Gap“: Kommen Frauen wirklich seltener als Männer?

Viele Frauen haben verinnerlicht, ihre Bedürfnisse beim Sex hinten anzustellen. Dabei dürfte es einen Orgasm Gap zwischen Männern und Frauen eigentlich gar nicht geben.

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Gleichberechtigung fängt im Bett an. Foto: Jan Zhukov / Unsplash | CC0

Würde man heterosexuelle Cis-Gender fragen, welches Bild ihnen durch den Kopf schießt, wenn sie an Sex denken, würde wohl eine Vielzahl der Befragten an den typischen Penis-in-Vagina-Sex denken. Bereits in dieser Assoziation liegt ein grundlegendes Problem. Grace Wetzel, Studentin der Psychologie, Biologie und Gender Studies an der St. Lawrence University in den USA, spricht in einem TED-Talk über den sogenannten Orgasm Gap – ein Begriff, der beschreiben soll, dass Frauen beim Geschlechtsverkehr wesentlich seltener einen Orgasmus erleben als Männer. Wetzel erklärt in ihrem Vortrag, dass bei der Vorstellung von Penis-in-Vagina-Sex die Bedürfnisse von drei Vierteln der Frauen ignoriert werden, da nur rund ein Viertel der Frauen durch vaginale Penetration zum Höhepunkt kommen könne, bei dem die Klitoris vernachlässigt wird. Wollen wir also den Orgasm Gap schließen, sollten wir uns zunächst von unserer veralteten Vorstellung von Sex lösen.

Mastubiert die Frau, kommt sie so schnell wie der Mann

Betrachten wir hierfür zunächst das gesellschaftlich verbreitete Bild von Penetrationssex. Das Argument, Sex diente ursprünglich zur Reproduktion durch den männlichen Orgasmus, widerlegt Wetzel mit der Argumentation, dass Menschen heutzutage in erster Linie miteinander schliefen, weil sie Lust darauf hätten. Das lasse sich durch den steigenden Gebrauch von Verhütungsmitteln belegen. Auch das Argument, für Frauen sei es schlicht und einfach schwieriger, zu einem Orgasmus zu kommen, entkräftet sie durch eine Studie, die belegt, dass Frauen und Männer durch Masturbation gleich schnell zum Höhepunkt kommen können (im Schnitt nach vier Minuten). So ein Mysterium kann die Klitoris also gar nicht sein. Aus biologischer Sicht kann der Orgasm Gap also nicht erklärt werden.

Gleichberechtigung fängt im Bett an

Wir sollten also unser Verständnis von Sex hinterfragen, schlägt Wetzel vor. Daneben, dass Männer beginnen sollten, Sex nicht nur als primär penetrativ zu verstehen, sollten Frauen zudem versuchen, ihre Bedürfnisse zu kommunizieren. Vielen falle das jedoch schwer, auch weil das Einfordern von Befriedigung bedeute, dass man diese auch verdiene, so Wetzel. Viele Frauen haben jedoch verinnerlicht, dass ihre Bedürfnisse an zweiter Stelle stehen. In einer Studie von Jessica A. Jordan aus dem Jahr 2019 heißt es, dass Frauen ihre sexuellen Bedürfnisse nicht äußern, um den Partner in seiner Männlichkeit nicht zu verletzen. Über 50 Prozent der Frauen haben in ihrem Leben einen Orgasmus vorgetäuscht, sagt Wetzel. Lasst euch das noch einmal durch den Kopf gehen – mehr als die Hälfte aller Frauen!

Jede Frau verdient einen Orgasmus, der ihr so richtig die Hirnwindungen durchpustet.

Frauen können auf ihr Recht auf einen Orgasmus bestehen, weil Gleichberechtigung bereits auf zwischenmenschlicher, sexueller Ebene beginnt. Begegnen wir unserem*unserer Sexualpartner*in auf Augenhöhe, hat dies auch auf anderen zwischenmenschlichen Ebenen eine Wirkung. Denn: Verdammt noch mal, jede Frau verdient einen Orgasmus, der ihr so richtig die Hirnwindungen durchpustet.

Hier könnt ihr den TED-Talk von Grace Wetzel in voller Länge sehen:


Von Mandoline Rutkowski auf EDITION F.

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