Ossis in Farbe – private Einblicke in ostdeutsche Leben

Die Fotografin Jessica Barthel zeigt ostdeutsche Porträts auf Instagram. Aus ihrem Projekt ist jetzt ein Buch geworden, das deutlich macht: Ostdeutsche Geschichten müssen anders erzählt werden.

Starker Regen platzt gegen die Autoscheiben, als Jessica Barthel zu ihrer ostdeutschen Identität zurückfindet. Im Spätsommer 2019 sitzt die heute 36-jährige Leipzigerin mit ihrer kleinen Tochter auf einer sächsischen Landstraße in einem heftigen Schauer fest. Während die Zweijährige einschläft, lauscht Jessica einem Radiogespräch über 30 Jahre Mauerfall: „Das, was da bei diesem – im Übrigen sehr renommierten – Radiosender besprochen wurde, war nicht das ‚ostdeutsch‘, was ich kannte. Es wurden in der Sendung wieder nur alle Stereotype ausgepackt, die man eh schon kennt und etwa ernsthaft die Frage besprochen, ob man denn nun den Keilriemen des Trabants mit einer Feinstrumpfhose reparieren konnte. Ich dachte nur: Es kann doch einfach nicht wahr sein.“

Als sie abends zu Hause ankommt, lässt sie die Wut über die stereotype Darstellung von Ostdeutschen in den Medien nicht los und sie googelt die ganze Nacht: „Mein Anspruch war es, etwas Zeitgemäßeres zur DDR-Aufarbeitung zu lesen oder anzuschauen, als immer nur Good Bye, Lenin! oder Das Leben der Anderen.“ Sie fand nichts, was ihr zusagte und entschied sich deshalb, ihr eigenes Projekt Schwalbenjahre zu starten. Schwalbenjahre zum einen wegen der Simson Schwalbe, ein in der DDR sehr beliebter und millionenfach verbreiteter Kleinroller, zum anderen als Symbol für Freiheit.

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„Die Leute standen nicht nur an der Ecke und haben sich gegenseitig bespitzelt“

Seit über einem Jahr posten auf dem Instagram-Account abwechselnd verschiedenste Ostdeutsche private Fotos: Bilder vom Toben auf dem Spielplatz, Grillen beim Gartenfest oder dem Sommerurlaub an der Ostsee. In Instagram-Takeovern erzählen jede Woche andere Menschen, wie sie ihre Kindheit oder Jugend in der DDR erlebten. Oder, wenn sie jünger sind, was ihnen bis heute aus dieser Zeit geblieben ist.

„Ich wollte zeigen, dass es eben nicht nur so war, wie es immer dargestellt wird: Wie alle anderen Menschen hatten auch Ostdeutsche ihren ersten Kuss oder überlegten sich: Was zieh ich morgen zur Disco an? Die Leute standen nicht nur an der Ecke und haben sich gegenseitig bespitzelt.“

Wie alle anderen Menschen hatten auch Ostdeutsche ihren ersten Kuss oder überlegten sich: Was zieh ich morgen zur Disco an? Die Leute standen nicht nur an der Ecke und haben sich gegenseitig bespitzelt.

Jessica Barthel, Fotografin

Aus den geposteten Bildern entwickeln sich im Feed selbst – aber auch außerhalb der Plattform – Gespräche mit Follower*innen oder den eigenen Eltern, erzählt Jessica. „Es gibt viele Ostdeutsche, die freuen sich dann, weil sie bei Schwalbenjahre eine Tischdecke wiedersehen, die sie auch hatten und sich dadurch mit anderen verbunden fühlen und darüber sprechen wollen.“

Es gebe aber auch allerhand Nicht-Ostdeutsche, die einfach noch nie mit dem Alltagsleben in der DDR in Berührung gekommen seien und sich nun ein anderes Bild verschafften.Was heißt das denn, „Ostdeutsche“ „und Nicht-Ostdeutsche“? „Alle, die ostdeutsche Eltern haben, sind für mich ostdeutsch“, antwortet Jessica prompt.

Alle, die ostdeutsche Eltern haben, sind für mich ostdeutsch.

Jessica Barthel, Fotografin

Von den vielen Nutzer*innen, die bereits auf Schwalbenjahre über ihre DDR-Zeit erzählten, erinnert sie sich besonders gerne an Familie Le. Bình Nguyên kam 1982 im Alter von 22 Jahren als Dolmetscherin für vietnamesische Gastarbeiter*innen in die DDR, ihr Mann Noi Le sechs Jahre später als Gastarbeiter in eine Hermsdorfer Porzellanfabrik. Der Arbeiter verliebte sich in seine Dolmetscherin und die beiden heirateten und bekamen Kinder. Sie erzählen, wie nach dem Mauerfall einfach vergessen wurde, die vietnamesischen Gastarbeiter*innen über Betriebsschließungen zu informieren, wie sie im Februar 1990 nach Bayern flohen und heute überlegen, in den Osten zurückzukehren.

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Jessica Barthel, geboren in Leipzig und aufgewachsen im Süden Deutschlands, studierte in New York Fotografie und assistierte nach einem Designstudium in Berlin für die New York Times. Als freischaffende Fotografin arbeitet sie u. a. für Vogue, New York Times, Financial Times, ZEIT und das ZEITmagazin. Sie lebt heute zwischen Berlin und Leipzig. Foto: © Daniel Boeck

Erniedrigungen im Alltag – Bananen als Trinkgeld

Auch Jessicas Familie floh in den Westen. Wenige Tage vor dem Mauerfall am 9. November 1989 fuhr die damals Fünfjährige mit ihrer Mutter und ihrem Vater von Leipzig über Tschechien nach Ungarn und von dort über Österreich nach Süddeutschland. Die Ereignisse der Flucht sind ihre einzigen Erinnerungen an die DDR – diese schildert sie dafür umso eindrücklicher: „Ich kann mich daran erinnern, wie an der Grenze zu Tschechien in meine Puppe geschaut wurde, ob Geld in ihr versteckt sei und wir mussten uns ausziehen, damit sie uns bis auf die Unterwäsche überprüfen konnten.“

Sie flohen einen Tag nach der Hochzeit ihrer Eltern mit einem Trabant, in den sie nur das Nötigste gepackt hatten. Auf der Flucht selbst ahnt Jessica nicht, dass sie erstmal nicht nach Leipzig zurückfahren werden und denkt, ihre Familie verreist und käme bald wieder nach Hause, nach Sachsen. Umso verwunderter ist sie damals über ihre traurige Großmutter, die in Leipzig blieb: „Am Tag vor der Abreise ging ich mit meiner Oma in unsere damalige Wohnung und sie weinte die ganze Zeit. Ich sagte ihr: ‚Man, Oma ist doch jetzt nicht so schlimm, wir fahren doch nur eine Woche in den Urlaub‘ – sie wusste es besser und ich war noch ein Kind.“

Heute, sagt sie, ärgere sie auch, wie wenig über Fluchtgeschichten gesprochen würde. „Der Trabant konnte nicht mit dem Benzin fahren, das es im Westen gab; meine Eltern mussten also ganz genau kalkulieren, wie wir überhaupt bis dahin kommen würden“, sagt sie. „Es gab auch keine Landkarten von Europa, die wir zur Orientierung mitnehmen konnten. Das Einzige, was mein Vater hatte, war die Telefonnummer eines Kontakts im Westen. Wenn du aber noch nie außerhalb deines eigenen Landes in einem anderen angerufen hast, weißt du auch nicht, dass du noch eine Landesvorwahl wählen musst.“ Das seien Kleinigkeiten, aber eben für viele entscheidende Dinge gewesen.

Sie selbst wächst im Berchtesgadener Land auf und merkt nur ab und zu, dass sie ein bisschen anders wahrgenommen wird. Etwa dann, wenn sie die Einzige ist, die das Vaterunser in der Grundschule nicht beherrscht. Ihre Familie hingegen wird öfter diskriminiert, zum Beispiel in den Jahren, in denen der Vater als Installateur arbeitet und statt Bargeld Bananen als Trinkgeld bekommt – „das war so erniedrigend!“, sagt Jessica.

Andere Ostdeutschlandgeschichten erzählen

Kurz nach dem Abi zog Jessica nach New York, wurde da Fotografin und wohnt jetzt wieder in Leipzig. Ostdeutsch bedeutet für sie heute: flexibel, hilfsbereit, genügsam und pragmatisch zu sein. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung hält sie Deutschland für noch nicht wirklich vereint: „So lange, bis die Renten und Löhne nicht gleich, ‚ostdeutsch‘ und ‚westdeutsch‘ nach wie vor Schimpfwörter sind und es Menschen gibt, die sich benachteiligt fühlen, weil sie ‚aus dem Osten‘ kommen, solange wird es noch dauern.“

Es gibt so viele tolle Geschichten, die noch erzählt werden müssen – auch, damit Ostdeutsche sich selbst besser verstehen.

Jessica Barthel, Fotografin
Auch Medien nimmt sie beim Aufbrechen gegenseitiger Vorurteile in die Pflicht: „Oft werden Ostdeutsche negativ dargestellt oder ins Lächerliche gezogen. Man wird nicht ernst genommen. Oder es geht um Stasi oder Nazis.“ Ihr Projekt will hier Gegenentwurf sein. Deshalb hat sie daraus jetzt ein Buch gemacht, das ab 3. Oktober im Eigenverlag erscheint. „Denn“, sagt sie „es gibt so viele tolle Geschichten, die noch erzählt werden müssen – auch, damit Ostdeutsche sich selbst besser verstehen.“

SCHWALBENJAHRE. Ein Erinnerungsportrait der DDR erscheint am 3. Oktober 2020 in Eigenpublikation.