Ostukraine: Diese Fotos zeigen, wie Menschen an der Kriegsfront überleben

Seit fünf Jahren herrscht Krieg im ostukrainischen Donbass. Der Bildband Grauzone dokumentiert das Leben zwischen Artilleriebeschuss und Hip-Hop-Konzerten, Warteschlangen vor Checkpoints und junger Liebe.

„Es gab eine Zeit, da saßen unsere Kinder nur teilnahmslos und apathisch da. Wenn ein Kind schreit und hüpft, dann ist das schon positiv“, sagt Galina Wasilewa. „Unsere Kinder können heute wieder lachen. Sie haben sich an die Situation gewöhnt.“ Galina Wasilewa ist Schulleiterin. Ihre Schule befindet sich in Trjochisbenka, einem Dorf im Osten der Ukraine. Dort herrscht seit inzwischen fünf Jahren Krieg. Und Trjochisbenka liegt direkt an der Front, an der ukrainische Regierungstruppen gegen pro-russische Separatist*innen kämpfen.

Im Militärjargon wird das Gebiet zwischen zwei feindlichen Stellungen Graue Zone genannt. Ungewisses Niemandsland. Grauzone heißt auch der Bildband, den die Journalistin Jutta Sommerbauer und der Fotograf Florian Rainer veröffentlicht haben. Gemeinsam besuchten sie Dörfer und Kleinstädte, die sich in unmittelbarer Nähe zur Front befinden oder gar von dieser gespalten werden, und sprachen dort mit Bewohner*innen und Kämpfenden. Für die beiden Österreicher*innen leben die Menschen in dem Konfliktgebiet wie in einer Grauzone, „ohne zu wissen, was der nächste Tag bringt, in welche Richtung sich ihr Leben weiterentwickelt.“

Sommerbauer und Rainer nennen die Front zwischen den Gebieten eine Trennlinie: „Sie trennt Nachbarn und Familien, keine feindlich gesinnten Gruppen. Wer sich auf welcher Seite befindet, spiegelt nicht unbedingt die politische Verortung wider, auch nicht die Zugehörigkeit zu einer gewissen Sprach- oder gar Volksgruppe.“ Im Laufe ihrer Recherchen fanden die beiden heraus, dass die Wirklichkeit vielschichtiger ist.

Wie entstand der Konflikt in der Ostukraine?

Die Wurzeln des Krieges reichen bis ins Jahr 2013 hinein. Am 21. November 2013 erklärt der ukrainische Ministerpräsident Viktor Janukowytsch, das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen zu wollen. Beobachter*innen vermuten, dass Druck von Russland hierfür verantwortlich ist. In der ukrainischen Hauptstadt Kiew kommt es daraufhin zu ersten Protesten. Die Demonstrationen werden von Woche zu Woche größer, bis sie im Februar 2014 eskalieren. 80 Menschen sterben bei Straßenschlachten.

Im März 2014 besetzen russische Truppen die Krim, nach einem Referendum wenige Wochen später annektiert Russland die Halbinsel. Ebenfalls im März stürmen Bewaffnete das Regionalparlament im ostukrainischen Donezk und rufen eine sogenannte unabhängige Volksrepublik aus. Wenig später beginnt die ukrainische Armee eine Offensive gegen die Separatist*innen. Es ist der Beginn des Krieges in der Ostukraine.

2014 toben die schlimmsten Kämpfe. 2015 wird das Minsker Abkommen unterzeichnet. Doch das Waffenstillstandsabkommen hat die Gegend bis heute nicht befriedet – laut der OSZE wird immer noch gekämpft, meist geht es nur um wenige Meter Landgewinn. Der Krieg hat inzwischen weit mehr als 10.000 Menschenleben gefordert.

„Solange man den Krieg aus der Ferne beobachtet, ist die Lage eindeutig. Die Ukraine verteidigt im Donbass Europas Freiheit und schützt sich selbst vor dem Zugriff des russischen Staates und seiner prorussischen Helfer“, schreibt Sommerbauer. „Die Separatisten behaupten, gegen eine angebliche faschistische Bedrohung durch die Regierung in Kiew zu kämpfen.“

Inzwischen trennt eine etwa 450 Kilometer lange Linie die Gebiete unter ukrainischer Regierungskontrolle von den Separatist*innengebieten. Letztere haben inzwischen die sogenannten unabhängigen Donezker und Luhansker Volksrepubliken ausgerufen. Geschätzt leben dort dreieinhalb Millionen Menschen. Beide selbsterklärten Volksrepubliken werden nicht von der internationalen Gemeinschaft anerkannt.

Herr, verschone den Stall, wenn die Kugeln auf Kominternowe fallen.

Alla Pikuz

Sommerbauer und Rainer haben 2017 Orte auf beiden Seiten der Front besucht und sie und ihre Bewohner*innen auf Bildern und in Geschichten festgehalten. Sie haben Alla Pikuz getroffen, die in dem Dorf Kominternowe wohnt. Dort haben die Separatist*innen Stellung bezogen, das Dorf wird von den Ukrainer*innen auf der anderen Frontseite regelmäßig ins Visier genommen. Alla Pikuz geht trotzdem nicht weg – wegen der Kühe und wegen Wasja, ihrem Ehemann, der „sein Sammelsurium im Hof wie die Luft zum Atmen“ braucht.

Sie haben den 22-jährigen Barkeeper Maxim getroffen. Abends bräuchten die Leute Ablenkung und Entspannung. Drinnen werde dann die Musik laut gedreht – „damit sie die Musik von draußen vergessen“, sagt Maxim, „das Artilleriekonzert.“

Sie haben am Checkpoint Majorsk die Grenze zwischen den Einflussgebieten überquert: „Es ist 14 Uhr, 15 Uhr nach Donezker Zeit, und du hast vier Stunden für eine Strecke von fünf Kilometern gebraucht. Du weißt von Leuten, die hier 12 Stunden oder 38 Stunden gestanden haben. Tebe poweslo, du hast Schwein gehabt.“

Ein leiser Bildband, der die Stärke der Menschen feiert

Ob sich die Protagonist*innen auf der ukrainischen oder der Seite der Separatist*innen befinden, steht bei den Texten nicht im Vordergrund. Dies ist die große Stärke des Bildbands: Er wertet nicht, lässt die Protagonist*innen auf beiden Seiten der Grenze erzählen. Obwohl das Leben von Menschen, die in einem Kriegsgebiet leben, ständig existenziell bedroht ist, dramatisieren die Texte und Bilder nicht.

So trifft man als Leser*in auf Menschen, die von ihren Problemen und Sorgen berichten. Aus den Geschichten tönt leise die Erschöpfung, manchmal ein Hauch melancholischer Humor, aber alle berichten vom Weitermachen – auch wenn die Umstände noch so schlimm sind, weil Dörfer geteilt sind, ab 23 Uhr Ausgangssperre herrscht, es keine Arbeit gibt oder man mehrere Stunden braucht, um seine Mutter zu besuchen, obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt wohnt.

Die Texte und Bilder geben Lesenden, die nur das Leben zu Friedenszeiten kennen, das Gefühl, in eine fremde Welt einzutauchen. Eine Welt voller verminter Felder, Stacheldrähte, Checkpoints, Tarnfleck-Kleidung, kaputter Strom- und Wasserleitungen. Doch inmitten dieses Kriegschaos entdeckt man Alltag: Jugendliche bei einem Hip-Hop-Konzert, ein verliebtes Pärchen am Straßenrand, eine Mutter, die ihrer Tochter eine Brotzeitbox vorbereitet. Der Bildband ist eine Liebeserklärung an die Menschen, die in dieser schwierigen Situation (über-)leben. Sie haben das Pech, dass sich der Stellungskrieg ausgerechnet in ihrer Heimat eingenistet hat. Als Leser*in drückt man alle Daumen, dass er dort bald wieder auszieht.

Diese Grafik zeigt den Grenzverlauf 2017. Quelle: ZomBear/Wikipedia

Der Bildband Grauzone – Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass ist 2018 bei Bahoe Books erschienen. Die Recherchen wurden von der Robert Bosch Stiftung und dem Bundeskanzleramt Österreich unterstützt.