„Out and Proud“: Das Drag Race in Berlin ist mehr als nur ein Wettrennen auf hohen Schuhen

Jedes Jahr gegen Ende der Berlin Pride Week laufen die Dragqueens der Hauptstadt um die Wette. Bei dem Event geht es nicht nur um die Kunst des Laufens in High Heels – sondern um Sichtbarkeit.

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Das Drag Race fand dieses Jahr auf dem Tempelhofer Feld statt. Foto: © ze.tt / Elif Küçük

Am Dienstagabend fand in Berlin das alljährliche Drag Race statt. Gegen 19 Uhr versammelten sich etwa 15 Dragqueens auf einer der Rollbahnen am Tempelhofer Feld. Die farbenfrohen Outfits wurden zurechtgerückt und die High Heels ein letztes Mal poliert. Vereinzelte Dragqueens posieren bereits für begeisterte Zuschauer*innen.

Seit mindestens vier Jahren treffen sich gegen Ende der Berlin Pride Week die Dragqueens der Hauptstadt zu einem Wettrennen. Die Aufgabe lautet: 200 Meter möglichst schnell zurückzulegen. Wer meint, dies sei eine leichte Aufgabe, hat das Schuhwerk der Teilnehmer*innen nicht gesehen.

Das Tragen von High Heels oder Plateaustiefeln gehört zu den Teilnahmebedingungen – genauso wie das Tragen einer Perücke, eines Hutes oder einer anderen Kopfbedeckung sowie zumindest etwas Make-up im Gesicht. Die schnellste Dragqueen Berlins gewinnt einen Geldpreis, der sich jedes Jahr aus den gesammelten Spenden des Abends zusammensetzt.

Der Sinn hinter dem Rennen ist, dass queere Menschen Raum einnehmen, dass sie sichtbar sein können.

Pansy

Normalerweise findet das Drag Race auf der Warschauer Brücke statt, doch aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Rennen dieses Jahr aufs Tempelhofer Feld verlegt. Hier ist mehr Platz, um den vorgeschriebenen Mindestabstand einhalten zu können.

„Letztes Jahr haben wir auf der Warschauer Brücke den Verkehr lahmgelegt“, sagt die Organisatorin und Berliner Drag-Ikone Pansy im Gespräch mit ze.tt. Sie ist die Mutter des House of Presents und organisiert in Nicht-Corona-Zeiten jeden Dienstag eine Dragshow in der Kultkaraokebar Monster Ronson’s in Friedrichshain. Wegen der Corona-Pandemie musste diese die letzten Monate virtuell stattfinden. „Das war die ersten Monate in Ordnung, aber die Leute wollen jetzt endlich wieder raus“, sagt Pansy.

Vom Tempelhofer Feld in die Hasenheide

Und deshalb ist die Drag-Community am Dienstagabend zahlreich erschienen. Etwa 200 Menschen scharen sich um die Protagonist*innen in Drag. „Der Sinn hinter dem Rennen ist, dass queere Menschen Raum einnehmen, dass sie sichtbar sein können“, erklärt Pansy dem gebannten Publikum.

Bevor es aber so richtig losgehen kann, wird gezwungenermaßen doch noch einmal umorganisiert. Kurz vor Anpfiff nähern sich drei Parkwächter den Musik-Boxen und erklären, die Veranstaltung müsse abgebrochen werden. Die Musik sei zu laut und es seien zu viele Menschen an einem Ort versammelt. Wegen der Corona-Pandemie müssten sie strenger sein als sonst. Schließlich könnten sich Nachbar*innen beschweren.

Queerness bedeutet, deine Seele jedem Lebewesen in einem Raum, in einem Park zu öffnen, ohne Vorurteile gegenüber der Lebensgeschichte und den Erlebnissen deines Gegenübers.

Phoenix Chase Meares

Die anfängliche Enttäuschung über den Platzverweis hält aber nicht lange an. Pansy hat direkt einen Ausweichplan zur Hand. Sie verkündet, dass das Geschehen in die Hasenheide verlegt werde, nur wenige Gehminuten vom Tempelhofer Feld entfernt. Gemeinsam mit den Dragqueens pilgern die Zuschauer*innen zur neuen Location.

Dort angekommen kann es dann endlich losgehen. Sieben Dragqueens begeben sich an die Startlinie, an beiden Seiten flankiert vom Publikum, das sie lautstark anfeuert. Beim Startschuss rennen sie alle los. Ganz vorne dabei: Phoenix Chase Meares. Auf schwarzen Plateaustiefeln rennt Phoenix allen davon und schnurstracks durch die Zielgerade, wo die goldene Sieger*innenkrone wartet.

 

Phoenix Chase Meares macht seit sechs Jahren Drag und erklärt nach der Sieger*innenehrung, dass sie heute hier sei, um ihre queere Familie in Berlin zu unterstützen. „Die Leute, die diese Events veranstalten und versuchen, die Community allen zugänglich zu machen, zeigen, dass es beim Queersein nicht um Sexualität, Geschlecht oder Race geht. Queerness bedeutet, deine Seele jedem Lebewesen in einem Raum, in einem Park zu öffnen, ohne Vorurteile gegenüber der Lebensgeschichte und den Erlebnissen deines Gegenübers“, sagt Phoenix.

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Phoenix Chase Meares, Foto: © ze.tt / Elif Küçük

Die Polizei mischt sich ein

Im Anschluss an das Rennen findet eine Dragshow direkt vor Ort statt. Dafür bilden die Zuschauer*innen einen Kreis, in dem die Performer*innen zu Eye of the Tiger und Wuthering Heights eine fulminante Show abliefern. Zwischendurch ergreift Pansy, die durch den Abend moderiert, wieder das Wort und erklärt die wichtigsten Regeln bei einer Dragshow:

„Wenn du in diesem Raum kommst, ist es egal, wo du herkommst, wie du aussiehst, wie dein Körper aussieht, wie viel Geld du hast, was du trägst, was du nicht trägst, was du sein möchtest, was du nicht sein möchtest, was deine Sexualität ist, was deine Geschlechtsidentität ist, was deine Geschlechtsidentität gestern war oder was sie morgen sein wird. Wenn du diesen Raum betrittst, dann bist du ein Mensch. Wenn du diesen Raum betrittst, bist du nicht besser als die Person, die neben dir sitzt. Wenn wir diesen Raum betreten, sind wir Freund*innen. Wir sind eine Familie. Wir behandeln uns mit Liebe, Freundlichkeit und Respekt.“

Für ihre Worte bekommt sie tosenden Beifall von der Menge. Nach drei Performer*innen ist aber leider auch schon wieder Schluss mit der Show. Die Polizei rückt an und löst die Menschenmenge auf. Pansy ist trotzdem zufrieden mit dem Abend. Wie sie vorher schon erklärte: „Es tut so fucking gut, wieder mit meiner Familie vereint zu sein.“

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