Out Now! #4 – „Für mein Coming-out hätte ich in Berlin noch ins Gefängnis kommen können“

Bernd Gaiser, 73,  ist heute das Gesicht des CSD in Berlin. In Folge vier von Out Now! erzählt er über sein Coming-out in einer Zeit, in der Homosexualität noch verboten war.

Schwulsein ist krank und kriminell. In einer Welt mit dieser Auffassung wuchs Bernd Gaiser auf. „Schade, dass ihr als Schwule nicht alle vergast worden seid“, brüllte ihm einmal jemand Anfang der siebziger Jahre hinterher. Aber nicht nur aus der Bevölkerung erfuhr er diese teils extremen Anfeindungen. Auch aus gesetzlicher Hinsicht wurde ihm seine Homosexualität nicht erlaubt. Der Paragraph 175 des deutschen Strafgesetzbuches (StGb) stellte alle sexuellen Handlungen zwischen Männern unter Strafe – im schlimmsten Fall mit zehn Jahren Gefängnis. Seine Homosexualität lebte Bernd deshalb lange im Verborgenen. Auch seine Eltern akzeptierten sein Coming-out nicht, das Thema Homosexualität wurde schlicht und einfach totgeschwiegen.

Die Reformierung des Paragraphen 175 StGb im Jahr 1969 bedeutende eine lebensverändernde Erleichterung für Bernd und andere homosexuelle Menschen. Nun musste er keine Angst mehr haben, für seine Sexualität ins Gefängnis zu kommen. Zu Pfingsten 1973 organisierte er eine erste kleine Demo auf dem Berliner Ku’damm, bei der Schwule und Lesben öffentlich auf ihre Lebensweisen aufmerksam machten. Sechs Jahre später, 1979, initiierte er in Anlehnung an die Proteste von Homo- und Transsexuellen in der New Yorker Christopher Street den ersten CSD in Berlin, damals mit etwa 500 Menschen. 40 Jahre später besucht er den Berliner CSD immer noch, er ist nun einer von mehreren Hunderttausenden.

Bernd_Gaiser_CSD_1979_Anke_Rixa_hansen
Bernd Gaiser (rechts vorne) im Alter von 34 beim ersten CSD Berlin | © Anke Rixa Hansen / Archiv Schwules Museum Berlin

In der Videoserie Out Now! erzählen Mitglieder der queeren Community von ihrem Coming-out und wie es ihr Leben verändert hat. Anhand ihrer Geschichten wollen wir anderen Menschen zeigen, wie schön es ist, out and proud zu leben, und ihnen Mut, Hoffnung und Freude geben. Wenn du auch Lust hast, deine Coming-out-Erlebnisse mit anderen zu teilen, schreib uns gerne eine Mail.

Folge 1: Wie Tugay versuchte, seine Homosexualität wegzubeten

Folge 2: „Als Schwarze lesbische Frau ist es doppelt schwer“

Folge 3: „Einfach mal Titten auf’n Tisch und sagen, was Phase ist!“