Coming-out im Job: „Ein paar meiner Kolleg*innen haben schwul als Schimpfwort benutzt“

LGBTIQA-Menschen zögern, sich am Arbeitsplatz zu outen. Woran liegt das? Und wie ergeht es denen, die es doch tun? Sechs junge Menschen erzählen.

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Fast ein Drittel der Menschen aus dem LGBTIQA-Spektrum hat sich nicht oder nur teilweise am Arbeitsplatz geoutet. Stockfoto: fauxels / Pexels | CC0

Montag, 12 Uhr, Mittagspause. Kolleg*innen treffen sich in der Kantine und tauschen sich über das vergangene Wochenende aus. Einer berichtet von dem neuen Restaurant, das er mit seiner Freundin ausprobiert hat. Die andere hat sich mit alten Kindergartenfreund*innen getroffen und erzählt Geschichten von früher. Für viele sind das alltägliche Gespräche auf der Arbeit.

Die Kollegin, die mit ihrer Partnerin eine Woche zuvor im selben Restaurant war, oder der Kollege, der in der Kindheit einen anderen Namen hatte und erst seit einigen Jahren als Mann lebt, könnte bei solch alltäglichen Gesprächen ins Schwitzen kommen. Eine Studie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gemeinsam mit der Universität Bielefeld im September veröffentlichte, ergab: Fast ein Drittel der Menschen aus dem LGBTIQA-Spektrum hat sich nicht oder nur teilweise am Arbeitsplatz geoutet. 30 Prozent aller Befragten erzählen außerdem von Diskriminierungserfahrungen.

Was sind die Gründe dafür, sich im Job nicht zu outen? Und welche Erfahrungen machen junge Menschen, die es tun? ze.tt hat sechs Personen gefragt, die sich dem LGBTIQA-Spektrum zuordnen.

Sharon Aimer-Hölz, 28:

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Sharon Aimer-Hölz. Foto: privat

Ich habe mich immer direkt im Vorstellungsgespräch geoutet und gesagt, dass ich mit einer Frau verheiratet bin. Ich arbeite in der Luftfahrtbranche als Lieferantenentwicklerin, die meisten Recruiter sprechen die Beziehungsfrage irgendwann im Bewerbungsgespräch an. Vor allem bei Frauen in meinem Alter – ich denke, um die Frage nach Familienplanung abzuklopfen. Direkt zu fragen, ist zwar nicht erlaubt, aber wenn ich dann zum Beispiel erwähnt habe, dass ich gerne Motorrad fahre, kam die Nachfrage, ob mein Mann das denn in Ordnung fände. Darauf habe ich gesagt: „Nein, meine Frau hat damit kein Problem.“ Dass ich lesbisch und mit einer Frau verheiratet bin, hat mir gefühlt fast einen Vorteil verschafft. Weil die meisten den Gedanken im Kopf haben: Lesbische Frauen können und wollen gar keine Kinder haben und fallen damit beruflich nicht plötzlich aus.

Die Reaktionen auf meine Homosexualität waren im Bewerbungsgespräch meist ein nettes Lächeln und ein „ach ja, schön“. Ein bis zwei Sätze später – und oft noch mal am Ende des Gespräches – folgte dann der Hinweis, dass die Unternehmen ja sehr divers aufgestellt seien. Meist eher mit Blick auf einen hohen Frauenanteil, auch in Führungspositionen, und die Nationalitäten der Mitarbeiter*innen. Ich weiß nicht genau, was sie mir damit sagen wollten, aber das war mir auch egal. Das Gute daran, es direkt anzusprechen, ist: Wenn du in die zweite Runde des Bewerbungsprozesses kommst, weißt du, dass sie mit der Sexualität schon mal kein großes Problem zu haben scheinen. Bisher ist es noch nicht vorgekommen, dass jemand wirklich unpassend auf meine Sexualität reagiert hat.

Ich glaube, wir haben so viel Angst vor bestimmten Personen- und Berufsgruppen, dass wir uns manchmal zu viele Sorgen machen und uns selbst schon in eine Ecke drängen, bevor es andere tun.

Sharon Aimer-Hölz

Ich jage in meiner Freizeit gerne und habe in einer Jägerschaft mit 40 Revieren begonnen. Unter all diesen Revierleiter*innen waren drei Frauen, der Altersdurchschnitt lag vermutlich bei über 60. Also bayerische alte Männer in Jankern, die sich dienstags zum Stammtisch treffen. Anfang hat es sich komisch angefühlt, dahinzugehen. Ich, eine Frau, eine Person of Color, eine Lesbe. Ich dachte, die jagen mich mit der Heugabel wieder raus. Aber es war überhaupt kein Problem. Mich hat nie jemand komisch angeguckt oder ist zusammengezuckt, wenn ich erwähnt habe, dass ich mit einer Frau zusammenlebe. Das hat mich überrascht und ich habe mich gefragt: Warum mache ich mir eigentlich so viele Gedanken?

Ich glaube, wir haben so viel Angst vor bestimmten Personen- und Berufsgruppen, dass wir uns manchmal zu viele Sorgen machen und uns selbst schon in eine Ecke drängen, bevor es andere tun. Damit will ich schlechte Erfahrungen nicht kleinreden, die auch bestimmt noch viel zu oft gemacht werden, aber vielleicht sollte das nicht immer unser Maßstab sein.

Charlotte Krämer*, 27:

Ich habe zweieinhalb Jahre bei einer Onlineplattform in Berlin gearbeitet. Ich war damals 23 Jahre alt und hatte gerade erst angefangen, mir meine Homosexualität selbst einzugestehen. Einer Kollegin, mit der ich sehr gut befreundet war, habe ich davon erzählt. Ansonsten habe ich es nicht kommuniziert.

Es gab unter den Kollegen Männer, die offen schwul waren. Bei denen habe ich gemerkt, dass sie schnell in eine Schublade gesteckt wurden. Es gab öfter kleine Neckereien und dumme Sprüche. In diese Situation wollte ich mich selbst nicht bringen. Ich war in einem Team, das nur aus Männern bestand, ich wollte nicht, dass es da ein Thema ist. Generell ist es für mich nichts, aus dem ich ein großes Brimborium machen möchte.

Ich dachte, da platzt eine Bombe, wenn ich antworten würde: Ich habe eine Freundin.

Charlotte Krämer*

Ich hatte Angst vor der Frage „Hast du einen Freund?“ Ich dachte, da platzt eine Bombe, wenn ich antworten würde: „Nein, ich habe eine Freundin.“ Bei bisherigen Situationen des Outings kamen unangenehme Sprüche wie „Krass, das hätte ich von dir ja gar nicht gedacht“ oder „Glaubst du, das ist für immer so oder eine Phase?“ Mir war auch klar, dass es sofort weiter getratscht werden würde, sobald ich es einem Kollegen erzählt hätte, deshalb habe ich auf die Frage, ob ich einen Freund habe, einfach mit Nein geantwortet. Zu Sommerfesten oder Weihnachtsfeiern habe ich meine Freundin nicht mitgenommen.

Natürlich habe ich mich nicht damit wohlgefühlt, so einen großen Teil von mir zu verschweigen. Auch meine Freundin war nicht davon begeistert, verheimlicht zu werden, hat meine Wünsche aber akzeptiert. Derzeit bin ich wieder auf Arbeitssuche und würde damit jetzt anders umgehen. Wenn ich einen Job länger machen möchte, möchte ich meine sexuelle Identität nicht verstecken müssen. Ich teile mich eigentlich gerne mit und möchte zu Kolleg*innen auch eine freundschaftliche Beziehung aufbauen. Trotzdem würde ich mich vermutlich nicht sofort im Bewerbungsgespräch outen, aber auf jeden Fall danach, in Gesprächen mit Kolleg*innen.

Jonathan Nelles, 24:

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Jonathan Nelles. Foto: privat

Als ich mich bei meinem jetzigen Unternehmen beworben habe, war ich gerade in der Hormonumstellung, mein Name war deshalb noch ein weiblicher. Meine Stimme war aber schon deutlich tiefer als die einer Frau. Als mich der Verkaufschef anrief, um mich zu einem Bewerbungsgespräch einzuladen, reagierte er darauf spürbar irritiert, machte eine Sprechpause, dann aber normal weiter. Danach war mir klar, dass ich beim Bewerbungsgespräch und nachher unter Kolleg*innen mit offenen Karten spielen und sagen will, dass ich trans bin. Bei mir standen Operationen an, ich bin deshalb länger ausgefallen und wollte nicht, dass nachher hinter meinem Rücken getuschelt wird. Lieber ist mir, dass Kolleg*innen mit Fragen direkt zu mir kommen.

Ich hatte bei der Bewerbung schon Sorge, dass sie mich aufgrund meiner Geschichte ablehnen. Zum Glück habe ich das nach meinem Outing nicht erlebt. Klar, auf ihren Webseiten sprechen viele Unternehmen von Diversität, aber innen sieht es ja manchmal anders aus. Glücklicherweise war es bei meinem Unternehmen kein leeres Versprechen: Zu Beginn meiner Ausbildung gab es eine Aufgabe, bei der wir aus mehreren Objekten eines auswählen sollten, das zu uns passt. Ich habe mir eine Krawatte genommen und dazu gesagt: „Ich identifiziere mich mit dem männlichen Attribut, weil ich biologisch eine Frau bin.“ Die Reaktionen darauf waren erst Verblüffung, dann Unterstützung. Sie meinten, dass man es gar nicht merkt und sie mich als Mann sehen.

Ich möchte als der Mann gesehen werden, der ich bin, und das nicht ständig thematisieren.

Jonathan Nelles

Einmal kam von einer Arbeitskollegin ein ziemlich blöder Kommentar. Damals, als mir der Bart gewachsen ist und ich stolz auf jedes einzelne Härchen war, habe ich ein Foto davon auf Instagram gepostet und „bearded man“ darunter geschrieben. Sie hat kommentiert: „Nur weil du Haare im Gesicht hast, bist du noch lange kein Mann. Ich habe auch Haare zwischen den Beinen und bin kein Mann.“ Der Satz macht überhaupt keinen Sinn, aber ich habe mich sehr angegriffen gefühlt. Ich habe sie damit konfrontiert – erst über Instagram, dann im Büro – und gesagt, dass mir das naheging und ich erst mal Abstand möchte. Das Schöne war, dass ich Rückendeckung aus meinem Team bekommen habe. Sie haben gesagt, dass sie ihren Kommentar nicht gut fanden und ich mir keine Sorgen machen solle. Auch die Kollegin hat sich dann mehrfach entschuldigt.

Das mit dem Coming-out ist so ein zweischneidiges Schwert: Ich möchte als der Mann gesehen werden, der ich bin, und das nicht ständig thematisieren. Auf der anderen Seite kann ich aus meiner eigenen Erfahrung raten: Je offener du damit umgehst, desto weniger Angriffsfläche bietest du. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich die anderen anlüge, wenn wir zum Beispiel über Kindheit oder Vergangenheit sprechen und ich dazu schweige, dass ich biologisch als Mädchen geboren wurde.

Jule Hölz, 30:

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Jule Hölz. Foto: privat

Ich war zehn Jahre lang Polizistin. Auf der Wache sind alle gut damit umgegangen, dass ich lesbisch bin, niemand hat dumme Sprüche geklopft. Aber wenn es um Homosexualität generell ging, störte mich, wie die Kolleg*innen teilweise darüber geredet haben. Ich wurde vor drei Monaten auf eigenen Antrag entlassen. Der Grund für meine Kündigung war aber nicht der Umgang mit meiner Sexualität.

Mein Coming-out war recht schwierig. Ich habe es spät zugelassen und war 22 Jahre alt, als ich mich im privaten Umfeld geoutet habe. Vorher hatte ich eine lange Beziehung zu einem Mann, und das habe ich auf der Arbeit auch erzählt. Als ich später mit einer Frau zusammenkam, hatte ich riesige Panik, davon zu erzählen. Ich war überfordert, hatte genug damit zu tun, mich selbst zu akzeptieren. Drei Jahre lang bin ich Gesprächen über mein Liebesleben ausgewichen und habe mich nur bei befreundeten Kolleg*innen geoutet, bis ich meine jetzige Frau kennengelernt habe.

Meiner Erfahrung nach ist es im Polizeiberuf oft leichter, lesbisch zu sein, als schwul oder erst recht Transgender.

Jule Hölz

Und auch dann war das Coming-out ein total blödes Versehen: Ich wollte einer Freundin auf WhatsApp einen Artikel mit dem Titel 10 Dinge, warum es besser ist, auf Frauen zu stehen schicken – stattdessen landete die Nachricht in unserer Kolleg*innengruppe. Ich bin im Nachhinein trotzdem froh, dass ich es damit hinter mir hatte. Denn so ein großes Thema, wie ich es mir ausgemalt hatte, war es gar nicht. Ich arbeitete zu der Zeit fast nur mit Männern zusammen, die gingen damit recht lässig um. Manche auf der Arbeit haben es sich vielleicht auch schon gedacht, weil ich kurze Haare habe und Fußball spiele und damit leider die klassischen Stereotype erfülle. Leider sage ich deshalb, weil es für mich unangenehm war. Ich entspreche diesem Bild innerlich nicht, kenne aber durchaus das klassische Schubladendenken.

Meiner Erfahrung nach ist es im Polizeiberuf oft noch leichter, lesbisch zu sein, als schwul oder erst recht Transgender. Es herrscht viel Unwissenheit, es gab unangebrachte Witze, weil sich keine Gedanken darüber gemacht werden, dass sie verletzend sein könnten. Und dann gab es die, die Schwule nicht akzeptieren, aus welchen Gründen auch immer. Ich habe das Gefühl, dass gerade bei Behörden, wie es die Polizei ist, noch viel Aufklärungsbedarf besteht. Sowohl was den Umgang mit Diskriminierung als auch inklusive Sprache betrifft.

Jetzt studiere ich erst mal, da fällt es mir deutlich leichter, mich zu outen. Ich bin offener geworden und komme mit meiner Sexualität selbst viel besser klar. Ich habe mittlerweile auch das Gefühl: Je offener ich damit umgehe, desto weniger haben Menschen ein Problem damit. Und wenn heute jemand ein Problem mit mir hat, dann hat er*sie das eben. Ich möchte nur, dass die Leute mich akzeptieren und nicht, dass sie mich gut finden.

Nias Bähr, 25:

Ich arbeite bei einem LGBT-Fernsehsender als Übersetzer und erstelle für sie Untertitel. Davor habe ich in einem Gay Sexshop gearbeitet. In beiden Fällen war es offensichtlich, dass Homosexualität kein Problem ist. In beiden Fällen habe ich auch direkt angesprochen, dass ich schwul bin, weil es schon fast ein hilfreiches Einstellungskriterium war.

Ich bin nicht-binär, verstehe mich weder wirklich als Mann noch als Frau. Mein offizieller Name ist ein männlicher, dadurch werde ich auch immer wieder so angesprochen. Als das Gesetz zum dritten Geschlecht kam und die Namens- und Geschlechtsänderung einfacher wurde, hatte ich eigentlich vor, meinen Namen ganz offiziell zu ändern. Mittlerweile geht das nicht mehr so leicht, man braucht ärztliche Gutachten, es ist ein langer Prozess. Außerdem muss man das beim Standesamt in der Geburtsstadt machen, und meine Mutter arbeitet dort. Sogar meine Eltern wissen nichts von meiner Nicht-Binarität. Ich stehe ihnen einerseits nicht so nahe, andererseits würden sie es glaube ich nicht so recht verstehen, vieles über den Haufen werfen und dann wahrscheinlich denken, dass ich trans bin. Wir haben zwar noch Kontakt, aber ich will bei ihnen kein Fass aufmachen.

An der Uni in Brüssel, wo ich gerade meinen Master mache, habe ich deshalb auch noch meinen männlichen Namen, der auf meinem Studierendenausweis und in allen Kurslisten steht. Ich sage dann in den jeweiligen Kursen, dass ich Nias genannt werden möchte, das wurde bisher auch so hingenommen. Manchmal vergessen Dozent*innen es und nennen mich wieder anders, aber das nehme ich ihnen auch nicht übel.

Ich musste vor allem am Anfang immer wieder erklären, warum ich anders genannt werden möchte.

Nias Bähr

Bei meinen Freund*innen habe ich mich geoutet und da auch nichts Schlechtes erfahren. Sie waren teilweise sogar besser darin meinen neuen Namen zu verwenden als ich. Ich musste vor allem am Anfang immer wieder erklären, warum ich anders genannt werden möchte, andere haben mich eher gefragt, wie ich das gemerkt habe. Irgendwann war ich müde, ich möchte für das akzeptiert werden, was ich bin, ohne mich ständig erklären zu müssen.

Im Arbeitskontext war das einfacher. Anfangs hatte ich mich beim LGBT-Sender noch nicht als nicht-binär gelabelt, aber als ich es meinen Vorgesetzten sagte, haben sie meinen Namen und die Ansprache ohne Probleme umgestellt. Selbst in meinem Arbeitsvertrag hat die Personalabteilung dann den Namen geändert. Wahrscheinlich liegt es daran, dass es ein LGBT-Sender ist und sie schon sensibilisierter sind, was Nicht-Binarität angeht.

Was mir wichtig ist: Ich möchte nicht sofort als Mann gesehen werden und Erwartungen, die mit diesem Geschlecht verbunden sind, erfüllen müssen. Es ist echt schwer, das in Worte zu fassen. Wie erklärt man etwas, das ein anderer Mensch nicht fühlt? Es ist so ein inneres Unwohlsein, ein Magengrummeln, wenn ich in die Kategorie Mann gedrängt werde. Beispielsweise, wenn ich die schwereren Kisten tragen soll, weil ich doch „der starke Kerl“ bin. Bei dem Pronomen „er“ empfinde ich dieses Unwohlsein nicht so stark. Pronomen sind mir deshalb relativ egal, ich habe nichts gegen er, sie oder they. Was mich wiederum sehr stört: Als Herr angesprochen zu werden, also die formelle Ansprache. Das ist auch das eigentlich größte Problem im Umgang mit der Nicht-Binarität im beruflichen Umfeld – und auch im Privatleben. In Brüssel ist es sehr üblich, auf der Straße mit Monsieur oder Madame angesprochen zu werden. Das stört mich schon ziemlich, weil die Ansprache für mich sehr eng mit dem Geschlecht verbunden ist.

Louis Henkel, 24:

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Louis Henkel. Foto: privat

Ich habe mich indirekt geoutet, in meiner zweiten oder dritten Arbeitswoche. Das kam eher nebenbei zur Sprache, beim Mittagessen hat eine Kollegin von ihrem Freund erzählt und da habe ich die Chance genutzt, von meinem zu erzählen. So fühlte es sich für mich auch gut und natürlich an. Eigentlich sollte es keinen Unterschied machen. Meine heterosexuelle Schwester kommt ja auch nicht in die Arbeit und sagt: „Hey Leute, ich bin hetero, ich habe einen Freund!“ Wenn ich mich so offensiv outen würde, würde ich meine Sexualität zu etwas Besonderem machen.

Natürlich war es etwas, über das ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht habe. Ich arbeite bei einem Biochemieunternehmen, es war mein erster Job. In meinem Studiengang waren wir ein sehr bunter Haufen, aber ich habe trotzdem immer leichte Bedenken, wenn ich irgendwo neu bin. Auch weil klar ist, dass es irgendwann Thema sein wird. Ich habe mein Umfeld erst mal beobachtet, teils auch unterbewusst. Hätte ich das Gefühl gehabt, alle seien total konservativ und hätten ein Problem damit, dass ich schwul bin, hätte ich vermutlich länger gewartet. Es am Arbeitsplatz gar nicht zu sagen, ist für mich aber keine Option. Ich will mich wohlfühlen und das geht nur, wenn ich auch etwas von mir preisgeben kann. Wenn sich Kolleg*innen lustig machen und mich als Teammitglied nicht mehr akzeptieren würden, also es wirklich Richtung Mobbing geht, würde ich den Arbeitsplatz wechseln. Es gehört zu mir, ich möchte mich nicht verstecken.

Ich glaube, die wenigsten haben wirklich ein Problem mit Homosexualität, aber sie befassen sich auch nicht damit.

Louis Henkel

Der Mensch funktioniert oft so: Was ihn nicht betrifft, das interessiert ihn nicht, damit beschäftigt er sich nicht. Dadurch sind viele nicht sensibilisiert. Ich glaube, die wenigsten haben wirklich ein Problem mit Homosexualität, aber sie befassen sich auch nicht damit. Wir als Gesellschaft müssen mehr miteinander reden, ich finde es auch in Ordnung, Fragen zu stellen, wenn sich jemand unsicher ist. Wenn jemand auf mich zukommt, biete ich gerne einen Kompaktkurs an. Wir müssen alle lernen, auf genderspezifische Witzchen zu verzichten, weil es potenziell jemanden verletzen kann.

Ein paar meiner Kolleg*innen haben schwul als Schimpfwort benutzt, wenn sie zum Beispiel im Gespräch ausdrücken wollten, dass ihnen ein Lied oder eine Serie nicht gefällt, sowohl vor als auch nach meinem Coming-out. Ich habe das angesprochen und erklärt, warum ich das nicht in Ordnung finde. Dass ich aber auch verstehe, warum sie vermutlich nicht sensibilisiert sind. Eine Kollegin hat das daraufhin erst mal abgetan und mich als kleinkariert dargestellt: „Bald darf ich ja gar nichts mehr sagen.“ Ich fordere nur, dass man auch am Arbeitsplatz ein bisschen gewissenhafter über die eigenen Worte nachdenkt. Irgendwann ist das auch angekommen, heute sagt sie es nicht mehr.


*Name von der Redaktion geändert