„Patlama heißt Explosion“ – wie ich die Terrornacht in Istanbul erlebte

Zum 22. Mal in diesem Jahr gab es einen terroristischen Anschlag in der Türkei, diesmal von einer Splittergruppe der Kurden-Organisation PKK. Als die Bomben explodierten, war unsere Autorin gerade auf einer Party in Istanbul.

Eine Menschenmenge trägt den Sarg von Polizei-Chef Kadir Yildirim, der bei dem Anschlag am 10. Dezember ums Leben kam. © YASIN AKGUL/AFP/Getty Images

Die Dolmabahçe Allee ist in diesen Tagen winterlich beleuchtet. Auf dem Weg zu einer Party bei Freunden im Ausgehviertel Cihangir sehe ich durch das Taxifenster die jüngst eröffnete Vodafone Arena. Rund um das Fußballstadion im Stadtteil Beşiktaş sind unzählige Einsatztruppen der Polizei positioniert, um das Spiel Besiktas Istanbul gegen Bursaspor abzusichern. Es ist ein Hochrisiko-Spiel, die Fans beider Mannschaften sind verfeindet.

Kurz darauf finde ich mich auf einer Geburtstagsfeier wieder. Alle tanzen, lachen, bis die Stimmung schlagartig kippt. Plötzlich vibrieren Smartphones, die die entsetzten Gesichter ihrer Besitzer*innen erleuchten. Sie versuchen die Nachricht der beiden Anschläge, die sich kurz nach dem Fußballspiel ereigneten, zu begreifen. Durch den Raum schwirrt das Wort „Patlama“, Explosion, ein mir wohl bekanntes Wort meines frühen Türkisch-Vokabulars.

Fast routiniert greife ich zum Telefon, um Freunden und Familie in Deutschland zu versichern, dass ich physisch wohlauf bin. Die Gesichter der mich umgebenden Türk*innen sind von Sorgenfalten gezeichnet, stummes Kopfschütteln und lautes Fluchen, wie ich es aus der Nacht des Putschversuches kenne, dominieren den Raum.

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„Wir sind die wahren Türken“

Am nächsten Morgen fahre ich wieder am Stadion vorbei und steige aus. Es ist in grelles Sonnenlicht getaucht, lediglich ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr und eine kleine Menschenmenge lassen vermuten, dass hier etwas geschehen ist. Am Rand der Straße zeugt nur ein frisch geteertes Quadrat von der Zerstörung, die der Anschlag direkt vor der Arena anrichtete. Auf dem Stück Teer werden Blumen niedergelegt und eine Gruppe von Männern versammelt sich zum Gebet für die 38 Getöteten.

Für einige Minuten herrscht andächtige Stimmung rund um das symbolische Stück Asphalt, an dem Busse und Taxis vorbeirauschen. Auf der anderen Straßenseite steht eine weinende Frau, die eine Türkeiflagge schwenkt.

Plötzlich ertönt ein lauter Ausruf eines Anwesenden, Speichelspritzer ausstoßend rezitiert er mit hochrotem Kopf eine der nationalistischen Parolen, die seit Monaten von der Regierung bei Wutreden verwendet werden. Die Umstehenden tun es ihm gleich, sie recken ihre Fäuste in die Luft und proklamieren „Wir sind die wahren Türken, niemand soll uns im Wege stehen!“, wobei sie nicht zu merken scheinen, dass sie die Blumen zertreten, die soeben in Trauer niedergelegt worden waren.

Neben zu Fäusten geballten Händen ist auch das „Handzeichen des grauen Wolfes“ zu sehen, ein aus der türkischen Mythologie stammendes Symbol der rechtsextremen türkischen Bewegung, ähnlich dem uns bekannten pädagogischen Symbol des „Leisefuchs’“.

Erdoğan provoziert mit seiner Politik solche Anschläge

In einer ersten Stellungnahme versicherte Staatschef Erdoğan kurz nach den Anschlägen, als Nation werde die Türkei den Terror überwinden. Dass die von der PKK und ihren Splittergruppen ausgehenden Angriffe jedoch von staatlicher Seite der Türkei selbst provoziert wurden, kommt nicht zur Sprache. Seit die mehrjährige Waffenruhe zwischen der kurdischen PKK und türkischer Regierung durch die von Erdoğan angeordneten Luftangriffe gegen kurdische Stellungen im Juli 2015 aufgehoben wurde, wird der Jahrzehnte andauernde Konflikt zwischen Kurden und Türken seit Monaten wieder gewaltsam ausgetragen.

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Die türkische Regierung nutzt Anschläge kurdischer Gruppierungen, um die Festnahme kurdischer Oppositionspolitiker*innen zu rechtfertigen und so Stimmung gegen die ca. 10 Millionen in der Türkei lebenden Kurden zu machen. Aber auch ein neues Feindbild gegen den Westen etabliert sich in diesen Monaten. So wirft Erdoğan Deutschland vor, durch seine Flüchtlingspolitik zum Terror beizutragen. Am Tag nach dem Doppelanschlag in Istanbul wird von Aggressionen gegen westliche Journalist*innen berichtet, die daraufhin die Trauerfeier für die Opfer des Anschlages frühzeitig verlassen mussten.

Die nationalistischen Tendenzen in der Türkei wachsen täglich. Ein Blick in die türkischen Zeitungen am Tag nach der jüngsten Tragödie veranschaulicht die Prioritäten der Regierung in Ankara. Vom Staat kontrollierte Tageszeitungen berichten nur nebensächlich von den Anschlägen des Vorabends, die Hauptschlagzeilen thematisieren alle nur eins: die im Frühjahr anstehende Abstimmung über die Einführung des Präsidialsystems, mit der Erdoğan endgültig seine langersehnte Alleinherrschaft durchsetzen würde.