Per Anhalter*in von Frankreich nach China

Seit neun Monaten trampt Yann Lenzen in Richtung Osten. ze.tt hat er erzählt, worauf man dabei achten sollte und warum es hilft, eine Karte mit der geplanten Route bei sich zu haben.

Es war ein regnerischer Morgen im Juli vergangenen Jahres, als Yanns Vater seinen 22-jährigen Sohn an einer Autobahnraststätte zehn Kilometer von Nantes entfernt aus dem Auto lies. Yann stieg aus, umarmte seinen Vater und sagte: „Tschüss, Papa. Bis in einem Jahr.“ Für ihn ein komisches Gefühl, wie er heute erzählt. „Zum Glück hatte ich nicht so viel Zeit, darüber nachzudenken, denn ich hab recht schnell jemanden gefunden, der mich mitgenommen hat“, sagt er.

Für den Franzosen war es der Beginn einer Reise, die ihn ostwärts bis nach China bringen sollte. Der Plan: die gesamte Strecke per Anhalter*in zurückzulegen. Im Moment ist Yann in Nepal. ze.tt hat er per Skype erzählt, wie es zu der Reise kam, welche Erfahrungen er bis jetzt gemacht hat und welche Schwierigkeiten er bisher bewältigen musste.

Die Idee

„Ich hatte seit langer Zeit Lust auf eine große Reise“, sagt Yann. Dass er Trampen würde, stand für ihn schnell fest. Er hatte schon gute Erfahrungen mit dieser Art zu Reisen gemacht. Zum Beispiel war von Griechenland per Anhalter*in zurück nach Frankreich gereist und hatte gesehen: Es funktioniert. Wichtig war ihm, von zu Hause zu starten. „Ich wollte langsam von meiner Heimat aus ins Unbekannte“, sagt er. So entstand die Idee, von Frankreich aus nach Osten zu reisen – in kleinen Etappen und in Richtung von Kulturen, die ihm neu waren. Für ihn ein großer Unterschied zu einem Flug. „Wenn man fliegt, sieht man nicht, wie sich Landschaft, Menschen und Kultur zwischen A und B ändern. Das Flugzeug spuckt dich einfach irgendwo aus und du hast nichts vom Weg mitbekommen.“

Wenn man fliegt, sieht man nicht, wie sich Landschaft und Menschen zwischen A und B langsam ändern.“

Der andere entscheidende Punkt, der für eine Reise per Anhalter*in sprach: „Man ist immer mit Menschen in Kontakt.“ Für Yann existieren zwei Arten unterwegs zu sein: geografisch und sozial. Trampen sei eine soziale Art zu reisen, sagt er. „Man trifft so viele Menschen, die man als Gast in einem Hotel nie kennenlernen würde.“

Die Route

Vor dem Start hatte sich Yann eine Route zurechtgelegt. Die Karte davon hat er ausgedruckt und immer bei sich. Er zeigt sie vor, wenn er Leute anspricht, die ihn mitnehmen könnten. „Das erleichtert es, ins Gespräch zu kommen“, erzählt er. Viele waren begeistert von seiner Idee und nahmen ihn bereitwillig ein Stück mit.

Yanns ursprünglich geplante Route. © Yann Lenzen

Seine tatsächliche Route ist in dieser Karte eingezeichnet:

Der Zeitplan

Als Yann in Nantes aufbrach, stand schon fest, wann er zurück sein wollte. Seine Schwester heiratet im Juli diesen Jahres. „Sie hat mir gesagt, dass sie mich holen kommt, wenn ich einen Tag vor der Hochzeit nicht da bin“, erzählt er und lacht. Für seine Reise hatte er also ungefähr ein Jahr veranschlagt.

Das Geld

Mit 6.000 Euro auf dem Konto verließ Yann seine Heimat. Das Geld hatte er in England gespart, wo er nach seinem Bachelor kellnerte und als Sprachassistent in einer Schule arbeitete.

Er hatte geplant, ungefähr 15 Euro am Tag auszugeben – so blieb ihm noch etwas Reserve für Notfälle. Bereits zehn Tage nachdem dem Start der Reise kam es zum ersten Notfall. Yann kam gegen 22 Uhr in Lubljana an, der Hauptstadt Sloweniens. „Weil du beim Trampen nie genau sagen kannst, wann du wo bist, habe ich nie Hostels im Voraus gebucht“, sagt er. Er klapperte einige Hostels ab, doch alle waren ausgebucht. Weil er keine große Summe für ein Hotel ausgeben wollte, entschied er sich, in einem Park zu schlafen. „Das war ein großer Fehler“, sagt Yann heute. Als er aufwachte, fehlte sein kleiner Rucksack, in dem Laptop, Kamera und Reisepass waren. Um die gestohlenen Sachen zu ersetzen, musste er ungefähr ein Viertel seines Budgets ausgeben.

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Er fand aber auch Wege, seine Ersparnisse fast gar nicht anzugreifen. Im Iran schlief er ausschließlich bei Einheimischen, die er über Couchsurfing-Seiten fand. Außerdem half ihm die Seite workaway, Geld zu sparen. Das Prinzip dahinter: Man arbeitet und kann im Gegenzug umsonst wohnen und essen. „So habe ich zum Beispiel in Istanbul mehrere Wochen verbracht und fast kein Geld ausgegeben“, sagt er.

Hindernisse

Wer nimmt mich mit?

„In Europa muss man die Leute überreden, einen mitzunehmen“, sagt Yann. Besonders schwierig war es in Italien. Einmal ließ ihn dort ein*e Fahrer*in abends irgendwo in der Nähe des Gardasees raus und Yann fand niemanden, der ihn weiter mitnahm. Er lief vier Kilometer zum See und zeltete dort. Es war bis jetzt das einzige Mal, dass er im Niemandsland strandete und improvisieren musste.

Einreiseschwierigkeiten

Eine größere Herausforderung waren die Grenzübertritte und die Visa. Ursprünglich hatte er geplant, vom Iran über Afghanistan und Pakistan nach Indien einzureisen. Doch ein Visum für Pakistan lässt sich nur aus der Heimat beantragen und nicht von französischen Botschaften in anderen Ländern. Das hatte Yann nicht gewusst. Auf dem Landweg konnte er also nicht nach Indien einreisen und so musste er seine Route ändern, um vom Iran nach Indien zu kommen. Er nutzte ein Verkehrsmittel, das er eigentlich vermeiden wollte: das Flugzeug.

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Auch für seine weiteren Ziele China, die Mongolei und Russland gestaltet es sich schwierig, Visa zu bekommen. „Du musst alle Flüge, Hotels und Aufenthaltsorte im Voraus angeben“, sagt er. Für Russland ist zudem noch eine Einladung nötig, die im Original vorliegen muss. Die Zeit in diesen Ländern ist also straff durchgetaktet. „Das widerspricht natürlich meinem Plan, möglichst ungebunden und frei zu reisen.“

Reisemüdigkeit

In Indien entschied Yann sich, auch Zug zu fahren. „Das Land ist einfach viel zu groß und mein Visum war nur für zwei Monate gültig“, sagt er. Als er schließlich in Nepal ankam, merkte er, dass ihm langsam die Energie ausging. „Ich bin nirgendwo lange geblieben, sondern immer weiter, weiter, weiter“, sagt er. Yann sehnte sich danach, für eine Weile an einem Ort zu bleiben und zumindest ein bisschen heimisch zu werden. Er unterrichtete einen Monat lang Englisch in einer Schule, wanderte drei Wochen im Himalaya und lebt seit zwei Wochen in Katmandu. „Wenn man lange reist, braucht man zumindest für eine Weile ein Gefühl von Heimat, einen Ort, wo man die Leute ein wenig kennenlernen kann“, sagt er. Auch seinen ursprünglichen Plan, noch Südostasien zu bereisen, hat er aufgegeben. „Ich schaffe es zeitlich nicht“, sagt er.

Lektionen

„Ich habe gelernt, dass die Menschen überwiegend gut sind und versuchen, dir zu helfen“, sagt Yann. „Beim Trampen hat niemand versucht, mir etwas Böses zu tun.“ Beeindruckt war er vor allem von der Gastfreundschaft im Iran. „Es war fast unmöglich für mich, dort Geld auszugeben“, erzählt er. Er übernachtete bei fremden Menschen, aß mit ihnen und durfte sie dann nicht mal zu einem Tee in der Stadt einladen, weil sie auch den für ihn zahlen wollten.

Beim Trampen geht es nicht darum, umsonst zu reisen.“

„Es hilft außerdem ungemein, wenn man die örtliche Sprache zumindest ein bisschen spricht“, sagt Yann. „Vor allem beim Trampen geht es um Austausch und nicht darum, kostenlos zu reisen.“ Er lernte in fast jedem Land zumindest die Wörter „gut“ und „schlecht“. Damit ließen sich schon halbwegs interessante Gespräche führen. „Du kannst die Leute dann über ihre Meinung zu bestimmten Ländern, Städten oder dem Essen befragen“, sagt er.

Wer Trampen will, für den hat Yann ein paar Tipps parat. „Du solltest sauber sein und früh aufstehen“, sagt er. Außerdem empfiehlt er Tankstellen oder Raststätten. „Dort kannst du dir die Leute aussuchen, die du ansprichst und im Gespräch ist es viel leichter, Leute zu überzeugen.“ Am schwierigsten war es für ihn aus den großen Städten rauszukommen. Ab der Türkei brauchte er fast nie länger als fünf Minuten, bis ihn jemand mitnahm. „Du solltest dir außerdem nicht zu große Strecken vornehmen, maximal 200 bis 300 Kilometer“, sagt er. So ließe sich vermeiden, mitten in der Nacht im Niemandsland dazustehen. In Ländern, in denen kein Englisch gesprochen wird, hilft es zudem, sich von Einheimischen einen kleinen Text schreiben zu lassen, den man beim Trampen vorzeigen kann. „Darauf sollte stehen, wer man ist, was man vorhat und vielleicht sogar was Trampen ist, weil es nicht überall gebräuchlich ist“, sagt Yann.

Die schönste Erfahrung, die Yann während der Reise bisher gemacht hat, ist folgende: „Ich hab gelernt, dass der Inhalt eines Rucksacks reicht, um glücklich zu sein.“ Er habe gelernt, mehr Wert auf Erfahrungen zu legen, als auf materielle Dinge.

Pläne für die Zukunft

Wenn Yann zurück in der Heimat ist, möchte er zunächst viel Zeit mit der Familie und seinen Freund*innen verbringen. Danach möchte er arbeiten, um dann für seine nächste lange Reise aufzubrechen. Erst dann will er sich für einen Master entscheiden. „Die Reise hat mich darin bestärkt, langfristig etwas mit Fotografie und Journalismus zu machen“, sagt er.


Auf Yanns Blog findet ihr mehr Fotos und Erlebnisberichte. Außerdem informiert er auf seinem Instagram-Account und seiner Facebook-Seite über seine Reise.