Petition gegen Lieferando: Ex-Rider fordert besseren Schutz der Kurier*innen

Orry Mittenmayer wirft dem Lieferdienst vor, seine Kurier*innen nicht ausreichend mit Desinfektionsmittel oder Schutzmasken auszustatten – was deren Gesundheit erheblich gefährdet.

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Orry Mittenmayer kämpft für die Arbeitnehmer*innenrechte von Lieferdienstfahrer*innen. Foto: © Matija Krunic

Supermärkte können gefährliche Orte sein – zumindest während der Corona-Pandemie. Hunderte Menschen wälzen täglich durch die engen Gänge, fassen Lebensmittel an und stellen sie wieder zurück. Wer das Ansteckungsrisiko vermeiden will, kann sich fertig zubereitetes Essen bequem vor die Haustür liefern lassen. Lieferando, derzeit die einzige Plattform, über die man deutschlandweit Essen bestellen kann, bietet kontaktlose Lieferungen an: Kund*innen können online bezahlen, Fahrradkurier*innen stellen das Essen vor der Haustür ab.

Trotz dieser Option setzen sich Kurier*innen von Lieferdiensten derzeit einem hohen Gesundheitsrisiko aus, wie eine Reportage von ZEIT ONLINE zeigt. Fahrer*innen berichten, dass sie während ihrer Touren kaum Hände waschen können, da viele Restaurants ihnen den Zugang zu Toiletten untersagen. Dabei fassen sie Dutzende Klingeln und Türklinken an und laufen durch Treppenhäuser, auf denen sich kaum Abstand zu entgegenkommenden Personen einhalten lässt. Hinzu kommt, dass nicht jede*r Kund*in die Onlinezahlung nutzt, sondern auch an der Haustür bar oder mit Karte gezahlt wird.

Der 27-jährige Orry Mittenmayer hat selbst jahrelang als Rider für Lieferdienste gearbeitet. Ende März startete er die Petition Desinfektionsmittel, Schutzkleidung und bessere Arbeitsbedingungen für Lieferando-Fahrer. Darin wirft er dem Unternehmen Lieferando vor, nicht genug für den Gesundheitsschutz der Mitarbeiter*innen zu tun. „Im März verkündete Lieferando in einer Pressemitteilung, dass die Fahrer*innen alle geschützt seien, sie hätten Handschuhe und Desinfektionsmittel“, sagt Orry. „Aber die Realität sah ganz anders aus.“

Bevor nicht alle Rider*innen vernünftig geschützt sind, werden wir nicht aufhören zu kämpfen.

Orry Mittenmayer

Orry arbeitet zwar nicht mehr selbst als Kurier, ist aber weiterhin gut in die Branche vernetzt. Er engagiert sich zusammen mit aktiven Kurier*innen bei Liefern am Limit, einem Projekt der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). So ist Orry nach wie vor Mitglied in WhatsApp-Gruppen, in denen die Rider*innen sich lokal austauschen. Dort seien die Diskussionen nach der Lieferando-Pressemitteilung „richtig explodiert“, sagt er. „Fahrer*innen waren verunsichert, warum Lieferando sowas verkündet, wenn sie selbst nie was davon bekommen haben.“

Um das Unternehmen unter Druck zu setzen, startete Orry in Absprache mit Lieferando-Betriebsrät*innen die Petition. „Wir fordern, dass Lieferando Schutzmasken, Handschuhe und Desinfektionsmittel aushändigt und seine Mitarbeiter*innen schult, wie sie sich während der Corona-Pandemie richtig verhalten“, sagt er. „Außerdem fordern wir eine Pauschale für die Schutzmittel, welche die Fahrer*innen aus eigener Tasche finanzieren.“

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Orry Mittenmayer gegen die Lieferdienstbranche auflehnt. Im Februar 2018 gründete er mit Kolleg*innen den ersten Betriebsrat in einem Essenslieferunternehmen, bei seinem damaligen Arbeitgeber deliveroo.

Durch schlechte Arbeitsbedingungen politisiert

Vor knapp fünf Jahren wollte der gelernte Buchhändler sein Abitur an einer Abendschule in Köln nachholen. Einen Anspruch auf finanzielle Förderung hatte er nicht – also musste ein Job her, um Miete und Schule finanzieren zu können. Zu dem Zeitpunkt startete der Lieferdienst foodora in Deutschland. „Das Unternehmen war attraktiv, weil die Einstiegshürde sehr gering war“, sagt Orry. „Man musste denen nur seine Mailadresse zuschicken, dann hat man einen Termin bekommen und eine halbe Woche später konnte man schon loslegen.“

Angelockt wurde er außerdem von den versprochenen Arbeitsbedingungen: Dass man dank der App einfach von zu Hause aus starten könne und sich viel an der frischen Luft bewegen würde. Schnell stellte er jedoch fest, dass die Arbeitsbedingungen als Lieferdienstkurier*in trotz Sport an der frischen Luft nicht allzu rosig sind.

Das ist ein brutaler Job.

Orry Mittenmayer

„Gefahren bin ich täglich zwischen acht und neun Stunden – mit meinem eigenen Fahrrad“, sagt Orry. „Da radelt man schnell mal 100 Kilometer pro Tag.“ Mindestens einmal in der Woche hätte er einen Platten gehabt. Bei dem Verschleiß fielen auch regelmäßig andere Reparaturen an. Und die Kosten dafür musste Orry aus eigener Tasche bezahlen. „Da kommen monatlich 100 bis 300 Euro zusammen, wenn man Reparaturen, Schutzausrüstung, Klamotten alles selbst zahlen muss.“

Hinzu kommt das Risiko. „Als Rider*in steht man immer unter Zeitdruck“, sagt Orry. Die App erinnere einen ständig daran, möglichst schnell das Essen auszuliefern: mit Vibrationen und Warntönen, die antreiben sollen und die man nicht ausstellen kann. „Das heißt, man fährt schnell, muss sich darauf konzentrieren, keinen Unfall zu bauen und das Essen nicht zu ruinieren.“ Das sei eine unglaubliche mentale Belastung, man falle abends wie tot ins Bett. „Und das für den damaligen Mindestlohn. Das ist ein brutaler Job.“

Der erste Betriebsrat in der Lieferdienstbranche

Viele unzufriedene foodora-Fahrer*innen wechselten 2017 zu deliveroo, als das Unternehmen in Deutschland in den Markt eintrat. Sie hatten die Hoffnung, dass sich bei dem neuen Arbeitgeber vieles bessern würden – darunter auch Orry. Doch auch dort waren die Arbeitsbedingungen nicht wesentlich besser. „Eskaliert ist es, als vor Weihnachten die Gehälter nicht zuverlässig ausgezahlt wurden. Da waren viele, wie ich, kurz davor zu kündigen“, sagt Orry.

Ein Kollege erzählte ihm und seinen Kolleg*innen dann das erste Mal von Betriebsräten und Gewerkschaften. Da sie eh nichts mehr zu verlieren hatten, wandten sie sich an die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). „Ein Großteil der Belegschaft, inklusive mir, hat davor noch kein einziges Mal vermittelt bekommen, dass man als Arbeitskraft auch Mitbestimmungsrechte hat“, sagt Orry. „Politik oder politisches Engagement waren mir bis dahin fremd, das fand in meiner Lebenswelt nicht statt.“

Zwei Monate später war der Betriebsrat gegründet – und damit das Ende von Orrys Lieferdienstkarriere eingeleitet. „Deliveroo kündigte an, alle befristeten Verträge auslaufen zu lassen und künftig nur noch Freelancer*innen zu beschäftigen“, sagt er. Damit entledigte sich das Unternehmen nach und nach des neuen Gremiums.

Befristete Verträge und Bekämpfung von Betriebsratsarbeit

Mit Kolleg*innen und Unterstützung der NGG gründete Orry daraufhin die Social-Media-Kampagne Liefern am Limit, um die befristeten Verträge, die innerhalb der Branche üblich sind, sowie die systematische Bekämpfung der Betriebsratsarbeit öffentlich anzuprangern. Beides trifft man auch bei Lieferando an – nach dem Rückzug von deliveroo und der Übernahme von foodora der einzige Plattform-Essenslieferdienst in Deutschland.

Die Lieferando-Belegschaft in Köln wählte Anfang April einen Betriebsrat. Wie Business Insider berichtete, gab es dabei einen Polizeieinsatz, der eine Anzeige wegen Nötigung und unzulässiger Beeinflussung von Betriebsratswahlen nach sich zog.

Eine Pressesprecherin des Unternehmens sagte auf Nachfrage, dass die „Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Betriebsratskandidaten stattfanden und nicht zwischen Betriebsratskandidaten und dem Unternehmen“ – das Unternehmen verhalte sich neutral. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2018 verkündete das Unternehmen jedoch, dass ein Betriebsrat nicht der „Kultur als junges, sowie modernes und offenes Unternehmen“ entspreche.

In der Branche ist es ohnehin schwierig, die Arbeitnehmer*innen zu organisieren. „Es gibt keine feste Betriebsstätte, Fahrer*innen sind ständig unterwegs, stehen unter Zeitdruck, es gibt eine hohe Fluktuation des Personals. Hinzu kommt noch die hohe Diversität in der Belegschaft, es werden viele verschiedene Sprachen gesprochen“, sagt Orry.

Auch Lieferando arbeitet mit befristeten Verträgen. Das erschwert es den Angestellten, ihr Leben vernünftig zu planen.

Orry Mittenmayer

Manche Arbeitsbedingungen hält er inzwischen für besser als noch bei deliveroo oder foodora. Zum Beispiel, dass es bei Lieferando Angestelltenverhältnisse gibt – die Fahrer*innen arbeiten also nicht auf Freelance-Basis. Das garantiert den Rider*innen zumindest für die Dauer des Vertrags ein sicheres Einkommen.

Der Stundenlohn für Fahrer*innen bei Lieferando liegt laut Angaben des Unternehmens bei durchschnittlich 10,50 Euro pro Stunde. Hinzu käme ein Bonus von derzeit 2,50 Euro pro zugestellter Lieferung. Der Mindestlohn liegt derzeit bei 9,35 Euro.

Besser sei auch, dass in manchen Filialen E-Bikes zur Verfügung gestellt werden. Das senke die Kosten der Fahrer*innen, da für Reparaturen das Unternehmen aufkomme. Außerdem gäbe es mittlerweile eine Verschleißpauschale für Rider*innen, die ihre eigenen Fahrzeuge benutzen. Bei Fahrrädern liegt diese Pauschale bei 0,10 Cent pro gefahrenem Kilometer und ist auf 44 Euro monatlich gedeckelt. Für Orry und die Lieferando-Betriebsräte ist das zu wenig – aber besser als nichts.

„Davon abgesehen hat sich kaum etwas verändert“, meint Orry. „Lieferando arbeitet ebenfalls mit befristeten Verträgen. Das erschwert es den Angestellten, ihr Leben vernünftig zu planen.“

Was ist seit dem Petitionsstart passiert?

Seit dem Start der Petition, die inzwischen knapp 10.000 Menschen unterschrieben haben, hätten Rider*innen vereinzelt berichtet, dass sie Schutzausrüstung und Desinfektionsmittel bekommen hätten. Viele seien aber immer noch ohne Schutz unterwegs, sagt Orry – Lieferando-Betriebsräte bestätigten dies in der Reportage von ZEIT ONLINE.

Lieferando selbst sagt, dass alle 4.500 Fahrer*innen mit Desinfektionsmittel ausgestattet wurden und auch zukünftig werden. Außerdem seien Schutzmasken an über 80 Prozent der Belegschaft verteilt worden. Im März führte das Unternehmen außerdem eine Auslagenpauschale für Hygiene- und Schutzartikel ein – dazu, wie hoch diese sei, gab die Firma keine Auskunft.

„Man kann sehen, dass Lieferando etwas tut, aber es geht nicht schnell genug“, kritisiert Orry. „Und bevor nicht alle Rider*innen vernünftig geschützt sind, werden wir nicht aufhören zu kämpfen.“

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