Den neuen Millennial-Podcast „Zentrale Zeitgeist“ haben Millennials nicht gebraucht

Kat Kaufmann und Aurel Mertz wollen in ihrem Podcast Millennialthemen wie Onlinedating oder Geschlechtsidentitäten verhandeln. Dabei schweifen die zwei aber zu oft ab. Eine Kritik

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Kat Kaufmann und Aurel Mertz fischen in ihrem Podcast Zentrale Zeitgeist "nach Klarheit im trüben Wasser des digitalen Zeitalters." Foto: © Zentrale Zeitgeist | FYEO

Wir Millennials sind faul, verwöhnt, nicht widerstandsfähig, wollen selbstbestimmt leben und uns bloß nicht festlegen. Die Generation der zwischen 1980 und den Endneunzigern Geborenen – auch Generation Y oder eben Millennials genannt – kommt bei allgemeinen Zuschreibungen nicht sonderlich gut weg. Die beiden Podcaster*innen Kat Kaufmann und Aurel Mertz widmen ihrer Generation jetzt ein Format, das sich mit dem „Mysterium der Millennials“ auseinandersetzen will. In Zentrale Zeitgeist sezieren sie einmal wöchentlich, vor welchen Problemen Millennials stehen und welche Bedürfnisse wir haben.

Die Episoden widmen sich der Liebe im digitalen Zeitalter oder der Gender-Debatte, es geht ums erste Handy, frühe Musikheld*innen oder das Streaming-Verhalten. Die Digitalisierung spielt bei Zentrale Zeitgeist stets eine übergeordnete Rolle, schließlich wuchsen wir Millennials mit diesem Internet auf.

Podcast Zentrale Zeitgeist: Wie ticken Millennials?

Das Projekt der Autorin Kat Kaufmann und des Moderators und Comedians Aurel Mertz beginnt vielversprechend mit einer allgemeinen Einordnung. In Folge eins Das Erbe der Babyboomer definieren die zwei detailliert, wer oder was diese Millennials sind und auszeichnet, was sie von den Babyboomern (Generation von etwa 1946 bis 1964; die Generation X wird hier aus unerfindlichen Gründen ausgespart) unterscheidet und was Kaufmann und Mertz an sich selbst als am „millennialigsten“ (Wortschöpfung: Kat Kaufmann) wahrnehmen. Spoiler: Die Flexibilität im Beruf.

Kaufmann und Mertz setzen sich zu Beginn auch kritisch mit ihrer Generation auseinander. Kaufmann merkt an, das Problem der Millennials sei, dass sie zwar einerseits Dinge infrage stellen und progressive Themen wie modernen Feminismus, Black Lives Matter und Klimaschutz vorantreiben würden. Andererseits habe man aber gleichzeitig Angst vor einer individuellen Meinung und übernehme deshalb häufig die der Mehrheit. Auch fehlende Entscheidungsfreudigkeit kritisieren Kaufmann und Mertz. Millennials würden zu wenig leistungsorientiert erzogen, ist der Schluss, den die beiden daraus ziehen.

Nach der ersten Folge wird Zentrale Zeitgeist diffuser, das Format verliert an Stringenz. Kaufmann und Mertz driften regelmäßig vom eigentlichen Thema ab. So beschäftigt sich Folge fünf Mit Warp durchs Web eigentlich mit dem Datingverhalten der Millennials. Die Diskussion über Tinder, Bumble und Co. durchbricht das Moderator*innenduo zwischendrin mit unzusammenhängendem Geplänkel vom „Feudal-Zeitalter“. Plötzlich dreht sich das Gespräch darum, wie Onlinedating im Feudalismus ausgesehen hätte und gipfelt in einer als Fakt präsentierten Aussage Kaufmanns, die nur noch verwirrt: „Die Ehe wurde ja primär erfunden, um Krankheiten einzudämmen.“ Aha, okay.

Zwischen Geschlechtsidentitäten oder irgendwo im Nirgendwo

In Folge sechs Y Gender widmen die beiden sich verschiedenen Geschlechtsidentitäten, ein Thema, das Kat Kaufmann „nachhaltig fasziniert, aber zugegebenermaßen auch nervt“. Warum es sie nervt, erklärt sie nicht. Mit der Faszination kann es auch nicht weit her sein, denn anschließend rattert Kaufmann bloß ein paar Begrifflichkeiten herunter: „Agender, Bigender, Polygender, Neutrois.“ Erst beim Begriff binär macht sie auf Mertz‘ Wunsch Halt und liest Definitionen vor. Dass die beiden nach eigenen Aussagen danach nicht unbedingt schlauer sind, was die Begriffe bedeuten, spielt im weiteren Verlauf der Folge keine Rolle mehr. Die Folge endet irgendwo im Nirgendwo mit einem Gespräch übers Furzen und „Pimmeln“, dem Berühren von Gegenständen mit dem Penis.

Dass das Hören bald an Spaß verliert, liegt auch an der Handhabung der App, in der der Podcast abrufbar ist. FYEO (For Your Ears Only) nennt sich die Audioplattform, die von ProSieben-Sat.1 im April auf den Markt kam. Während man andere Podcasts kostenlos auf FYEO hören kann, sind die Originals kostenpflichtig – damit können Hörer*innen nur in die ersten Folgen von Zentrale Zeitgeist ohne Abonnement reinschnuppern. Die Bedienung der Oberfläche ist noch nicht ganz so ausgefeilt wie etwa bei Spotify oder Deezer. Von einer Folge zurück zur Folgenübersicht zu gelangen, erfordert ein gewisses Maß an Geduld.

So verspricht der Podcast mit seinem Slogan „zwei Millennials fischen nach Klarheit im trüben Wasser des digitalen Zeitalters“ zwar viel, hält aber nur wenig. Denn Klarheit oder fundiertes Wissen fehlen meist oder werden nicht in entsprechende Zusammenhänge gebracht. Banaler Laber-Rhabarber überwiegt, was okay wäre, wenn man nicht mit anderen Erwartungen geködert würde.

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