„Pizza Hawaii?! Dann verhungere ich lieber“

Konventionelle Produkte sind in den Supermärkten derzeit vielerorts ausverkauft. Wir haben einen Psychologen gefragt, warum wir selbst in vermeintlichen Notsituationen nicht zu Alternativen greifen.

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In den Supermärkten gibt es reichlich Produkte, die selbst in Zeiten der Corona-Krise keine*r anrühren möchte. Fotos: © Alexander Hassenstein / Getty Images, © Twitter @Philotroll / Bearbeitung: ze.tt

„Wir haben so viel, wir können zehn Jahre kacken“, antwortete der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte vergangene Woche auf die Frage einer Supermarktkundin, ob er selbst noch genug Klopapier hätte. Der Staatschef hatte einen Supermarkt in Den Haag besucht und sich vom Filialleiter durch teils leere Regalreihen führen lassen. „Aber es gibt auch genug in den ganzen Niederlanden für die kommenden zehn Jahre“, sagte er außerdem.

Auch wer in diesen Tagen in Deutschland einkaufen geht, steht immer mal wieder vor leeren Regalen. Ein Versorgungsnotstand? Nein, es sind keine Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln und Hygieneprodukten durch die Corona-Krise zu erwarten – das ist zurzeit die einstimmige Botschaft von Politik, Verbänden, Handel und Produzent*innen. Wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft schreibt, käme es nur aufgrund der derzeit hohen Nachfrage und der noch nicht angepassten logistischen Abläufe der Handelsketten zu vereinzelt leeren Regalen. Es lägen aber explizit keine Versorgungsprobleme vor. Das Ministerium versichert, die Versorgung mit Lebensmitteln sei nicht gefährdet.

„Der Lebensmittelhandel erlebt derzeit Umsatzsteigerungen von bis zu 20 Prozent“, sagte Christian Wulff, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma PwC Deutschland gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Dies führt in manchen Filialen kurzfristig zu Lücken im Regal. Die grundsätzliche Versorgungssicherheit ist dadurch aber nicht gefährdet“, so der Experte.

Kuhmilch ausverkauft, Sojamilch stapelt sich

Von einer ernsten oder gar existenzbedrohenden Versorgungslage, die das Hamstern von zehn oder mehr Packungen Klopapier rechtfertigen würde, kann also nicht die Rede sein. Zumal die „Lücken“ von denen Wulff spricht, nicht ausschließlich bei absolut lebensnotwendigen Produkten auftauchen, sondern offenbar vor allem bei denen, die den Geschmack der Konsument*innen am ehesten zu treffen scheinen.

Während es vielerorts etwa keine Kuhmilch mehr zu kaufen gibt, stapeln sich im Regal nebenan die veganen Alternativen aus Soja und Hafer. Und während im Tiefkühlregal bei den Salamipizzen gähnende Leere herrscht, ziehen es Menschen offenbar lieber vor, zu verhungern, als auch nur ein Stück Pizza mit Ananasbelag zu essen.

Hamsterkäufe beruhigen die Seele

Warum greifen wir selbst in vermeintlichen Notsituationen nicht zu Alternativen? Das, was viele derzeit als Versorgungsengpass wahrnehmen, lässt sich psychologisch erklären: Ein durchschnittlicher Supermarkt in Deutschland führt in seinem Sortiment im Schnitt etwas mehr als 10.000 Produkte. In Krisen blenden wir unbewusst die vielen Produkte aus, die unsere Grundversorgung ebenso decken würden und konzentrieren uns auf einfache Muster: „In einer Krise stürzt man sich nicht ins Unvertraute“, sagt der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald gegenüber ze.tt.

Produkte, die uns bereits aus Kindertagen vertraut seien, würden uns befriedigen und stabilisieren. „Das Grundproblem ist, dass uns mit dem Coronavirus eine unsichtbare Bedrohung begegnet. Das erzeugt ein Ohnmachtsgefühl bei den Menschen, das sie unbedingt überwinden wollen“. Hamsterkäufe seien Versuche, aus dieser Ohnmacht herauszukommen, indem die eigene Handlungsfähigkeit demonstriert wird – und das sei mit vertrauten Produkten nunmal einfacher als mit Unbekanntem.

Keine Zeit für Experimente in der Krise

Viele Kund*innen glauben, ihre Kaufentscheidungen seien rational gesteuert, durch Faktoren wie Nutzwert, Qualität und Preis. Doch zahlreiche Studien belegen, dass mehr als 70 Prozent aller Kaufentscheidungen spontan und unbewusst ablaufen und selbst die bewussten 30 Prozent nicht ganz frei von anderen Einflüssen sind. Jede*r von uns hat eine sogenannte Mental Map abgespeichert. Sie beinhaltet, in welcher Abfolge bestimmte Sortimente auf der Verkaufsfläche erwartet werden.

„In Krisenzeiten wollen wir unsere Grundversorgung schnell und einfach sicherstellen, da bleibt keine Zeit für Experimente“, so Grünewald. Gerade in Krisenzeiten wollen wir an unseren täglichen Routinen nichts ändern, auch wenn wir das an anderer Stelle von anderen Menschen erwarten.

Einzelhandel im Weihnachtsmodus

Es hakt also nicht am Angebot, sondern an der Nachfrage. Ein Handelslogistiker sagte der Lebensmittelzeitung, die Branche habe derzeit auf den „Weihnachtsmodus“ umgestellt und müsse sich auf die aktuelle Situation erst einstellen. Bedeutet: Extrapersonal und Leiharbeiter*innen sind im Einsatz und fahren Sonderschichten. Hinzu kommt: Logistik und Auslieferung sind nun auch am Wochenende möglich, weil die Bundesregierung das Sonntagsfahrverbot für LKW vorübergehend aufgehoben hat.

Zuletzt hatte die Bundesregierung außerdem das Verkaufsverbot für Lebensmittelgeschäfte am Sonntag aufgehoben, damit Kund*innen auch sonntags einkaufen gehen könnten. Die meisten Supermarktketten wollen davon aktuell aber keinen Gebrauch machen und begründen diesen Schritt mit der ohnehin hohen Belastung der Beschäftigten: „Schon jetzt sind viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den Grenzen ihrer Belastbarkeit. Jetzt noch einen Tag länger zu öffnen, würde diese Situation weiter verschärfen“, sagte ein Unternehmenssprecher von Edeka gegenüber Spiegel Online.

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Jetzt sind Geduld und Empathie gefragt

Während sich der Handel und die Logistik auf den alljährlichen Kund*innenansturm zur Weihnachtszeit so gut vorbereiten, dass diese – abgesehen von vollen Fußgänger*innenzonen – kaum etwas davon mitbekommen, war eine Pandemie, wie wir sie nun mit dem Coronavirus erleben, auch für die Supermärkte nicht vorherzusehen. Um den aktuell ungeplant erhöhten Bedarf decken zu können, müssen Kassierer*innen nun beantragte Urlaube stornieren und Lagerarbeiter*innen Extraschichten schieben.

Es wäre an der Politik, zu überlegen, ob nicht schon während der Corona-Krise die Arbeitsbedingungen von Beschäftigten im Einzelhandel verbessert und die Löhne angehoben werden sollten. Auch Konsument*innen könnten ihren Teil dazu beitragen, die stressige Situation, in der sich Supermarktmitarbeiter*innen derzeit befinden, erträglicher zu gestalten, in dem sie sich in Geduld üben und empathisch zeigen. Auch wenn Einkäufe größtenteils unbewusst geschehen: Wenn die Lieblingspizzasorte gerade mal nicht vorrätig ist, sollte es im Notfall auch die mit Ananas tun.