Pödelwitz bei Leipzig: Wie sich ein Dorf dagegen wehrt, weggebaggert zu werden

Ein Ort in Sachsen soll weg, damit dort Kohle abgebaut werden kann. Drei Viertel der Bewohner*innen sind schon verzogen. Die Übrigen kämpfen – und bekommen jetzt Unterstützung.

Wer weiß, wo Pödelwitz liegt, sieht das sächsische Dorf schon von Weitem. In einem Tagebaugebiet nahe Leipzig ragt der Kirchturm des Dorfes hinter einer Kohlegrube aus einer Baumgruppe heraus. In der kargen Landschaft, in der man ansonsten kilometerweit blicken kann, ohne einen Baum zu sehen, wirkt er wie ein Leuchtturm.

Das an den Ort grenzende Loch ist mehrere Quadratkilometer groß, Pödelwitz würde mehrmals hineinpassen. In der Grube selbst baut ein Schaufelbagger Braunkohle ab, während im Hintergrund das Kohlekraftwerk Lippendorf raucht.

Geht es nach der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag), verheizt es bald auch die Kohle, die unter Pödelwitz liegt. Um an sie heranzukommen, soll das Kohleloch den Ort verschlingen.

Die Dorfkirche ist mehr als 700 Jahre alt – Kohlebagger hindert das nicht

Eine Erlaubnis, das Dorf „wegzubaggern“, wie die Menschen in der Gegend das nennen, hat das zuständige Amt noch nicht erteilt. Viele Bewohner*innen haben ihre Häuser aber schon an das Kohleunternehmen verkauft. Von 130 Pödelwitzer*innen sind nur 27 geblieben, weshalb es ruhig geworden ist in dem Dorf, vom entfernten Surren der Maschinen im angrenzenden Tagebau einmal abgesehen.

Dass es in dem Ort einmal idyllisch war, spürt der*die Besucher*in direkt. Zwischen den Häusern ist viel Grün, die Dorfkirche aus dem 13. Jahrhundert umringen Linden, die das Kirchenschiff überragen. Wer an einem normalen Tag herkommt, erlebt dennoch einen gespenstischen Ort. In vielen Vorgärten wächst das Unkraut, Zäune sind umgefallen, in den Straßen ist niemand zu sehen.

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Jetzt ist das für ein paar Tage anders: Bis zu 1.000 Teilnehmer*innen erwarten die Organisator*innen eines Klimacamps, das eine Woche lang in dem Dorf stattfindet. Dabei wollen die Umweltschützer*innen über Wege für einen schnellen Kohleausstieg diskutieren und gegen die Kohleenergie protestieren. Solche Camps gab es bisher nur in der Lausitz und im Rheinland.

Der Sprecher des Klimacamps im Leipziger Land, Florian Teller, sieht Pödelwitz als Symbol für den Klimaschutz. Um die Klimaziele zu erreichen, dürfe langfristig keine Kohle mehr abgebaut werden und Orte wie dieser müssten erhalten bleiben.

Leer, leer, leer“ – Bewohner Thilo Kraneis

Einige Bewohner*innen des Ortes stemmen sich mit ihrer Bürgerinitiative Pro Pödelwitz gegen die Pläne der Mibrag. Einer von ihnen weiß bereits, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Dorf dem Tagebau weichen muss. Thilo Kraneis stammt aus dem einstigen Nachbarort Droßdorf, das es seit 35 Jahren nicht mehr gibt.

Es war einst dort, wo heute die Schaufelbagger graben. Zusammen mit seiner Familie hat sich der 51-Jährige in Pödelwitz etwas Neues aufgebaut, der Ort ist seine zweite Heimat geworden, erzählt er. Eine Heimat, die er nun wieder zu verlieren droht. In der Dorfmitte zeigt er auf verschiedene Häuser – „leer, leer, leer“ – dann auf die Bushaltestelle, an der alle paar Stunden ein Bus hält. 18 Kinder hätten dort vor zehn Jahren jeden Morgen auf den Schulbus gewartet.

Jetzt leben noch zwei Kinder in dem Ort. An der Haltestelle ist ein schwarzes Brett angebracht. Neben Informationen zum Klimacamp und zu einer Fahrraddemo hängen hier zwei Bekanntmachungen: Eine ist von der Mibrag, die eine Sprechstunde zur Umsiedlung Pödelwitz anbietet.

Kohlegruben verschlucken die wichtigen Orte eines Lebens

Kraneis führt in dritter Generation eine Schlosserei, die an sein Wohnhaus grenzt. Er würde einfach gerne weitermachen wie bisher, viel Veränderung braucht er nicht. Eine Webseite hat er für sein Unternehmen zum Beispiel bis heute nicht – „meine Kunden wissen doch, wo sie mich finden.“

Als der Schlosser mit seinen Eltern hergekommen ist, haben sie ihr neues Haus nach ihren Vorstellungen in Eigenregie umgebaut. Jetzt will er es nicht mehr hergeben. Zu schwer wiegt bereits der Verlust der Orte seiner Kindheit. Wenn er von Droßdorf erzählt, schwärmt er von einem alten Schloss, in dem ein Saal für Discos genutzt wurde, wo er mit 15 tanzen ging und davon, wie die Dorfgemeinschaft zusammenhielt.

Das alles zu verlieren habe wehgetan, auch weil es mit der Abbaggerung von Droßdorf nicht vorbei war. Den Ort Peres gibt es nicht mehr – da ist er in die Schule gegangen. Auch Heuersdorf ist weg – da kommt seine Frau her. In der Kirche dort haben sie geheiratet. Sie wurde in das Nahe Borna umgesetzt.

Um Sachsens Energiebedarf zu decken und kostengünstig zu halten, bedarf es noch der Braunkohle.“ – Positionspapier der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag

Früher sei die Kohle zur Energieerzeugung gebraucht worden, das habe er noch verstanden, sagt Kraneis. Heute sei das anders, weil es viele Alternativen gebe, wie die Energie aus Wind und Wasser. Aus seiner Sicht fehlt aber in der Landesregierung der Wille für ein schnelles Ende des Kohleabbaus in Sachsen. In dem Bundesland stellt die CDU den Ministerpräsidenten.

In einem Positionspapier (PDF) schreibt die sächsische CDU-Fraktion: „Um Sachsens Energiebedarf zu decken und kostengünstig zu halten, bedarf es noch der Braunkohle“, für einen schnellen Kohleausstieg ist die Partei nicht zu haben. Auch einen Dialog mit den Betroffenen gebe es nicht, beklagt er. Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sei zweimal in Pödelwitz gewesen, um mit der Mibrag zu sprechen. Den Kontakt mit den Bewohner*innen des Dorfes habe er nicht gesucht.

Wenn die kündigen, macht den Job eben jemand anders.“ – Thilo Kraneis

Kraneis selbst hat ein ambivalentes Verhältnis zu dem Braunkohleunternehmen. Als während eines Spaziergangs durch das Dorf ein Mitarbeiter der Firma auf einem Fahrrad vorbeifährt, schaut er ihm hinterher. „Der hat früher auch mal gegrüßt“, sagt er.

Der Schlosser hat kein Problem mit den „einfachen“ Mitarbeiter*innen des Unternehmens. Auch einige Menschen aus dem Dorf arbeiten dort. „Wenn die kündigen, macht den Job eben jemand anders“, ändern würde sich nichts. Sein Groll richtet sich gegen die Geschäftsführung. Er selbst nimmt seit 2012 keine Aufträge mehr von dem Kohleunternehmen an. Das würde dem Ziel, seine Heimat zu erhalten, zuwiderlaufen.

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Dass hier gegensätzliche Interessen aufeinandertreffen, ist in Pödelwitz an jeder Ecke zu sehen. An manchen Häusern hängen Protestplakate mit Aufschriften wie „Zukunft statt Braunkohle“, an einem Basketballkorb steht „Der Kohle einen Korb geben“. Aber auch das Bergbauunternehmen macht seine Interessen deutlich – ihm gehören drei Viertel der Häuser im Ort. An jedem hängt mittlerweile ein Schild mit dem Emblem des Unternehmens und der Aufschrift „Privatgelände“, das Betreten werde zivil- und strafrechtlich geahndet. Die Schilder habe das Unternehmen erst jetzt vor dem Klimacamp angebracht, sagen die Pödelwitzer*innen.

Ich bin mir sicher, dass es Pödelwitz auch in 100 Jahren noch gibt.“ – Jens Hausner, Pro Pödelwitz

Die Idee für das Camp sei von ihnen selbst gekommen, erzählt Jens Hausner, ebenfalls Teil der Initiative Pro Pödelwitz. Sie seien mittlerweile gut vernetzt mit Umweltschutzorganisationen wie dem BUND und Greenpeace und fühlen sich für den weiteren Kampf um ihr Dorf gewappnet. Hausner und Kraneis gehen davon aus, dass die Mibrag im kommenden Jahr beantragen wird, den Ort wegbaggern zu dürfen.

Bis die Erlaubnis erteilt wird – wovon die beiden ausgehen – würde es dann wohl noch mal zwei Jahre lang dauern. Wenn das passiert, würden sie gegen den Plan klagen, so Hausner. „Ich bin mir sicher, dass es Pödelwitz auch in 100 Jahren noch gibt.“ Er schaue entspannt in die Zukunft, denn für ein mögliches Gerichtsverfahren hätten sie jetzt schon ein Bündnis mit verschiedenen Umweltschutzorganisationen geschlossen. Außerdem hoffen sie auf die deutschlandweite Kohlekommission, in der seit gut einem Monat Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft den Kohleausstieg planen sollen.

Die Pödelwitzer*innen setzen dabei auf eine Einigung, keine Orte mehr zu wegzubaggern. Sollte das nicht klappen, steht für Kraneis und Hausner eines jedenfalls fest: Für ihren Ort werden sie bis zum Ende kämpfen.