Polizeigewalt in den USA: Ihr Sohn könnte der Nächste sein

Polizeigewalt trifft in den USA besonders häufig Schwarze Männer. Jon Henry hat Mütter fotografiert, die um das Leben ihrer Söhne fürchten.

Die Schwarzen Mütter blicken direkt in die Kamera. In ihren Armen oder zu ihren Füßen liegen ihre Söhne – leblos, ohne Schuhe und mit nacktem Oberkörper. Manche sind bereits erwachsene Männer, andere kaum alt genug, um zur Schule zu gehen. Die Szenerie ist angelehnt an die Pietà, das Vesperbild Marias, die den Leichnam Jesu im Schoß trägt.

Mütter stehen im Fokus des Fotoprojekts Stranger Fruit des Brooklyner Künstlers Jon Henry zu rassistischer Polizeigewalt gegen Schwarze. Wenn Proteste vorbei und Gerichtsprozesse abgeschlossen sind, seien sie es, die zurückblieben und fortan ohne ihre Kinder leben müssten, so Henry. Stranger Fruit sei eine Reaktion auf die sinnlosen Morde an Schwarzen Jungen und Männern und der Schwarzen Community.

Die Söhne der Frauen auf Jon Henrys Fotos sind nicht tot. Aber die Mütter wissen um die Gefahr für ihre Familien. Darum, dass dieses Schicksal genauso ihres sein könnte, dass auch ihre Schwarzen Söhne jeden Tag getötet werden können. Und so sollen die Aufnahmen auch keine Tode nachstellen, sondern vielmehr die allgegenwärtige Angst davor zeigen, die Schwarze Mütter nicht loslässt. In ihren Blicken liegen Trauer und Anklage.

Eine der häufigsten Todesursachen für Schwarze Männer in den USA: von der Polizei getötet werden

Schwarze US-Bürger*innen sind überproportional von Polizeigewalt betroffen. Dem Datenprojekt Mapping Police Violence zufolge wurden 2020 bisher 897 Menschen in den USA von Polizeikräften getötet (Stand: 28.10.2020). 28 Prozent der Getöteten waren Schwarz, dabei machen Schwarze Menschen nur 13 Prozent der US-Gesamtbevölkerung aus. Für Schwarze Männer in den USA ist es laut einer Studie eine der häufigsten Todesursachen, von Polizist*innen getötet zu werden.

Jon Henry begann sein noch laufendes Fotoprojekt Stranger Fruit 2014 – in dem Jahr, in dem der 18-jährige Michael Brown in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri von einem weißen Polizisten erschossen wurde. Im selben Jahr starben auch der 43-jährige Eric Garner in Staten Island, New York und der 12-jährige Tamir Rice in Cleveland, Ohio infolge rassistischer Polizeigewalt. Ihre Tode ließen die Black-Lives-Matter-Bewegung erstarken, so wie zuletzt der Tod von George Floyd Ende Mai 2020.

„Ich habe Angst. Tyler könnte der nächste Hashtag sein.“

Jon Henry fotografierte die Mütter in ihrem Umfeld und bat sie im Anschluss, ihre Gedanken zu teilen. „Mein Sohn konnte aufstehen und sich seine Kleidung wieder anziehen. Ich fühle mich schuldig, erleichtert zu sein, dass es nur ein Foto ist, denn für andere ist es Realität“, schreibt eine von ihnen. „Ich habe Angst. Tyler [Anm. d. Red.: der Name ihres Sohnes] könnte der nächste Hashtag sein.“

Der Titel des Fotoprojekts ist eine Anlehnung an den Protestsong Strange Fruit über Lynchmorde an Schwarzen US-Bürger*innen in den Südstaaten. Das Lied schrieb Abel Meeropol, Schriftsteller und Sohn russisch-jüdischer Immigrant*innen in den 1930er-Jahren. Es wurde vor allem durch die Versionen der Sängerinnen Billie Holiday und Nina Simone bekannt. Meeropol beschreibt darin tote Schwarze Körper, die wie „merkwürdige Früchte“ von den Pappeln hängen:

Southern trees bear a strange fruit
Blood on the leaves and blood at the root
Black bodies swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees.

Außerdem auf ze.tt: Black Lives Matter Germany – wenn Schwarze Leben nicht zählen

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