Post aus dem Todestrakt: Diese Frauen pflegen Brieffreundschaften mit Inhaftierten

Zwei Frauen schreiben sich seit Jahren Briefe mit zum Tode verurteilten Männern. Sie berichten von ihrer ungewöhnlichen Freundschaft mit Ablaufdatum und wie es ist, das letzte Telefonat vor der Hinrichtung zu führen.

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Zwei Frauen schreiben regelmäßig mit Männern, die im Gefängnis sitzen. Fotos: Maximilian Heinrich / Fotostudio Rerich

In 60 Minuten wird Robert Pruett tot sein. So will es das Gesetz. Hingerichtet durch eine Giftspritze. Ein letztes Telefonat darf er vorher führen, mit Daniela Steiner aus der Nähe von Osnabrück. Jahrelang haben beide eine Brieffreundschaft gepflegt. An diesem 12. Oktober 2017 wird sie enden.

„Ich hab gedacht, ich krieg einen Herzinfarkt. Ich hatte solche Angst“, sagt die 40-Jährige. „Ich dachte, ich habe nur noch dieses Gespräch, das darf ich nicht vermasseln.“ Es folgte ein für Steiner völlig surreales Gespräch. „Als würde man bei der Telekom anrufen.“ Denn die Abschiedstelefonate sind streng geregelt.

Schon vorher wird die genaue Uhrzeit ausgemacht. Das Gespräch darf maximal 15 Minuten dauern. „Ich war dann erst mal in einer Schleife und musste zwei Personen meine Daten durchgeben, um zu bestätigen, dass ich am Telefon bin“, erinnert sich Steiner, die an diesem Tag zum ersten und letzten Mal mit Pruett sprechen durfte. „Vorher habe ich tagelang hin- und herüberlegt, was ich sagen soll und irgendwann entschieden, dass es eine Herzens- und keine Kopfsache sein soll“, sagt die Sozialversicherungsfachangestellte.

Robert Pruett war ihr über die Jahre ans Herz gewachsen. Als Komplize in einem Mordfall wurde er als 15-Jähriger zu 99 Jahren Haft verurteilt, kam ins Gefängnis. 1994 wurde er als 20-Jähriger zum Tode verurteilt, weil er einen Justizvollzugsbeamten getötet haben soll. Der Fall sorgte damals für Aufsehen, zahlreiche Medien berichteten und kommentierten den Fall. Pruetts Hinrichtung ist fünfmal aufgeschoben worden, eindeutige Beweise gegen ihn fehlten. Bis zuletzt beteuerte Pruett seine Unschuld.

Verabschiedet haben Daniela Steiner und er sich in ihrem letzten Telefonat nicht, sondern sagten, sie würden sich irgendwann wiedersehen. „Sein Tod hat mich verändert“, sagt sie heute. Sie hat nie wieder einen seiner Briefe in die Hand nehmen können, sie aber behutsam in einer kleinen Box aufgehoben. Nach der Hinrichtung spürte sie Leere und Entsetzen, hatte eine Panikattacke, brachte kaum einen Bissen herunter und konnte nachts nicht schlafen. „Gerechnet hatte ich mit diesen körperlichen Reaktionen nicht“, sagt sie.

Die Brieffreundschaft hat ihr der Verein Initiative gegen die Todesstrafe vermittelt. „Die Todesstrafe gehört abgeschafft, die Isolationshaft im Todestrakt ist furchtbar“, sagt Steiner. „Mit meinen Briefen kann ich zumindest Trost spenden und das Fenster zur Außenwelt sein.“

Wo auf der Welt die Todesstrafe vollstreckt wird

In 58 Ländern der Welt wird die Todesstrafe aktuell vollstreckt. In 29 weiteren Ländern wurde sie zwar in den letzten zehn Jahren nicht angewendet, sie existiert aber noch. Amnesty International verzeichnete im vergangenen Jahr 690 Hinrichtungen in 20 Ländern – ein Rückgang von 31 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Die meisten Hinrichtungen fanden im Iran, in Saudi-Arabien, Vietnam und im Irak statt. Nicht eingerechnet sind die geschätzt Tausenden von Hinrichtungen, die in China durchgeführt wurden, wo Daten über die Anwendung der Todesstrafe als Staatsgeheimnis gelten.

Mehr als 2.500 neue Todesurteile wurden 2018 in 54 Ländern gefällt. Weltweit saßen mehr als 19.000 Menschen in Todeszellen. Ihnen droht der Tod durch Enthaupten, Erhängen, Erschießen, den elektrischen Stuhl oder die Giftspritze. Zum Tod durch Steinigen wurden zwei Menschen im Iran verurteilt.

In rund 20 der 50 US-Bundesstaaten gab es die Todesstrafe zuletzt nicht mehr. Doch Präsident Donald Trump will nun einen anderen Weg gehen. Das Justizministerium kündigte an, erstmals nach 15 Jahren die Todesstrafe wieder auf Bundesebene vollstrecken zu wollen. Die Exekution von fünf Häftlingen soll demnach bereits im Dezember und Januar stattfinden.

Ich bin gegen die Todesstrafe, unabhängig davon, welche Tat jemand begangen hat.

Daniela Steiner

Daniela Steiner schreibt in ihren Briefen von ihrem Alltag. Die Häftlinge von ihrem früheren Leben, zum Beispiel auf welche Partys sie gingen und welche Musik sie hörten, und davon, was sie machen würden, wenn sie aus dem Gefängnis entlassen werden würden. Steinert pflegt mehrere Brieffreundschaften – auch mit einem Mörder, der seine Tat gestanden hat.

„Anfangs habe ich schon gedacht, hoffentlich ist es kein Serienmörder oder jemand, der eine ganz brutale Tat begangen hat“, erinnert sie sich. Doch dann entschied sie, ihr Engagement unabhängig von der Schuldfrage zu sehen. „Ich bin gegen die Todesstrafe, unabhängig davon, welche Tat jemand begangen hat“, sagt sie. Als sie den ersten Brief zu schreiben begann, hatte sie nur den Namen und entschied sich dagegen, danach zu googeln.

So ging es auch Anika Landsteiner aus München, die seit eineinhalb Jahren ihrem Brieffreund im Todestrakt schreibt. „Ich wollte ihm die Möglichkeiten geben, dass er selbst davon berichtet, wenn er das möchte.“ Den Kontakt hat ihr der Verein Lifespark vermittelt. Die 32-Jährige findet: „Klar sitzen im Gefängnis auch absolute Monster, die nicht mehr in die Gesellschaft integriert werden können.“ Das gebe jedoch nicht das Recht, sie zu töten. „Die Todesstrafe folgt dem Auge-um-Auge-Prinzip und sinnt auf Rache. Viele Hinterbliebene sagen nach der Hinrichtung, dass sie sich Erlösung erhofft hatten und diese nicht eingetroffen ist“, findet Landsteiner.

Ihr Brieffreund Richard* ist für den Mord an seiner zweijährigen Tochter zum Tode verurteilt worden. Er gab vor Gericht an, sich aufgrund eines Drogenrausches in dieser Nacht an nichts zu erinnern. Er habe sie morgens bewusstlos gefunden, brachte sie in die Notaufnahme. In seinen Fall kam zuletzt Bewegung. „Das ist wie ein Krimi: Im August sind Beweismittel aufgetaucht, die 20 Jahre lang verschwunden waren“, erzählt Landsteiner. „Tatsächlich gibt es auch einige Lücken im Verfahren.“ Richard hoffe nun, seine Unschuld beweisen zu können und freigesprochen zu werden. Aber bis sein Fall neu aufgerollt und entschieden ist, könnten noch viele Jahre vergehen.

Die Häftlinge im Todestrakt leiden unter schlimmen Bedingungen

Auch Anika Landsteiner erzählt in ihren Briefen von sich und ihrem Leben. Richard freue sich über den „Kontakt nach draußen“. Im Todestrakt zu sitzen, sei ein Stigma, viele Bekannte und Freund*innen hätten sich abgewandt. Und die Haftbedingungen im Todestrakt seien hart, in Texas besonders. „Richard sagt oft, er will nicht davon erzählen, um mich nicht zu belasten“, so Landsteiner.

Einblicke hat er ihr dennoch gegeben. „In der Haft ist er Schlafentzug ausgesetzt, wenn die Vollzugsbeamten nachts laut sind, auch Bedrängung und Schikane durch Beamte erlebt er beim Duschen“, sagt Landsteiner. Seine Zelle sei sechs Quadratmeter groß, nur eine Pritsche und ein Klo stünden darin. Zwei- bis dreimal pro Woche dürfe er in den Hof. Wenn allerdings eine Exekution anstehe oder ein Virus grassiere, dürften die Häftlinge mitunter wochenlang ihre Zelle nicht verlassen.

„Das ist ein tierisches Hausen“, findet Landsteiner. An manchen Tagen bekäme Richard kein Essen. Die Gefangenen dürften nicht arbeiten, um Geld zu verdienen. Selbst unbeschriebene Grußkarten dürften sie nicht weiterverwenden. Sie überweist ihm ab und an zehn Euro, damit er sich Briefpapier und Briefmarken kaufen könne.

Mitunter verliebten sich sogar Briefeschreiberinnen in Häftlinge

„Die Zustände sind entwürdigend. Wenn es nicht bitterer Ernst wäre, würde man sagen, es hört sich an wie eine Netflix-Serie“, sagt Daniela Steiner. Manche ihrer Brieffreunde berichteten von Kämpfen unter Häftlingen, die unterschiedlichen Gangs angehörten. Verletzte könnten nicht zum Arzt, weil sie das bezahlen müssten und kein Geld hätten. In Texas sei den Gefangenen in der Isolationshaft bis zur Hinrichtung kein sogenannter Kontaktbesuch erlaubt: also keine Berührung, keine Umarmung. „Nicht einmal die eigene Mutter darf sich richtig verabschieden. Das ist doch grausam. Möglich sind nur letzte Worte über den Telefonhörer, voneinander getrennt durch eine Glasscheibe.“

Einen Ausweg aus der Einsamkeit bieten die Brieffreundschaften. 500 bis 600 Kontakte pro Jahr vermittelt der Verein Initiative gegen die Todesstrafe, der sich für dieses Thema auch parteiunabhängig politisch engagiert und Aufklärungsarbeit leistet. Nicht selten endet der Briefkontakt allerdings nach kurzer Zeit wieder. „Wir bitten immer, dass sich Interessenten zuerst gut überlegen, ob sie dauerhaft Zeit dafür haben und sie psychisch in der Lage sind, damit umzugehen“, sagt Gabi Uhl, Vorsitzende des Vereins.

Viele wussten gar nicht, dass es die Brieffreundschaften gibt.

Anika Landsteiner

Das Leben draußen ändere sich deutlich häufiger als das der Gefangenen in Isolationshaft. Manchmal litten auch die Gefangenen unter depressiven Phasen und hörten auf zu schreiben. Die Deutschen, die diese Brieffreundschaften pflegen, sind meist 18 bis 30 Jahre alt und laut Verein in 95 Prozent der Fälle Frauen. Mitunter verliebten sich sogar Briefeschreiberinnen in Häftlinge. Die Wissenschaft bezeichnet es als Hybristophilie oder Bonnie-und-Clyde-Syndrom, wenn sich Frauen in Straftäter verlieben. „Das kommt bei unseren Brieffreundschaften aber äußerst selten vor“, stellt Uhl klar. Doch Freundschaften entstünden. Manche besuchten ihre Brieffreunde im Gefängnis oder kämen sogar zur Hinrichtung.

„Aktuell kann ich mir das nicht vorstellen“, sagt Anika Landsteiner. Aber sie werde Richard bis zum Schluss schreiben. Der Anfang ihrer Brieffreundschaft verlief nicht ohne Hindernisse. Sie bekam fünf Wochen lang keine Antwort. Der Postversand in die USA dauert. Dann würden die Briefe im Gefängnis gelesen, sortiert und „nach Lust und Laune ausgegeben“, wie sie heute weiß.

In ihrem Umfeld hat sie bislang nur positive Reaktionen erlebt: „Viele wussten gar nicht, dass es die Brieffreundschaften gibt. Manche meinten, sie wüssten nicht, ob sie das könnten, aber negativ reagiert hat keiner. Und keiner war für die Todesstrafe.“ Für Landsteiner ist die Brieffreundschaft ein Einblick in eine andere Welt – und sie ist sich ihrer eigenen Freiheit bewusst: „Dadurch weiß ich, was ich für ein Glück und für eine Freiheit habe, in einem Land zu leben, in dem es keine Todesstrafe gibt.“

*Name von der Redaktion geändert.