Postpartale Depression: Warum diese Erkrankung mehr Öffentlichkeit braucht

Nach einer Geburt leiden viele Mütter an einer postpartalen Depression. Was ist der Unterschied zum Babyblues und warum ist das Thema in der Öffentlichkeit so wenig bekannt? Unsere Autorin hat ihre erkrankte Schwester begleitet.

Wenn alles zu viel wird, auch das Baby. Foto: Jordan Whitt / Unsplash | CC0


Es war einer der vielen schwülen und heißen Sommertage, als ich meine Schwester zu ihrer Gynäkologin begleitete, damit diese sie an eine psychiatrische Klinik überwies. Meine wunderbare, kluge Schwester, immer ein Vorbild für mich, war plötzlich nur noch ein Schatten ihrer selbst, denn sie war kürzlich Mutter geworden und fühlte sich dieser Aufgabe einfach nicht gewachsen. So sehr hatten wir uns auf Johanna* gefreut, so sehr ihre Geburt erwartet. Doch als Johanna einmal da war, fühlte Laura* sich nicht mehr euphorisch, nicht mehr überglücklich. Denn Laura hatte eine postpartale Depression.

„Es war, als würde permanent eine dunkle Wolke auf mich niederdrücken. Ich wollte nicht mehr zu Hause sein, ich wollte rausgehen. Aber wenn ich draußen war, dann habe ich auch die ganze Zeit nur gegrübelt. Ich war sehr antriebslos und habe immer gedacht: ‚Was macht das jetzt alles noch für einen Sinn? Was macht das Kochen für einen Sinn, was macht Spazierengehen für einen Sinn?‘ Und ich habe gedacht: ‚Mein Leben ist zu Ende. Mein Leben ist nicht mehr lebenswert.‘“

Vom Babyblues zur postpartalen Depression

Schon in den Wochen zuvor hatten wir befürchtet, dass es sich bei Lauras Gemütszustand nicht nur um den bekannten Babyblues handelt. „Babyblues ist ein Stimmungstief nach der Geburt, etwa 50 bis 80 Prozent kommen in diese Phase. Man ist reizbar, müde, empfindlich, aber in aller Regel geht die Phase relativ schnell vorbei und sollte nicht länger als 14 Tage andauern. Das ist ganz normal“, erklärt Dorothee Roeb-Flemming, Psychotherapeutin von den Frühen Hilfen, einer Anlaufstelle für junge Familien des Kinderschutzbundes Aachen. „Ganz normal“, sagten auch viele Verwandte. „Nach der Geburt fühlt sich doch jeder erstmal kaputt. Das geht vorbei.“ Aber es ging nicht vorbei. Es wurde nur schlimmer.

„Mit der Verantwortung habe ich nicht gerechnet. Und ich war ganz sicher nicht schlecht auf das Muttersein vorbereitet. Es hat mich trotzdem überrannt. Ich konnte irgendwann nicht mehr richtig schlafen und hatte Zukunftsängste. Ich habe nur noch die schlechten Dinge im Leben gesehen. Es gab nichts Schönes mehr.“

Bei Laura half ein Selbsttest, die Edinburgh-Postnatal-Depressions-Skala: Er fragt nach dem Gemütszustand der letzten sieben Tage und bewertet die Antworten mit Punkten. „Der Selbsttest ist zwar nicht maßgeblich, aber er kann eine Diagnose deutlich erleichtern. Bei mehr als zwölf Punkten sollte man auf jeden Fall mit einer Fachperson sprechen“, bestätigt Sarah Constance Firk von pro familia in Aachen. Typische Fragen sind etwa: Wie unglücklich war ich? War ich oft überfordert? Habe ich den Gedanken gehabt, mir selbst Schaden zuzufügen? Nachdem Laura den Test gemacht hatte, war klar: Sie braucht Hilfe. Eine Woche später war es so weit. Laura war am Tiefpunkt, sie wollte nicht mehr zurück nach Hause und brauchte externe Hilfe. Also gingen wir zu ihrer Gynäkologin. Ich war erschrocken. Nie habe ich mir solche Sorgen um meine Schwester gemacht, nie war sie so angreifbar wie an diesem Tag, nie hat sie so dringend Hilfe gebraucht.

Früh um Hilfe bitten

Mit einem gebrochenen Bein gehen wir direkt ins Krankenhaus, mit einer kranken Seele eher nicht. „Was für uns wirklich wichtig ist, ist, dass die betroffenen Mütter sich so früh wie möglich Hilfe suchen. Je früher die Diagnose gestellt werden kann, desto schneller können wir reagieren und mit einer Therapie beginnen“, sagt Roeb-Flemming. 10 bis 20 Prozent aller Mütter erkranken an PPD, es wird davon ausgegangen, dass viele gar nicht behandelt werden.

Die geringe öffentliche Aufklärung ist sicher mit ein Grund, warum viele Eltern keine Beratung suchen. Sie kommt sowohl in Schwangerschaftsratgebern als auch in gängigen Geburtsvorbereitungskursen zu kurz. Doch wie soll man nach Hilfe fragen, wenn man die Symptome nicht richtig deuten kann? Es scheint eher, als würden viele Mütter nicht gerne zugeben, dass sie mit der neuen Situation überfordert, dass sie ihr nicht gewachsen sind. Doch mal ehrlich: Niemand ist auf diese Welle an Verantwortung wirklich vorbereitet. Stattdessen haben Mütter das Gefühl, man müsste alles alleine auf die Reihe kriegen, das wird schon, da muss man nun mal durch.

Ja, da muss man durch. Aber sicher nicht alleine. Informationen gibt es bei der Organisation Schatten und Licht. Darüber hinaus gibt es kostenlose Beratungsangebote wie pro familia und die Frühen Hilfen. Erstere agiert eher als Beratungsstelle, auch in anderen Bereichen rund um das Thema Familie, während die Frühen Hilfen ein Angebot für alle Eltern mit kleinen Kindern bis zum dritten Lebensjahr sind. Durch das Netzwerk Frühe Hilfen kann sowohl die medizinische als auch die psychotherapeutische Versorgung sichergestellt werden, individuell abgestimmt, längerfristig, aber auch in akuten Notfällen.

Erst jetzt, im Nachhinein, sehen viele, was ich da durchgemacht habe.

Viele kennen sich mit der Krankheit einfach nicht aus. Wer in diesem Zustand vor allem Fragen begegnet wie: ‚Was soll das eigentlich sein? Bist du dir sicher, dass du so etwas hast?‘, hat es doppelt schwer. Andere Eltern erinnern sich auch an eine anstrengende Anfangszeit, können sich aber nicht vorstellen, dass man nach der Geburt daran psychisch erkranken kann. Dafür gibt es kein Verständnis. Auch nach der Diagnose gab es in meinem persönlichen Umfeld noch gemischte Reaktionen. Viele konnten das erstmal nicht verstehen, einige Menschen haben zwar auch verständnisvoll reagiert, aber es gab kein großes Bewusstsein dafür, dass es diese Krankheit gibt. ‚Du hast Schlafmangel, du musst dich nur an das neue Leben gewöhnen. Meine Schwester sagt: „Erst jetzt, im Nachhinein, sehen viele, was ich da durchgemacht habe.“

„Warum gerade ich?“

Jede Mutter kann an einer postpartalen Depression erkranken. Bei jedem Kind, dem ersten, dem zweiten, dem dritten. Allerdings können einige Faktoren das Risiko erhöhen. „Frauen, die schon früher an Depressionen gelitten haben, können schon in der Schwangerschaft mit Psychotherapie entgegenwirken“, rät Roeb-Flemming. „Eine traumatische Geburt kann ein Auslöser sein, ebenso wie die hormonelle Umstellung nach der Geburt oder eine Schilddrüsenerkrankung.“ Auch das personelle Umfeld spielt eine große Rolle. Eine konfliktreiche Paarbeziehung, Umbrüche in der Lebenssituation wie ein Umzug oder Jobwechsel sind nur einige Beispiele. Sie alle können ausschlaggebend sein – müssen es aber nicht. Die Expertinnen von pro familia sind sich einig, dass die werdenden Eltern vor der Geburt genügend aufgeklärt, dadurch aber nicht in Angst und Schrecken versetzt werden sollen.

Bei der Entstehung einer postpartalen Depression ist daher immer die Gesamtkonstellation zu betrachten. Fällt die Mutter einmal in die depressive Spirale, so kann es leicht sein, dass sie Angst bekommt, der Situation nicht mehr gewachsen zu sein. „Wenn man nach der Schwangerschaft von Angst getragen wird und sich nicht mehr von seiner Angst distanzieren kann und auch kein Vertrauen mehr hat, dass sich die Situation wieder einrenkt, dann braucht man definitiv Hilfe“, rät Firk. „Die Mutter-Kind-Interaktion ist nun einmal geprägt von Sprache, Affekt und körperlicher Berührung und wenn diese Interaktion von Passivität geprägt ist, zieht sich auch der Säugling zurück und reagiert zum Beispiel mit häufigem Weinen.“ Dadurch bekommt die Mutter wiederum das Gefühl vermittelt, sie sei keine gute Mutter. Und das stimmt nun mal nicht.

„Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt. Auch Dinge, die gut geklappt haben, wie Stillen oder Wickeln, konnte ich nicht sehen. Ich habe nur noch gedacht, ich schaffe das nicht, ich bin keine gute Mutter. Ich habe mir nie viele Gedanken um ein besonderes Mutterideal gemacht, aber unbewusst wollte ich natürlich die perfekte Mutter sein.“

Wie oft ich ihr auch sagte, dass sie alles gut mache und auch, dass es Johanna gut gehe, es half nichts. Ich war verzweifelt. Warum fiel es anderen Müttern in Lauras Freundeskreis scheinbar so leicht, sich in die Mutterrolle zu finden und ihr so schwer? Sie war doch immer diejenige, die in allem praktisch perfekt gewesen war. Nach einem ausgezeichneten Abitur folgten Studium und Verbeamtung. Ihren Job als Lehrerin konnte sie im Grunde mit links erfüllen. So stellte sich schnell die Frage: Warum bekomme ich nur das hier nicht hin?

Roeb-Flemming hat dafür eine Erklärung. „In den vergangenen Jahren kamen verstärkt Frauen mit postpartaler Depression auf uns zu, die der Bildungsschicht angehörten, gut im Leben eingebunden und beruflich erfolgreich waren. Diese Frauen hatten ihr Leben bisher gut im Griff. Und dann erfahren sie einen Kontrollverlust, wenn das Baby da ist. Auf einmal bestimmt das Kind den Alltag, krempelt das Leben um.“

Das Baby ist keine Maschine, die genauso funktioniert, wie die Eltern es wollen.

Hinzu kommt, dass viele Frauen immer noch einem unerfüllbaren Mutterideal hinterherjagen, einer perfekten, topfitten, makellosen Übermutter, die die neue Situation schon zwei Tage nach der Geburt voll im Griff hat und deren Kind glücklicher ist als alle anderen. Die Ansprüche sind hoch. Das Kind schreit? Fütter es. Wickel es. Trag es. Es muss schlafen.

Dabei darf man das Mama-Sein am Anfang doch schwierig finden. Und auch, wenn man es bisher anders gewohnt gewesen war: Das Baby ist keine Maschine, die genauso funktioniert, wie die Eltern es wollen. Es gibt diese Nächte, da schreit das Baby öfter, es gibt diese Tage, da schläft es kürzer – aber das ist alles in Ordnung. Mütter leisten in der Regel eine großartige und aufopferungsvolle Arbeit. Da darf keiner kommen, mit dem Finger auf sie zeigen und sagen: Du bist eine schlechte Mutter. Wer hat die Situation schon direkt im Griff? Wichtig ist, nicht nur für einen selbst, sondern auch für das Baby und die ganze Familie, dass man sich Hilfe holt und sich Gehör verschafft, wenn die Belastung nach der Geburt zu groß ist.

Und für die Väter gilt: Man nennt es vielleicht nicht unbedingt postpartale Depression, wenn sie sich nach der Geburt des Kindes schlecht fühlen. Aber auch für Väter ist die Geburt ein einschneidendes Erlebnis, auch für sie ändert sich der Alltag in erheblichem Maße. Dass Väter also auch in eine depressive Phase fallen können, ist daher nicht verwunderlich. Der Vater hat ebenso mit gesellschaftlichen Leistungsansprüchen zu kämpfen, deren Ideal oft fern jeglicher Realität liegt. Daher muss der Vater auch nicht immer nur Stärke zeigen. Stattdessen muss eine Aufklärung über die postpartale Depression für beide Elternteile erfolgen, nicht zuletzt, weil sie neben der Geburt eine harte Belastungsprobe für die Beziehung darstellen kann.

Die postpartale Depression darf kein Tabuthema mehr sein. Eltern müssen sich trauen dürfen, ihre Ängste nach außen zu tragen und die Erwartungshaltung an das eigene Können herunter zu schrauben. Und umso wichtiger ist es, gerade den Personen mit dieser Erkrankung mehr Gehör zu verschaffen, damit sie bei anderen awareness, also ein Bewusstsein für die eigene Situation, schaffen können.

Stark sein durch das Zeigen von Schwäche

Im Alexianer Krankenhaus Aachen, an das sie ihre Gynäkologin überwiesen hatte, hatte meine Schwester Glück. Es gab zwar leider nicht, wie in vielen anderen Städten, eine Eltern-Kind-Station in der Psychiatrie, stattdessen aber zwei Plätze für junge Mütter, die an einer postpartalen Depression erkrankt sind und sich nicht von ihren Neugeborenen trennen möchten. Johanna wohnte also ab ihrer sechsten Lebenswoche mit Laura während ihres stationären Aufenthalts im Krankenhaus. Damit waren beide zwar erst einmal von Mann und Vater getrennt, und doch habe ich meine Schwester nie so erleichtert gesehen wie in dem Moment, als sie merkte: Ich bin krank und jetzt bekomme ich endlich Hilfe.

Es wird wieder besser, egal wie schlecht es euch gerade geht.

Mittlerweile ist Johanna fünf Monate alt, sie ist ein Sonnenkind, und Laura sagt von sich: „Ich bin wieder gesund.“ Etliche Stunden Psychotherapie und eine Einstellung auf leichte Antidepressiva später sind beide wieder glücklich zu Hause. Während der Krankheit hat Laura nicht daran geglaubt, dass es ihr jemals wieder gut gehen wird. Aber so ist es und genau das ist es, was sie allen Eltern mit auf den Weg geben möchte: „Es wird wieder besser, egal wie schlecht es euch gerade geht.“

Mein Bild von meiner Schwester hat sich durch die Krankheit ein wenig verändert. Sie ist immer noch meine wunderbare, kluge Schwester, mein großes Vorbild. Hinzu kommt aber, dass sie jetzt auch noch eine großartige, liebende Mutter ist. Sie hatte das Glück, auch nach ihrer Zeit im Krankenhaus Unterstützung von ihrem familiären Umfeld zu bekommen. Ihr Mann war dabei wohl ihre größte Stütze. Trotzdem musste sie aus der Situation ein Stück weit alleine wieder herausfinden, was mir zeigt, wie stark sie ist. Sie ist der stärkste Mensch, den ich kenne. Sie war stark in einer schwierigen, herausfordernden Zeit. Sie war stark, weil sie sich Gehör verschaffte und Hilfe suchte. Sie war stark, indem sie Schwäche zeigte.

*Namen geändert