Postpartale Depression: „Ich spürte diese Bindung zwischen Mutter und Kind nicht“

Kinder sind das größte Glück und Muttersein ist erfüllend, so heißt es. Was geht in einer Mutter vor, die sich eingestehen muss, dass sie ihr eigenes Kind nicht liebt?

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„Scham und Schuldgefühle bestimmen mein Leben." Foto: Jasmine Hana Otto / Unsplash | CC0

Der folgende Artikel thematisiert Suizidgedanken. Wenn du selbst betroffen bist, erhältst du unter 0800-1110111 oder online kostenlose Hilfe von Berater*innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.


Er schreit. Schon wieder. Ich spüre, wie sich mein Körper anspannt und ich wütend werde. Ich will das gar nicht, aber ich kann diese Reaktion nicht steuern. Ich habe ihn doch gerade erst gefüttert und gewickelt, warum schreit er schon wieder? Ich spüre, wie die Wut weiter in mir aufsteigt. Das kenne ich schon. Ich versuche, das Gefühl zu unterdrücken. Verdammt, das macht das Kind doch mit Absicht! Nein, es ist ein Baby, es macht nichts mit Absicht, bete ich mir immer wieder vor.

Warum liebe ich es nicht? Wieso habe ich es überhaupt bekommen? Diese Gedanken schießen mir durch den Kopf. Hör gefälligst auf, so zu denken, verdammt, ein Kind ist ein großes Glück. Du musst es lieben, weist mich ein Teil von mir sofort zurecht. Den kenne ich schon, es ist der Teil, der es immer allen recht machen will. Ich bin die schlechteste Mutter der Welt, mischt meine innere Kritikerin auch noch mit. Hoffentlich merkt niemand, dass ich eine solche Versagerin bin. Schnell lächeln, ihm über den Kopf streichen, so tun als ob.

Das ist der Kampf, der in meinem Inneren tobt. In jeder Sekunde, an jedem verdammten Tag, denn ich leide an einer postpartalen Depression, umgangssprachlich auch Wochenbettdepression genannt. Scham und Schuldgefühle bestimmen mein Leben. Ich spürte nicht diese magische Bindung zwischen Mutter und Kind, die immer und überall propagiert wird. Spürte nur Ablehnung und Widerwillen. Ich fühlte mich so allein. Ich hielt ein Neugeborenes in meinen Armen und doch fühlte ich mich nie einsamer, nie verlassener. Wollte es nie wahrhaben und unter allen Umständen verheimlichen. Es heißt, dass zehn bis 15 Prozent aller Mütter von Neugeborenen an einer postpartalen Krise leiden. So viele Schicksale. Die meisten gekennzeichnet von einem nicht enden wollenden Kreislauf negativer Gedanken und nicht zu kontrollierenden Gefühlen wie Wut und Hass. Die dann zu überwältigenden Schuldgefühlen führen. Und nicht zu unterschätzen ist der enorme Druck, diese Hölle nach außen hin als das Paradies zu präsentieren. Denn das ist es, was die Gesellschaft erwartet: Eine Mutter muss ihr Kind und das Muttersein lieben.

Ich bin die schlechteste Mutter der Welt

Was aber, wenn wir Mütter diese Anforderungen nicht erfüllen können? Denn egal, wie sehr wir es uns wünschen, Gefühle lassen sich nicht erzwingen und nur zu einem sehr kleinen Teil kontrollieren. Wir sind gefangen in einem Zustand der völligen Überforderung, geboren aus einer tief verdrängten Ablehnung gegen die schiere Existenz des Kindes. Diese Ablehnung wird wiederum von übermächtigen Schuld- und Versagensgefühlen befeuert; daraus resultiert eine ständige, allumfassende Selbstabwertung. Dieser Teufelskreis ist so übermächtig, wir können nicht entkommen. Empfinden völlige Hilflosigkeit. Die Gewissheit, dass wir in dieser Situation verbleiben müssen, und sich auf absehbare Zeit daran auch nichts ändern wird, ist niederschmetternd. Jetzt hat man das Kind die nächsten 20 Jahre wie einen Mühlstein um den Hals hängen. Solche Gedanken führen zu weiteren Schuldgefühlen. Welche gute Mutter würde sich jeden verdammten Tag wünschen, dass ihr Kind lieber gar nicht auf die Welt gekommen wäre? Es verging kaum ein Tag, an dem ich mir nicht wünschte, ich wäre tot.

Auch wenn ich mir passiv gewünscht habe, ich wäre tot, habe ich nie aktiv daran gedacht. Ich weiß, dass ich Glück hatte, denn Suizid kommt unter den Betroffenen von postpartalen Depressionen leider auch vor. Heute glaube ich, dass dieser passive Todeswunsch ein Ausdruck des Leidens war, das zu übermächtig geworden ist. Ich hätte schon lange, bevor es soweit kam, Hilfe gebraucht, das weiß ich jetzt. Oft können Betroffene jedoch nicht zugeben, dass sie überhaupt betroffen sind. Das galt auch für mich. Ich hielt mein Problem für eine Charakterschwäche, hielt mich für selbstsüchtig. Schließlich verübelte ich meinem Kind, dass es lebte, und mich davon abhielt, meine eigentlichen Ziele und Wünsche zu verfolgen.

Welche gute Mutter würde sich jeden verdammten Tag wünschen, dass ihr Kind lieber gar nicht auf die Welt gekommen wäre?

Ich begann mich komplett von meiner Umwelt abzuschotten. Jeder Ausflug nach draußen wurde zum Spießrutenlauf. Die Angst, das Kind könne im Wagen schreien, und ich könne es nicht beruhigen, sodass die Leute sofort sehen, dass ich unfähig bin, führte zu einer extremen Vermeidungshaltung. Wenn ich die Chance hatte, das Kind jemandem abzugeben, Vater oder Oma zum Beispiel, ergriff ich sie sofort, ohne zu zögern und mit einem stillen Dankgebet. Niemand hätte je erfahren dürfen, dass ich mein Kind nicht liebte und mich nicht um es kümmern konnte – und auch gar nicht wollte.

Ich sah die Angst in seinen Augen und auf einen Schlag änderte sich alles

Inzwischen habe ich mir Hilfe gesucht und bin in Therapie. Ich konnte mich selbst und mein Leben nicht mehr ertragen. Vor allem konnte ich aber nicht mehr ertragen, was ich meinem kleinen, unschuldigen, wundervollen Sohn angetan habe, indem ich das Problem vertuscht und damit jegliche Chance von vornherein verhindert habe. Mir wird himmelangst, wenn ich an den Schaden denke, den ich in seiner Seele hinterlassen habe. Die Initialzündung war eine Autofahrt, die ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Ich hatte ihn aus der Krippe abgeholt, ihn auf der Rückbank in seinem Baby-Autositz vorschriftsmäßig angeschnallt und wartete an einer roten Ampel. Seit mehr als zehn Minuten. Er hatte gerade gelernt, sich aus dem Gurt zu wursteln, und ich hatte ihm mehrfach gesagt, er dürfe das nicht.

Beim ungefähr sechsten Mal wurde die Wut, die zwar immer da war, aber sonst unterdrückt wurde, zu viel und ich brüllte meinen gerade Zweijährigen an, schlug mit den Händen aufs Lenkrad und machte ihm solche Angst, dass er sich nicht einmal mehr traute zu weinen. Ich sah die Angst in seinen Augen, sah wie seine Lippen bebten und auf einen Schlag änderte sich alles. Der Anblick meines Sohnes, in so großer Angst, meinetwegen, weil er spürte, dass ich ihn nicht liebte, war zu viel. Es hat mich wachgerüttelt und mir endlich den notwendigen Anstoß gegeben, etwas zu ändern. Noch am selben Abend fasste ich den Entschluss, Hilfe zu suchen, anzunehmen und alles dafür zu tun, meinem kleinen Sohn die Mutter zu sein, die er verdient hatte. Ich begann eine psychiatrische Behandlung und eine Psychotherapie. Beides ist immer noch aktuell, denn es stellte sich schnell heraus, dass die postpartale Depression in meinem speziellen Fall als Komorbidität zu einer Magersucht auftrat, beides bedingt durch eine Borderline-Persönlichkeitsstörung, die seit Jahren mein Leben negativ beeinflusst hatte. Bis zu jenem Tag wusste ich davon nichts.

Wir müssen aufhören, dem Ideal der perfekten Mutter hinterherzujagen

Das soll aber nicht bedeuten, dass nicht auch sonst vollkommen gesunde Frauen an dieser Art der Depression erkranken können. Gerade deshalb ist es so wichtig, das Bewusstsein für diese Krankheit zu erhöhen, und sie vor allem zu enttabuisieren. Dafür müssen wir unbedingt das Bild der idealen Mutter demontieren. Dieses Bild ist unerreichbar. Wir müssen aufhören, diesem Bild hinterherzujagen und uns dabei selbst zu verlieren. Das Streben nach Perfektion ist einer der häufigsten Gründe für eine Depression. Ist ja auch kein Wunder. Man setzt sich selbst Maßstäbe, fernab jeglicher Realität, kann sie natürlich nicht erreichen und ist dann frustriert. Dann werden so nette Stimmen im Kopf laut wie die innere Antreiberin („Streng dich gefälligst noch mehr an!“) oder die innere Kritikerin („Du Versagerin, du bist einfach nur dumm/blöd/faul/hässlich!“) und hauen noch mal drauf. Das Selbstbewusstsein ist im Keller.

Addiert man dann noch die Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung („Nur wenn ich perfekt bin, werde ich geliebt“), erreicht man irgendwann unweigerlich den Punkt, an dem man dem Druck nicht mehr standhalten kann. Wir müssen den Betroffenen mit Mitgefühl und Verständnis entgegnen. Sie müssen offen darüber sprechen dürfen, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Ohne mit Verachtung oder Ablehnung konfrontiert zu werden. Stattdessen brauchen wir Unterstützung und die Rückmeldung, dass es sich wirklich um eine Krankheit handelt, nicht um eine Schwäche. Lange hielt ich mich für schwach, nicht für krank.

Zu sagen, dass ich krank bin, fällt mir auch jetzt noch schwer. Aber zum Glück kann ich immerhin sagen, dass ich begonnen habe, meinen Sohn ehrlich zu lieben. Nicht weil ich muss oder weil das von mir gefordert wird, sondern um seiner selbst Willen. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem ich ihm erklären muss, dass seine Mutter ihn nicht vom ersten Moment an lieben konnte. Aber dieser Tag ist nicht heute. Heute ist der Tag, an dem ich mich einfach darüber freue, dass es ihn gibt.


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Dieser Artikel erschien zuerst auf EDITION F.

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