Pränataldiagnostik: Wir haben eine Ärztin einen Vormittag begleitet

Pränataldiagnostik ist ein Thema, das für viel Diskussionsstoff sorgt. Kritiker*innen bezeichnen die Untersuchungen als Baby-Kino, Befürworter*innen als Recht auf Selbstbestimmung. Wie läuft Pränataldiagnostik in der Praxis ab?

Pränataldiagnostik bedeutet „vorgeburtliche Diagnostik“. Unter diesem Begriff werden Tests zusammengefasst, die gezielt nach Hinweisen auf Fehlbildungen oder Störungen bei ungeborenen Kindern suchen.

Pränataldiagnostik bedeutet vorgeburtliche Diagnostik. Unter diesem Begriff werden Tests zusammengefasst, die gezielt nach Hinweisen auf Fehlbildungen oder Störungen bei ungeborenen Kindern suchen. Foto: Caroline Seidel/dpa

Draußen scheint die Sonne, der Himmel ist tiefblau, ein leichter Wind erfrischt die Luft. Im Untersuchungszimmer sind die Gardinen zugezogen, der Raum abgedunkelt. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Die Patientin umklammert ihren runden Bauch. Frau Plaßmann blickt sie durch ihre Brillengläser an, erklärt ihr mit ruhiger Stimme: „Jetzt pikst es nur ganz kurz“. Doch das, was der Patientin Angst macht, ist nicht der Piks, sondern das Ergebnis des Piks. Das wissen alle im Raum.

Margit Plaßmann ist Fachärztin für Pränataldiagnostik. Ihre Praxis befindet sich im Klinikum der Stadt Dortmund. Pränataldiagnostik bedeutet vorgeburtliche Diagnostik. Unter diesem Begriff werden Tests zusammengefasst, die gezielt nach Hinweisen auf Fehlbildungen oder Störungen bei ungeborenen Kindern suchen. Plaßmann untersucht die Föten unter anderem mit hochauflösendem Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchungen oder Bluttests.

Die Tests sind umstritten. Kritiker*innen sagen, dass die Untersuchungsergebnisse den werdenden Eltern möglicherweise Entscheidungen über ihr Kind abverlangen, die sie nicht treffen können oder wollen. Deswegen führt Plaßmann solche Tests nicht ohne Vorgespräche und -untersuchungen durch. Wir haben die Ärztin einen Vormittag begleitet, um zu sehen, wie ihr Arbeitsalltag aussieht.

9 Uhr: Fruchtwasseruntersuchung

In Dortmund beginnt die erste Untersuchung um 9 Uhr. Während sich die ersten Schwangeren in der Praxis anmelden und Fragebögen ausfüllen, bereitet sich Frau Plaßmann mit den Krankenakten in ihrem Büro zwei Zimmer weiter vor.

Bei ihrer ersten Patientin führt sie eine Fruchtwasseruntersuchung durch. Die Frau wartet schon im Untersuchungszimmer. Sie ist in der 19. Schwangerschaftswoche. Bei ihr wurde ein Gendefekt festgestellt, es besteht eine 50-prozentige Gefahr, dass sie diesen an ihr ungeborenes Kind weitergibt.

Bevor eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt wird, stehen Gespräche mit Ärzt*innen, eventuell auch genetische Beratungen und Ultraschalluntersuchungen an. Erst dann folgt der Piks in die Bauchdecke. Wenn die schwangere Person jünger als 35 Jahre ist, übernimmt die Krankenkasse die Untersuchung in der Regel nicht.

Die Sprechstundenhilfe zieht die Gardinen zu, damit das kleine Herz auf dem 30-Zoll-Bildschirm gut zu sehen ist. Die Patientin legt sich hin, zieht ihr T-Shirt hoch.

Hat die Mutter den Gendefekt an ihr Kind weitergegeben?

Frau Plaßmann beginnt die Lage des Kindes zu bestimmen. Mit beiden Händen tastet sie den Bauch der Patientin ab. Danach beginnt sie mit dem Ultraschall. Die Ärztin kneift die Augen zusammen, macht das Ultraschallbild größer und wieder kleiner. Erst dann führt sie langsam die Nadel in die Bauchdecke ein. Eine gefühlte Ewigkeit bleibt die Nadel im Bauch der Frau, tatsächlich sind es nur sechs Sekunden. Die Spritze füllt sich mit zwölf Millilitern Fruchtwasser. Auf dem Bildschirm sieht die Nadel fast so groß aus wie das Baby. „Ganz ruhig weiteratmen“, sagt Frau Plaßmann und zieht die Spritze raus.

Die Gardinen werden wieder aufgezogen, die Patientin zieht ihr T-Shirt herunter. Die Anspannung bleibt im Raum. Die Sprechstundenhilfe beschriftet die Fruchtwasserprobe, die jetzt in das Labor kommt. Im Fruchtwasser befinden sich viele Zellen des ungeborenen Babys. Zwölf Milliliter reichen aus, um die DNA eines Kindes zu entschlüsseln. Die gibt Auskunft über Erbkrankheiten oder Behinderungen wie Trisomie 21, auch Downsyndrom genannt.

DNA-Analysen sollten so früh wie möglich durchgeführt werden

Für die Familie ist das Ergebnis entscheidend. Wenn das Kind denselben Gendefekt wie die Mutter hat, wollen sie die Schwangerschaft abbrechen. Die Mutter sagt, dass sie das ihrem Kind nicht zumuten möchte. Morgen sind die Ergebnisse des Schnelltests da. Die endgültigen Ergebnisse bekommen sie allerdings erst in zwei Wochen. Dann befindet sich die Frau schon in der 21. Schwangerschaftswoche – über die Hälfte der Schwangerschaft ist dann bereits vorbei.

Plaßmann erklärt dem Ehemann auf Englisch, was mit der Probe passiert und wann die Ergebnisse fertig sind. Die werdenden Eltern leben erst seit Kurzem in Deutschland. Sprachbarrieren mit dem Frauenarzt haben eventuell dazu geführt, dass die Patientin erst jetzt die Untersuchung macht. Eigentlich werden DNA-Analysen so früh wie möglich durchgeführt. Ärzt*innen können dann noch frühzeitig reagieren.

Plaßmann verabschiedet sich von beiden. Das Paar geht raus an die frische Luft. Die Ärztin geht zurück in das Besprechungszimmer und überfliegt bei einem Schluck Kaffee die nächste Krankenakte. Das Wartezimmer ist voller geworden. Manche Stühle sind noch frei, denn viele Patientinnen warten aufgrund ihrer Nervosität im Stehen. Manche sind alleine hier, andere warten mit Partner*innen oder den werdenden Großeltern.

Werdende Eltern sorgen sich um die Gesundheit ihrer Kinder

Ein Besuch in der Pränataldiagnostik ist jedoch alles andere als ein netter Familienausflug. Plaßmanns Erfahrung nach kommt hier niemand wegen der schönen Bilder, die bei den Untersuchungen aufgenommen werden – ein Vorwurf mit dem Frauen, die sich für die Pränataldiagnostik entscheiden, häufig konfrontiert werden. Die Ärztin erklärt, dass der Angstpegel bei den meisten werdenden Eltern relativ hoch sei – oft wurden bereits Auffälligkeiten bei dem Kind festgestellt, bevor die Betroffenen in Plaßmanns Praxis kommen.

Eine Ausnahme ist das Ehepaar Müller*. Beide sitzen sichtlich gelassen im Untersuchungszimmer. Die werdende Mutter ist über 35 Jahre alt und hat deswegen eine Überweisung zur Pränataldiagnostik bekommen. Ihr Mann hat schon eine gesunde Tochter. Auffälligkeiten wurden bei dem ungeborenen Kind bislang keine festgestellt – für das Paar handelt es sich heute also um eine Routineuntersuchung.

Frau Plaßmann zieht die Gardinen wieder zu. Der Raum wird schummrig, der Bildschirm leuchtet hell. Frau Müller zieht das T-Shirt hoch. „Wissen Sie schon das Geschlecht?“, fragt Plaßmann. Die beiden Eltern nicken: „Ja, ein Junge!“ – „Und ein Name steht auch schon fest?“ Plaßmann und das Paar plaudern über Namen und Ausstattungen für das Kinderzimmer. Die Stimmung ist entspannt. Dann bleibt der Blick der Gynäkologin beim Herzen des Jungen hängen. Sie kneift ihre Augen zusammen.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“

Es wird leise. Alle schauen auf den Bildschirm. „Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragt die werdende Mutter. Die Frau soll sich auf die Seite legen. „Das müssen wir nochmal größer machen“, sagt Plaßmann und vergrößert die Abbildung des Herzens. Mit der Ultraschallsonde drückt sie ein bisschen fester in den Bauch, bewegt und dreht ihn minimal. Fünf Minuten betrachtet sie das Herz, wechselt dabei die Perspektive, verkleinert und vergrößert das Bild. Zufrieden mit den Aufnahmen ist sie trotzdem nicht. Das Baby verdeckt mit einer Hand sein Herz.

„Gehen Sie nochmal die Treppen hoch und runter“, sagt Frau Plaßmann. Sie hofft auf bessere Sicht nach dem verordneten Spaziergang. Das Paar geht raus an die frische Luft, um Treppen zu steigen. Der Angstpegel ist gestiegen.

Kurz bespricht Plaßmann mit ihrer Sprechstundenhilfe das weitere Vorgehen für die Patientin. Nach dem Spaziergang soll sie vorgezogen werden, sodass sie nicht nochmal warten muss. Frau Plaßmann geht kurz in ihr Büro und liest die nächste Akte.

„Das wäre kein Leben in unserem Sinn gewesen.“

Bei Frau und Herr Egner* wird von Anfang an nicht über Kinderzimmer und Namen geplaudert. Die Stimmung ist ernst und gleichzeitig vertraut. Die Patientin ist jung, 27 Jahre alt und erst in der zwölften Schwangerschaftswoche. Für das Paar ist es nicht die erste Schwangerschaft. Sie erwarteten schon vor zwei Jahren ein Kind. Es war die erste Schwangerschaft für beide. Als vor zwei Jahren die ersten Auffälligkeiten bei ihrem Kind entdeckt wurden, hielten sie erst an der Schwangerschaft fest. Doch Frau Plaßmann entdeckte fast nur Wasser im Kopf des Kindes, kaum Gehirnmasse konnte sie feststellen. Frau Plaßmann erklärt: „Das wäre kein Leben in unserem Sinn gewesen.“

Das Paar überlegte lange. Sie taten sich schwer mit einer Entscheidung. Beraten wurden sie auch in der Praxis. „Für uns steht im Vordergrund, wie die Situation für die Betroffenen am besten zu meistern ist“, erklärt die Ärztin. Das Paar entschied sich für einen Spätabbruch. Den Spätabbruch konnte Frau Plaßmann nicht mehr durchführen. Sie überwies das Paar in eine andere Praxis. „Ich war schon zu emotional in dem Fall drin, ich hätte das nicht mehr gekonnt“, erklärt sie. Sie hat zuvor bei der Patientin die Untersuchungen durchgeführt, ihren Entscheidungsprozess begleitet.

Schwangerschaftsabbruch – ja oder nein?

Der Abbruch einer Schwangerschaft ist nicht die erste und nicht die einzige Empfehlung, die Frau Plaßmann abgibt, wenn sie bei dem Kind eine Fehlbildung oder Behinderung diagnostiziert. Bei der Pränataldiagnostik geht es in erster Linie darum, Hilfsangebote vorzustellen, eine passende Klinik zur Entbindung zu finden, früh die beste Lösung für alle Beteiligten zu finden, also auch für Geschwister und Väter.

Plaßmann geht dabei auf jede Familie und Mutter individuell ein. Leicht fällt ihr die Beratung und Hilfe in schwierigen Fällen nicht. „Ich ringe ständig um meine Position“, gibt die Ärztin zu. Dazu kommt noch juristischer Druck. „Die Haftpflichtversicherung für unsere Praxis ist sehr hoch“, sagt Plaßmann.

Beim heutigen Ultraschall von Frau Egner entdeckt Frau Plaßmann nichts Auffälliges. Sie will ihre Patientin ermutigen: Schließlich war die Fehlbildung bei ihrem ersten Kind nicht genetisch bedingt und die Untersuchung der aktuellen Schwangerschaft nur zur Kontrolle. In fünf Wochen kommt das Paar wieder in die Praxis zur Untersuchung. Für den Moment sorgt das Ergebnis für Erleichterung.

Jeden Tag verkündet die Ärztin Diagnosen, die Auswirkungen auf Leben haben

Frau Plaßmann begleitet das Paar hinaus. Auf dem Gang wartet schon das Paar Müller. Sie werden erneut in das Untersuchungszimmer geführt. Frau Plaßmann schließt die Vorhänge. Es ist still. Das Treppensteigen hat funktioniert, der Junge hat den Arm tatsächlich angezogen. Frau Plaßmann kann das Herz untersuchen: Es ist nichts Auffälliges zu erkennen. Eine Risikoschwangerschaft bedeutet eben nicht immer, dass das Risiko eintritt, während eine Schwangerschaft im idealen Alter eben auch nicht bedeutet, dass alles funktioniert.

Um 12 Uhr sitzt Frau Plaßmann in ihrem Büro auf einem braunen Sitzball und schreibt die Befunde zusammen. Dabei hüpft sie auf und ab. „Die meisten Patientinnen kann ich beruhigen, aber jeden Tag gibt es auch negative Nachrichten, man weiß nicht, was einen erwartet“, erklärt sie. Ihr Büro ist lichtdurchflutet, die Fenster sind weit geöffnet, es kommt eine Luftbrise rein. Gleichzeitig sorgen Räucherstäbchen für Zimtgeruch. Eine kleine Insel in der Praxis. Eine lange Pause macht sie aber nicht, draußen warten noch andere werdende Mütter. Wann sie genau Feierabend macht, weiß sie nicht. Der Aktenstapel ist hoch.

*Namen von der Redaktion geändert.


Zeit Online hat der Frage Sollen Kassen den Bluttest auf Downsyndrom zahlen? einen Schwerpunkt gewidmet.