Halle-Prozess: Warum die Nebenklage ein Akt des Empowerments sein kann

Die ersten Verhandlungstage gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle sind vorbei. Die gesellschaftliche Aufarbeitung hat Auswirkungen darauf, wie Betroffene das Trauma verarbeiten, sagt die Psychologin Marina Chernivsky. Ein Interview

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Marina Chernivsky ist Psychologin und arbeitet für eine Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Diskriminierung. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was ein Anschlag wie in Halle und der darauffolgende Prozess mit Betroffenen macht. Foto: © Alex Hislop

Im Oktober 2019 versuchte ein schwer bewaffneter Rechtsextremer, am jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge in Halle einzudringen. Er scheiterte und tötete stattdessen zwei nichtjüdische Menschen in der Nähe. Mehr als 50 Menschen befanden sich zum Tatzeitpunkt in der Synagoge – der antisemitisch motivierte Anschlag hätte der schlimmste seit Ende des Zweiten Weltkrieges werden können.

Der Anschlag in Halle reiht sich ein in die lange Liste antisemitischer Gewalttaten seit 1945 in Deutschland. Um nur ein paar davon zu nennen: Am 13. Februar 1970 starben sieben Menschen bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altersheim in München. Am 19. Dezember 1980 wurden der Rabbiner Shlomo Lewin und dessen Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrer Wohnung in Erlangen ermordet. Am 27. Juli 2000 wurden zehn Menschen bei einem Sprengstoffanschlag am Düsseldorfer Wehrhahn verletzt – unter ihnen sind mehrheitlich Jüdinnen*Juden. Der Journalist Ronen Steinke hat in seinem Buch Terror gegen Juden den Versuch unternommen, antisemitische Gewalttaten in Deutschland seit 1945 zusammenzutragen. Die Liste ist 100 Seiten lang.

Halle sollte auch nicht der jüngste rechte Anschlag in der deutschen Geschichte bleiben: Wenige Monate später, im Februar 2020, tötete ein Mann zehn Menschen im hessischen Hanau. Er hinterließ ein Pamphlet, in dem er sein rassistisches, antisemitisches und verschwörungsideologisches Weltbild beschreibt.

Was bedeutet es, eine solche durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit motivierte Gewalttat zu überleben? Darüber haben wir mit Marina Chernivsky gesprochen. Die Psychologin ist Geschäftsführerin des Vereins OFEK, einer Beratungsstelle für Betroffene antisemitischer Diskriminierung und Gewalt. OFEK betreute auch einige der Nebenkläger*innen des Halle-Prozesses.

ze.tt: Frau Chernivsky, was macht es mit der Psyche von Menschen, wenn sie eine Gewalttat wie die in Halle erleben?

Marina Chernivsky: Terroranschläge stellen eine massive Bedrohung dar, die überwältigend und psychisch nicht berechenbar ist. Es geht um Erfahrungen extremen Ausmaßes und hoher traumatischer Qualität. Eine solche Gewalttat löst eine Urangst aus und erschüttert das grundlegende Sicherheitsgefühl, das Recht auf psychische, körperliche und soziale Unversehrtheit. Und es teilt das Leben in ein Vorher und ein Nachher. Es braucht Zeit, aber auch ein anerkennendes, stützendes soziales Umfeld, um einen solchen Einschnitt wieder zusammenzukleben. Wir wissen, wann das Trauma beginnt, aber nicht wo und wann es endet.

Wie begleitet man diesen Prozess als Psychologin und als Beratungsstelle?

Akute Belastung ist eine adäquate Reaktion auf ein extrem traumatisches Ereignis. Je nach Intensität und Betroffenheitsgrad haben die Betroffenen das Gefühl, neben sich zu stehen und das Gefühl der Kontrolle zu verlieren. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die gerade in einer solchen Situation Wege finden, handlungsfähig zu bleiben.

Ziel muss es sein, die Akutreaktionen zu verarbeiten und langanhaltenden Traumatisierungserscheinungen vorzubeugen. Dabei gibt es viele individuelle Reaktionen und Verläufe. Ein Trauma ist oft mit dem Gefühl der Ohnmacht und des Kontrollverlustes verbunden. Ein entscheidendes Moment ist daher die Wiedergewinnung der Kontrolle und der Selbstbestimmung als Gegengewicht. Die ersten Stunden, Tage und Wochen unmittelbar nach dem Anschlag sind wichtig, um gemeinsam herauszufinden, welche Art von Begleitung und Unterstützung hilfreich ist.

Die politische Dimension der Tat droht unterzugehen, wenn diese ausschließlich individualpsychologisch erklärt wird.

Marina Chernivsky

Als akute Intervention hilft es zum Beispiel, ein sicheres Umfeld zu haben, um psychische und physische Reaktionen auf das Ereignis wahrnehmen, verstehen und einordnen zu können. Informationen sowie sicherheitsgebende Verbundenheit und Gemeinschaft sind wichtige Aspekte bei der Überwindung eines traumatischen Erlebnisses. Menschen haben aber sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es gilt daher, offene Unterstützungsangebote zu unterbreiten, die von Betroffenen individuell gehandhabt werden können.

Auch die politische Einordnung ist von Bedeutung – gemeinsam kann die Tat kontextualisiert und ihre Wirkung erfasst werden. Eine ausschließlich psychologische Betrachtung reicht bei einem Terroranschlag nicht aus. Die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Wie meinen Sie das?

Hassmotivierte Übergriffe haben das Ziel, Menschen zu diffamieren und zu verletzen, weil sie nach Ansicht der Täter als „Andere“ und als „Feind*innen“ eingestuft werden. Solchen Ansichten liegen rechtsextreme – im Fall von Halle eindeutig antisemitische, rassistische und antifeministische – Weltbilder zugrunde. Mit dem Angriff auf einzelne Menschen werden ganze Gruppen stellvertretend angegriffen.

Es ist symptomatisch, dass es offensichtlich eines tödlichen Anschlags bedarf, um die Kontinuität antisemitischer, rassistischer Überzeugungen anzuerkennen.

Marina Chernivsky

Die Tat spielt sich außerdem in einem historischen, sozialen und politischen Resonanzraum ab. Und sie reiht sich in eine lange Liste anderer Anschläge ein. Im Idealfall sollten wir im öffentlichen Diskurs nicht nur den Angriff mit seinen verheerenden Folgen für die Betroffenen besprechen, sondern auch das familiäre und gesellschaftliche Umfeld der Täter sowie die gesellschaftspolitische Reaktion darauf. Die politische Dimension droht unterzugehen, wenn die Beweggründe der Tat ausschließlich individualpsychologisch erklärt werden.

Fanden Sie nicht, dass die Reaktionen von Politik und Gesellschaft nach den Anschlägen von Halle und Hanau enorm waren? Die Taten wurden mehrheitlich verurteilt.

Ich finde, die Empörung hält sich in Grenzen. Es ist symptomatisch, dass es offensichtlich eines tödlichen Anschlags bedarf, um die Kontinuität antisemitischer, rassistischer Überzeugungen anzuerkennen. Und selbst diese Erkenntnis ist nicht nachhaltig genug.

Unter dem Strich wissen wir, dass solche Einstellungen in der Bevölkerung vorherrschen und dass es genug Potenzial für Radikalisierung gibt. Durch langsame, zum Teil oberflächliche Politik und ausbleibende Kritik vonseiten der Mehrheitsgesellschaft werden die Grenzen des Sagbaren verschoben und Gewaltabsichten normalisiert.

Wir haben eine lange Kontinuität rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in diesem Land.

Marina Chernivsky

Die gesellschaftliche und politische Aufarbeitung der Gewalt hat Auswirkungen darauf, wie Betroffene das Trauma verarbeiten. Die Art und Weise, wie zum Beispiel darüber berichtet wird, beeinflusst die Rezeption des Anschlags und des Prozesses und auch die Verarbeitung. Da bei solchen Attentaten oft Minderheiten betroffen sind, kommen familiäre und kollektive Erfahrungen von Verfolgung, Hass und Diskriminierung mit hinzu.

Welche Rolle spielen familiäre Traumata in der Auseinandersetzung mit dem Erlebten?

Gefühle und Reaktionen auf einen solchen Anschlag dürfen nicht allein durch biografische Faktoren erklärt werden. Trotzdem ist es wichtig, den historischen Kontext genauer zu verstehen und die Wirkung der familiären und kollektiven Vergangenheit nachzuvollziehen. Rassismus- oder Antisemitismuserfahrungen stehen zum Beispiel im engen Zusammenhang mit transgenerativen Kollektivbiografien, mit sozialen und politischen Dimensionen von Diskriminierung und Gewalt, aber auch mit Strategien des Überlebens und des Widerstands.

Die im Gedächtnis sozusagen gespeicherten Emotionen können durch Anschläge wachgerufen und in der Gegenwart wirksam werden. Sie ploppen dann an Stellen auf, wo wir sie gar nicht erwarten.

Dafür müssen wir gar nicht einen Anschlag als Beispiel nehmen, sondern beispielsweise Antisemitismuserfahrungen an Schulen. Diese können auch etwas aus der Familienbiografie triggern. Zum Beispiel, wenn eine Mutter sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass mein Sohn in diesem Land wieder attackiert wird.“ Oder: „Durch den Vorfall fühle ich mich an meine Großmutter erinnert.“ Bei manchen sind solche Erinnerungsspuren stark präsent, bei anderen nicht. Wir sollten die Erfahrungen der Betroffenen nicht homogenisieren, sondern eher die möglichen Verstärker zu Kenntnis nehmen.

In Deutschland gibt es die Institution der Nebenklage: Überlebende oder Hinterbliebene können sich so an der Anklage der Staatsanwaltschaft im Strafverfahren beteiligen. Welche Bedeutung hat das für die Betroffenen?

Ich war zwei Tage bei dem Prozess in Magdeburg dabei. Der Angeklagte saß den Nebenkläger*innen gegenüber, sie haben sich in die Augen schauen können. Viele Nebenkläger*innen haben die ersten Prozesstage in eigenen Texten und Redebeiträgen verarbeitet. Beim zweiten Verhandlungstermin beteiligten sich einige Nebenkläger*innen aktiv an der Vernehmung. Ich denke und hoffe, dass die Teilnahme von so vielen Überlebenden und Hinterbliebenen eine nie dagewesene Kraft entfalten und empowernd wirken kann. So kann einer schnellen und oberflächlichen Verhandlung womöglich entgegengewirkt werden. Die Nebenklage kann den Prozess mitsteuern und das mediale Narrativ mitprägen.

Die These eines Einzeltäters ist Ausdruck einer andauernden Verharmlosung rechter Gewalt und der Ideologie.

Marina Chernivsky

Wenn das Gerichtsverfahren dazu beitragen kann, die politische Dimension eines antisemitischen, rassistischen Anschlags nachhaltig hervorzuheben, dann ist aus meiner Sicht einiges erreicht. Die jahrzehntelange De-Thematisierung von Antisemitismus und Rassismus hat dazu geführt, dass es so viele Leerstellen und Widerstände gibt. Rassistische Sprachbilder, antisemitische Verschwörungsmythen, Diskriminierung aufgrund der Herkunft, Religion, Hautfarbe sind gesellschaftsinhärent und werden übersehen oder gar unsichtbar gemacht.

Wichtig ist ein Wandel in der Wahrnehmung von Betroffenenperspektiven und der Alltäglichkeit der Bedrohung. Die Sicht auf diese Themen sollte im Idealfall nach dem Prozess eine andere sein, so auch die Strategien der Bekämpfung.

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Damit wenden Sie sich gegen das Narrativ, dass hinter den Anschlägen von Halle oder auch Hanau Einzeltäter stecken würden.

Die These eines Einzeltäters ist Ausdruck einer andauernden Verharmlosung rechter Gewalt, die bereits viele mörderische Anschläge hervorgebracht hat. Die Ansichten und Entscheidungen des Täters von Halle sind keine individuellen Vorurteile, sondern sie stehen im engen Zusammenhang mit historisch gewachsenen, politischen Ideologien.

Allein die ersten Vernehmungstage haben genügend Einblicke ermöglicht, was alles für den Täter ausschlaggebend war, um die Entscheidung eines Massenmordes zu fällen. Seine selbst gewählte Isolierung spricht nicht für das Narrativ eines einsamen Täters, sondern eher für die neuere Formen der Radikalisierung im Internet und die legitimierende Wirkung seines Umfeldes.

Um bei Halle zu bleiben: Inwiefern hatte der Anschlag Auswirkungen auf die jüdische Community in Deutschland?

Für viele Menschen in Deutschland ist eine solche rechtsterroristische Bedrohung abstrakt. Für Minderheiten, die immer wieder angegriffen werden, ist dies jedoch mehr als real. Diese Divergenz in der Wahrnehmung macht es uns nicht einfach. Die traumatische Qualität von Antisemitismus und Rassismus wird regelrecht übersehen.

Wie wirkt sich Gewalt auf Menschen und marginalisierte Communities aus? Was macht sie mit ihnen? Wie prägt das den Alltag von Familien und ihre Entscheidungen? Zum Beispiel, auf welche Schule meine Kinder gehen werden, welche Sprache(n) sie in der Öffentlichkeit sprechen dürfen und ob ein Kind auf einer Party eine Kette mit einem jüdischen Symbol tragen kann. Diese Fragen sind für viele unsichtbar, aber sind Teil der Lebensrealität von Jüdinnen*Juden.

Wir müssen lernen, Jüdinnen*Juden als Subjekte mit vielfältigen Gegenwartsbiografien wahrzunehmen und nicht permanent als Opfer zu markieren.

Marina Chernivsky

Der Anschlag hat sich ganz klar gegen Juden im Allgemeinen gerichtet. Menschen, die zum Zeitpunkt des Anschlages nicht vor Ort waren, fühlten sich mitgemeint. Die Wirkung zeigte sich nachträglich in all den Fragen, Brüchen und Gedächtnisspuren, die sich nach dem Anschlag aufgetan haben. Gleichzeitig darf man dich vergessen, dass die letzten Jahre überschattet waren von antisemitischen und rassistischen Gewalttaten. Auch die Wirkungsgeschichte der Shoah spielt da eine Rolle – sie prägt maßgeblich das Sicherheitsempfinden und übt Einfluss auf das Grundvertrauen.

Hat die jüdische Community neue Strategien entwickelt, um mit dieser Bedrohung umzugehen?

Es findet seit einigen Jahren eine zunehmende Politisierung statt – Aktivist*innen und diverse jüdische Organisationen setzen sich mit einer Vielzahl von Initiativen für die Eindämmung gesellschaftlicher Radikalisierungsprozesse ein.

Mir ist noch Folgendes wichtig zu ergänzen: Es ist sehr wichtig, zu verstehen, wie Diskriminierung wirkt. Wir müssen aber auch lernen, Jüdinnen*Juden als Subjekte mit ihren eigenen, vielfältigen Gegenwartsbiografien wahrzunehmen und nicht als Opfer zu markieren. Es ist fatal, wenn Menschen ein Opferstatus zugeschrieben wird und ihre Widerstandspotenziale auf diese Weise überschrieben werden. Das bedeutet auch, subjektive Erfahrungen stets im Kontext gesellschaftlicher Resonanzräume zu betrachten, anstelle die Reaktionen von Betroffenen als übersensibel zu firmieren.

Warum ist es so wichtig, dass Attentate wie in Halle oder Hanau gründlich aufgeklärt werden?

Wir haben eine lange Kontinuität rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in diesem Land. Nicht nur, was Anschläge angeht, auch auf Alltagsebene. Antisemitismus und Rassismus existieren nicht irgendwo, sie sind gesellschaftsinhärent und stecken in den Menschen und den Strukturen fest drin. Um diese Strukturen zu überwinden und die Gewaltbereitschaft einzudämmen, bedarf es umfassender Strategien auf individueller und institutioneller Ebene.