Qualvolle Konzentration: So angespannt sehen Menschen beim Schachspielen aus

Wie anstrengend tiefe Konzentration sein kann, merkt man erst, wenn man in die angespannten Gesichter von Schachspieler*innen blickt, während sie überlegen, welchen Zug sie als Nächstes machen sollen.

David Llada wurde vor 38 Jahren in einem kleinen und, wie er selbst sagt, langweiligen Dorf im Nordwesten Spaniens geboren. Im Alltag geschah nur wenig Aufregendes, es gab keine großen Veranstaltungen und nur wenig Abwechslung. Den Großteil seiner Jugend verbrachte David deswegen damit, Bücher zu lesen und Schach zu spielen. Als er neun Jahre alt war, erklärte ihm einer seiner Lehrer*innen die Regeln des Spiels und entflammte damit eine Leidenschaft, die er sein ganzes Leben behalten sollte.

Schachclubs gab es in seinem Dorf keine. Mit elf Jahren begann David daher, seinen Freund*innen in der Schule Schach beizubringen. Sehr zur Freude mancher Eltern: Noch bevor er ins Teenageralter kam, erhielt er seinen ersten bezahlten Job als Schachlehrer. So tauchte er immer tiefer in die Welt des Königsspiels ein.

Es gibt viele intellektuelle Aktivitäten, aber keine macht mir so viel Freude wie Schach.“

Mit 17 gründete David seinen eigenen kleinen Schachclub. Selbst später, während seiner kurzen Karriere als Journalist, drehte sich alles um das Strategiespiel. Mit 20 begann er für mehrere Websites nicht ausschließlich, aber vermehrt Artikel über Schach zu schreiben. Er veröffentlichte in Fachmagazinen und in den größten Zeitungen Spaniens.

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Als Schachfan besuchte David oft auch privat Schachturniere. Er schaute den Spieler*innen zu, fotografierte ab und zu mal jemanden und genoss die angespannt-konzentrierte und doch feierliche Atmosphäre. Bis er eines Tages vor etwa sieben Jahren einen Entschluss fasste: Wenn ich schon Fotos mache, warum sie nicht auch veröffentlichen und so das Spiel ein bisschen beliebter machen? David beschloss, mit seinen Fotos die Kunst des Schachspiels zu fördern.

Mit Schach sind intensive Emotionen verbunden

„Es ist ein wundervolles Spiel, aber es fehlt ihm an Sichtbarkeit“, sagt David, der mittlerweile in San Sebastian im Norden Spaniens lebt. Seine Idee war daher, es mithilfe seiner Fotos aus dem Schatten der großen Turnierhallen zu holen und der Welt die Intensität und die Emotionen zu zeigen, die man bei diesem besonnenen Brettspiel erleben kann. „Wenn Roger Federer während des Aufschlags fotografiert werden kann, wieso nicht auch Schachspieler? Bei Schach braucht man genauso Konzentration“, sagt David. Denn nur wer selbst Schach spielt, wisse, wie spannungsvoll es sein kann. Man verbringt manchmal fünf oder sechs Stunden damit, gegen jemanden zu kämpfen, ist trotzdem beinahe regungslos, berührt und spricht mit niemanden. Diese aufgestaute Anspannung spüren nicht nur die Zuschauer*innen vor Ort, sondern auch die Betrachter*innen der Fotos.

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Seit einigen Jahren reist er nun als Fotograf um die Welt, nach London, Moskau, Bilbao, São Paulo, Istanbul, Mexiko, Shanghai, er besucht die großen Meisterschaften wie auch kleine Turniere, um Fotos von den konzentrierten, wartenden und teils verzweifelten Gesichtern der Spieler*innen zu schießen. Mit seinen Bildern hat er Erfolg. Heute bekommt er mehr Buchungsanfragen von Veranstalter*innen als er wahrnehmen kann. In seinem Buch und der gleichnamigen Ausstellung The Thinkers stellt er 177 der besten Porträts seiner Arbeit vor.

Intellektueller Spaß

„Schach ist ein sehr globales Spiel“, sagt David. „Weil man es auf der ganzen Welt spielt, kann ich mit meinen Fotos auch die kulturelle Vielfalt im Schach zeigen.“ Dass ein Fotograf zwischen den Spieltischen umherschleicht und Fotos knipst, merkt kaum ein*e Spieler*in. Zu sehr vertieft sind sie in das Spiel. Zusätzlich versucht David, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Er nutzt ein langes Teleobjektiv und bleibt sechs bis sieben Meter auf Distanz. Er trägt dunkle Kleidung und tritt vorsichtig mit einem Fuß vor den anderen.

Schach ist in seinem Geist ein Spiel, in seiner Form eine Kunst und in seiner Ausführung eine Wissenschaft“ – Tassilo von Heydebrand und der Lasa, Schachmeister und -theoretiker

Warum er so ein großer Schachfan ist? „Ganz einfach“, antwortet er auf die Frage, „Das Spiel hat mir die Schönheit einer brillanten Idee näher gebracht: Um die Person am anderen Ende des Bretts auszutricksen, muss man sich einer gewissen Kreativität bedienen, einer strategischen Denkweise und Kalkül. Es gibt viele intellektuelle Aktivitäten, aber keine macht mir so viel Freude wie Schach.“