„Queen of Drags“: Endlich schwule Sichtbarkeit zur Primetime

Ist das Drag oder kann das weg? Dragqueen Jurassica Parka hat sich für uns Heidi Klums neue Show angesehen. Eine Kritik

Die Kandidatinnen und Juror*innnen von Qeen of Drags posieren für ein Gruppenfoto.
Die Kandidatinnen und Juror*innnen von Queen of Drags posieren für ein Gruppenfoto. Foto: © ProSieben/Martin Ehleben

Viele Wochen habe ich auf den Start von Queen of Drags gewartet – die Gerüchte über einen deutschen Ableger von RuPaul’s Drag Race gibt es immerhin schon seit 2013. Einige Produktionsfirmen wollten es immer mal wieder im Travestie-scheuen Deutschland versuchen. Am Ende hatte aber nie ein TV-Sender den Mut, das Format auf die Bildschirme zu bringen. Wieso? Angst vor zu wenig verkauften Werbezeiten, Furcht vor Spartenfernsehen?

Angeblich ist der*die sogenannte normale Deutsche aus Hinterfotzingen nicht bereit für Männer in Frauenkleidern, heißt es in der Branche. Das sei zu schwul. Das wird vielleicht so sein – aber es wird ja nicht besser, wenn man Drag-Kunst im TV vermeidet. Nicht umsonst denken immer noch 90 Prozent der Menschen auf der Straße, ich sei Olivia Jones. Nichts gegen Olivia, allerdings gibt es noch ein paar Hundert mehr Drags in Deutschland. Es fehlt ganz eindeutig an Sichtbarkeit.

Für die Queerness mit dabei: Bill Kaulitz und Conchita Wurst

ProSieben hat sich nun also getraut, mit Heidi Klum als Host der Show. Dafür gab es im Vorfeld sehr viel Kritik aus der Community. Zu Recht. Eine queere Person als Host zu nehmen, läge näher, wäre irgendwie echter. Aber mit Klum als Gesicht holt der Privatsender aus Unterföhring den Mainstream im Wohnzimmer ab. Für die Queerness ist Bill Kaulitz mit dabei, Heidis frisch gebackener Schwager, der bislang kein öffentliches Coming-out hatte, sowie Conchita Wurst, die schon sehr viele Coming-outs hatte. Ich persönlich schätze sie und ihre Arbeit für die Community sehr.

Die erste Folge beginnt wie eine übliche Germany’s Next Topmodel-Episode. Mehrere kreischende Mädchen ziehen in eine Villa in Los Angeles, Heidi ist „mega aufgeregt“. Die Mädchen sind aber Drags, einige kenne ich persönlich, viele haben viel später nach mir mit Drag begonnen. Vor deren Entwicklung ziehe ich den Hut. In der Villa gibt es die vorgescripteten Zickereien, wer mit wem ins Zimmer zieht oder nicht. Oder wer mit wem im Zimmer zieht.

Alles eine Soße, Privatfernsehen. Docutainment wie beim Bachelor oder DSDS. Die Queens werden mit persönlichen Einspielern vorgestellt, alles ist mit dabei. Die vom muslimischen Vater Verstoßene bis zur schön heteronormativ Verheirateten. Auch wir Schwulen sind eben normal oder traurig. Meine große Sorge, dass meine Kolleginnen vorgeführt werden, bewahrheitet sich bei der Emotionalisierung der Hintergrundgeschichten nicht. Pluspunkt für Queen of Drags. Natürlich fallen die Worte „schrill“ und „bunt“ überproportional oft. Das Wort Paradiesvogel allerdings gar nicht – ungewöhnlich.

Heidis Rehkitz-Attitüde ist knallhartes Kalkül

Heidi Klum ist auffallend unauffällig. Sie wirkt fast schüchtern, als ob sie Angst habe, etwas Falsches zu sagen. Drag ist nun mal nicht ihre Kernkompetenz. Conchita wird mehr Screentime gegeben, sie ist die eigentliche Moderatorin des Formats. Ob ProSieben damit auf die Kritik der Community eingeht oder das sowieso so geplant war – darüber kann ich nur mutmaßen. In meiner kleinen links-grün-versifften Welt spreche ich aber dem Privatfernsehen zu jeder Zeit jegliches Rückgrat ab und glaube, dass alles nur aus reiner Berechnung mit Blick auf die Zahlen passiert. Also ist Heidis Rehkitz-Attitüde knallhartes Kalkül.

Der Rest der Show ist ein Abklatsch von RuPaul’s Drag Race, die Queens entern ein großes Anfummelzimmer und bereiten sich auf ihre Soloperfomances vor. Das Ganze ist so stark von einer Make-up-Marke gesponsert, dass es weh tut. Privatfernsehen. Gewünscht wird US-amerikanisches Lipsync, alles an Queen of Drags ist doch ziemlich amerikanisch. Aber das ist seit einiger Zeit der Trend im Tuntenuniversum.

RuPaul hat bei den ganz jungen Queens sehr großen Einfluss, ich finde es manchmal schade. Vor YouTube gab es auch schon Travestie und Tunten, das wissen die jungen Drags aber nicht. Vielleicht bin ich auch eine alternde Tunte, ich höre mich schon an wie meine Mutter. Die einzige Queen mit einer reflektierten politischen Aussage ist bislang Bambi Mercury aus Berlin, die sich für Vielfalt und Toleranz engagiert.

Schminken ohne Sekt ist wie Sex ohne Licht

Die zehn Performances finden in einer Art Nachtclub statt. Zumindest ist das Studio so dekoriert, mit Statist*innen an kleinen Tischen, im Hintergrund leuchtet ein fiktives Logo: The Club. Aufregend. Die Jury, bestehend aus Heidi, Bill und Conchita, ist durch die Gast-Jurorin Olivia Jones erweitert. Da ist sie wieder: die Drag Deutschlands. Olivias Anwesenheit war erwartbar, bringt aber erfrischende Zotigkeit in die Sendung. Alle trinken Sekt. Vor und hinter der Bühne. Das hat ProSieben verstanden: Travestie und Sekt sind Schwestern. Schminken ohne Sekt ist wie Sex ohne Licht. Das weiß jede.

Zum Schluss fliegt eine raus. Klassisches Reality-TV. Für die folgenden fünf Episoden wünsche ich mir etwas mehr Inhalt, aber ich bin sehr stolz auf meine Kolleginnen und freue mich über die große schwule Sichtbarkeit zur Primetime. Damit ist ProSieben Vorreiterin, so ungern ich das zugebe. Der Satz des Abends kam von Olivia: „Die hat ’nen Kitzler wie ’ne Bratwurst.“

Mehr ist dem nicht hinzuzufügen, ich sage immer: Gut, dass es die Bühne gibt, dann sind alle Bekloppten wenigstens runter von der Straße.

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