„Queer 4 You“: Wie gut ist das deutsche „Queer Eye“?

Nach Queen of Drags (ProSieben) und Prince Charming (TVNOW) wagt sich nun auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk an ein LGBTQIA-freundliches Programmangebot – mit Erfolg. Eine Kritik

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Die deutschen Fab Four: Sven Rebel, Fabian Hart, Chris Glass und Christian Fritzenwanker. Foto: © rbb / Stini Röhrs

Der Netflix-Hit Queer Eye wurde in den vergangenen Jahren zu einem globalen TV-Phänomen. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) hat mit der Makeover-Show Queer 4 You ein deutsches Pendant geschaffen. In beiden Serien unterstützt eine Gruppe queerer Männer die Teilnehmer*innen dabei, ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken.

Das ist nichts Neues: Schon 2003 wurde mit Schwul macht cool (RTL2) ein ähnliches Format ausgestrahlt, an das sich fast niemand mehr erinnern kann. Queer 4 You recycelt die Idee – aber glücklicherweise nicht das immer wiederkehrende Narrativ der homosexuellen Paradiesvögel, die den Hetero verunstalten.

Respekt auf beiden Seiten

Für unsere deutschen Fab Four – Modejournalist Fabian Hart, Hair- und Make-up-Artist Christian Fritzenwanker, Interiorstylist Chris Glass und Life- und Businesscoach Sven Rebel stehen Toleranz, Empowerment und Respekt im Vordergrund. Reality-TV kann nämlich auch funktionieren, ohne Menschen bloßzustellen. In einem Gespräch mit Vogue erklärt Fabian Hart: „Diese Leute haben ja auch um Hilfe gebeten. Wir klingeln nicht irgendwo und sagen: Hier sieht’s furchtbar aus. Das sind alles Leute, die sagen, sie sind an einem Punkt, wo sie nicht weiterwissen. Deswegen kommen wir.“

Das Quartett betreut in den bisherigen Episoden drei Fälle in und um Berlin: Beate, eine 50-jährige Frührentnerin, das Ehepaar Claudia und Tamás sowie die alleinerziehende Mutter Lea. In jeder Folge lernen wir zuerst die Kandidat*innen kennen, kurz darauf begrüßen diese dann die Experten in ihrer Wohnung. Während die Fab Five im Netflix-Original durch ganz Amerika touren, auch mal einem Redneck aus den Südstaaten unter die Arme greifen, bleibt Queer 4 You in Berlin. Und wo die Queer-Eye-Kandidat*innen teilweise unter Tränen intime Details aus ihren persönlichen Leben preisgeben, bleibt das deutsche Format in den Gesprächen eher oberflächlich und kühl.

Das liegt vermutlich daran, dass der Fokus der Episoden hauptsächlich darauf liegt, die Betroffenen erst einmal zu porträtieren und weniger ihren späteren Wandel zu beschreiben. Der Entertainment- und Mitfühlfaktor von Queer Eye ist aber maßgeblich den Persönlichkeiten der Fab Five zu verdanken, die viel über ihre eigene Lebensgeschichte preisgeben und mit ausgiebigem Jubeln oder Weinen emotionale Momente aufbauschen. Die deutschen Fab Four geben sich in den ersten Episoden noch zurückhaltend.

Vier Schwule braucht das Land

Trotzdem gelingt es der Show immer wieder mehr zu sein als nur ein Make-over. Queer 4 You thematisiert aktuelle soziokulturelle und politische Probleme wie kein anderes deutsches Reality-Format. In der Folge von Lea bekommt man einen Einblick in die Gedankenwelt einer alleinerziehenden Mutter. Bei Claudia und Tamás in ein eheliches Machtgefälle zwischen den Partner*innen.

Stellenweise wirkt es zwar angestrengt, wenn das Gespräch zwischen Experte und Kandidat schon wieder auf das Thema Toxic Masculinity gelenkt wird, aber nur so kann Aufklärungsarbeit geleistet werden. Genauso wichtig sind auch Fragen danach, wie ein gesundes Körperbild aussieht, was Selbstwert ist oder wie ein nachhaltigeres Leben ermöglicht werden kann.

Sowohl Queen of Drags als auch Prince Charming haben erste Impulse dafür gegeben, wie eine queerfreundliche TV-Landschaft aussehen könnte. Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf diesen Zug aufgesprungen ist, ist wichtig – für einen Image-Wandel und damit auch in Zukunft weiter an ähnlichen Projekten gearbeitet werden kann.

Queer 4 You ist bisher nur in der ARD-Mediathek verfügbar und wird ab dem 13. Januar wöchentlich montags um 21:oo Uhr im rbb gezeigt.


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