Queerness und Männlichkeit: Der Podcast „Realitäter*innen“ zeigt neue Perspektiven auf

Lúcia und Gizem bieten Themen und Identitäten abseits der Mehrheitsgesellschaft eine Plattform. Wir haben mit den beiden gesprochen.

Podcast_RealitaeterInnen_Queer_Marlen Stahlhuth
Gizem Adiyaman (links) und Lúcia Luciano (rechts) veranstalten als das DJ-Duo Hoe_mies schon seit einigen Jahren eine inklusive Hip-Hop-Partyreihe. Foto: © Marlen Stahlhuth

Die deutsche Podcastwelt ist männlich und vor allem weiß. Zeit, dass sich das ändert, haben sich da Lúcia Luciano und Gizem Adiyaman gedacht und den Spotify Original Podcast Realitäter*innen gedroppt. In ihm kommen Menschen zu Wort, deren Lebensrealitäten im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert sind. Themen wie toxische Männlichkeit, feministische Grundsätze und das eigene Körpergefühl werden ganz selbstverständlich und aus verschiedenen Perspektiven besprochen.

Lúcia und Gizem werden diejenigen von euch schon kennen, die sich mit Hip Hop fernab des Mainstreams beschäftigen. Als DJ-Duo starteten die beiden vor drei Jahren ihr Projekt hoe_mies – eine Partyreihe für Frauen* und queere Persons of Color. „Da wir durch unsere Arbeit sehr viel unterwegs sind und so mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch kommen, hatten wir immer den Wunsch diese Themen auch mit einem größeren Publikum zu teilen“, sagt Lúcia im Interview mit ze.tt. Mit ihrem Podcast treten sie nun heraus aus dem musikalischen Kosmos, um Themen und Identitäten abseits der Mehrheitsgesellschaft eine Plattform zu bieten.

Wie vielfältig diese Identitäten sind, zeigt sich bereits gleich zu Beginn: „In der ersten Folge geht es ums Dating. Da haben wir Hengameh und Jenni eingeladen – beides nicht-binäre Personen, die polyamorös leben. Jenni ist Sexarbeiterin, asexuell, aber nicht aromantisch. Hengameh macht keinen Unterschied zwischen platonischen und romantischen Beziehungen. Das sind spannende Perspektiven, die man nicht so oft hört, weil es dann doch meistens um Dating in monogamer Form“, sagt Gizem.

Wie daten wir in 2020?

Im Gespräch der vier wird schnell deutlich, wie ähnlich die Schwierigkeiten beim Dating und in Beziehung sind – unabhängig von Geschlechtsidentität und sexueller Präferenz. Häufig scheitert es an – wer hätt’s erraten? – fehlender Kommunikation über Bedürfnisse und die eigenen Vorstellungen.

Um eine authentische Verbindung aufzubauen, ist es Jenni beispielsweise wichtig von Anfang zu sagen: „Ich bin asexuell und zusätzlich auch Sexarbeiterin. Die andere Person muss das wissen und ich muss wissen, dass die andere Person damit okay ist, damit ich das überhaupt weiter verfolge.“

Leider fällt es nicht jede*m so leicht die eigenen Wünsche so offen zu kommunizieren, geschweige denn sie gegenüber sich selbst zu definieren. „Ich weiß heute auch nicht hundertprozentig was ich suche, aber ich weiß, was ich nicht suche“, beschreibt Hengameh ihre Einstellung und einen wichtigen Punkt: Denn zu wissen was man will, ist für viele junge Menschen heutzutage gar nicht so einfach. Für sich zu definieren, was man nicht möchte und Grenzen zu setzen, kann da schon ein erster wichtiger Schritt sein.

Unterschiedliche Identitäten, die unsere heutige Gesellschaft ausmachen

Grenzen setzen auch die beiden Gäste in der zweiten Folge und zwar, wenn es um Diskriminierung und männliche Stereotype geht. „Eazy ist ein Schwarzer Mann, Rapper und arbeitet als Security in der Berliner Clubszene. Zuher ist queer und hat einen syrischen Background. Mit den beiden sprechen wir darüber, wie sie mit Bildern von Männlichkeit umgehen, aber auch mit rassistischen Stereotypen. In Zuhers Fall geht es auch darum, wie er mit Homofeindlichkeit umgeht, vor allem seitens anderer Männer, aber auch von der eigenen kulturellen Community“, erzählt Gizem.

„Lehrer haben mich gefragt; ‚Bist du ein Mädchen oder was?'“, sagt Zuher, während er über sein Aufwachsen spricht. Solche Kommentare führten dazu, dass er sich als Kind für sich selbst geschämt habe. „Das Feedback ist: das ist nicht gut, so hast du nicht zu sein, veränder dich. Und dann veränderst du dich natürlich, weil du denkst, du machst halt was falsch.“ Irgendwann habe er Verhaltensmuster entwickelt, die heute unter den Begriff toxische Männlichkeit fallen: „Ich habe dann so krass männlich performed, dass ich Leute, die mir wehgetan haben, zusammengeschlagen habe.“

Gegenüber ze.tt sagt Lúcia: „Wir haben mit den beiden darüber gesprochen, wie man damit umgeht, wenn sich das Umfeld diskriminierend verhält – auch um unseren Zuhörer*innen Tipps an die Hand zu geben. Ein weiteres Thema der Folge ist Mental Health, was nach wie vor als Tabuthema gilt, besonders unter Männern. Der Podcast soll eine Anregung sein, darüber hinaus über gewisse Themen nachzudenken.“

Dieses Ziel erfüllt Realitäter*innen mit ihren ersten beiden Folgen eindeutig. Wer keine der gezeigten Lebensrealitäten selbst teilt, kann von Lúcia, Gizem und ihren Gästen noch viel über die unterschiedlichen Identitäten, die unsere heutige Gesellschaft ausmachen und deren Wirklichkeit lernen.

https://open.spotify.com/episode/4PEXAk25LjVPFkMePCxwQ0?si=iGwBUbHRRRSJp1C4c43GJw