Radiosender boykottieren Sarah Connors Song Vincent – geht’s noch?

In dem Song geht es um die Verliebtheit eines queeren Mannes. Einige Radiosender wollen das Lied nicht oder nur abgewandelt spielen – der Text sei zu explizit. Ein Kommentar

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Passend zum Pride-Month Juni veröffentlicht Sarah Connor ihren neuen Song Vincent. Nicht alle finden das empowernt. Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

„Vincent kriegt keinen hoch, wenn er an Mädchen denkt / Er hat es oft versucht und sich echt angestrengt / Alle seine Freunde spielen GTA / Vincent taucht lieber ab und tanzt zu Beyoncé.“ Recht stereotyp thematisiert Sarah Connor in den ersten Zeilen ihres neuen Songs Vincent die Gefühle eines queeren Mannes, kurz vor seinem Outing. Schön, dass sich die deutsche Popmusik langsam davon verabschiedet, in ihren Liedern nur von heterosexuelle Liebe zu singen, könnte man meinen. Doch während der Songs von den Fans gefeiert wird, stören sich einige Radiosender an der ersten Zeile des Songs. Diese sei zu explizit sexuell.

Manche Radiosender entschieden sich deswegen, den Song gar nicht in ihr Programm aufzunehmen. Andere verkündeten, Vincent nur in einer gekürzten Version spielen zu wollen. Programmdirektorin Ina Tenz von Antenne Bayern, die das Lied nur ohne die erste Zeile spielen will, erklärte im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, sie störe an dem Song „als erwachsene Frau gar nichts, aber als Mutter“. Sie wolle „dieses Thema“ nicht mit ihrem Sohn im Auto auf dem Weg zum Gitarrenunterricht besprechen.

„Sobald es um schwule oder nicht-heterosexuelle Sexualität geht, wird es schwierig“, sagte LSVD-Sprecher Markus Ulrich im Gespräch mit der dpa. Er findet die Debatte verkrampft: „Das sind Themen, die Jugendliche bewegen, die gehen da viel offener mit um.“ Recht hat er. Denn Eltern, die es im Jahr 2019 nicht schaffen, ihren Kindern einen entspannten, offenen Umgang mit allen Formen von Liebe und Sexualität nahezubringen, sollten sich nicht auch noch für den Boykott von Popsongs einsetzen.

Was spricht dagegen, einem Kind im Auto zu erzählen, dass manche Männer sich nicht in Frauen verlieben, sondern in andere Männer? Die Band Die Ärzte schafft das in ihrem Song M&F sogar in unter 10 Sekunden: „Manche Männer lieben Männer, Manche Frauen eben Frauen / Da gibt’s nichts zu bedauern und nichts zu staunen / Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen.“ Das schafft man locker auf der Fahrt zum Gitarrenunterricht.

Ficken im Ohr

Die ganze Diskussion ist eine Scheindiskussion. Ob die Textinhalte für das Programm eines familienfreundlichen Senders geeignet sind, wird bei anderen, zum Teil sehr viel expliziteren Songs, nicht gefragt. Bei dem Lied Vermissen von Juju und Henning May zum Beispiel, in dem die Musikerin davon singt, wie sie unter einem sternenklaren Himmel „gefickt“ hätte, oder bei dem Cover-Hit Ayo Technology von Milow, der seit 2009 auf vielen Sendern rauf und runter gespielt wird. Darin heißt es unter anderem „She gon‘ do the right thing, touch the right spot / Dance in your lap ‚til you’re ready to pop“ (Deutsch: „Sie wird das Richtige tun, den richtigen Punkt berühren / Dir einen Lapdance geben, bis du bereit bist, zu ficken“).

Ob solche Lieder bei den Programmdirektionen nicht auf ähnliche Ablehnung stoßen wie Vincent, weil darin heterosexuelle Beziehungen beschrieben werden, weil es sich im Falle von Ayo Technology nicht um ein deutsches Lied handelt, wissen nur die Programmdirektionen selbst. Trotzdem wird durch die Diskussion deutlich, wie mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn es in Liedern um Sexualität geht. Sie zeigt einmal mehr, dass die Einführung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare Deutschland nicht über Nacht zu einem Land gemacht hat, in dem die Lebensrealitäten von queeren Menschen sichtbar und akzeptiert sind.

Außerdem auf ze.tt: Männlichkeit ist mehr als breite Schultern und ein böser Blick