„Rafiki“-Regisseurin über lesbische Liebe: „Homofeindlichkeit ist unafrikanisch“

Der kenianische Film Rafiki von Wanuri Kahiu wurde 2018 in Kenia verboten, weil er eine lesbische Liebesgeschichte zeigt. Die Regisseurin kämpft bis heute für die Freigabe. Ein Interview

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Rafiki erzählt die Liebesgeschichte von Kena und Ziki. Foto: © Wanuri Kahiu

Mit Rafiki veröffentlichte Wanuri Kahiu im Jahr 2018 ihren zweiten Langspielfilm. Die farbenfrohe Coming-of-Age-Geschichte erzählt von Ziki und Kena, zwei jungen Frauen und Töchtern von politischen Gegner*innen, die sich in Kenias Hauptstadt Nairobi ineinander verlieben. Im Laufe des Films versuchen sie nicht nur, sich über ihre Gefühle, Identitäten und Träume klar zu werden, sondern müssen sich auch gegen eine konservative Gesellschaft wehren, die ihre Liebe nicht akzeptiert. In Kenia wurde Kahius Film verboten – mit der Begründung, er würde lesbische Liebe propagieren und gegen bestehende Gesetze und Werte Kenias verstoßen. Homosexualität ist in vielen Teilen Kenias stark tabuisiert und auch kriminalisiert.

Im Gespräch mit ze.tt erklärt die Regisseurin Wanuri Kahiu, warum sie die kenianische Filmklassifizierungsgesellschaft verklagt, eine staatliche Behörde, die im Namen der Regierung Filme reguliert und gegebenenfalls auch zensiert. Sie erzählt außerdem, wie es um die Rechte der LGBTQIA-Community in Kenia steht und warum sie es leid ist, dass Filme über Schwarze Liebe politisiert werden.

ze.tt: Frau Kahiu, was genau ist nach der Fertigstellung Ihres Films Rafiki passiert?

Wanuri Kahiu: Rafiki wurde veröffentlicht und wir übergaben den Film dem Kenya Film Classification Board zur Bewertung. Sie forderten uns auf, den Film zu überarbeiten und das Ende zu ändern. Es war ihnen zu hoffnungsvoll. Sie wollten, dass die Protagonistinnen sich schämen, dass sie am Ende Reue empfinden. Als wir uns weigerten, beschlossen sie Rafiki zu verbieten. Das heißt, er kann nicht ausgestrahlt oder vertrieben werden und innerhalb der Republik Kenia darf auch niemand den Film besitzen.

Es ist gut, dass wir mehr Bilder von Liebe, Freude und Hoffnung haben, insbesondere von Schwarzen Menschen.

Wanuri Kahiu

Der Film wurde allerdings einem internationalen Publikum zugänglich gemacht und erhielt viele positive Kritiken und Auszeichnungen. Wie fühlt es sich an, zu sehen, dass Rafiki weltweit so erfolgreich ist, während der Film in Kenia immer noch verboten ist?

Es ist ein merkwürdiges Gefühl. Normalerweise sind deine ersten Zuschauer*innen die Personen, um die es in dem Film geht. In diesem Fall also Kenianer*innen oder Afrikaner*innen. Dass genau sie Rafiki nicht sehen konnten, war hart. Gleichzeitig hat das Verbot natürlich auch Interesse an dem Film generiert und dafür gesorgt, dass er weiter verbreitet wurde und mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Es ist gut, dass wir viele verschiedene Bilder von Liebe, Freude und Hoffnung haben, insbesondere von Schwarzen Menschen. Darum geht es mir.

Rafiki wurde für eine Woche in Kenia freigegeben, damit er für internationale Auszeichnungen in Betracht gezogen werden konnte. Wie wurde der Film in Kenia damals aufgenommen?

Es war einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Innerhalb dieser Woche war Rafiki jeden Tag in allen Kinos ausverkauft, von den Vorführungen am Morgen bis zu den Vorführungen am Abend. Das war außergewöhnlich.

Die queere Community in Kenia hatte das Gefühl, einen Film zu haben, mit dem sie Gespräche beginnen konnte.

Wanuri Kahiu

Und wie haben Kenianer*innen, die den Film gesehen haben, auf ihn reagiert?

Wie bei jedem anderen Film waren die Reaktionen gemischt. Es gab einige Leute, die den Film geliebt haben. Es gab Leute, die sich gesehen fühlten. Die queere Community in Kenia hatte das Gefühl, einen Film zu haben, mit dem sie Gespräche beginnen konnte. Viele haben den Film als eine Art Werkzeug genutzt, um sich zu outen. Wir waren unglaublich froh, dass wir ihn zeigen konnten, wenn auch nur für eine kurze Zeit. Und wir waren noch glücklicher, als wir sehen konnten, wie wichtig der Film für viele war.

Im vergangenen Jahr haben Sie das Kenya Film Classification Board (die kenianische Filmklassifizierungsgesellschaft) wegen Verstoßes gegen die Meinungsfreiheit verklagt. Wie kam es dazu?

Unsere Verfassung erlaubt uns die freie Meinungsäußerung und das Verbot von Rafiki erfüllt nicht die in der Verfassung festgelegten Kriterien. Wir haben beschlossen, dass es unser Recht ist, die Verfassung zu verteidigen. Und der einzige Weg, dies zu tun, bestand darin, das Kenya Film Classification Board wegen des aus unserer Sicht verfassungswidrigen Verbots zu verklagen. Wir kämpfen immer noch vor Gericht, die endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen.

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Die Regisseurin. Foto: © Wanuri Kahiu

Rafiki zählt zum sogenannten Afro-Bubblegum-Genre, das Sie mitgeprägt haben. Worum geht es dabei?

Afro-Bubblegum ist nicht spezifisch für Rafiki. Bei der Afro-Bubblegum-Bewegung geht es um afrikanische Kunst im Allgemeinen. Es geht um die Kuration und Schaffung und Sammlung afrikanischer Kunst: freudige afrikanische Kunst. Kunst voller Fantasie, abseits von den üblichen Katastrophenmeldungen. Dieses Fest der Freude findet schon lange statt. Rafiki ist nur Teil davon.

Wenn du weiß und hetero bist, ist das nicht politisch. Deine Liebe ist nicht politisch. Aber wenn du Schwarz und queer bist, wird deine Liebe politisiert.

Wanuri Kahiu

Sie sagen, dass afrikanische Filmemacher*innen oft in bestimmte Genres gedrängt werden und ihre Arbeit immer als politisch gilt. Ähnlich haben sich auch schon afrikanische Schrifsteller*innen geäußert. Schränkt das afrikanische Kreative ein?

Nein, afrikanischen Kreativen selbst sind keine Grenzen gesetzt. Die Einschränkung liegt in der Art und Weise, wie wir wahrgenommen und gesehen werden, wie wir vermarktet und wie wir veröffentlicht werden. Die Grenze zeigt sich darin, wie unsere Arbeit in die Welt getragen wird. Es scheint, als sei Politik mit der Farbe der Haut verbunden. Wenn du weiß und hetero bist, ist das nicht politisch. Deine Liebe ist nicht politisch. Aber wenn du Schwarz und queer bist, wird deine Liebe politisiert. Wenn du nicht der Heteronorm einer westlichen Kultur entsprichst, kannst du nur als Antwort auf etwas und nie als etwas Eigenständiges existieren. Weil du schwarz bist, reagierst du auf ein dominantes Narrativ, auf andere Menschen. Du verliebst dich nicht einfach nur.

Große Schwarze Kunstschaffende haben darüber gesprochen, dass sie sich von einem White Gaze, einem weißen Blick, erst lösen mussten. Ging es Ihnen ähnlich?

Es ist mir nicht wichtig, einen weißen Blick zu bekämpfen. Ich mache Kunst. Meine Arbeit reagiert nicht auf irgendwen oder irgendetwas. Meine Arbeit reagiert nicht auf einen weißen Blick. Meine Arbeit reagiert nicht auf einen männlichen Blick. Meine Arbeit existiert, weil ich existiere. Meine Arbeit existiert, weil ich kreativ bin und sie schaffe. Wie jede*r andere Künstler*in wurde ich mit Fantasie geboren. Eine Fantasie, die ich zum Leben erwecken wollte.

Ist es der Anfang des Problems, zu denken, dass dies eine Reaktion auf irgendetwas ist?

Ganz genau. Es ist nur eine andere Form von Othering.

Wie steht es um die kenianische Filmindustrie?

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Foto: © Wanuri Kahiu

Die kenianische Filmindustrie braucht, was alle neuen Filmindustrien brauchen: mehr Arbeit, damit die Leute am Arbeitsplatz geschult werden können. Sie braucht einen besseren Vertrieb, damit die geschaffenen Werke auch einen Markt haben. Sie braucht aber vor allem mehr Investitionen in die Kunst. Bei Investitionen in die Künste geht es nicht nur um Investitionen in die Kultur, sondern auch um Investitionen in die Wirtschaft. Ganze Volkswirtschaften sind gewachsen, indem sie sich auf ihre kulturellen Investitionen konzentriert haben. Deshalb gibt es beispielsweise Hollywood. Es ist eine Kultur, die sich um das Erzählen von Geschichten dreht. Wir müssen unsere Denkweise dahingehend verändern, Kunst und Kultur als Vorteil für jede Gesellschaft anzuerkennen. Nicht nur als Soft Power, sondern auch als Währung, die Arbeitsplätze schafft.

In einigen Industrien agieren ältere Generationen als sogenannte Gatekeeper*innen für junge Talente. Wie sieht es in der kenianischen Filmindustrie aus?

Ich bin sehr stolz auf die kenianische Filmindustrie, weil sie sehr inklusiv ist. Es gibt sehr viele junge Filmemacher*innen, die von Leuten ermutigt werden, die in anderen Industrien Gatekeeper*innen wären. Es gibt Ermutigung und es gibt Raum für Wachstum. Es gibt auch mehr Ausgewogenheit zwischen den Geschlechtern. Von allen Branchen in Kenia ist die Filmindustrie am ehesten der Ort, an dem Menschen Kraft schöpfen und sich entfalten können.

Wenn Sie die kenianische Filmindustrie mit Nollywood vergleichen Nigerias Filmindustrie, die wohl zu den erfolgreichsten afrikanischen Filmindustrien gehört , würden Sie sagen, dass sie auf einem ähnlichen Erfolgspfad ist?

Nein, weil wir nicht die gleichen Vertriebsmodelle und nicht das gleiche Eigenkapital haben. Das ist, was Nollywood so erfolgreich macht. Das Publikum ist groß, es gibt viel mehr Investitionen. Nollywood hat einen Weg gefunden, die Filme nicht nur innerhalb Nigerias, sondern auch außerhalb des Landes zu vertreiben. Fast überall auf der Welt kann man einen Nollywood-Film finden. Das ist bemerkenswert und etwas, wovon wir alle lernen können.

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Regisseurin Wanuri Kahiu mit den Schauspielerinnen Samantha Mugatsia und Sheila Munyiva 2018 in Cannes. Foto: © Anne-Christine Poujoulat/ AFP/ Getty Images

Historische Berichte zeigen, dass sich Homo- und Transfeindlichkeit in Afrika mit der Entstehung des Kolonialismus verbreitet haben.

Wanuri Kahiu

2019 wurde das Gesetz zum Verbot von gleichgeschlechtlichen Beziehungen, wie sie in Rafiki gezeigt werden, in Kenia angefochten – jedoch ohne Erfolg.

Leider bleibt das Gesetz bestehen, obwohl wir wissen, dass es ein Gesetz aus der Kolonialzeit ist und nicht auf einer afrikanischen Ethik oder Gesellschaftsidee basiert. Ich bin fest davon überzeugt, dass Homofeindlichkeit unafrikanisch ist. Historische Berichte zeigen, dass sich Homo- und Transfeindlichkeit in Afrika mit der Entstehung des Kolonialismus verbreitet haben. Diese Kolonialgesetze machen das Leben für die LGBTQIA-Community in Kenia bis heute schwierig.

Das Gesetz ist nicht der einzige Überrest des Kolonialismus in Kenia und auf dem afrikanischen Kontinent. Wie wurden diese Gesetze und andere Konzepte verinnerlicht?

Diese Frage beantwortet sich von selbst, wenn man an die dominierenden religiösen Gruppen auf dem Kontinent denkt. Das sind keine indigenen Religionen oder indigene Glaubenssysteme Afrikas, sondern christliche oder islamische Ideologien. Sie schließen nicht unbedingt die Menschen mit ein, die sie so bereitwillig angenommen haben. Trotzdem wurden sie so stark verinnerlicht, dass sie bestimmen, wie wir unsere Götter sehen.

Inwiefern?

Zu einem Gott zu beten, der nicht aussieht wie du, spricht wie du oder dessen Geschichten nichts mit dir zu tun hatten, das zeigt, welche Spuren der Kolonialismus in den Köpfen hinterlassen hat. Wir haben diese fremden Systeme so internalisiert, dass sie die Idee unserer Schöpfung bestimmen. Wir haben eine Kultur verinnerlicht, die uns sagt, dass Gott männlich ist. Dort beginnt das Patriarchat und sickert anschließend in alle Teile unserer Gesellschaft. In Kiswahili, Kikuyu und anderen Bantu-Sprachen gibt es beispielsweise die Personalpronomen “Er” und “Sie” nicht. Die Idee eines Geschlechts wurde der geschlechtsneutralen Sprache und Ideologie aufgezwungen.

Wie stehen junge Menschen in Kenia zu diesen kolonialen Überresten?

Eine Veränderung gibt es definitiv. Es entstehen immer mehr Räume in Kenia für Menschen, die ihre eigene Musik und ihre eigene Kultur feiern. Das ist eine große Sache, denn wir haben lange Zeit vor allem westliche Musik und Kultur zelebriert. Diese Veränderung zeigt sich auch daran, wie junge Menschen sich ausdrücken, in der Art und Weise, wie sie mit der Welt interagieren. Durch das Internet und die sozialen Medien wurden wir Teil eines größeren Systems. Wir können auswählen, welche Menschen und Gruppen wir um uns versammelt haben wollen. Wir können uns mit Menschen zusammentun, die nicht unbedingt aussehen wie wir, aber an dieselben Werte glauben.

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