Rassismus im Ryanair-Flugzeug: Passagierin lehnt fadenscheinige Entschuldigung ab

Die 77-jährige Delsie Gayle wurde im Flugzeug aufgrund ihrer Hautfarbe von einem Passagier beleidigt. Nun beteuert der Mann, er sei kein Rassist. Gayle nimmt die Entschuldigung nicht an.

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Während des Boardings eines Fluges von Ryanair wurde Delsie Gayle rassistisch beleidigt. Illustration: © Gerlinde Schrön / ze.tt

Wann ist man ein Rassist? Nicht, wenn man jemanden aufgrund seiner Hautfarbe beleidigt, findet David Mesher. Der Mann hatte bei einem Ryanair-Flug Ende vergangener Woche die 77-jährige Delsie Gayle laut beschimpft, weil er nicht neben ihr sitzen wollte. Dabei gestikulierte er wild in Gayles Richtung und schlug mit seinem Flugticket nach ihr. Nun entschuldigte er sich in einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender ITV News für seine Wortwahl. Dabei beteuerte er, er sei kein Rassist. Er habe lediglich die Beherrschung verloren.

Der Vorfall war von einem*einer weiteren Passagier*in gefilmt worden und ging viral. Tausendfach solidarisierten sich Menschen mit Gayle und kritisierten Meshers Verhalten. In der Kritik steht auch Ryanair, weil die Flugbegleiter*innen nicht eindeutig Position für Delsie Gayle bezogen.

„Wagen Sie es nicht, so mit ihr zu reden!“

In dem Video ist zu sehen, wie Gayles Tochter Carol dem Mann lautstark widerspricht. „Wagen Sie es nicht, sie anzuschreien! Wagen Sie es nicht, so mit ihr zu reden!“, weist sie Mesher zurecht. Doch er geht nicht auf sie ein: „Wenn ich ihr sage, sie solle weggehen, dann geht sie weg!“ Er droht auch, körperlich zu werden, sollte Gayle weiterhin neben ihm sitzenbleiben: „Wenn sie sich nicht woanders hinsetzt, schubse ich sie auf einen anderen Sitz!“

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Ein Flugbegleiter von Ryanair versucht, den Konflikt zu lösen. Allerdings geht er nicht hart gegen Mesher vor, sondern probiert, die Situation zur Zufriedenheit beider Fluggäste zu lösen. Anstatt Mesher des Flugzeugs zu verweisen, wie es ein Passagier im Video fordert, fragt er Gayle, ob sie sich auf einen anderen Platz setzen wolle. Doch selbst als die Seniorin zustimmt und ihre Sachen zusammenpackt, lässt Mesher nicht von ihr ab. Er beleidigt sie weiter. Als sie ihm mit jamaikanischem Akzent etwas erwidert, schreit er sie an, sie solle „nicht in einer Fremdsprache“ mit ihm sprechen. Daraufhin mischen sich weitere Passagier*innen in das Geschehen ein und erklären Mesher, er solle endlich aufhören. Nachdem sich Gayle umgesetzt hat, spricht der Flugbegleiter Mesher erneut an. Dieser erklärt versöhnlich, jetzt sei alles in Ordnung.

„Warum beschimpft er mich aufgrund der Farbe meiner Haut?“

Delsie Gayle ist schockiert und traumatisiert von der Erfahrung. In einem Interview mit dem britischen Nachrichtensender ITV News erklärt sie, sie sei noch nie so beleidigt worden. Gayle lebt seit 53 Jahren in Großbritannien und reist viel. Doch bei keiner ihrer Reisen sei sie bisher so stark mit Rassismus konfrontiert worden: „Niemand hat jemals solche Worte zu mir gesagt.“ Sie fühle sich sehr niedergeschlagen, schließlich habe sie genau wie der Mann ihr Ticket bezahlt. Sie könne seine Äußerungen einfach nicht begreifen: „Warum beschimpft er mich aufgrund der Farbe meiner Haut?“

Darum sei ihr auch die Entschuldigung von Mesher gleichgültig. Natürlich müsse man vergeben und vergessen können, allerdings würde sie lange brauchen, bis sie darüber hinweg sei, was Mesher ihr angetan hätte. Ihre Tochter Carol fügt hinzu: „Er sagt, er sei nicht rassistisch. Er würde solche Worte nicht benutzen, wenn er nicht rassistisch wäre.“

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Auch von Ryanair ist Gayle enttäuscht. Sie hat bisher noch keine Entschuldigung von dem Unternehmen erhalten. Die einzige Äußerung von Ryanair zu dem Vorfall war ein Tweet, in dem die Fluglinie erklärte, man habe das Video zur Kenntnis genommen und an die Polizei  weitergeleitet.

Anders sieht es bei der Stadt Barcelona aus. Jaume Asens, der stellvertretende Bürgermeister der spanischen Metropole, erklärte gegenüber Journalist*innen, man werde bei der spanischen Staatsanwaltschaft Anzeige erstatten. Es werde kein Verhalten geduldet, das „Barcelonas Ansehen als Stadt, die die Menschenrechte schützt“, Schaden zufügen würde. Welche möglichen Konsequenzen die Anzeige haben könnte, ist bislang unklar.