Rassismus in deutschen Behörden: Warum Fotoautomaten keine Schwarzen Menschen fotografieren können

Ein Passfotoautomat in einer Hamburger Behörde kann keine Schwarzen Personen aufnehmen. Dabei handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Eine Spurensuche 

nico-marks-unsplash-rassismus-fotoautomat
Keine Passfotos für Schwarze Menschen? Foto: Nico Marks / Unsplash | CC0

Kann Technik rassistisch sein? Ende 2019 kam es zu einem Vorfall in einer Hamburger Verkehrsbehörde, der ebendiese Frage aufwarf. Die taz berichtete: Audrey K. wollte damals einen internationalen Führerschein beantragen. Zu ihrem Termin brachte sie alle notwendigen Unterlagen dafür mit, einzig das Foto für das Ausweisdokument wollte sie direkt in der Verkehrsbehörde machen, in dem Fotoautomaten, der dort extra zu diesem Zwecke steht. Als sie das der Sachbearbeiterin erzählte, die ihren Antrag bearbeiten sollte, reagierte diese zurückhaltend.

„Es könnte ein Problem mit Ihrer Hautfarbe geben“, habe die Mitarbeiterin gesagt, wie Audrey K. später der taz erzählte. Und tatsächlich: Audrey K. konnte mit dem Automaten in der Behörde kein Foto machen. Sie vereinbarte also einen zweiten Termin und machte die nötigen Bilder vorab in einem Bahnhofsautomaten – ohne Probleme.

Bundesdruckerei: Das Thema eigne sich nicht als Beitrag zur Rassismusdebatte

Die Geschichte von Audrey K. ist nicht die erste dieser Art. In den vergangenen Jahren machten mehrfach Menschen öffentlich, dass sie bei den Automaten in Behörden aufgrund ihrer Hautfarbe kein Foto machen lassen konnten. Viele dieser Automaten stammen von der Bundesdruckerei, so auch der in der Hamburger Verkehrsbehörde. Das Unternehmen stellt traditionell deutsche Pässe und Ausweisdokumente her und bietet auch Dienste zur Beantragung an – darunter die Fotoautomaten und sogenannte Self-Service-Terminals, bei denen Antragsteller*innen ihre Daten selbst erfassen und Ausweise beantragen können. Die Bundesdruckerei wurde 1994 privatisiert, ist seit 2009 aber wieder in Staatsbesitz.

Dort kommentierte man den Vorfall in Hamburg so: „Wir haben Verständnis, dass in Zeiten, in denen Rassismus Gemüter erregt, derartige Themen zur Kenntnis genommen werden. Dieses Thema eignet sich jedoch definitiv nicht als Beitrag zur Rassismusdebatte.“ Das Problem, das in Hamburg zutage getreten sei, war laut Aussage der Pressestelle die Belichtungssituation. Die Bundesdruckerei stattet insgesamt über 150 Behörden und Unternehmen in Deutschland mit Automaten aus. Stellt sich die Frage: Funktionieren die Automaten dort einwandfrei oder gibt es ähnliche Probleme wie in Hamburg?

Auf Anfrage melden die meisten Pressestellen der Städte zurück, dass bei ihnen kein Vorfall dieser Art bekannt sei. In Aachen aber erwähnt Linda Plesch, Leiterin des Fachbereichs Presse und Marketing der Stadt, ein Ereignis aus dem vergangenen Jahr. Die Mitarbeiter*innen fanden damals eine schnelle Lösung, „mit einer Hochsteckfrisur der langen Haare, um mehr Kontrast zu erzeugen.“ Jetzt hat die Gemeinde vom Gebäudemanagement einen dimmbaren LED-Leuchtrahmen in dem Automaten der Bundesdruckerei anbringen lassen. „Das Gerät geht unter den neuen Bedingungen allerdings erst diese Woche an den Start. Es gibt daher noch keine Erfahrungswerte, wir sind aber sehr zuversichtlich“, sagt Plesch. Die Bundesdruckerei hatte man nach dem Vorfall nicht kontaktiert.

In Mainz gab es bereits 2016 Probleme mit den Bundesdruckerei-Automaten

In Mainz erinnert sich der Pressesprecher der Stadt ebenfalls an Probleme mit den Bundesdruckerei-Automaten. Im Oktober 2016 hatte man die Fotoautomaten gerade aufgestellt, als schon wenige Monate später Beschwerden kamen, die Automaten könnten keine verwendbaren Bilder von Menschen mit dunkler Hautfarbe machen. „Es wurden im Anschluss zwei Leuchtstoffröhren nachgerüstet“, so Ralf Peterhanwahr aus der Mainzer Pressestelle. Diese Vorfälle seien aber „nur in der sehr dunklen Jahreszeit und bei Problemen mit Kontrasten, beispielsweise bei sehr dunkelhäutigen Menschen mit dunkler Kleidung“ vorgekommen. Der Bundesdruckerei sei das Problem bekannt, so Peterhanwahr. Die Stadt hatte nach dem Vorfall Kontakt zum Support der Firma aufgenommen.

Wusste man also in der Bundesdruckerei bereits seit Jahren, dass einige der Fotoautomaten Probleme aufweisen, vorwiegend bei Menschen mit dunkler Hautfarbe? Auf Anfrage von ze.tt lässt die Pressestelle der Bundesdruckerei diese Frage unbeantwortet. Auch auf erneute, explizite Nachfrage nach dem Vorfall in Mainz heißt es, man bleibe bei dem bereits verschickten Statement: „Wir haben Verständnis, dass in Zeiten, in denen Rassismus weltweit und oft zu Recht Gemüter erregt, derartige und vergleichbare Angelegenheiten registriert und kritisch diskutiert werden. Diese Angelegenheit eignet sich jedoch nicht als Beitrag zur Rassismusdebatte.“ Es ist nahezu dieselbe Aussage, die man Ende Juli auch der taz gab.

Das System unterstützt keinen Rassismus, und diesem Vorwurf möchten wir auch deutlich widersprechen.

Pressesprecher der Bundesdruckerei

Weiter heißt es: „Wie bei jedem optischen System ist die Qualität der Ergebnisse abhängig vom Abstand der Person zum Gerät, von der sogenannten Gesichtsdynamik, dem Kontrastverhältnis und damit vor allem der jeweiligen Beleuchtungssituation vor Ort – gleichgültig ob bei heller oder dunkler Hautfarbe. Das System unterstützt keinen Rassismus und diesem Vorwurf möchten wir auch deutlich widersprechen.“ Der Pressesprecher der Bundesdruckerei fügt hinzu, dass „ungünstige Lichtverhältnisse in seltenen Ausnahmefällen bei jeder Personengruppe dazu führen, dass Aufnahmen wiederholt werden müssen“.

Dass es mit den Fotoautomaten der Bundesdruckerei gewisse Probleme gibt, hat in anderen Behörden durchaus bereits die Runde gemacht. In Bremen zum Beispiel wird gerade der Einsatz von Self-Service-Terminals geplant, möglichst noch in diesem Jahr. „Solange die technischen Probleme nicht gelöst sind, werden wir damit jedoch nicht an den Start gehen“, informiert das Bremer Pressereferat. Mit den technischen Problemen meint die Pressesprecherin – wie sie auf Nachfrage konkretisiert – ebenjene Erfahrungen, die Schwarze Personen mit den Fotoautomaten der Bundesdruckerei im Self-Service-Terminal andernorts gemacht haben.

Auch bei den Automaten anderer Firmen wird von Problemen berichtet

Das Problem mit den Fotoautomaten betrifft aber wohl nicht nur auf die Geräte der Bundesdruckerei: Im Juni 2019 berichtete die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ), wie ein Zehnjähriger im Osnabrücker Bürgeramt Fotos für seinen neuen Reisepass machen wollte – und scheiterte. Das Foto, dass Lennox Okereke zuvor in dem Automaten vor Ort gemacht hatte, sei „zu dunkel“, so die Sachbearbeiterin. Der Automat stammte diesmal von der Firma Speed Biometrics. Die sogenannten Speed-Capture-Stationen der Firma sind vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert.

Mittlerweile sei der Fehler behoben, sagt der Pressesprecher der Stadt Osnabrück Sven Jürgensen. „Es war ein rein technisches Problem“, erklärt er am Telefon gegenüber ze.tt. „Es ist dann jemand vom Hersteller gekommen und hat mehrere Kontraste ausprobiert“. Man müsse sich das Gerät vorstellen wie eine Spiegelreflexkamera, an der man etliche Einstellungen vornehmen kann.

So erklärte auch Stefan Pahmeier, Geschäftsführer der Firma Speed Biometrics, der NOZ das System: Die Kamera passe sich nicht automatisch an und sei auf einen Mittelwert kalibriert, mit statischen Parametern, die für einen Großteil der Nutzer*innen passen sollten. Heute funktioniere der Automat einwandfrei, lichtet Schwarze Menschen nicht zu dunkel und weiße Menschen gleichzeitig nicht zu hell ab, sagt Pressesprecher Jürgensen. Den Vorfall von damals nennt er „ärgerlich“ und „blöd“, mit Rassismus in Zusammenhang bringen könne er ihn aber nicht.

Sandra Karangwa hat in Bonn einen ähnlichen Fall erlebt

Sandra Karangwa hat, so erzählt sie in einem Telefonat mit ze.tt, bereits 2015 etwas Ähnliches erlebt wie Audrey K. aus Hamburg und Lennox Okereke aus Osnabrück. Und zwar in Bonn. Ihr Automat war ein Produkt der Firma Fotofix. Kurz nach dem Vorfall schrieb sie einen Artikel im Migazin.

Es überrascht Karangwa nicht, dass es seitdem neue Fälle gab, die öffentlich geworden sind. Sie könne sich noch gut daran erinnern, was ihr damals im Bonner Stadthaus passierte, und findet in den neueren Artikeln einige Parallelen. Auch sie wollte einen neuen Personalausweis beantragen, auch sie machte das Foto im Automaten vor Ort. Auch sie bekam den zweifelnden Blick der Sachbearbeiterin. Und auch sie wurde am Ende weggeschickt. „Das hat mich so geärgert, das wollte ich nicht auf mir sitzen lassen“, sagt Sandra Karangwa. Sie wandte sich daraufhin sowohl an die Stadt als auch an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes und legte Beschwerde ein. Der Mailverkehr zwischen Karangwa und der Stadt Bonn liegt ze.tt schriftlich vor. Die ernüchternde Antwort im August 2015: Die Automaten liegen in der Verantwortung des Betreibers, nicht der Stadt.

Beim nächsten Mal würde ich wieder Ärger machen.

Sandra Karangwa, Antidiskriminierungsbüro Köln

Weil sie das Problem letztendlich nicht lösen konnte, musste Sandra Karangwa zu einem zweiten Termin im Bonner Stadthaus erscheinen. Diesmal hatte sie das Bild aus dem Automaten von einer Freundin nachbearbeiten lassen – diese hatte ihre Haut aufgehellt. Seit dem Erlebnis 2015 musste Sandra Karangwa keine neuen Ausweisdokumente mehr beantragen. Käme es aber noch mal zu einer solchen Situation, ist für sie klar: „Ich würde wieder Ärger machen.“ Heute arbeitet sie im Antidiskriminierungsbüro Köln.

Probleme bei den Fotos werden mit „fehlerhafter Bedienung“ begründet

Auf das Erlebnis von Sandra Karangwa angesprochen, heißt es aus der Bonner Pressestelle: Ein solcher Vorfall aus dem Jahr 2015 sei dort nicht bekannt. „In Einzelfällen erwies sich die Belichtung in den Fotokabinen als nicht optimal, da zum Beispiel der beleuchtete Hintergrund bei hellgrauen Haaren gelegentlich zu keinem ausreichenden Kontrast auf den Passbildern führte“, sagt die Pressesprecherin. Es sei aber nicht die Technik, sondern eine „fehlerhafte Bedienung“, die solche Probleme verursachte. „Wurde (anschließend) der Vorhang an den Kabinen komplett zugezogen, führte dies zu einer korrekten Belichtung.“ Der Automat von Fotofix wurde 2017 entfernt, seitdem gibt es im Bonner Stadthaus Speed-Capture-Stationen der Firma Speed Biometrics, die nicht nur Passbilder, sondern auch Fingerabdrücke und Unterschriften erfassen. „Die Qualität der Fotos ist sehr gut und es sind keine Probleme in der Bedienung und den Ergebnissen bekannt“, so die Pressesprecherin.

Die Mitarbeiter*innen setzen sich daher über den Warnhinweis hinweg und akzeptieren die Fotos dennoch.

Niklas Schenker, Referent in Berlin-Mitte

In den Bürgerämtern Tiergarten und Wedding in Berlin hat es mit den Geräten der Firma Speed Biometrics dagegen wiederholt Probleme gegeben. Mittlerweile habe man aber einen Trick gefunden, mit der Problematik umzugehen, sagt Niklas Schenker, Referent der Bezirksstadträtin für Jugend, Familie und Bürgerdienste in Berlin-Mitte: „Es gibt tatsächlich bei Fotos von Menschen mit dunkler Hautfarbe häufig einen Warnhinweis, dass dieses Foto vom System nicht akzeptiert wird, weil scheinbar die Vorgaben für die Erstellung eines biometrischen Fotos nicht erfüllt werden.“ Allerdings hätten die Mitarbeiter*innen schon vor längerer Zeit in Erfahrung gebracht, dass die Fotos die Vorgaben sehr wohl erfüllen. Das System des Betreibers der Terminals reagiere einfach „zu empfindlich“. „Die Mitarbeiter*innen setzen sich daher über den Warnhinweis hinweg und akzeptieren die Fotos dennoch“, so Schenker. Da es auch vonseiten der Antragsteller*innen keine Beschwerden diesbezüglich gab, habe man den Betreiber bisher nicht kontaktiert.

Ob Bundesdruckerei, Speed Biometrics oder Fotofix – Berichte von Problemen bei der Erstellung von biometrischen Passfotos gibt es bei allen dreien. Die Firmen und viele Behörden sprechen von individuellem menschlichen oder von technischem Versagen, das bei jeder Hautfarbe aus verschiedenen Gründen auftreten könne. Betroffene sprechen stattdessen von strukturellem Rassismus. Behoben wird das Problem oft behelfsmäßig vor Ort, generelle Ausbesserungen am Gerät und der Belichtung sind, zumindest dem Statement der Bundesdruckerei zufolge, nicht geplant.