Reg dich ab: Warum der Herbst nach Hause gehen kann

Übergangsjacken, bescheuerte Teesorten und irgendwie nichts Halbes und nichts Ganzes: Unser Autor hasst den Herbst. Eine Glosse

Übergangsjacken, Kastanien und Kräutertee: Warum unser Autor keinen Bock auf den Herbst hat, erklärt er in seiner Glosse.

Herbst? Hau ab! Foto: Tanja Heffner / Unsplash | CC0

Endlich Feierabend. Jetzt noch ein Bier vor dem Späti trinken und die letzten Sonnenstrahlen genießen … Ach nee, geht ja gar nicht, denn es ist fucking Herbst! Vor gefühlt zwei Wochen konnte ich noch in T-Shirt und kurzer Hose rumlaufen und plötzlich bekomme ich schon allein bei dem Gedanken an einen Freiluft-Drink eine Blasenentzündung. Praktischerweise ist es, Herbst sei Dank, ja sowieso schon dunkel, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme und die Frage nach dem Späti-Bier stellt sich nicht mehr. Wer braucht schon Vitamin D? Und da ich, was alkoholische Getränke und Männer angeht, auch nicht sonderlich wählerisch bin, tut es heute auch die Flasche Wein: Pour it up!

Am nächsten Morgen wache ich mit leichtem Kater auf und bekomme beim ersten Blick über den Rand meiner Biber-Bettwäsche gleich schlechte Laune: Draußen ist es grau, regnerisch, ungemütlich und seitdem der Baum vor meinem Fenster alle Blätter verloren hat, können mir die Nachbar*innen wieder direkt ins Schlafzimmer gucken. Notiz an mich selbst: Dringend Vorhänge kaufen – sowohl aus Selbstschutz, als auch zum Schutz meiner Nachbar*innen.

Champagner-Probleme

14-mal Snooze später mache ich im Bad einen eindrucksvollen Hechtsprung über das Klo in die Dusche – ja, liebe Nicht-Berliner*innen, die Bäder in der Hauptstadt haben eine seltsame Raumaufteilung –, reiße den Wasserhahn auf wie sonst nur den Bierhahn und bereue genau das schon den Bruchteil einer Sekunde später, denn natürlich ist das Wasser so früh am Morgen und bei den plötzlich gesunkenen Außentemperaturen so eiskalt wie das Herz von Taylor Swift und ich schreie laut und schief wie eben diese in ihrem Hit I Knew Your Were Trouble (okay, vielleicht find ich sie doch ganz okay). Nach dem täglichen Kampf mit dem Thermostat – zu heiß, zu kalt, ah jetzt geht’s, ach nee, doch nicht, fuck, das ist zu heiß, oh Hilfe, kalt – dusche ich viel zu lang und viel zu heiß, aus dem einfachen Grund, dass ich nicht wieder in diese herbstliche Kälte meines Badezimmers treten möchte. Champagner-Probleme, I know!

Die Übergangsjacke ist die Lindsay Lohan unter den Kleidungsstücken: Jede*r kennt sie, aber man ist immer irgendwie peinlich von ihr berührt.

Ich habe so lange geduscht, dass für Frühstück keine Zeit bleibt. Dabei hätte ich so gerne noch kurz einen Moment innegehalten, die viel zu langen Ärmel meines übergroßen Strickpullis hochgekrempelt, eine Tasse Tee mit beiden Händen umfasst, einen großen Schluck von der widerlichen Plörre genommen und kurz den Blick zur Decke schweifen lassen. Wofür spucken sämtliche Drogerien und Supermärkte auch sonst die absurdesten und unnötigsten Teesorten in ihre Regale? Melisse-Gummibär-Goji? Cranberry-Rosmarin-Cupcake? Unicorn-Acai-Schießmichtot-Flavor? Bring it on. Doch statt meine Geschmacksnerven mithilfe dieser erlesenen Teesorten langsam und qualvoll absterben zu lassen, muss ich mich beeilen und greife zu einem Kleidungsstück, welches man nur knapp vier Wochen im Jahr tragen kann und das, genauso wie der Herbst selbst, nichts Halbes und nichts Ganzes ist: die Übergangsjacke. Sie ist die Lindsay Lohan unter den Kleidungsstücken: Jede*r kennt sie, aber man ist immer irgendwie peinlich von ihr berührt.

Das traurige Dasein der Übergangsjacke

Für die Winterjacke ist es noch zu warm, für einen Pullover zu kalt. Die Übergangsjacke will irgendwas dazwischen sein und fristet genau deswegen den Großteil seines Lebens in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes ein trauriges Dasein, in guter Gesellschaft eines Kelly-Family-Fan-Shirts, Boot Cut Jeans und Karottenhosen.

Ich werfe mir also die besagte Übergangsjacke über, schlittere die vier Stockwerke runter, trete vor die Haustür und direkt in eine riesengroße Pfütze, die vor lauter Herbstlaub nicht zu sehen war. Zweite Notiz an mich selbst: Von nun an keine Stoffschuhe mehr. Die sind jetzt nämlich klatschnass und ich stapfe, sauer und tropfend, die vier Stockwerke wieder hoch, um Socken und Schuhe zu wechseln. Dabei trete ich wütend das Herbstlaub, welches unseren kompletten Innenhof bedeckt, beiseite und frage mich, was Menschen so daran fasziniert, dass manche es sogar aufheben, sammeln, trocknen, pressen. Ich war einmal zu Gast auf einer Hochzeit, bei der die Platzkarten für die Gäste laminierte Laubblätter waren und kann nicht verstehen, was an alten, toten Blättern so faszinierend sein soll? Kann mir das mal irgendjemand erklären? Wie oft bin ich schon mit Bekannten im Herbst spazieren gewesen – „Hey, Ole. Hast du nicht Lust auf einen schönen Herbstspaziergang?“ – und musste mir anhören, wie wunderschön, wie faszinierend, wie romantisch das bunte Herbstlaub doch sei. Wie wunderbar es ist, dass die Blätter sich verfärben und die neue Jahreszeit ankündigen. Nein, Lisa, das ist einfach totes, abgefallenes Blattwerk, das nun langsam anfängt, zu vergammeln. Wenn du also alte, modrige, tote Dinge wirklich schön findest, würde ich mir an deiner Stelle wirklich noch mal Gedanken machen.

Auf Kuschelkurs

Frische Socken, trockene Schuhe und drei Minuten später springe ich erneut aus der Haustür, diesmal jedoch galant an der Pfütze vorbei. Springen kann ich ja ganz gut, übe ich schließlich jeden Morgen im Bad. Ich laufe bewusst an meinem Fahrrad vorbei. Denn einerseits ist Fahrradfahren in Berlin sowieso die reinste Hölle, andererseits ist es im Herbst schon so kalt, dass mir sowieso die Finger abfallen würden. Stattdessen steuere ich auf die nächste U-Bahn-Station zu. Die Bahn steht schon, ich renne los, verpasse sie natürlich und muss auf die nächste warten. BVG-Fahrer*innen will know. Die nächste Bahn kommt und obwohl ich so oder so schon viel zu spät bin, spiele ich mit dem Gedanken, einfach auf die nächste zu warten, denn der Wagen ist in etwa so voll wie ich auf jeder Weihnachtsfeier.

Aber es nützt ja nichts: Ich quetsche mich rein und drücke mich an einem Fahrrad vorbei. Das verstehe ich noch weniger als Algebra: Warum zur Hölle nehmen Menschen Fahrräder mit in die U-Bahn? Und warum suchen sie sich dafür auch immer und grundsätzlich die Fahrten aus, die sowieso schon gnadenlos überfüllt sind? Entweder man fährt Fahrrad oder man lässt es zu Hause stehen. Aber man fährt mit dem Rad doch bitte nicht U-Bahn. Ich würde gerne mit dem Kopf schütteln, um mein Unverständnis für diese Aktion zum Ausdruck zu bringen, doch leider bin ich dermaßen eingepfercht, dass ich das Gefühl habe, mich mitten in einer Black-Friday-Schlacht am Wühltisch zu befinden. Doch statt fetter Rabatte gibt es hier nur Bazillen und Schweißgeruch: Der Typ vor mir gähnt so stark, dass ich seine Mandeln untersuchen könnte; der Junge hinter mir lässt die ganze Bahn an seinen Battlerap-Tracks teilhaben – wozu auch Kopfhörer? – und die Frau neben mir hat mir gerade so richtig schön ins Gesicht geniest. Danke für deine Bazillen, liebe Monika. Ich kann dir nicht mal zum Vorwurf machen, dass du dir nicht die Hand vor deinen Mund gehalten hast. Wie auch?

Literweise Actimel pumpen

Der Herbst ist grundsätzlich die Jahreszeit, in der ich krank werde. Würde ich eine Uhr tragen, könnte ich sie danach stellen. Ganz egal, wie viel Ingwertee ich mir reinzwinge, wieviele Vitaminpillen ich werfe oder wie viele Liter Actimel ich pumpe: Den Herbst verbringe ich zu großen Teil verschnupft und grippig im Bett, was immerhin den Vorteil hat, dass ich dafür nicht rausmuss. Aus der Bahn hingegen muss ich jetzt raus, eile in Richtung Büro, trete zum zweiten Mal in eine Pfütze und komme völlig entnervt in der Redaktion an. Herbst, wir werden glaube ich keine guten Freunde mehr. Verpiss dich und mach Platz für den Winter, da gibt es wenigstens Glühwein.


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg Dich Ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.