Reg dich ab: Warum ich Flohmärkte hasse

Menschenmassen, Gedränge und überteuerter Schrott: Unser Autor braucht euren Flohmarkt-Ramsch nicht. Eine Glosse

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Unser Autor kann dem Trödel und Gedränge so gar nichts abgewinnen. Foto: Clem Onojeghuo / Unsplash | CC0

Berlin, Sonntag, 10:30 Uhr. Ich laufe eine Straße entlang, mache einen Bogen um den erbrochenen Döner am Boden, weiche einer besoffenen Junggesellenabschieds-Gruppe aus, die Shirts mit dem Aufdruck „Didis Last Night Out“ und „Ich bin der Bräutigam, die anderen sind nur zum Saufen hier“ tragen und gerade Einer geht noch anstimmen, dränge mich vorbei an den beige-bejackten Rentner*innen, die sämtliche Tische vor den Bäckereien besetzen und zufrieden Zuckerkuchen in ihren Kaffee tunken, und gehe die Treppen zur U-Bahn runter, welche erstaunlich leer und ruhig ist und heute nicht mal nach Schweiß riecht. Es fühlt sich fast wie Urlaub an.

Der Schein trügt, denn ich bin mit Freund*innen auf einem Flohmarkt verabredet. Ich bin skeptisch, aber finde die Idee, dass man Dinge, die man selbst nicht mehr braucht, für wenig Geld an Menschen verkauft, die vielleicht noch etwas damit anfangen können, grundsätzlich gut.

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Außerdem ist es ja ein ungeschriebenes Gesetz der Generation Y, dass mindestens zwei von vier Sonntagen im Monat damit verbracht werden, Flohmärkte zu besuchen, vor Eisdielen länger anzustehen als vorm Berghain, Bilder von Ziegenmilch-Wasabi-Edamame-Kimchi-Eiskugeln zu posten und einfach mal bei ’nem Cold Brew das Leben Leben sein zu lassen – Detox, Me-Tox, Me-Time, whatsoever. Die Zeit in der leeren U-Bahn nutze ich also für Me-Time und schaue gedankenverloren aus dem Fenster und denke über den Sinn des Lebens und darüber, was ich heute Abend essen könnte, nach. Schließlich komme ich an einem der größten Flohmärkte Berlins an. Natürlich muss ich noch auf meine Freund*innen warten. Jedes. Verdammte. Mal. Und während ich so warte, frage ich mich, ob es auch nur einen einzigen Tourist*innenführer auf der ganzen Welt gibt, in dem dieser wahnsinnig zu Unrecht gehypte Flohmarkt nicht zu finden ist. Danke, Lonely Planet. Für nichts.

Erzähl mir bitte nichts von Sammlerwert!

Und dann geht sie auch schon los, die wilde Wahnsinnsfahrt: Wir betreten den Flohmarkt und es fühlt sich an, als würde uns eine riesige Menschenmenge aufsaugen. Der Flohmarkt ist in etwa so voll wie der Junggesellenabschied von vorhin, wir werden quasi von Stand zu Stand geschoben, ohne dass wir dafür unsere Beine bewegen müssen. Und das, was sich mir dort bietet, ist eine absolute Dreistigkeit. Es gibt nämlich verschiedene Typen von Verkäufer*innen und sie alle haben hier eigentlich nichts zu suchen.

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Der erste Stand, an dem ich vorbeitreibe, wird von einer Gruppe arrogant dreinblickender junger Menschen betreut, und schreit förmlich: „Hallo, ich möchte gerne meine Klamotten von H&M und Weekday der letzten Saison verkaufen und dafür aber bitte genau den Preis haben, den ich bezahlt habe.“ Sorry, Schätzchen, aber so funktioniert Flohmarkt einfach nicht. Ich bin nicht dazu bereit, deinen überschätzten H&M-Kenzo-Pulli aus dem Jahr 2016 zum Neupreis zu ergattern – und erzähl du mir jetzt bitte nichts von Sammlerwert, sonst erzähle ich dir was von Geschmack. Ich meine: Tiger? Really? Oh, aber warte: Jetzt willst du es aber wissen und fängst ein richtiges Verkaufsgespräch an. Nicht, dass ich es wirklich wissen wollte, aber du hast ja auch echte Designerstücke dabei, von so einem Berliner Underground-Label. Ist noch nicht so groß, aber die kommen – kannste mir glauben, sagtse. Ich sag dir, was so jedenfalls nicht kommt: Käufer*innen! Komm, verzieh dich wieder hinter deinen Stand und kipp dir weiter Rotkäppchen halbtrocken aus Plastikbechern in den Kopf. Oder biet mir wenigstens was davon an.

Nur 10 Euro, inklusive Keime und Lebensmittelvergiftung

Ich ziehe also weiter. Zur nächsten Kategorie Verkäufer*innen, die sich allen Anschein nach auf Müll spezialisiert hat – literally. Denn hier findet sich wirklich der allerletzte Ramsch wieder, den ich mir vorstellen kann – fein in Reih und Glied aufgestellt. Aber hey, reality check: Ich glaube, kein Mensch sammelt heute noch diese weirden Hippo-Figuren aus dem Ü-Ei. Und das hat sicher seine Gründe. Und auch dein versifftes altes Waffeleisen und deinen schmierigen Sandwichmaker inklusive Käseresten darfst du gern behalten. Immerhin sind deine Preise fair: 10 Euro inklusive Keime und Lebensmittelvergiftung. Auch drollig, dass du denkst, jemand könnte ernsthaft Interesse an deiner Evanescence-CD haben: Ich glaube ich kenne niemanden mehr, der überhaupt noch im Besitz eines CD-Players ist, aber gut – was weg muss, muss weg! Ähnlich skurril: DVDs. Wenn es wenigstens sehenswerte Filme wären, die du mir da andrehen möchtest, aber ich glaube beziehungsweise hoffe einfach, dass du auf Ein Schweinchen namens Babe sitzen bleibst. Meines Glaubens an die Menschheit zuliebe. Sei mir nicht böse, ich weiß, du meinst es nur gut und vielleicht denkst du wirklich, dass irgendjemand irgendwas von dem Zeug gebrauchen könnte, aber ich würde dir fürs nächste Mal raten, die Standgebühr in Rotkäppchen halbtrocken zu investieren und deinen Ramsch einfach zu entsorgen.

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Und dann sind da noch die kommerziellen Händler*innen. Ich kann mir einfach nicht erklären, wie sie es schaffen, sich auf sämtlichen Flohmärkten dieser Stadt einzunisten und ihr absurdes Sortiment an den Mann und die Frau und alles dazwischen zu bringen: Hüllen für alle Smartphones, die jemals existierten und jemals existieren werden, in sämtlichen Varianten – von Strass bis zum I’m-a-fucking-Princess-Aufdruck ist wirklich alles dabei, was kein Herz begehrt. Diese Hüllen finden sich dann zwischen Aschenbechern und Radventilkappen wieder. Und manchmal, wenn man ganz viel Glück hat, haben sie auch diese Taschen im Sortiment, auf denen ganz oft Berlin, Berlin, Berlin abgedruckt ist, wobei ein Berlin farblich – meist golden – hervorgehoben wurde. Diese Taschen sind vor allem dann sehr praktisch, wenn man auf hundert Meter Entfernung als Tourist*in erkannt werden möchte. Ansonsten sind sie allerhöchsten dazu geeignet, die leeren Rotkäppchen-Flaschen zum nächsten Altglascontainer zu transportieren. Aber das darf man sonntags ja sowieso nicht.

Bleib halt nicht mitten im Gang stehen!

Gut, ich stehe mit leeren Händen da, was ich angesichts der Auswahl weder verwunderlich noch schlimm finde. Das einzige, was ich bekomme habe, sind jede Menge blaue Flecken, da der Flohmarkt mittlerweile so dermaßen voll ist, dass mir alle paar Sekunden entweder ein Kleinkind auf die Füße tritt oder ich einen Ellenbogen der besorgten Eltern in die Seite bekomme, weil sie ihren Finn-Luca nicht im Zaum halten können. Der interessiert sich nämlich viel mehr für die knallbunten Plastikautos der kommerziellen Händler*innen und nicht für das biologisch abbaubare Feuerwehrauto aus Holz. Take this, Helikoptereltern. Und gut gemeinter Tipp: Ich glaube, auch die Reiswaffeln werden Finn-Luca nicht so zufriedenstellen wie der rote Plastikflitzer. Aber hey, ist nur meine Meinung. Speaking of Reiswaffeln: Wir beschließen uns zum Food Court durchzuschlagen und werden bei dem Versuch mit einem weiteren ungeschriebenen Gesetz konfrontiert.

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Sofern man in einer Gruppe von mehr als drei Personen unterwegs ist, muss man alle drei bis vier Meter ohne ersichtlichen Grund mitten im sowieso schon viel zu vollen Gang stehen bleiben und den restlichen Besucher*innen den Weg versperren. Sollte eine*r der anderen Besucher*innen dann ihr*sein Missfallen darüber äußern, muss man unbedingt genervt die Augen verdrehen und trotzdem stehen bleiben. Denn dass Menschen in der prallen Mittagssonne gerne sinnlos wartend rumstehen, ist ja allgemein bekannt. Trotzdem haben wir es dann irgendwann geschafft und sind nun nicht mehr von teurem Ramsch umgeben, sondern von teurem Essen. Nach wenigen Sekunden hat man unvermeidbar das Gefühl, die eigenen Klamotten nicht frisch von der Wäscheleine, sondern aus der Fritteuse gefischt zu haben. Die Preise sind gesalzen, das Essen ist es nicht – die Menschen stehen trotzdem Schlange.

Eine unsichtbare Grenze

Und während meine Augen über das kulinarische Angebot des Flohmarktes streifen, bleiben sie, wie für mich gar nicht so unüblich, am Getränkestand hängen, der mit großen Lettern ein Original Craft Beer für den läppischen Wert eines Kleinwagens anpreist. Damit ist für mich dann auch eine unsichtbare Grenze überschritten. Ich verabschiede mich hastig von meinen Freund*innen, stolpere aus dem Park, schwöre mir, hier so bald keinen Fuß mehr reinzusetzen und hole mir erst mal ’ne Flasche Sekt vom Späti. Rotkäppchen. Trocken. Ich bin doch nicht lebensmüde. Auf dem Heimweg höre ich Evanscence. Bring me to life, please!


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg dich ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.