Reg dich ab: Warum ich Freibäder hasse

Schreiende Kinder, Arschbomben und Sonnencremeschmiere: Unser Autor findet es im Freibad so gar nicht entspannend. Eine Glosse

Schreiende Kinder, Arschbomben und Dauerlutscher: Unser Autor findet es im Freibad so gar nicht entspannend. Eine Glosse

Ein Freibad ist kein schöner Ort. Zumindest nicht für unseren Autoren. Foto: Stanley Dai / Unsplash CC0

Ich bin kein Mensch, der gerne stundenlang am See, am Strand oder generell in der prallen Sonne rumliegt. Einerseits, weil mein Körper nur in den Hauttönen Käse und krebsrot existiert und sonnen daher keine Option für mich ist. Andererseits bin ich extrem schnell vom Rumliegen gelangweilt und der Gang vom Handtuch zum Kiosk, um mir den nächsten Sekt auf Eis zu holen, ist auf Dauer weder gut für meine Leber noch wirklich befriedigend. Dennoch kommt es jedes Jahr im Sommer zwei-, dreimal vor, dass ich mich dazu bereit erkläre – meine Freund*innen würden wahrscheinlich eher von breitschlagen lassen sprechen – mit ins Freibad zu kommen. Das ist mir irgendwie immer noch lieber als ein See, zu dem man womöglich noch mit dem Fahrrad (!!!) kilometerweit (!!!) fahren müsste. Im Freibad kann ich wenigstens schnell und unauffällig – Achtung, Wortwitz – abtauchen.

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Heute ist also einer dieser Tage: Ich habe mich für’s Freibad verabredet und stehe nun in meiner Wohnung und frage mich, was ich alles einpacken muss, damit mir nicht langweilig wird. So wandern dann drei Zeitschriften, ein Buch, ein Hörspiel, ein Springseil, ein Kartenspiel, Strickzeug, ein Gameboy, Kreuzworträtsel, Sudoku, ein 1000-Teile-Puzzle – das mit den Bauarbeitern über New York, natürlich – und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor eine Million in meine Tasche. Kurze Zeit später treffe ich meine Freund*innen vor einem der größten Freibäder Berlins, und statt im Wasser baden wir erstmal in der Masse. Denn nicht nur wir hatten die glorreiche Idee, an einem Samstagmittag bei knapp 35 Grad im Schatten ins Freibad zu gehen. Beim Anblick der Schlange, die sich da vor uns erstreckt, würde selbst ein Sven Marquardt blass werden (ja, ja – schon klar, der macht das ja kaum noch selber, got it, clubkids, chill!). Ein ganz offensichtlicher Unterschied zu Schlangen vor Clubs: Den Leuten hier ist komplett egal, ob sie cool rüberkommen. Sie grölen, schubsen, drängeln sich vor, fahren mir mit Hoverboards – really? – in die Hacken oder schmieren einer Freundin Eis ans T-Shirt. Also ich, ich hab ja jetzt schon richtig Bock!

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Sonnencreme, Fußpilz und Platzmangel

Nach 45 Minuten des Ausharrens in der prallen Mittagssonne, die sich angefühlt haben wie 45 Stunden, haben wir es geschafft und die Suche nach einem Platz beginnt. Natürlich sind alle Schattenplätze belegt und wir suchen uns einfach das geringste Übel, irgendwo auf der Wiese, weit weg von den Schwimmbecken, aber dafür angenehm ruhig. Noch. Dazu später mehr. Während ich mich noch mit mehreren Schichten Sonnencreme bestreiche, können meine Freund*innen es kaum abwarten, so schnell wie möglich ins Wasser zu springen. Sie gehen vor, ich gleite auf meiner Sonnencreme hinter ihnen her. Die Menschen auf ihren Handtüchern, an denen wir vorbeilaufen, müssen sich die Hände vor ihre Augen halten, so sehr glänze ich.

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Ich schlittere also fröhlich auf die nächste Hürde zu: Bevor man in den Schwimmbereich kann, muss zunächst dieses kleine Becken durchquert werden, in dem sich das kalte Wasser von den Duschen sammelt, ich nennen es liebevoll auch „Fußpilzbecken“. Mindestens so tapfer wie Sarah Dingens meistere ich auch diese Prüfung und alle, die noch kommen werden, und habe nun endlich freien Blick auf die Schwimmbecken. Wobei: So richtig frei ist der Blick nicht. Es ist kein Flecken Wasser zu erkennen, nur ganz viel Mensch. Jeder Zentimeter Badefläche wird ausgenutzt: Dort, wo kein Erwachsener mehr hinpasst, wird ein Kind oder zu Not eine Pool-Nudel dazwischen gequetscht – Hauptsache effizient.

„Fang doch, du Lauch!“

Wir begeben uns auf die Suche und finden nach einigen Minuten des Dumm-Rumstehens auch circa fünf Quadratzentimeter, in die wir uns irgendwie reinquetschen. Was wir erwartet haben: Eine Abkühlung. Was wir bekommen haben: Warme Brühe und einen bunten Wasserball an den Kopf, inklusive Zuruf „Fang doch, du Lauch!“ Nachdem wir also ein paar Minuten vor uns hingegart haben – ich denke übrigens, dass ich Dank meiner öligen Schicht besonders knusprig enden werde – entscheiden wir uns für das einzig Richtige: Alkohol und zurück zum Handtuch.

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Ich schlittere direkt aus dem Becken, durch das Fußpilz-Paradies und auf die Imbiss-Bude zu. Badelatschen habe ich natürlich vergessen, aber für die wäre neben Zeitschriften, Büchern und anderem Kram in meiner Tasche auch überhaupt kein Platz mehr gewesen. An meinen noch nassen Füßen bleibt also all der Dreck vom Boden kleben und ich muss mir, als ich in der Schlange – schon wieder eine Schlange – vor dem Kiosk stehe, eine Pommes von meiner Fußsohle kratzen. Die Schlange hier ist ähnlich anstrengend wie die am Eingang: Zwei Jungen streiten sich lauthals über Pokémon, die es in meiner Jugend definitiv noch nicht gab, und ein Mädchen lipsynct in ihr Smartphone. Ich fühle mich alt. Das kleine Mädchen vor mir weint, weil ihr ein Dauerlutscher in den Haaren klebt. I feel you.

Geschmacksrichtung: Rot, Grün und Blau

Ich werde vom Geruch des Frittenfetts langsam high – oder blöd – und kann einen ersten Blick auf die Karte der Gourmetküche erhaschen: Klöpse, Klöpse mit Toast, Fritten, Fritten mit Toast und Slush. Den Slush gibt es laut Karte in den Geschmacksrichtungen Rot, Grün und Blau. Ob wohl jemand schonmal darüber nachgedacht hat, dass es sich dabei um Farben und nicht um Geschmack handelt? Aber hey, you never know: In Berlin gibt’s ja bekanntlich nichts, was es nicht gibt. Ich entscheide mich gegen Slush, für Rausch und ziehe mehrere Flaschen balancierend, was bei der Sonnencreme-Schicht wirklich nicht so einfach ist, zurück zum Handtuch.

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Das gestaltet sich jedoch deutlich schwieriger als gedacht, denn: Ey, Mann! Wo ist mein Handtuch? Die Wiese, die vor einer halben Stunde noch relativ überschaubar war, ist nun ähnlich voll wie das Schwimmbecken oder ich an einem Freitagabend. Ich winde mich also vorbei an den Handtuchfestungen, nicht ohne anerkennend hinzunehmen, wie gute einige Freibadbesucher*innen sich vorbereitet haben: Proviant für mehrere kalte Winter wurde extra rangekarrt, kleine Kinder werden mit Popcorn ruhig gestellt und eine Familie hielt es offenbar für eine richtig gute Idee, eine große Schüssel selbstgemachten Thunfisch-Salat mitzubringen, damit sich alle an diesem mediterranen Geruch erfreuen können. Ich erfreue mich daran, nicht in direkter Nähe zu dieser Familie sitzen zu müssen.

Irgendwann reicht’s dann auch

Endlich zurück auf dem Handtuch, meine Freund*innen warten schon und ich fühle mich ein bisschen wie eine Vogelmama, die ihre Jungen füttert. Nur halt mit Schnaps. Doch statt wie erhofft endlich ein bisschen Ruhe zu haben, beschließt die Gruppe neben uns, ihren Bluetooth-Lautsprecher rauszuholen und die gesamte Wiese mit sehr seltsamer Musik zu beschallen. In dem Moment, in dem ich gerade beschlossen habe, sie zu fragen, was das eigentlich soll, fliegt mir eine Frisbee an den Kopf. Ich deute das als Zeichen, trinke aus und mache mich auf den Weg. Vielleicht setze ich mich heute einfach in ein Café und lese drei Zeitschriften und ein Buch. Aber gibt’s den Kaffee auch in Blau?


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg Dich Ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.