Reg dich ab: Warum ich keinen Bock auf die WM habe

Deutschlandfahnen, Autokorsos und Public Viewing: Unser Autor braucht keine Fußball-Weltmeisterschaft, um sich zu betrinken. Eine Glosse

Reg dich ab: Warum ich keinen Bock auf die Fußball-WM habe

"Ey, lass zusammen das Spiel gucken!" – Nein. Foto: © Toa Heftiba / Unsplash | CC0

Samstagmittag. Ich laufe die Straße entlang, vorbei an beflaggten Autos und irrwitzig hässlich dekorierten Balkonen, steuere noch leicht verkatert auf den nächsten Supermarkt zu. Dort springen mich von allen Seiten Lebensmittel in Landesfarben, in Fußballoptik oder in beidem an: Die Kokosnuss, die gern ein Fußball wäre, in einem sexy schwarz-weißen Plastiküberzug; das Brötchen in Deutschlandfarben, wie es sich für ein heimatverbundenes Gebäck gehört; in der Großpackung Müsli findet man als ungefragte Beigabe eine Trillerpfeife because why not; und auch die Avocado darf Fan sein und sich jetzt mit kleinen Fußballstickern schmücken. Im Radio läuft irgendein Song irgendeines*r deutschsprachigen Sängers*in, der*die irgendeinen weichgespülten Feel-Good-Text von sich gibt. Vor der Kasse treffe ich dann auf das, was ich als meine persönliche Vorhölle bezeichnen würde: Ein riesiger Wühltisch, prall gefüllt mit den absurdesten Fanartikeln, entsprungen aus den perversesten Träumen diffuser Werbeleute. Es ist nicht zu leugnen: Die Fußball-Weltmeisterschaft ist in vollem Gange, ich befinde mich quasi im Auge des Sturms. Dabei ist die Fußball-WM für mich wie Volksmusik: Ich will einfach nur, dass es aufhört.

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Fußball und ich, das war noch nie ’ne große Lovestory: Hat mich nie interessiert; zu Hause war es nie Thema; beim Schulsport saß ich die meiste Zeit zufrieden auf der Reservebank, während die anderen sich darum rissen, ins Team gewählt zu werden; Abseits konnte und wollte ich gar nicht verstehen und das einzig Spannende an so einem Spiel war für mich eigentlich der Trikot-Tausch. Dennoch habe ich relativ schnell festgestellt, dass Großveranstaltungen wie die Fußball-WM oder -EM auf viele Menschen eine besondere Faszination ausüben. Und ja, auch ich habe mich mal dazu hinreißen lassen, Fußballspiele mit Freund*innen auf der Großleinwand zu schauen; und ja, ich hatte früher (!) dabei vermutlich auch irgendwelche Fanartikel bei mir, auch wenn davon dankenswerterweise keine Beweisfotos existieren; und ja, heute ist mir das sehr unangenehm.

Geh mir weg mit Public Viewing

Wenn mich heute Bekannte fragen, ob ich nicht mit zum Public Viewing kommen möchte, weil „Das wird super, echt! Da muss man auch kein Fan sein“, bekomme ich bereits Stresspickel – doch nicht immer bin ich willensstark genug und sage erhobenen Hauptes dankend ab. Außerdem sitze ich gerne in Bars rum und meine Freund*innen mag ich natürlich auch die meiste Zeit des Jahres gerne um mich haben.

Manchmal bin ich also schwach oder einfach nur zu faul, um mir glaubwürdige Ausreden auszudenken – so ein Blinddarm kann halt nur einmal entfernt werden – und sage zu. Und dann sitze ich da und soll mir 90 Minuten lang angucken, wie Männer hinter Bällen herlaufen und ab und zu ein Tor schießen. Umgeben von einer Gruppe Menschen, die sich den Rest des Jahres wahrscheinlich genauso wenig um Fußball schert wie ich. Doch für vier Wochen werden sie alle zu Fuballexpert*innen.

Ich hingegen bin einfach nicht in der Lage, so viel Begeisterung für diese Sportart aufzubringen wie etwa der ältere Mann einen Tisch neben mir, der wutentbrannt von der Bierbank aufspringt, was wiederum dazu führt, dass selbige aus dem Gleichgewicht gerät und umkippt. Aber solche Opfer werden gern in Kauf genommen. „Rote Karte, du Vollarsch!“, schreit er innbrünstig und sichtlich wütend den Fernseher an.

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Am liebsten hätte ich ihm erklärt, dass der kleine Mann, der da im gelben Trikot über den Bildschirm huscht und ab und zu trillert, sich momentan in Russland befindet und diese Beleidigung aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gehört hat. Doch das scheint den wütenden Mann nicht weiter zu stören, er kommt, wie ich merke, gerade erst in Fahrt: Jetzt hat er nämlich auch noch Tipps für Jogi „Nivea“ Löw und schreit diesem über eine Entfernung von knapp 2.500 Kilometern zu, dass er doch jetzt mal den Stürmer auswechseln solle, weil „So wird das hier nichts mehr, ey!“.

Doch Joachim „Kaschmirpullover“ Löw scheint den forschen und sicher gut gemeinten Einwurf überhört zu haben und macht nichts dergleichen. Doch auch da hat der Fußballpro vom Nachbartisch eine Lösung: Einfach die Spieler direkt anschreien. Aber Kroos reagiert weder auf „Jetzt zieh doch durch“, noch auf „Nach vorne, du Lusche!“. Hab ich vollstes Verständnis für, kann man schließlich auch in einem angemessenen Ton sagen, Sie Lusche, Sie.

Ungeduschte Nächstenliebe?

Doch es geht auch anders. Dann fällt nämlich ein Tor und er ist ganz außer sich vor Freude, springt erneut brüllend auf, reißt seinen Bierkrug samt Inhalt in die Luft und lässt so alle Umstehenden an dem hopfenhaltigen Getränk teilhaben – soll ja auch gut für die Haare sein – und reißt kurzerhand seinen nichts ahnenden Sitznachbarn an sich, drückt ihn ganz fest an seine Brust und hüpft dabei wie ein aufgeregtes Kleinkind auf und ab, während er lauthals Freudenschreie von sich gibt.

Ich meine: Nächstenliebe ist etwas ganz, ganz Tolles – und wäre ich kein Atheist, würde ich jetzt auch auf entsprechende Bibelstellen verweisen –, aber diese ungeduschte, verschwitzte Form der öffentlichen Nächstenliebe geht mir dann doch zu weit und ich bin froh, mir einen Platz relativ weit hinten gesucht zu haben.

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Der Mann hat sich für den heutigen Abend, für sein Team, für sein Land auch richtig chic gemacht: Eine drollige Lockenperücke in Deutschlandfarben, ein personalisiertes Mannschaftstrikot auf dessen Rückseite „Manni“ anstelle eines Spielernamens zu lesen ist, eine Trillerpfeife – vielleicht sogar die aus der Großpackung Müsli –, Deutschlandfarben im Gesicht und eine Vuvuzela in der freien Hand, die nicht den Nachbarn und den Bierkrug umklammert.

Er scheint bestens ausgestattet und ich bin mir sicher, dass er jetzt schon an den anschließenden Autokorso denkt. Daran, wie er die ganze Nachbarschaft mit seinem leidigen Gehupe wachhalten wird, weil er sich so darüber freut, dass elf Männer einen Ball mehrfach in ein Tor geschossen haben. Don’t get it.

Rote Karte!

All das Grübeln macht durstig, mein Drink ist leer, ich drängele mich an die Bar und versuche weiterhin, dem Ende des Spiels entgegenzutrinken. Und dabei verstehe ich ja eigentlich, warum so viele Menschen alle zwei Jahre für einen Monat zum Fußballfan werden: Es bringt sie zusammen, man hockt gemeinsam draußen rum, lacht, hat womöglich sogar Spaß und wenn nicht, hat man wenigstens Alkohol – Geselligkeit und so.  Fußball ist dann nunmal einfach der kleinste, gemeinsame Nenner, auf den man sich einigen kann. Und dennoch kann ich sie nicht verstehen, diese Fußball-Euphorie. Warum ausgerechnet Fußball?

Ich hol mir noch ’nen Gin Tonic, drängel mich zurück zu meinem Platz, stolpere dabei über eine Vuvuzela in Landesfarben und verteile meine alkoholische Rettung flächendeckend unter den Zuschauer*innen. Rote Karte für mich. Ich Vollarsch.


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg dich ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.