Reg dich ab: Warum ich lange Zugfahrten hasse

Hart gekochte Eier, Bierfahnen und Fangesänge: Unser Autor ist kein Freund von langen Reisen mit dem Zug oder Bus. Ein Kommentar

Unser Autor ist kein Freund von langen Bus- und Zugfahrten. Warum das so ist, erklärt er in seinem Kommentar.

"Ist neben Ihnen noch frei?" Quelle: Unsplash | CC0

Als kleiner Junge war ich immer ganz aufgeregt, wenn wieder eine längere Reise mit dem Zug oder dem Bus anstand: stundenlang durch die Gänge toben, mit wirrem Gebrabbel das ganze Abteil unterhalten, alle fünf Minuten eins dieser knallsüßen Schokohörnchen aus der Plastikverpackung essen – ach, was war das schön. Heute sind genau diese kleinen Kinder einer von vielen Gründen, warum ich schon Tage vor einer anstehenden Reise krampfhaft nach Ausreden suche, um diese nicht antreten zu müssen.

Manchmal führt aber leider kein Weg daran vorbei und ich finde mich von vornherein genervt und vom Schlimmsten ausgehend am Bahnhof wieder. So auch heute. Zwei Stunden, zwanzig Minuten. So lang soll die Fahrt dauern. Über die 15 Minuten Verspätung kann ich hinwegsehen, schließlich lebe ich in Berlin und da gehört das Zuspätkommen ja anscheinend zum guten Ton. Warum sollte das dann nicht auch für den überregionalen Personenverkehr gelten? Schließlich kommt der Zug in den Bahnhof eingefahren und kaum, dass er steht und die Türen sich öffnen, bricht das komplette Chaos aus. Menschliche Urinstinkte at their best: Dagegen sind die H&M-Collaboration-Drops oder die Eröffnung eines neuen, veganen Burgerladens ein Witz. Abgründe tun sich auf, hier wird gedrängelt, geschubst, gerissen, geflucht, der Coffee-To-Go ist am Überschwappen, genauso wie die Emotionen der Beteiligten, denn alle haben nur ein Ziel: sitzen.

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Ohne mich. Da mache ich nicht mit. Ich bin jetzt in einem Alter, in dem man keine Buchung mehr ohne Sitzplatzreservierung abschließt. Nun lasse ich mich also von der Masse zu meinem reservierten Sitzplatz treiben. So in etwa muss sich Stagediving anfühlen. Wie ein echter Rockstar!

„Ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz!“

Irgendwann spuckt mich die schwitzige Menschenmasse an dem für mich vorgesehenen Platz wieder aus. Doch der ist besetzt: Ein Mann, so etwa Mitte 40, sitzt dort und gibt vor, zu schlafen. Ach, wir spielen jetzt dieses Spielchen? Ich wuchte also meinen Koffer auf die Gepäckablage, die anderen Reisenden, die ich am Weiterziehen hindere, werden langsam ungeduldig. Der Koffer ist verstaut und meine Show geht los: Ich räuspere mich unnatürlich laut, der Herr schreckt hoch. Besser gesagt: Er tut, als würde er hochschrecken. Man zeige mir bitte auch nur einen Menschen, der bei dem Lärm, den Reisende beim Betreten eines Zuges am Berliner Hauptbahnhof machen, ruhig und selig schlafen kann.

„Entschuldigen Sie, ich glaube, Sie sitzen auf meinem Platz!“, „Was? Nein, das kann nicht sein.“, „Doch, schauen Sie, hier. Wagen 5, Platz 11.“, „Ach, das hier ist Wagen 5?“, „Ja, das ist Wagen 5. Das erkennen Sie an der 5 die überall an den Türen steht.“, „Achje, ich dachte, dass sei ein anderer Wagen.“, „Ja, das tut mir jetzt leid.“, „Ja, dann werde ich jetzt wohl mal einen anderen Platz suchen müssen, was?“

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Seinen letzten Satz unterstreicht er mit einem bösen, vorwurfsvollen Blick, packt theatralisch seine Laptoptasche – ein Thinkpad? Really? – und zieht mit großer Geste von dannen. Ich nehme Platz. Am Gang. Immer am Gang. Ich bilde mir ein, dass ich die Situation dann besser im Griff habe und im Notfall schnell die Flucht ergreifen kann – ganz egal, ob vor tobenden Kindern oder gesprächigen Nachbar*innen. Letztere sollen mir auf dieser Fahrt wohl erspart bleiben, denn die junge Frau neben mir hat Kopfhörer auf den Ohren und blickt aus dem Fenster, was ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass sie keine Lust auf soziale Interaktion hat. Denn vor dem Fenster ist momentan nur die dunkle Bahnhofswand zu sehen. Ich glaube, wir verstehen uns.

Cola, Fanta, Wasser, Snacks?

Meine Sitznachbarin und ich verstehen uns übrigens nicht nur in dem Punkt, dass wir während der Fahrt gerne unsere Ruhe und keine Lust auf Smalltalk haben, wir teilen auch das Verständnis von fairer Platzaufteilung: dein Spielbereich, mein Spielbereich, die Lehne als klare Trennlinie. Doch es gibt auch Menschen, die diese Linie lediglich als gut gemeinten Vorschlag verstehen, konsequent breitbeinig meinen Platz miteinnehmen und allem Anschein nach einen Kampf um die Armlehne führen wollen, ausgefochten von unseren Ellenbogen. Ähnlich anstrengend, aber irgendwie entschuldbar: die Sitznachbar*innen, die etwa alle fünf Minuten fragen, ob ich mal aufstehen könne, da sie jetzt aber mal dringend auf Klo müssten. Dann trink während der Fahrt halt keine 1,5 Liter Kräutertee aus deiner Thermoskanne, meine Güte. Aber heute ist ja alles anders, alles besser und die Fahrt beginnt.

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Ich tue es meiner Sitznachbarin gleich, setze mir Kopfhörer auf und kapsele mich ab, denn ich bin auf solchen Fahrten einfach nicht in der Lage mich aufs Arbeiten oder aufs Lesen zu konzentrieren. Nach knapp 15 Minuten werde ich jedoch wieder aus meinen Gedanken gerissen, denn eine freundliche, aber bestimmte Stimme hallt durch das Abteil und fragt immer wieder in derselben Tonlage, ob hier vielleicht noch jemand einen Kaffee oder einen Cappuccino möchte? Nein, Danke.

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In Regionalzügen werden neben Heißgetränken auch immer Softdrinks angeboten. Oft laufen überambitionierte Studierende dann mit dem Servicewagen von Abteil zu Abteil und skandieren fröhlich: „Cola, Fanta, Wasser, Snacks? Oder darf es vielleicht ein Schokoriegel sein?“ – „Nein, sehr freundlich“, denke ich und überlege dann meist kurz, ob es verwerflich wäre, vor 17 Uhr nach einem Gin Tonic zu fragen. Aber den hätten sie ja eh nicht.

Eingetuppert

Oft muss das Servicepersonal jedoch erfolglos weiterziehen, denn die Reisenden sind clever. Die müssen kein Geld für irgendwelche Snacks vor Ort ausgeben. Nein, die Reisenden haben vorgesorgt. Und so werden nach ein paar Minuten Fahrt die Tupperdosen rausgeholt – und ich frage mich immer wieder, ob mal irgendjemand einen Knigge über Lebensmittel auf Zug- oder Busfahrten schreiben kann. Das geht an alle Tupperlover da draußen: In Zügen und Bussen kann man nur sehr, sehr schlecht durchlüften. Das führt dann logischerweise dazu, dass unangenehme Gerüche nur sehr schwer verschwinden und im Raum stehen. Sie stehen da rum und stinken solange vor sich hin bis der nächste Zwischenstopp kurz Luft hereinlässt.

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Ich glaube fest daran, dass einige Menschen sich daraus einen Spaß machen, zu Hause vorm Kühlschrank stehen und sich fragen: „Was riecht eigentlich am unangenehmsten?“ Ich habe da eine persönliche Hitliste: Ganz vorne mit dabei sind hartgekochte Eier. Die besonders gewieften Snackprofis verfügen nicht nur über eine eigene Eierbrotdose, sondern auch über einen Minisalzstreuer. Man is(s)t eben gut vorbereitet.

Weitere kulinarische Highlights: Wurstbrote, die einen penetranten Teewurstgeruch durch das ganze Abteil spülen; Burger mit Pommes, die schnell auf dem letzten Zwischenstopp gekauft wurden, um der Reise einen fettigen Frittenbudenflair zu verleihen; oder auch Fischbrötchen, was in meinen Augen eine derartige Dreistigkeit darstellt, dass ich gar keine Worte dafür finde. In solchen Situationen hilft nur eins: die Flucht. Und da bin ich echt ein Fan von Zugfahrten. Denn in Zügen hat man, im Gegensatz zu Reise- und Fernbussen, wenigstens die Möglichkeit, aufzustehen, sich die Beine zu vertreten. Und da der Mann zwei Reihen vor mir gerade eine Großpackung Fleischbällchen geöffnet hat, tue ich genau das, und laufe ein wenige herum – wer weiß, vielleicht findet sich ja doch noch irgendwo ein Gin Tonic?

Ein sehr interessanter Kosmos

Und so laufe ich durch die Abteile, Reihe für Reihe, vorbei an den unterschiedlichsten Menschen: Eine Rentner*innengruppe, ganz klassisch in beige gekleidet, spielt Karten; eine Gruppe Schüler*innen, wahrscheinlich auf Klassenfahrt, pubertiert zu lauter Musik aus einem Smartphone vor sich hin und ich überlege kurz, ob ich ihnen erklären soll, was Deo ist, entscheide mich dann aber dagegen, denn mir hat das in dem Alter ja auch niemand gesagt; ich laufe vorbei an den Schlafenden, denen langsam der Speichel das Kinn herunterläuft; an den Ökoeltern, die Finn-Luca gerade mit einer Reiswaffel füttern wollen, Finn-Luca hätte aber viel lieber die Stapelchips von den Klassenfahrtkids; vorbei an den Businessmenschen, die konzentriert auf ihren Laptops hacken; an den Seriengucker*innen, die irgendwie alle immer Game Of Thrones gucken; vorbei am Bordbistro, wo die mir am sympathischsten Daydrinker*innen sich gerade Rotwein aus kleinen Flaschen einschenken. Und ich muss grinsen, denn irgendwie ist das schon ein sehr interessanter Kosmos. Wahrscheinlich fragen sich die Leute, an denen ich vorbeigelaufen bin, warum dieser Typ da so angenervt guckt und warum der nicht verdammt nochmal einfach auf seinem Platz sitzen bleiben kann.

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Ich gehe zurück zu meinem Sitz. Die Fleischbällchen sind mittlerweile weg, der schlechte Geruch ist es noch nicht ganz. Aber was soll’s? In knapp 15 Minuten habe ich mein Ziel erreicht. Also nehme ich nochmal kurz Platz. Ein Fehler, wie ich merke, denn um mich herum geht das Gewusel schon los. Auch so ein ungeschriebenes Gesetz im Zug: Man hat gefälligst mindestens zehn Minuten vor der Ankunft am Bahnhof mit geschultertem Rucksack und Koffer im Gang rumzustehen, sonst könnte man ja das Aussteigen vergessen und das wäre wirklich grauenhaft.

Ich mache mir da mittlerweile ein Spiel draus und stehe extra erst ganz, ganz spät auf, am besten dann, wenn der Zug gerade zum Halten kommt. Ein Wunder, dass ich bisher immer angekommen bin, so auch diesmal.

Am Bahnhof laufe ich Richtung Ausgang und bekomme irgendwie Hunger. Jetzt so ein hart gekochtes Ei …


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg Dich Ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.