Reg dich ab: Warum ich nicht mehr in WGs leben möchte

Geschirrstapel, Gemeinschaftskasse und nur ein Badezimmer: Das Leben in einer Wohngemeinschaft ist alles, nur nicht schön. Das findet zumindest unser Autor. Eine Glosse

Geschirrstapel, Gemeinschaftskasse und nur ein Badezimmer: Das Leben in einer Wohngemeinschaft ist alles, nur nicht schön. Das findet zumindest unser Autor. Ein Kommentar

"Ich hab dein Müsli aufgegessen. Hoffe, das ist okay." Quelle: Unsplash | CC0

Es ist 23:35 Uhr, ich lasse den Zug und eine Horde grölender Fußballfans samt Vuvuzela – anscheinend still a thing – und Bierfahne hinter mir. Du stehst schon am Gleis, wir haben uns lange nicht gesehen, aber Gott sei Dank haben wir ja noch einen Haufen Anekdoten aus der Schulzeit, die wir auf dem Weg zu deiner Wohnung behelfsweise wieder aufwärmen können, bevor wir wieder zueinandergefunden haben. Schließlich kommen wir an, steigen aus und stehen nach wenigen Metern vor deiner Haustür. Als ich das Klingelschild sehe, ahne ich Schlimmes: Sechs Namen, alle handschriftlich auf einem weißen Streifen Papier notiert und stümperhaft mit Tesafilm neben dem Klingelknopf befestigt, prangen dort. Und da ich nicht davon ausgehe, dass du zum sechsten Mal geheiratet und die Namen deiner Partner*innen einfach behalten hast, kann das nur eins heißen: Dieses Wochenende werde ich wohl oder übel in einer WG verbringen müssen.

[Außerdem bei ze.tt: Wie sich WGs in den USA von denen in Deutschland unterscheiden]

Denn nach der Schule zieht man ja bekanntlich aus und los, raus in die wilde, weite Welt. Und wer es sich nicht leisten kann, in Australien auf einem Feld schrumpeliges Gemüse einzusammeln oder in Amerika auf das schlecht erzogene Blag neureicher Großstädter*innen aufzupassen, der studiert eben in der nächstbesten Großstadt irgendwas mit Medien. Statt weite Sprünge zu machen, springt man dann eben erstmal lustig von WG-Casting zu WG-Casting, im festen Glauben, dass Wohngemeinschaften der absolute Shit sind und es absolut nichts Schöneres gibt als mit fremden Menschen 50 Quadratmeter in Berlin-Friedrichshain zu teilen. Spoiler: Gibt es.

„Ach, der ist DJ.“

Gott sei Dank teilst du dir keine 50, sondern ganze 90 Quadratmeter mit deinen fünf Mitbewohner*innen, erklärst du mir stolz und gibst mir eine Führung durch „unsere kleine, aber feine Wohn-Oase“, natürlich nicht ohne dabei ganz neckisch zu kichern. Vielleicht wolltest du eigentlich lieber weinen, ich könnte es verstehen. Die Führung ist dann auch relativ schnell erledigt, sonderlich viel gibt es nicht zu sehen: Flur, Küche, Bad und ansonsten nur sechs verschlossene Türen. Deine Mitbewohner*innen haben es sich jedoch nicht nehmen lassen, ihre jeweiligen Türen mit Stickern, Plakaten und Fotos zu verzieren, quasi als Ausdruck ihrer Individualität und als ganz neue Form des Customizing.

Bis dato war mir allerdings nicht klar, dass die abgegriffene Eintrittskarte vom Silbermond-Konzert 2012 – an dieser Stelle verkneife ich mir jeglichen Kommentar, denn das spricht für sich – es wert ist, an einer Tür zu landen. Ein Tür-Kunstwerk bereitet mir ganz besonders Sorge: Großflächig prangen dort bunte Sticker von Clubs und Plattenlabels. Du deutest meinen Blick anscheinend richtig und winkst ab: „Ach, der ist DJ. Ist bei so ’nem kleinen Label unter Vertrag, aber ist ganz geil. Gehen wir manchmal gemeinsam als WG hin, musste mal mit.“ Ja, geil. Hört sich so super an, dass ich kurz überlege, meinen Kopf mit voller Wucht gegen die Tür zu schlagen, um eine Gehirnerschütterung zu bekommen, beruhige mich aber wieder und erinnere mich, dass ich mir vorgenommen habe, dieses Wochenende offen zu sein und nicht gleich alles immer so negativ zu sehen. Ich sage also nichts und folge dir in dein Zimmer.

Außerdem bei ze.tt: So richten junge Menschen aus aller Welt ihre Zimmer ein

Dein Zimmer ist schön. Ein schöner Schlauch, in dem du weitestgehend auf Billy, Malm und Klippan verzichtet hast. Nur der mit dünnem Papier bespannte Lampenball an der Decke, Regolit heißt er, und diese zwei parallel zueinander aufgehängten Spiegel in Wellenform erinnern daran, dass es sich hier um ein WG-Zimmer, also ein erwachseneres Jugendzimmer, handelt. In der Mitte des Raumes liegt schon eine Gästematratze für mich, denn du hast dich irgendwann mal dazu entschieden, dass ein 90-Zentimeter-Bett ausreicht. Es ist spät, ich bin müde und morgen ist auch noch ein Tag: Wir legen uns schlafen. Du döst binnen weniger Sekunden weg, schnarchst leise vor dich hin und ich starre an die Decke: Einerseits, weil es für mein Empfinden knallhell in deinem Zimmer ist, so ganz ohne Vorhänge oder Rollläden, andererseits weil – speaking of knall – dein*e Mitbewohner*in im Zimmer nebenan gerade laut Sex hat und mich das rhythmische Klopfen an der hauchdünnen Rigipswand, verbunden mit einem lauten Schnaufen, immer wieder aus dem Halbschlaf reißt.

Murphys Gesetz 2.0

Der nächste Morgen. Da ich in etwa so lichtempfindlich bin wie Bewegungsmelder bei Nacht, wache ich sehr früh auf. Du schläfst noch selig, hast mir aber dankenswerterweise ein Handtuch auf deinen Schreibtisch gelegt. Ich gehe in Richtung Bad, drücke die Türklinke herunter und: Nichts. Die Tür ist verriegelt. Wie konnte ich nur Murphys Gesetz vergessen: WG-Toiletten sind immer und ausschließlich dann besetzt, wenn man sie selbst gerne benutzen möchte. Immerhin ist kein Duschgeräusch zu hören, was bedeutet, dass es nicht allzu lange dauern kann. Also schaue ich mich im Flur um und werfe einen genaueren Blick auf das weiße Regal, das neben einem unfassbar hohen Berg aus Schuhen steht. Ihr seid bestens ausgestattet: Die Siedler, Monopoly, ein Badminton-Set und sogar eine Slackline. Wow. Ich überlege kurz, wie unverschämt es wäre, meine Sachen zu nehmen und einfach wieder zurück nach Berlin zu fahren. Zurück in meine eigene, kleine Wohnung, ganz ohne Slackline und Gesellschaftsspiele. Doch in diesem Moment geht die Badezimmertür auf, ein junger Mann kommt heraus, nickt mir müde zu und schlurft, ohne ein Wort zu sagen, in eines der Zimmer. Ein sympathischer Mensch.

[Außerdem bei ze.tt: So verhältst du dich bei einem WG-Casting richtig]

Im Badezimmer begrüßt mich eine traurige Topfpflanze. Ich schaue kurz in den Spiegel, beziehungsweise in den Teil des Spiegels, der nicht voller Zahnpastaspritzer ist. Mein Blick schweift über den Zahnputzbecher, in dem geschätzt 30 Zahnbürsten thronen, weiter über den Fußboden, auf dem eine*r deiner Mitbewohner*innen anscheinend seine*ihre Fußnägel großflächig verteilt hat, und schließlich zur Dusche, die eigentlich eine Badewanne mit Duschvorhang ist: Ich steige, nicht ohne dabei fast auszurutschen, in die Wanne und bin beeindruckt, dass ihr es geschafft habt, das gesamte DM-Sortiment auf dem Wannenrand zu platzieren: Von Kokos-Vanille-Amethyst über Crazy-Unicorn-Sommerparty – hier landen wirklich nur die ausgewähltesten Düfte im Abfluss. Was ebenfalls im Abfluss landet und sich dort fröhlich mit Seifenresten zu einem Klumpen Widerlichkeit verbindet: Körperhaare von sämtlichen Mitbewohner*innen, Besucher*innen, Partner*innen und wer auch immer sonst noch so in dieser Wohnung duscht.

PVC, Putzplan und Geschirr-Jenga

Als ich, frisch nach Goji-Guave-Granatapfel duftend, wieder in dein Zimmer komme, bist du auch wach und beschließt, dass es jetzt Zeit für Frühstück ist. Wir gehen also in die mit PVC ausgelegte Küche und ich bereue schon beim ersten Schritt über den Plastikboden, dass ich keine Socken trage: Brotkrümel, Staub, Essensreste und anderer Schmutz klammern sich an meiner Fußsohle fest, in der Hoffnung auf ein besseres Leben als in dieser WG-Küche. Auch hier schweift mein Blick erstmal durch den Raum, ich konnte den Anblick gestern übermüdet und ohne Tageslicht gar nicht richtig genießen und muss sagen: Ich bin beeindruckt. Nicht von der Küche an sich, sondern von dem Talent, möglichst viel dreckiges Geschirr auf möglichst wenig Platz zu stapeln. Erinnert mich ein bisschen an Jenga: Die Person, die den Turm zum Einsturz bringt, muss abwaschen – ein ungeschriebenes WG-Gesetz. Auch der runde Putzplan aus Pappe, in dessen Mitte sechs Pfeile mit angebracht sind, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich: Du bist übrigens mit Badputzen dran. Ich glaub, da ist was im Abfluss.

[Außerdem bei ze.tt: FKK, Polyamorös, Sarg im Keller – diese skurillen WGs suchen Mieter]

Unser Frühstück fällt leider etwas dürftig aus: Der Joghurt ist seit einem halben Jahr abgelaufen, die Milch ist sauer – aber das wäre ich auch, wenn man mich so lange stehen lässt – und das Müsli hat der DJ leergemacht. Aber immerhin hat er dir einen Zettel in der Dose hinterlassen: „Ich schulde dir ein Müsli.“ Du lachst darüber, schüttelst wissend mit dem Kopf und erklärst mir dann: „Ja, ja, so isser halt.“ Wir beschließen nach draußen zu gehen und in einem Café zu frühstücken. Während du dich gerade durch den riesigen Schuhhaufen wühlst und deinen zweiten Schuh suchst, gehe ich schonmal runter und nicke wissend mit dem Kopf: „Ja, ja, so isses halt.“ Nicht alle WGs sind gleich, nicht alle WGs sind dreckig, nicht alle Mitbewohner*innen nervig und ich bin vielleicht einfach kein WG-Typ (mehr).

Du bist mittlerweile auch unten. Deinen zweiten Schuh hast du nicht gefunden und trägst deshalb einfach deine Hausschuhe. Wir gehen frühstücken, ich bestelle mir erstmal einen Goji-Guave-Granatapfel-Smoothie.


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg dich ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.