Reg dich ab: Warum ich Sprachnachrichten hasse

„Äh, wo war ich stehen geblieben?“ – Unser Autor möchte keine Sprachnachrichten mehr bekommen. Oft wäre es nämlich viel einfacher zu telefonieren. Ein Kommentar

"Äh, wo war ich stehen geblieben?" – Unser Autor möchte keine Sprachnachrichten mehr bekommen. Ein Kommentar

"Also, was ich eigentlich erzählen wollte ..." Quelle: Unsplash | CC0

Es ist Samstagnachmittag. Ich stehe in der U-Bahn, die so voll ist wie ich nach fünf Gläsern Gin Tonic. Der Mann vor mir hält sich oben an der Stange fest, was nicht weiter schlimm wäre, würde er kein Muskelshirt tragen und wären es nicht gefühlt 40 Grad hier drin. Ich wende mich zur Seite. Dort steht ein junges Mädchen, vielleicht 15 Jahre alt, und hält sich ihr Smartphone an den Mund. Nicht ans Ohr, nur an den Mund.

Sie nimmt nämlich gerade eine Sprachnachricht auf und lässt alle Umstehenden daran teilhaben. Ich weiß jetzt, dass sie gerade Nachhilfe schwänzt, dass sie später noch mit den Girls bei H&M cornern will, dass sie Bedi hammersweet findet, dass Nico voll hässlich und Taylor Swift voll die Schlange ist, und dass Justin viel besser zu Selena gepasst hätte. Und während ich ihrer nicht enden wollenden Rede lausche und mir vorstelle, wie Nico wohl aussieht, wird mir schlagartig bewusst, wie sehr ich Sprachnachrichten hasse.

Blablablabla

Ein Bekannter von mir, nennen wir ihn Kim, ist genauso wie das U-Bahn-Mädchen ein riesiger Fan von Sprachnachrichten. Kim ist sogar so ein großer Fan, dass er gar nicht genug von ihnen bekommt und ihre Möglichkeiten bis in die Vollen ausschöpft. Warum solltest du dich auf 15 Sekunden beschränken, wenn du deine Nachricht auch auf 15 Minuten ausdehnen kannst? Ich wollte zwar eigentlich einfach nur von dir wissen, ob das mit dem Kino am Dienstag noch steht, aber du hast noch so, so viel mehr zu sagen als „Ja, geht klar“ oder „Nein, sorry“ – du bringst diese einseitige Unterhaltung auf ein ganz anderes Level, bringst da noch eine Metaebene rein.

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Denn im Kino, da laufen ja gerade so gute Filme, da weißt du gar nicht, was du dir angucken sollst. Speaking of Angucken: Letzte Woche warst du ja schon in dem neuen Star WarsFilm, aber der ist ja sowas von überbewertet. Apropos überbewertet: Bitcoins sind ja mindestens genauso überbewertet wie das letzte Album von Madonna. Die wird ja auch nicht jünger, aber die hat was machen lassen, da bist du dir sicher. Genauso wie Carmen, mit der wir doch damals in einer Klasse waren. Carmen, du weißt schon. Die hat auch was machen lassen. Die Nase nämlich. Kannst du gar nicht verstehen, die war doch so hübsch, die Nase. Was du auch nicht verstehen kannst: Italienisch. Aber du hast neulich diesen süßen Typen gedated und der war Italiener und ihr wart zusammen essen. Aber nicht beim Italiener, sondern beim Franzosen. Französisch hattest du ja in der Schule, aber die Hälfte hast du schon wieder vergessen. Genauso wie ich mittlerweile vergessen habe, worum es in dieser Sprachnachricht eigentlich geht. Du hast mir gerade sieben Minuten Lebenszeit geraubt und mir dabei nicht mal die Chance gegeben, dazwischen zu brüllen und dich zu unterbrechen.

Short Message Service, Alter!

Früher, als Trump noch nicht Präsident und unsere Eltern nicht auf Facebook waren, war alles besser: Da hieß diese mobile Kommunikation noch SMS. Und weißt du, wofür das erste S steht? Das steht für short. Kurzmitteilung. Nicht Laber-mich-sieben-Minuten-voll-Mitteilung. Komm zum Punkt oder, und jetzt kommt ein echt verrückter Vorschlag, ruf mich doch einfach an, wenn du das Bedürfnis hast, mit mir zu reden oder du etwas loswerden möchtest. Aber du rufst nie an. Du schickst immer nur fröhlich deine Sprachnachrichten raus in die Welt und nervst mich und alle anderen Bekannten mit ungefragten Exkursen. Ich glaube nämlich, dass du dich einfach verdammt gerne reden hörst – und dabei, wenn möglich, auch auf gar keinen Fall unterbrochen werden möchtest.

Ich verstehe schon, dass es auch mal ganz praktisch sein kann, eine Antwort mal eben ins Telefon zu sprechen ohne auf dem Display herumtippen zu müssen: Wenn du zum Beispiel gerade eine Nasen-OP hattest und noch nicht wieder ganz klar sehen kannst oder du auf einem Date mit einem Italiener beim Franzosen bist und deshalb gerade keine Hand frei hast. Dennoch sollten wir mal einen Regelkatalog für das Aufnehmen von Sprachnachrichten verfassen, der neben einer Maximallänge auch inhaltliche Exkurse verbietet – und jedwede Verstöße mit dem handschriftlichen Niederschreiben des Satzes „Ich darf andere Menschen nicht mit meinen Sprachnachrichten quälen!“ ahndet, Bart-Simpson-Style. Denn das ganze aufgenommene Gequatsche strapaziert nicht nur meine Nerven, sondern auch den Speicher meines Smartphones. Musste ich früher noch Fotos löschen, um Platz zu schaffen, sind es heute Sprachnachrichten.

Wurstfinger und Aussetzer

Neben denen, die einfach nicht aufhören wollen zu sprechen, gibt es auch diejenigen, die in etwa 20 Nachrichten hintereinander schicken, alle in etwa nur fünf bis zehn Sekunden lang, und häufig mit „Hups, da bin ich jetzt abgerutscht, sorry“ oder  „Äh, wo war ich stehen geblieben?“ beginnen. Du warst gerade dabei mir zu erklären, dass es dir wahnsinnig leid tut, dass du es nie schaffst, mit deinen Wurstfingern den Aufnahmeknopf zu treffen, beziehungsweise ihn lange genug zu halten. Weißt du was? Schreib mir doch einfach, da gibt’s wenigstens noch unsere Freundin, die Autokorrektur. Ich habe nämlich weder Zeit noch Lust mich ständig durch eine Flut an abgehackten Sprachfetzen zu kämpfen, um letztlich immer noch nicht so ganz genau zu wissen, was du mir eigentlich sagen wolltest. Da kann ich mir auch einfach Cloudrap anhören.

Wo wir gerade übers Anhören sprechen: Ich bekomme diese ellenlange Nachrichten prinzipiell in solchen Situationen, in denen ich sie auf gar keinen Fall anhören kann. Ob in einer Vorlesung, einem Meeting, im Kino – all das sind keine Orte, wo man mal eben deine siebenminütige Ode an Gott und die Welt hören kann – geschweige denn möchte. Hättest du mir einfach eine stinknormale Nachricht geschrieben, wäre es ein leichtes, diese mal eben nebenbei unter dem Tisch zu lesen.

Ohne mir also angehört zu haben, was du so zu erzählen hast, antworte ich einfach nur „Okay“ und beschließe, heute mal wieder Französisch essen zu gehen. Hatte ich schon lang nicht mehr.


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg Dich Ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.