Reg Dich Ab: Warum ich Unpünktlichkeit hasse

Unser Autor fragt sich, warum manche Menschen es einfach nie schaffen, pünktlich zu sein. Ein Kommentar

In seinem Kommentar erklärt unser Autor, warum Unpünktlichkeit ihn verrückt macht.

"Ich bin gleich da!" Quelle: Unsplash | CC0

Ein lauer Sommerabend, eigentlich der erste in diesem Jahr, an dem man im Pulli draußen sitzen kann, ohne zu frieren. Gut so, denn ich sitze auf einer harten Holzbank vor einer Bar. Du hast mich dort hinbestellt. Ich habe mir eben den dritten Wein bestellt. Denn du bist noch nicht da. Und ich sitze verdammt nochmal alleine vor dieser schrecklichen Hipstergrotte, in der ein Drink soviel kostet wie ein Wocheneinkauf und die Kellnerin Hochnäsigkeit und Arroganz laut Arbeitsvertrag an den Tag legen muss, schon der Hauch eines Lächelns wäre wahrscheinlich ein Kündigungsgrund. Freiwillig, aus eigenen Stücken, würde ich diesen furchtbaren Ort – ich meine: es gibt Craft Beer, hallo?! – niemals aufsuchen. Aber heute, heute bin ich mal freundlich. Heute komme ich dir mal entgegen und in deinen Kiez, schließlich haben wir uns schon so lange nicht mehr gesehen.

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Und nun sitze ich hier, es dämmert langsam und mir dämmert auch etwas. Und zwar, warum wir uns so lange nicht mehr gesehen haben. Du bist nämlich unpünktlich. Jedes verdammte Mal. Verabredet waren wir um 20:30 Uhr, jetzt ist es 21:15 Uhr. Ich kenne dich, es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich irgendwo rumsitze, das Datenvolumen meines Smartphones verballere, um die Zeit totzuschlagen, mir einen Wein nach dem anderen bestelle, um die Wut über deine Unpünktlichkeit zu ertränken, und auf dich warte.

Cool Kids

Und mit dieser Erfahrung im Hinterkopf bin ich heute ganz bewusst zehn Minuten später gekommen, weil ich, gutgläubig, wie ich bin, dachte, dass ich dann vielleicht nur noch fünf statt 15 Minuten auf dich warten muss. Aber nein, ich habe dich unterschätzt. Du hast dich gesteigert, weiterentwickelt, schaffst es noch, einen draufzusetzen. Ich meine: Warum nur 15 Minuten zu spät kommen, wenn du auch locker 45 oder sogar 60 Minuten schaffst? Was hat denn die Person, die da sitzt und auf dich wartet, schon zu tun? Die soll sich mal bitte nicht so anstellen. Zuspätkommen gehört doch zum guten Ton. Schon im Kindergarten waren die coolen Kids niemals die, die um 14:59 Uhr mit Partyhütchen vor der Haustür standen, wenn man für 15:00 Uhr eingeladen war. Und auf WG-Partys geht man grundsätzlich mindestens zwei Stunden, eigentlich aber eher drei Stunden, später. Nicht, dass die anderen Gäste denken könnten, man hätte nichts zu tun. Außerdem ist die Freude dann doch eh viel größer: „Ach, wie schön, dass du es noch geschafft hast“, klingt gleich viel besser als ein einfaches „Hey, komm rein. Bist der Erste heute!“.

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Zurück vor der Bar. Ich habe nach dem dritten Glas Wein nun leicht einen im Tee und mein Blick wandert vom leeren Glas – da gibt’s ja eh nichts mehr zu sehen – zu meinem Smartphone. In diesem Moment kommt eine Nachricht von dir: „Bin unterwegs. Bis gleich!“. Die Ader an meinem Hals pocht. Soll ich dir jetzt dankbar dafür sein, dass du dich, nachdem du mich knapp 45 Minuten hast warten lassen, dazu herablässt, mir mitzuteilen, dass der werte Herr dann jetzt auch mal so weit wäre und gleich komme? Bis gleich, my ass. Das glaubst du dir doch nicht mal selbst. Wir beide wissen, dass das eine dreiste Lüge ist. Du bist nämlich nicht gleich da. Du bist wahrscheinlich auch nicht demnächst und auch nicht in naher Zukunft da. Du bist allem Anschein nach mit einer unheilbaren Störung geboren, die dich daran hindert, auch nur ein einziges Mal pünktlich zu einer Verabredung zu kommen – selbst dann, wenn Pünktlichkeit einfach erfordert ist.

Dorfkindprobleme

Und ich verstehe es nicht. Vielleicht habe ich auch einfach einen anderen Blick darauf. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen und, wenn man da zu spät zum Bus gekommen ist, dann war der weg und man musste gut und gerne 60 bis 90 Minuten auf den nächsten warten. Wer das ein paarmal machen musste, der hat für’s Leben gelernt – und kann die Busbahnhofsdurchsagen bis heute, knapp neun Jahre später, noch immer im Wortlaut auswendig und im Schlaf aufsagen. In der Großstadt ist das natürlich was anderes, da kommt ja alle fünf Minuten eine U-Bahn, so modern, so fortschrittlich, so flexibel – toll. Das ist aber noch lange kein Grund, mich warten zu lassen, du Otto.

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Denn auch, wenn du dir das vielleicht nicht bewusst ist, und ich mit drei Gläsern intus eventuell gar nicht mehr in der Lage dazu wäre: Ich habe durchaus Besseres zu tun, als in irgendeiner schrecklichen Bar in Wedding, der übrigens nicht im Kommen ist und es auch niemals sein wird, auf dich zu warten, um dann kurz über alte Zeiten und Früher und – achja, was war das alles lustig – zu quatschen. Ich kann meine Zeit durchaus besser nutzen, als sie mit Warten zu füllen. Man wartet doch sowieso schon so viel im Leben. An der Kasse, wenn ich es aus unerfindlichen Gründen mal wieder geschafft habe, die Schlange zu wählen, wo der*die Kassierer*in gerade erstmal das Kassensystem auseinanderbauen muss, um eine neue Papierrolle einzusetzen; am Bankautomaten, wenn ich mal wieder hinter der Person stehe, die ihre Pin vergessen hat – „Dit is komisch. Jestern wusst ick die noch.“; im Restaurant auf das Essen, wenn mein Magen schon begonnen hat, sich selbst zu verdauen und der*die Köch*in mein Gericht anscheinend noch erlegen muss, bevor es serviert werden kann. Nein, das Leben besteht aus mehr als genug Wartezeit.

Die Bahn ist schuld

Das Schlimmste an deinem katastrophalen Zeitmanagment ist übrigens gar nicht unbedingt das Zuspätkommen an sich, sondern die Dreistigkeit, mit der du es dann, wenn du ankommst, einfach abtust. Du hauchst mir dann meist ein „Sorry, die Bahn. Weißt ja, wie das ist…“ entgegen, setzt dich und winkst den*die Kellner*in an unseren Tisch, um dir auch einen Wein zu bestellen. Nein, ich weiß nicht, wie das ist. Ich gebe mir nämlich wirklich Mühe, mich an vereinbarte Zeiten zu halten. Und für mich hat das nichts mit Spießertum zu tun, sondern mit Respekt der Person gegenüber, die man warten lässt. Es kann immer mal passieren, dass man zu spät kommt, aber das weiß man dann doch in den meisten Fällen schon vorher und, da man eh den ganzen Tag am Smartphone hängt, ist es ja wohl nicht zu viel verlangt, rechtzeitig Bescheid zu geben, sodass sich die andere Person gegebenenfalls darauf vorbereiten kann.

Ich schaue auf die Uhr. 21:30 Uhr. Ich stehe auf, bezahle und gehe. Bis gleich dann – du weißt ja, die Bahn …


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe #RegDichAb sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.