Reg dich ab: Warum ich Weihnachtsmärkte hasse

Zwischen Punsch und Bratwurst soll Weihnachtsstimmung aufkommen? Nicht bei unserem Autor: Er hasst Weihnachtsmärkte. Eine Glosse
Vorweihnachtlicher Hochbetrieb

Ein Glas Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt: 3,50 €. Eine Flasche (!) Glühwein im Supermarkt: 2 €. Merkste selber, ne? Foto: © Frank Rumpenhorst / dpa

Die Schiebetür der U-Bahn öffnet sich, sofort dringt der penetrant-muffige Geruch von glühweinbesoffenen Berlin-Touris und ver(!)brannten Mandeln in meine Nase und ich möchte eigentlich auf dem Absatz Kehrt machen. Leider macht die Weihnachtszeit es mir fast unmöglich, diese Unsitte namens Weihnachtsmarkt komplett zu vermeiden, da sich das Konglomerat überteuerter Bratwurstbuden meist genau dort ansiedelt, wo sowieso möglichst viele Menschen vorbeikommen müssen, um Dinge wie den Einkauf oder Arbeit zu erledigen.

Ich laufe also die Treppe gen U-Bahn-Ausgang hoch, weiche ebenso gekonnt wie genervt einer orientierungslos dreinblickenden Gruppe Mitvierzigern, allesamt mit Weihnachtsmannmützen ausgestattet, aus, um ihnen auf keinen Fall erklären zu müssen, „wo’s dohanna au zur Wäldzeituhr goht?“ und trete an die frische Luft. Obwohl die dank riesiger, qualmender Grillhütten und unverhältnismäßig großen Pfannen, in denen Champignons stundenlang bis zur völligen Geschmacklosigkeit in abstoßend beiger Sahnesoße vor sich hin blubbern, gar nicht mehr so frisch ist. Ich hole einmal tief Luft, fühle mich angenehm schwummerig, fast schon berauscht.

Ich stehe also high on Fritteusenfett vor dem Eingang eines Weihnachtsmarktes und lasse meinen Blick langsam über das bunte, laute, anstrengende Spektakel gleiten, welches sich da vor meinen müden Augen abspielt, und betrete diesen Ort, der etwas von Dorfdisco bei Tag hat – nur eben mit weniger Alkopops und mehr toten Tieren. Aus diversen Lautsprechern dröhnt weihnachtliche Musik: Von Popsongs zu choralen Gesängen, die Bandbreite ist nicht nur unglaublich groß, sondern auch unglaublich nervig. Vor allem, weil es mir persönlich wirklich total egal ist, ob sie wissen, dass es Christmas Time At All ist. Das einzig Gute an der musikalischen Beschallung auf Weihnachtsmärkten ist, dass sie wenigstens ein bisschen von dem Kreischen, Schreien und Heulen kleiner Kinder ablenkt, die wahlweise ihren kandierten Apfel fallen gelassen oder das unnütze Metallspielzeug nicht bekommen haben. Zweites wäre ohnehin nach wenigen Tagen in irgendeiner Ecke ihres Kinderzimmers gelandet und hätte dort fortan ein trauriges Dasein fristen müssen, weil es weder singen, tanzen, Geräusche machen, schießen oder pinkeln kann, wie es sich für ein vernünftiges modernes Kinderspielzeug heute gehört.

Keine*r will das!

Ich schiebe einen der fallen gelassenen Äpfel mit meinem Fuß zur Seite, grinse den kleinen, vorwurfsvoll dreinblickenden Jungen, dem der Apfel wohl gehörte, diabolisch an und dränge mich vorbei an Menschenmassen, an Tourist*innengruppen und Taschendieb*innen, für die Weihnachtsmärkte wie ein Paradies sein müssen. Ich laufe vorbei an Holzbuden, die Dinge verkaufen, die kein Mensch braucht, die aber dennoch zur Weihnachtszeit gekauft werden – warum auch immer. Kleine Holzfiguren für große Preise, die Räucherstäbchen halten, um die sowieso schon dicke Luft noch um ein paar Duftnuancen zu erweitern. Tabaktaschen mit Eulen – no more words needed – treffen auf Weihnachtsbaumschmuck, der ebenso absurd teuer wie hässlich ist. Menschen decken sich bereitwillig mit Tonnen von Bienenwachskerzen ein, Geschnitztes, Geklöppeltes, Gestricktes, Gegossenes landet in diversen Handtaschen, mit denen sich anschließend die armen Dieb*innen rumplagen müssen. Ich meine: Stellt euch vor, ihr wollt Smartphones und Parra Parra abziehen und alles, was ihr bekommt, ist ein selbstgemachtes Stück Rosmarin-Blaubeer-Seife, Pferde-Salami und Schlüsselanhänger aus Filz – na vielen Dank auch! Noch schlimmer als die angebotenen Produkte sind meist nur die Menschen, die wirklich glauben, dass es sich bei diesen Abscheulichkeiten tatsächlich um geeignete Weihnachtsgeschenke für die Liebsten handelt. Spoiler: Kein Mensch will das!

Was Menschen hingegen immer – nicht nur auf Weihnachtsmärkten – wollen: Essen und Suff. Und alle Weihnachtsmärkte dieser Welt so: „Hold my beer!“ Bude an Bude, Wurst an Wurst reihen sich auf und zeigen eindrucksvoll, wie hässlich Lebensmittel aussehen können und dass das Auge definitiv nicht immer mitisst. Es landen Grünkohl mit Bregenwurst und einem riesigen Klecks Senf in einer Plastikschale – Umweltschutz FTW weil Yolo! –, laktoseintolerante Millenials laufen kreischend vor käsetriefenden Langos davon, Menschen brechen sich ihre Zähne an knüppelharten Flammkuchen ab. 50 Centimeter lange Krakauer werden auf eine Art und Weise verschlungen, wie sie kaum erniedringender aussehen könnte, kleine Kinder tragen riesige Berge Zuckerwatte vor sich her und sehen dabei aus, als hätte eine riesige Spinne sie gerade als Snack in ihr Netz gewickelt. Doch offenbar ist das kulinarische Angebot auf Weihnachtsmärkten genau das, was die Besucher*innen wollen: Wie sonst lassen sich die Berghain-ähnlichen Schlangen und die überquellenden Mülleimer sonst erklären?

Die Tasse behalten wir – als Erinnerung!

Außerdem ist das meist ziemlich deftige, fettige Essen eine wunderbare Grundlage für all die Alkoholika, die ebenfalls ein Highlight für viele Besucher*innen darstellen. Ich schiebe mich also vorbei an Menschentrauben, die sich um all die Glühwein-, Eierpunsch-, und Feuerzangenbowle-Stände bilden und bereitwillig horrende Summen für die lauwarme, süße Plörre auf die klebrigen Tresen blättern. Eine Tasse Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt kostet knapp 3 €, zuzüglich etwa 50 € Glaspfand und das Recht auf das erstgeborene Kind. Eine Flasche Glühwein im Supermarkt hingegen kostet knapp 2 €. No more words needed – und kommt mir jetzt nicht mit der „schönen weihnachtlichen Atmosphäre“, die man ja zu Hause in der Küche nicht habe. Wenn Atmosphäre bedeutet, dass der schon leicht angedüdelte Onkel Jochen an meinem Kopf vorbeischreit, dass er gerne nochmal drei Tassen hätte, verzichte ich gern und bereitwillig darauf.

Als Onkel Jochen mit drei Tassen in den Händen an mir vorbeiwankt, schwappt ein Schluck der heißen, roten Plörre auf meine Jacke. Danke, Jochen, das wäre nicht nötig gewesen. Ich bleibe kurz stehen, wische an meiner Jacke rum, entdecke dabei noch Senfspritzer, die ich offenbar diesen riesigen Eimerpumpen zu verdanken habe. Wie ich da stehe und versuche, jedes Indiz, das meinen unfreiwilligen Weihnachtsmarktbesuch verraten könnte, wegzuwischen, folgt mein Blick Jochen, der geradewegs auf seine Gruppe zusteuert. Dass es sich dabei um seine Gruppe handelt, ist einfach zu erkennen: Neben Multifunktionsjacken tragen sie nämlich alle ganz furchtbare Kopfbedeckung in Form einer roten Weihnachtsmannmütze mit Rentierohren, die – als wäre das noch nicht genug – auch noch blinken. Da hat die crazy Gitte aber mal wieder ganz was Lustiges besorgt. Aber so ist sie halt, die Gitte: So eine richtig verrückte Nudel! Und nicht nur das, gewieft ist sie auch. Als ich an der Gruppe vorbeilaufe, steckt sie die bereits leere Tasse in ihre Handtasche, zur Seife und Pferdesalami, und erklärt Jochen: „Des namm i mid als Erinnrong!“ Denn was gibt es schöneres, als fortan den morgendlichen Kaffee aus einer 2018er-Weihnachtsmarkttasse zu trinken? Genau, eine ganze Menge.

Nach ein paar weiteren Metern habe ich es geschafft: Der Weihnachtsmarkt hat mich wieder ausgespuckt, ich fühle mich schmutzig, möchte gerne duschen, aber es hilft ja nichts: Die Weihnachtsgeschenke müssen noch gekauft werden. Etwas ganz besonderes soll es dieses Jahr sein. Ich dachte da an Pferde-Salami und Bienenwachskerzen.


Unser Autor beschwert sich gerne über Dinge, die es gar nicht wert sind. In unserer Reihe „Reg Dich Ab“ sammelt er trotzdem, was ihn so nervt.