Reg dich ab: Warum ich WG-Partys hasse

Smalltalk zwischen Chili con Carne und Kräuterbutter? Unser Autor hat leider schon was vor und kann nicht zu deiner nächsten WG-Party kommen. Eine Glosse

Smalltalk zwischen Chili con Carne und Kräuterbutter? Unser Autor hat leider schon was vor und kann nicht zu deiner WG-Party kommen. Eine Glosse

"Ich kotze dir gleich in dein veganes Chili sin Carne, wenn du mich noch einmal fragst, in welchem Semester ich bin." Foto: Gades Photography / Unsplash | CC0

Ich stehe vor der Haustür, halte mich an der Flasche Wein fest, die ich gerade im Späti nebenan für zu viel Geld gekauft habe, hole tief Luft und drücke auf den Klingelknopf. Ich bin nervös, pule mit meinem Daumennagel das knallige, orangefarbene Preisschild, das meinen Spontankauf sofort verraten würde, von der Weinflasche. Spätestens jetzt gibt es kein Zurück mehr: Die Gegensprechanlage rauscht, ich keuche ein „Ich bin’s!“ hinein und möchte mich am liebsten selbst ohrfeigen. Ich bin’s? Mit dieser Information können die Bewohner*innen sicherlich sehr viel anfangen. Gut gemacht, Ole. Der Summer ertönt, die Tür öffnet sich. Offenbar erwartet man oben tatsächlich noch einen Ichbins.

Ich trete ein, gehe schweren Schrittes die Treppe hinauf und frage mich, warum ich mir das wieder antue. Warum habe ich die Einladung zur WG-Party nicht einfach dankend abgelehnt? Warum habe ich keine fadenscheinige Ausrede erfunden, um nicht teilnehmen zu müssen? Mein Hund hat Durchfall. Mein Freund hat Durchfall. Ich habe Durchfall. Irgendwas. Aber nein, es pulsiert scheinbar diese masochistische Ader in mir, die derartige Einladungen überschwänglich und lauthals annimmt: Mein „Na klar habe ich Lust, zu deiner WG-Party zu kommen, mein lieber Kommilitone Detlef. Schön, dass du da an mich denkst. Ich freue mich!“, schallt mir noch im Ohr. Also: Zusammenreißen, lächeln, durchhalten.

So aufregend wie Staudensellerie

Vierter Stock, die Wohnung ist leicht zu erkennen: Würde nicht die gedämpfte Indie-Popmusik aus der angelehnten Tür dringen, hätte spätestens der immense Haufen an Sneakern verraten, dass hinter dieser Tür eine Zusammenkunft junger Erwachsener mit dem Coolness-Faktor einer Staudensellerie stattfindet oder, wie Detlef es nannte: ein Happening. Widerwillig streife ich mir die Schuhe ab, bereue es, mich heute für weiße Tennissocken entschieden zu haben – okay, entschieden ist übertrieben, denn als vollwertiges Mitglied der Gen Y trage ich die natürlich jeden Tag – und weiß jetzt schon, dass diese Socken nie wieder weiß sein werden.

Ich schiebe die Tür auf und bin erstmal positiv überrascht: Niemand begrüßt mich und es ist mittlerweile so voll, dass ich mich wahrscheinlich schon bald wieder unbemerkt aus dem Staub machen kann, ohne dass es auffällt. Mein Plan: Zwei, drei Namen anwesender Gäste aufschnappen, ihre Gesichter gut einprägen und Detlef beim nächsten Aufeinandertreffen erklären, ich hätte mich total gut mit Babsi, Tim und Luisa unterhalten. Ganz liebe Freund*innen hast du da, so entzückend. Toll, wirklich. Und nochmal vielen Dank für die Einladung!

Ihr findet mich bei der Bowle

Meinen Mantel platziere ich für mich gut sichtbar in Türnähe. Das gibt mir ein Gefühl von Sicherheit. Bevor ich jetzt irgendwelche Gespräche mit irgendwelchen Menschen beginne, bevor ich die Gastgeber*innen oder andere mir vielleicht bekannte Personen suche, um Gesicht zu zeigen, um zu sagen „Hallo, ich bin deiner Einladung gefolgt. Ich bin ein guter Mensch“, noch bevor ich mich überhaupt mit anderen Gästen befassen möchte, brauche ich erstmal einen Drink – einerseits zur Belohnung, andererseits um sozial kompatibler zu sein. Also gehe ich schnurstracks in die doch relativ geräumige WG-Küche, aus der ich meinen Mantel noch gut im Blick habe.

Ich schaue mich kurz um und werde schnell fündig. Wenn es um Alkohol geht, bin ich ein kleines Trüffelschwein – aber mit deutlich weniger Anspruch. Ich greife mir einen Becher, der wohl früher mal ein Senfglas war, fülle ihn randvoll und mich hoffentlich ab. Während ich bereits mein zweites Glas fülle und gerade hochkonzentriert versuche, möglichst wenig von dem Dosenobst, das sich traurig am Boden der Bowleschüssel abgesetzt hat, auf die Kelle zu laden, schnappe ich ein paar Gesprächsfetzen der anderen Gäste auf, die ich bis zu diesem Zeitpunkt tatsächlich ausgeblendet hatte.

Gespräche so lauwarm wie das Chili con Carne

Die Gespräche scheinen alle um ähnliche Themen zu kreisen: Uni, Ausbildung, Seminare, Partys und Uni, Ausbildung, Seminare, Partys. „Hast du den Prof auch?“ – „Ja, überleg‘ aber, zu wechseln.“ – „Nee, ich zieh’s jetzt durch. Mach dann eh nächstes Semester Erasmus.“ – „Oh, wow, muss ich dich unbedingt besuchen kommen.“ – „Ja, un-be-dingt! Flüge sind auch voll billig gerade!“ – „Ah, ich will ja weniger fliegen, der Umwelt zuliebe.“ – „Du, aber Zugfahren ist teurer als der Flug. Krass, oder?!“ – „Ja, voll ey. Aber ist schon okay, hab jetzt doch den Studi-Job.“ – „Stimmt ja, hab dich da mal gesehen. Diese Bar da an der Ecke, ne? Da hinterm Institut?“ – „Genau. Mega chillig da. Musst mal auf ’nen Shot reinkommen.“ – „Hab gerade Klausurenphase, fucked mich richtig ab. Aber danach auf jeden.“

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Auf jeden habe ich jetzt jedenfalls keine Lust, mich an diesem Gespräch zu beteiligen, das in etwa so lauwarm ist wie der riesige Topf voller Chili con Carne, der mitten auf dem vollgekleckerten Herd steht. Das schöne an der Mais-Bohnen-Pampe auf WG-Partys ist, dass sie spätestens ab Mitternacht von vielen Gästen als Aschenbecher genutzt wird und nun wirklich niemand mehr diese ungewürzte Frechheit aus weißen Plastiktellern – Hallo, Umwelt – löffeln muss. Mein Blick schweift weiter über das lustig zusammengewürfelte Potpourri an Speisen, die man so in der Kombination wahrscheinlich nur in WGs oder bei Willy Wonka vorfindet.

Mayonnaise, Mettigel und Magenschmerzen

Schon fast zerlaufene Kräuterbutter; Baguette und Fladenbrote, die gewaltsam auseinandergerissen wurden; eine riesige Knabberbox, in der nur noch die seltsamen Knusperfische übrig sind; in Mayonnaise schwimmende Nudeln, welche die Bezeichnung Salat nun wirklich nicht verdient haben; Erdnussflips, in die irgendjemand dankenswerterweise Bier gekippt hat; kulinarische Ausreißer wie etwa die Tomate-Mozzarella-Platte, bei der selbstverständlich weder die dunkle Balsamico-Creme, noch das obligatorische Basilikum-Blättchen vergessen werden darf; eine Schüssel voller Gummibärchen, bei der es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um den Grund handelt, warum diese kleinen Hygienegel-Flaschen erfunden wurden; ein Mettigel, der eher an einen Ziegelstein aus Hackfleisch als an ein Stacheltier erinnert; eine Platte mit kleinen Käsewürfeln, auf die irgendjemand in wahrscheinlich stundenlanger Feinarbeit Weintrauben und kleine Tomaten gespießt hat, natürlich mit Zahnstochern, deren Enden kleine Länderflaggen verzieren… Die kulinarische Weltreise aus der Hölle scheint schier kein Ende zu nehmen. Ich beschließe hingegen, dass meine Zeit in der Küche vorbei ist, schenke mir nochmal nach und laufe durch die Wohnung.

Auf dem Flur begegne ich Detlef, der aber gerade damit beschäftigt ist, einer jungen Frau wild gestikulierend zu mansplainen, warum ein geisteswissenschaftliches Studium heutzutage ja nichts bringen würde. Ich nicke ihm also nur kurz zu und höre im Vorbeigehen noch, wie er mir irgendwas hinterherruft, das sich anhört wie: „Sehen wir uns dann gleich auf’m Dancefloor?“ Erstens: Ich glaube, die 90er hätten gerne das Wort Dancefloor zurück, lieber Detlef. Und ich denke nicht, dass wir uns gleich dort sehen werden. Ferner denke ich auch nicht, dass das, was du mir da als Dancefloor verkaufen möchtest, diese Bezeichnung auch nur ansatzweise verdient hätte.

Geiles Line-up aus der Hölle

Denn ich sehe da keinen Floor, ich sehe eine überschaubare Gruppe junger Menschen, die sich zu Indie-Pop von vor zehn Jahren über den Torrlid-Teppich von Ikea schiebt: Ein paar Indie-Feen mit viel, viel Glitzer im Gesicht, wahlweise einem dünnen Stirnband aus Leder und schwarzen Klamotten – klar, wir leben ja auch in Berlin – strecken ekstatisch ihre Arme in die Luft, während sie ab und zu theatralisch einen Schluck aus der Sterni-Flasche nehmen oder sich lässig eine selbst gedrehte Zigarette – was allein schon ein Widerspruch in sich ist – anzünden und von einem Leben als Fashiondesignerin, Influencerin oder einem Kunststudium träumen. Umringt sind sie von Indie-Boys in Skinny Jeans, die in ihrer Freizeit wahlweise gern traurige Gedichte schreiben oder Wonderwall auf der Gitarre spielen. Sie versuchen angestrengt, möglichst cool zu tanzen und machen dabei vielmehr den Eindruck, als sei ihnen das Chili in Kombination mit der Mayo-Suppe nicht bekommen.

Die Kirsche auf der laktosefreien Sahnehaube sind eigentlich nur die gelegentlichen Werbeunterbrechungen zwischen den einzelnen Liedern. Hier ist jemand offenbar zu geizig, für Musikstreaming zu bezahlen und gleichzeitig zu aufgeklärt und weltoffen, um illegal Musik herunterzuladen. Wirklich vorbildlich, da nimmt man 30 Sekunden unangenehmes Herumstehen und Stille doch gerne in Kauf. Was ich jedoch nicht in Kauf nehmen kann: Ein leeres Glas. Aus Angst vor einer Überzuckerung durch die Bowle begebe ich mich auf die Suche nach einer Flasche Sekt, die ich – wie es sich für eine echte WG-Party nunmal gehört – in einer großen Badewanne schwimmend vermute, umgeben von mittlerweile abgelösten Bieretiketten und mit viel Glück auch noch ein paar letzten Eiswürfeln. Also steuere ich in Richtung Badezimmer.

Kein Stress, nur Strass

Das Bad ist, wie hätte es auch anders sein sollen, verschlossen. Das kann eigentlich nur zwei Gründe haben: Entweder kotzt sich gerade irgendjemand die Seele samt vierzehn Sternis aus dem Leib – oder eine Gruppe Erstis hat sich im einzigen abschließbaren Raum verbarrikadiert, um Speed – oder sagt man dazu noch Pepp? – zu ballern, weil sie sich Koks nicht leisten können. Ein guter Freund von mir erklärt mir immer, er glaube, dass wenn man die Überbleibsel einer WG-Party – also Essen, abgestandenes Bier, Aschenbecher, Konfetti, Kotze und Co. – in einer großen Schüssel vermischt, Speed dabei rauskommt. Und ich glaube ihm.

Da ich mir die Wartezeit vor dem Badezimmer mangels Sekt nicht mal schön trinken kann, schaue ich mich im Flur um, entdecke das obligatorische Beatles-Poster, ein aufgehängtes Skateboard, einen selbstgebastelten Putzplan und jede Menge Postkarten, die einige Menschen offenbar für lustig halten: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitermachen!“ oder „Ich kenne Strass, aber keinen Stress“ steht da, auf grauenhafte Stockfotos gedruckt. Ich für meinen Teil kenne durchaus Stress und bin der Meinung, dass ich jetzt auch genug Zeit auf dieser Veranstaltung verbracht habe. Mit großer Sicherheit werden sich im dazugehörigen Facebook-Event Babsi, Tim und Luisa morgen für die geile Nacht und die unvergessliche Party bedanken. Vielleicht laden sie sogar ein paar Fotos hoch. Auf denen werde ich jedoch nicht zu sehen sein, denn ich falle gerade auf mein Bett.

Ich öffne die Weißweinflasche, die ich kurzerhand wieder mitgenommen habe, nehme einen Schluck, denke noch kurz darüber nach, ob ich die mittlerweile dunkelgrauen Sportsocken auf einer Fetischseite verkaufen oder einfach wegwerfen sollte, bevor ich selig einschlafe.