Regretting Motherhood: Wenn Mütter das Kinderkriegen bereuen

Wie fühlt sich Regretting Motherhood an? Zwei Frauen berichten von ihren Erfahrungen mit Mutterschaft und Reue.

Regretting Motherhood: Wenn Mütter bereuen

Warum geht es Frauen mit ihrer Lebenssituation dermaßen schlecht, dass sie ihre Mutterschaft ungeschehen machen wollen? Foto: rawpixel.com / Pexels | CC0

Ich fahre in die Zufahrt zum Einfamilienhaus, in dem Hannah* mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt. Mein erster Gedanke: schick hier. Alles wirkt neu, gepflegt und freundlich. Ein einladendes Ambiente. Hannah begrüßt mich überschwänglich an der Eingangstür, den kleineren der zwei Söhne auf dem Arm. Er winkt schüchtern in meine Richtung, als ich aus dem Auto steige. Genauso der Ältere, der sich mit einer Hand in Hannahs Hose krallt  und in der anderen ein Spielzeugauto umklammert hält, das nun zum Gruß geschwenkt wird. Süß, wie ich finde. Eigentlich logisch, und doch wundert es mich, dass ich auf den ersten Blick nichts davon erkennen kann: Hannah bereut es, Mutter zu sein.

Regretting Motherhood – eine bittere Wahrheit

So wie Hannah geht es auch anderen Müttern, wie die israelische Soziologin Orna Donath 2015 exemplarisch in ihrer Studie #regrettingmotherhood  offenlegt. Sprechen die Zahlen der befragten 23 Frauen nicht für ein repräsentatives Ergebnis, so stellen die Antworten der Mütter doch eine Sache klar: Muttersein ist nicht automatisch eine erfüllende Veränderung und kann als falsche Entscheidung empfunden werden. Kurz gesagt: Mutterschaft gibt es auch mit Reue. Und das mit der Reue ist nun mal leider so, dass sie immer erst hinterher kommt. Das nimmt auch der belehrenden, verständnislosen Argumentation den Wind aus den Segeln, man hätte sich das mit dem Kinderkriegen und Mutterwerden ja vorher überlegen können.

Eben nicht, wie sich auch im Gespräch mit Hannah herausstellt. Ich konfrontiere Hannah mit diesem Argument. „So einfach ist das aber nicht“, erklärt sie. „Ich wusste nicht, was ich fühlen würde. Wie soll ein Mensch vorher wissen, wie es ihm in einer konkreten Situation geht, die er emotional noch nie durchlebt hat?“ Das leuchtet ein und räumt mit dem Stigma der unreflektierten Hipster-Mutter auf, die – geblendet durch Social Media – nur irrationale Träume von glückserfüllten Mutter-Kind-Momenten hat und anschließend von der Realität desillusioniert ist. „Es ist ja nicht so, dass ich nicht gewusst hätte, was auf mich zukommt. In meinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt es etliche Mütter, ich habe viel von deren Alltag miterleben können.“ Und doch trifft Hannah kurz nach der Geburt die bittere Erkenntnis der Reue über die neue Lebenssituation. „Da war auf einmal dieses kleine Wesen, das ich liebte, keine Frage. Das muss ich dazusagen, da das leider bei der Debatte oft missverstanden wird. Und doch: Ich war enttäuscht. Schon im Krankenhaus, und auch einige Tage später zu Hause. Mein Leben schrumpfte vor meinen eigenen Augen zu etwas Verkrampftem zusammen, das ich nie sein wollte; das ich nie fühlen wollte. Ich fühlte mich gefangen. Ich wusste, dass es falsch war. Ich wollte so nicht leben, mich so nicht fühlen.“

Wie soll ein Mensch vorher wissen, wie es ihm in einer konkreten Situation geht, die er emotional noch nie durchlebt hat?

Hannah

Nicht, dass Hannah nicht versuchen würde, dagegen anzugehen. Sie spricht mit Ärzt*innen über ihre Gefühle. Eine sogenannte Wochenbettdepression, die postpartale Depression, wird bei ihr ebenso ausgeschlossen wie ein postpartales Stimmungstief oder eine postpartale Psychose. Objektiv gesehen ist alles in Ordnung bei der frischgebackenen Mutter. „Es war auch nicht so, dass mir das Muttersein von außen betrachtet schwer gefallen wäre. Mein erster Sohn war ein Bilderbuchbaby, fast zu pflegeleicht. Ich hatte schon eine komplikationslose Schwangerschaft gehabt, und nun war da dieser kleine Wurm, der mir das Leben nicht unbedingt schwer machte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, die Zeit zurückdrehen zu wollen.“

Ich fühlte mich gefangen. Ich wusste, dass es falsch war. Ich wollte so nicht leben, mich so nicht fühlen.

Hannah

Doch Hannah „reißt sich zusammen“, wie sie sagt, macht weiter. Sie liebt ihren Mann und ihren Sohn, wird kurze Zeit später wieder schwanger. „Mein Mann wollte ein zweites Kind, er selbst hat auch eine Schwester.“ Ich hake nach. Es wundert mich, dass die heute 30-Jährige nach der Reue über ihr erstes Kind ein zweites Mal schwanger wird. „Ich weiß auch nicht. Ich habe mich in meine Rolle gefügt, denke ich. Ich wollte es wollen.“ Doch geändert hat sich auch mit dem zweiten Kind nichts. Hannah funktioniert, managt, koordiniert das Familienleben, kümmert sich um ihre Söhne – und lebt nur noch von einem Moment zum nächsten. „Es ist wie ein ewiges Hamsterrad. Ich als Person spüre mich schon lang nicht mehr“, äußert sie nachdenklich. Ich stelle die Frage, die auch Donath zentralstellt: „Wenn du deine Mutterschaft rückgängig machen könntest, würdest du es tun?“ Hannah überlegt kurz, antwortet dann knapp: „Ja, ich würde es ungeschehen machen, wenn ich könnte.“

Reue und Liebe – zwei Seiten der Mutterschaft, die sich nicht ausschließen

Was Hannah berichtet, ist nicht leicht zu verstehen. Warum geht es Frauen mit ihrer Lebenssituation dermaßen schlecht, dass sie ihre Mutterschaft ungeschehen machen wollen? Nur gesellschaftliche Gegebenheiten dafür verantwortlich zu machen, hält Soziologin Orna Donath für zu kurz gedacht. Obwohl die Möglichkeiten der Entlastung und Entfaltung, die im gesellschaftspolitischen Zusammenhang für Mütter geschaffen werden, auch mit in die Gefühlslage verzweifelter Frauen hineinspielen können. Doch scheint das Problem tiefer zu liegen.

Die Frau als das gebärende Geschlecht – biologisch ja. Doch verwechseln viele den Druck von außen, der Rolle als gebärender Frau gerecht zu werden, mit ihrem individuellen Wunsch nach Mutterschaft. Ein Leben auch ohne Kinder muss eine unanfechtbare Option sein, für Männer wie für Frauen. Und keine Entscheidung mit bitterem Beigeschmack, als die es für viele noch gilt. Dass sie keine Mutter sein will, hat für Hannah nichts mit dem Thema der Vereinbarkeit von Kindern und Beruf zu tun. „Da muss ich ganz klar sagen: Nein. Meinen Beruf werde ich wieder ausüben, wenn der Kleine im Kindergarten ist; halbtags. Da liegt für mich aber nicht das Problem. Es ist schwer zu erklären. Es geht auch nicht um die Verantwortung oder darum, dass ich auf einem Egotrip bin. Ich fühle mich falsch in der Rolle als Mutter; so, als wäre ich im falschen Körper. Das bin nicht ich.“

Non-Regretting – unfreiwilliges Muttersein ohne Reue   

Sandra* hat im Voraus die Bedenken, die Hannahs Lebensrealität heute ausmachen. „Ich wollte nie Mutter sein. Ich sah mich einfach nicht als Mama“, sagt die 35-Jährige. Wir treffen uns in einem Café, die kleine Emma schläft im Buggy neben uns. „Mein Lebensplan hat ein Kind nicht vorgesehen. Ich wollte immer frei und ungebunden sein, selbstbestimmt leben.“ Doch es kommt anders. Sandra wird ungewollt schwanger, weiß nicht, was sie tun soll. Ein Termin für den Schwangerschaftsabbruch steht schon.

Mein Lebensplan hat ein Kind nicht vorgesehen. Ich wollte immer frei und ungebunden sein, selbstbestimmt leben.

Sandra

Doch am Tag des geplanten Abbruchs entscheidet sich die junge Frau dagegen und für das Baby. Dass sie jemals glücklich in der Rolle als Mutter werden könnte, hält sie noch bis kurz vor der Geburt für unmöglich und hadert mit ihrem Schicksal. Doch dann kommt alles ganz anders. „Als ich Emma zum ersten Mal sah, wusste ich, dass es richtig war. Ich war glücklich.“ Auch zehn Monate später gibt es für Sandra keinen Grund zur Reue. „Ich habe komischerweise seit Emmas Geburt keine Sekunde mehr darüber nachgedacht, dass es ohne sie besser sein könnte.“ Dabei ist sie sich vor ihrer Schwangerschaft sicher, eine derer zu sein, die ihre Mutterschaft bereuen würden.

„Ich hätte das nie für möglich gehalten, dass ich mit Kind ein Leben führen kann, das sich für mich richtig anfühlt.“ Natürlich habe sie weniger Freizeit und festere Strukturen als noch vor der Mutterschaft. Doch sie fühle keine Einschränkung. Ein Kita-Platz für Emma ist schon gesichert, und in einigen Monaten geht sie wieder arbeiten. Fast alles wie zuvor quasi. „Für mich ist alles wie vorher, nur mit mehr Sinn. Aber ich verstehe auch Frauen, die das nicht wollen. Ich glaube, man kann das nicht ändern, wie man fühlt. Man kann nur schauen, dass die Frauen, die leiden, verstanden und gehört werden. Vielleicht kann dann von außen geholfen werden. Aber letztlich bleibt es wohl eine individuelle Geschichte.“

Regretting – ein Zustand, der viel abverlangt

Hannah sieht die Hilfsangebote von außen eher pragmatisch. „Sie sind gut und wichtig, keine Frage. Aber auch wenn es sie gibt, das ändert ja nichts daran, dass – ganz blöd gesagt – ich an meine Kinder gekettet bin. Mutter ist Mutter, und Punkt.“ Die Kinder spielen noch immer mit einer Bekannten im Nebenzimmer, als ich mich schließlich verabschiede.

Nachdem ich ins Auto gestiegen bin, den Rückwärtsgang eingelegt und einen letzten Blick auf das idyllisch wirkende Einfamilienhaus geworfen habe, verlasse ich die Zufahrt mit gemischten Gefühlen. Hannahs Perspektive auf die Regretting Motherhood-Debatte, Sandras Non-Regretting – all die Eindrücke geben mir das Gefühl, dass noch viel Redebedarf besteht, was Mutterschaft und Rollenbilder angeht.

*alle vorkommenden Namen von der Redaktion geändert