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„Reiß dich mal zusammen“: Warum Migräne keine Ausrede, sondern eine Krankheit ist

Viele verbinden Migräne lediglich mit starken Kopfschmerzen, doch sie ist vor allem eine Krankheit, die isoliert.

Bei Migräne wird jede Bewegung, jeder Reiz unerträglich. © sol-b / photocase.de

Der Schmerz lässt Katharina Gerszewki nicht schlafen. Wenn es richtig schlimm ist, schafft sie es nicht einmal, eine Schmerztablette aus der Packung zu holen. „Eine Attacke ist wie eine Schlacht, die man kämpfen muss“, erklärt die 26-Jährige.

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Erst kommen drückende, mittelstarke bis starke Kopfschmerzen in Wellen, werden immer stärker und länger, dann kommt die Übelkeit. Irgendwann kann Katharina nur noch verkrampft im Bett liegen und abwarten. Licht, Lärm, starke Gerüche und selbst die Bewegungen anderer Personen im Raum werden unerträglich. So beschreibt Katharina den typischen Verlauf ihrer Migräneanfälle.

Seit sie acht Jahre alt ist lebt sie schon mit der Krankheit. Heute ist die Migräne der Berlinerin zum Glück schwächer geworden, die Attacken werden seltener und verlaufen insgesamt nicht mehr so stark wie früher. Ihren Alltag kann sie in der Regel ohne Probleme meistern.

Wenn Arbeiten unmöglich wird

Bei Edgar Hildebrand aus Dortmund sah das bis vor ein paar Monaten noch anders aus. Auch der 32-Jährige ist schon in seiner Kindheit an Migräne erkrankt. Er hatte in der Vergangenheit bereits mehr als einmal Episoden, in denen er über zwei Monate täglich Attacken bekam, manchmal sogar mehrere an einem Tag. „In diesen Monaten bin ich auf einer Schmerzskala von null bis zehn nie wirklich auf null oder eins gekommen“, erzählt er. „Ich habe es so gut wie gar nicht geschafft rauszugehen, um einzukaufen. Bis ich dann wieder zu Hause war, waren die Schmerzen auch wieder da.“

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Wenn die Migräne chronisch wird, kann sie massiven Einfluss auf das alltägliche Leben der Betroffenen haben. „Die Migräneerkrankung besteht aus mehr als nur Kopfschmerzen, häufig kommen noch einen Tag später Abgeschlagenheit und verminderte Leistungsfähigkeit hinzu. Steigt die Anzahl der Ausfalltage weiter an, sind einige Betroffene auch nicht mehr in der Lage eine Berufstätigkeit auszuüben“, erklärt Dr. med. Charly Gaul, Chefarzt der Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein im Taunus.

„Man hat so gut wie kein Arbeitsleben. Ich bin ein ewiger Auszubildender, habe durch die Migräne bisher noch nicht wirklich Karriere machen können“, beschreibt es Edgar. Im handwerklichen und veranstaltungskaufmännischen Bereich könne man nicht auf einmal ausfallen. „Das passiert dir ein-, zweimal, da haben die Leute noch Verständnis. Wenn sich das über zwei Wochen hinwegzieht, verliert jeder Arbeitgeber die Geduld. Aber wenn ich Migräne habe, ist arbeiten nicht möglich, auf keinen Fall.“

Nicht immer reagiert das persönliche Umfeld empathisch

Aus dem Freundeskreis können Katharina und Edgar nur von positiven Reaktionen berichten. Vielleicht ist es das enge Verhältnis oder die allgemein wachsende Anerkennung von Migräne als ernst zu nehmende Erkrankung in den jüngeren Generationen.

Man kriegt dann auch mal so Sprüche zu hören wie: Reiß dich mal zusammen, sei ein Mann.“ – Edgar

Im Falle ihres Vaters brauchte es eine Weile, bis er Katharinas Schmerzen ernst nahm. Das lag vor allem daran, dass ihre Eltern getrennt leben und er ihre Attacken meist nicht mitbekam. Ein Schlüsselerlebnis änderte seine Einstellung: Als Katharina 13 Jahre alt und mit ihrem Vater in Berlin zu Besuch war, bekam sie plötzlich einen Migräneanfall und konnte vor Schmerzen nicht mehr weiterlaufen. Ihr Vater habe sie dann in die nächste Apotheke gehievt, erzählt sie. Dort war der Schmerz immer noch so groß, dass sie weinen musste. „Die Apothekerin hat gar nicht verstanden, was los ist und fragte nur, ob sich mein Freund von mir getrennt hätte – nein, ich habe Schmerzen!“ Danach rief Katharinas Vater regelmäßig besorgt bei ihr an, um sie davon zu überzeugen, sich neurologisch untersuchen zu lassen.

Da Edgars Mutter bis sie circa 24 Jahre alt war selbst Migräne hatte, sei sie recht verständnisvoll, sagt er. Beim Vater und der Schwester sei es schon schwieriger: „Man kriegt dann auch mal so Sprüche zu hören wie: Reiß dich mal zusammen, sei ein Mann. Dass man zu schwach wäre, zu empfindlich und nicht belastbar.“ Seine Migräne werde von einigen als Frauenkrankheit abgetan. Als Mann daran erkrankt zu sein werde als Schwäche angesehen. „Und wenn man Schwäche zeigt, muss man auch damit rechnen, dass andere Leute das angreifen“, fasst Edgar es nüchtern zusammen.

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Tatsächlich seien Frauen etwa doppelt so häufig betroffen als Männer, bestätigt Dr. med. Gaul. „Jedoch leiden auch viele Männer an Migräne. Vor wenigen Jahrzehnten noch wurde sie auch in der Medizin primär als psychosomatische Erkrankung angesehen und nicht ausreichend ernst genommen“, erzählt der Arzt.

Eine Krankheit ohne erkennbare Ursache

Die Phase von dem Punkt, an dem er spüre, dass er Kopfschmerzen bekommt bis es nicht mehr auszuhalten ist, dauere bei Edgar zwischen fünf und 15 Minuten. „Man steht an der Werkbank oder sitzt im Büro vorm Computer, telefoniert und auf einmal fängt es an der Stirn an zu ziehen, stechen, pulsieren, dann kommt leichte Übelkeit dazu. Man wird unruhig und aggressiv, wie man eben ist, wenn man Schmerzen hat. Ich finde es dann einfach schwer, ich selbst zu sein, will nur endlich aus dieser Situation heraus.“

Einmal hatte er sich mit einem Freund im Kino verabredet, das nur circa 500 Meter die Straße runter von seinem Zuhause entfernt ist. Auf dem Weg dorthin begannen plötzlich die Kopfschmerzen, vor dem Eingang waren sie schon so schlimm, dass er die Verabredung absagen musste. Weder war Edgar gestresst, noch hatte er zu wenig getrunken oder sonst etwas getan, dass klassischerweise Kopfschmerzen auslösen könnte.

Ich habe mein Gehirn in 3D auf CD und auf Röntgenbildern, da ist nichts, ein ganz normales Gehirn.“ – Edgar

Etwa zwei Drittel der Betroffenen haben weitere Familienangehörige, die ebenfalls an Migräne leiden, dies weise laut Gaul auf eine genetische Veranlagung hin. Aktuell gehe man davon aus, dass innere Auslöser aus bestimmten Hirnregionen oder auch Trigger von außen wie der Konsum von Alkohol, unregelmäßiger Schlaf und andere in der Lage sind, eine Attacke auszulösen. Sowohl Edgar als auch Katharina können ihre Attacken nicht immer an äußeren Triggern festmachen. Gerade das mache für Edgar einen großen Unterschied aus: „Die meisten haben halt Kopfschmerzen, wenn sie gesoffen haben. Das ist schon ähnlich, da kommt ja auch die Übelkeit hinzu, aber man weiß wenigstens woher es kommt.“

Mit der Migräne Frieden schließen

Wenn keine direkten Auslöser erkennbar sind, ist es schwierig, einer Attacke vorzubeugen. Bei Katharina und Edgar wurde die Migräne bereits im Kindesalter diagnostiziert. Seitdem hat vor allem Edgar einige neurologische Untersuchungen über sich ergehen lassen, um herauszufinden, ob es vielleicht eine andere Ursache für seine Kopfschmerzen geben könnte: MRT, CT und wie das alles heiße. „Ich habe mein Gehirn in 3D auf CD und auf Röntgenbildern, da ist nichts, ein ganz normales Gehirn.“

Die Untersuchungen haben ihm nicht viel gebracht. „Es war mehr so ein Ausprobieren von Medikamenten und das hat mir nie so gefallen.“ Von den einen sehr teuren Tabletten bekam Edgar Kreislaufprobleme, die ihn ebenso ans Bett fesselten wie die Migräne, andere aß er wie Bonbons und hatte schließlich erhöhte Leberwerte.

„Ich hatte mal einen Kollegen, der hat sich einen Muskel in der Stirn entfernen lassen und seitdem hatte er angeblich nie wieder Kopfschmerzen. So einen Schritt wollte ich dann doch nicht gehen“, erzählt Edgar. Stattdessen begann er vor einigen Monaten mit Physiotherapie, um gegen die Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich zu arbeiten. Bereits nach der zweiten Sitzung sei es deutlich besser gewesen. Nach zwei Monaten täglicher Kopfschmerzen, mit Angst ins Bett zu gehen und mit Schmerzen wieder aufzuwachen, fiel eine riesige Last von ihm. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal schmerzfrei sein würde, also, ich habe wirklich geweint.“

Es ist so toll, wenn es vorbei ist, ich fühle mich dann richtig euphorisch und unfassbar glücklich, als hätte ich einen Kampf gewonnen.“ – Katharina

Auch Katharina lebt inzwischen ganz gut mit der Krankheit. Manchmal kündigt sich die Migräne bereits drei Tage im Voraus mit leichten Kopfschmerzen an. Dann achtet sie darauf, bestimmte Trigger wie etwa Alkohol oder Stress zu vermeiden. „Ich lege mich für zwei bis drei Stunden auf mein Bett und höre Entspannungsmusik“, erzählt sie. Außerdem verzichte sie auf hormonelle Verhütungsmittel. „Ich würde auch nicht noch mal so eine Reise machen wie nach Indien vor einiger Zeit. Ich war für einen Monat dort und hatte Migräne und Kopfschmerzen im täglichen Wechsel. Die ganze Reise war fürn Arsch.“ Die langen Bus- und Zugfahrten und die belebten Großstädte mit den vielen Gerüchen und Geräuschen seien einfach eine zu große Reizüberflutung gewesen.

Was nicht Betroffene tun können

Migräne zwingt die Erkrankten dazu, sich zurückzuziehen. Sie sagen lang geplante Verabredungen plötzlich ab, sind manchmal tagelang nicht zu erreichen und melden sich auf der Arbeit öfters krank. Dies kann zu einer Isolation führen, die von außen wie selbst verschuldet aussieht.

Die Migräne gelte in Teilen der Bevölkerung immer noch als Erkrankung, die nicht ernst genommen wird, kritisiert auch Dr. med. Gaul. Herzkreislauferkrankungen wie Herzinfarkt seien früher häufig als Ausdruck besonderen Engagements im beruflichen Umfeld angesehen und eher positiv bewertet worden, Migräne hingegen eher als Erkrankung, die eine Schwäche darstelle.

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„Dies ist nicht gerechtfertigt“, sagt der Mediziner, „Die Migräne wird heute als biologisch determinierte Erkrankung des Gehirns verstanden, bei der jedoch psychosoziale Stressoren wie Arbeitsplatz, Familie und näheres Umfeld eine erhebliche Rolle auf die Häufigkeit der Attacken nehmen. Bis die alten Vorurteile vollständig ausgeräumt sind, werden aber wahrscheinlich noch Jahre vergehen.“

Edgar würde sich wünschen, dass Menschen ohne Migräne einfach gar nichts dazu sagen. Es hinnehmen ohne zu bewerten. Weder Mitleid noch Unglaube ausdrücken. Er sieht es pragmatisch: „Es kann einem eh keiner helfen, da ist man alleine mit.“ Ihm helfe vor allem, etwas zu haben, für das er gerne morgens aufsteht. „Ich mache eine Umschulung zum Tischler und bin gerade im Praktikum am Theater Dortmund. Da kommt es auch mal vor, dass es etwas stressig wird, aber das macht mir in den meisten Fällen sogar Spaß.“

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Dass die Migräne wie jede andere Krankheit auch angesehen wird, sei eigentlich am besten, meint Katharina. Einfach akzeptieren, dass jemand wegen Migräne nicht kommen kann. Wenn sie jetzt noch gelegentlich Attacken kriegt, kommt ein guter Freund vorbei und pflegt sie. Er öffnet für sie das Fenster, um frische Luft hereinzulassen, bringt ihr gelegentlich ein Wasser und sorgt dafür, dass in der WG niemand den Staubsauger anschmeißt, bis es überstanden ist.

„Es ist so toll, wenn es vorbei ist, ich fühle mich dann richtig euphorisch und unfassbar glücklich, als hätte ich einen Kampf gewonnen. Das Essen schmeckt dann auch wieder so gut und ich fühle mich richtig stark.“

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