„Romeo eine reinsemmeln“ – Warum Übersetzungen eigentlich Originale sind

Übersetzer*innen sind die großen Unbekannten des Literaturbetriebs. Dabei kopieren sie nicht nur, sondern gehen ganz eigene Wege – auch wenn ihre Kreativität sie manchmal ins Stolpern bringt.

Romeo eine reinsemmeln – Warum Übersetzungen eigentlich Originale sind

Duch Übersetzungen entstehen neue Originale, die nicht länger nur den Autor*innen der Vorlage gehören, sondern auch den Übersetzer*innen. Quelle: Rawpixel | CC0

Berühmte Übersetzer*innen also. Mal überlegen.

Genau, da war doch die wortgewaltige Dame, die Donald Ducks – schluck, ächz, stöhn – Weg ins Deutsche geebnet hat. Oder dieser zauselige Typ, der Winnie Pu übersetzt und nebenbei den Obdachlosen in der Lindenstraße gespielt hat, wie hieß der noch mal? Vielleicht fällt einem auf Anhieb auch überhaupt niemand ein. Kein Grund zur Besorgnis, das ist ganz normal. Das liegt daran, dass es berühmte Übersetzer*innen eigentlich gar nicht gibt.

Der*die unsichtbare Übersetzer*in

1995 veröffentlichte der italoamerikanische Sprachforscher Lawrence Venuti das Buch The Translator’s Invisibility, inzwischen ein Klassiker der Übersetzungswissenschaft. Darin zeichnet er Übersetzer*innen als die großen Unbekannten der Literaturgeschichte, die unsichtbar bleiben müssen, weil Lesenden die Illusion gefällt, eben keine Übersetzung zu lesen, sondern das Original. Je weniger man also merkt, dass übersetzt worden ist, desto besser: Man erwartet von Übersetzer*innen, dass sie ihre Fußspuren verwischen und nach getaner Arbeit leise abtreten. Dass sie berühmt werden, erwartet man nicht – das darf man nur als Autor*in. Bei Harry Potter fällt einem zuerst J. K. Rowling ein, auch wenn man die Bücher vielleicht gar nicht im englischen Original gelesen hat, sondern in der deutschen Übersetzung von Klaus Fritz. Und bei Donald Duck denken wohl nur interessierte Fans sofort an Dr. Erika Fuchs, die die Comics jahrzehntelang mit so viel sprachlicher Energie ins Deutsche übertrug, dass comictypische Gefühlsäußerungen (wüt, tob, schluchz!) ihr zu Ehren heute liebevoll als Erikative bezeichnet werden.

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Dabei sind Übersetzer*innen ja nicht nur Menschen, die fleißig Vokabeln gelernt haben und wissen, wie man ein Wörterbuch benutzt. Sie kopieren nicht einfach Wort für Wort einen fremdsprachigen Text in die eigene Muttersprache – sie müssen ihn als Ganzes neu erfinden, und dazu gehört zwar natürlich gute Sprachkenntnis, vor allem aber ein hohes Maß an eigenständiger Kreativität. Witze müssen auch in der Übersetzung noch zünden, Reime sich reimen, kulturspezifische Anspielungen Sinn ergeben. So entsteht durch die Übersetzung ein ganz neuer Text – eigentlich ein Original für sich. Trotzdem werden übersetzte Texte oft nur als nachgemachte Literatur empfunden. Übersetzer*innen bleiben hinter den Autor*innen im Literaturbetrieb unsichtbar und werden als Kreativtätige kaum gewürdigt.

„Im Original geht viel verloren!“

Es gibt aber auch markante Persönlichkeiten, die sich gegen das Schicksal ihrer Unsichtbarkeit zur Wehr setzen – und dabei entsprechend ungewöhnliche Wege beschreiten. Harry Rowohlt zum Beispiel, Lindenstaßen-Obdachloser und zugleich der wohl bekannteste deutsche Übersetzer jüngerer Zeit, war einer der wenigen seiner Zunft, dessen Name gut sichtbar und marktstrategisch wirksam auf Buchcover geklebt wurde.

Er war kein braver Nachmacher, er mochte das Außergewöhnliche. „Lass uns ’ne Pizza einlöhnen“, schrieb er unbekümmert, wenn im Original ganz langweilig „Let’s go for a pizza“ stand. Er kannte abseitige Wörter wie Kataphrakt und Plurch, war im Dialekt ebenso zu Hause wie in der Hochsprache, hat Winnie Pu und Leo Lionni übersetzt, aber auch Flann O’Brien und Kurt Vonnegut, beides literarische Exzentriker erster Güte. Diese vielfältigen Einflüsse fügen sich in seinen Übersetzungen zu einer eigenwilligen stilistischen Mischung. Über Shakespeare hat er einmal gesagt: „Wenn ihm ein Wort gut gefiel, schrieb er es einfach hin, egal, ob es das Wort schon gab oder nicht.“ Demselben Prinzip scheint er manchmal selbst gefolgt zu sein: Die Google-Treffer für „einlöhnen“ fallen jedenfalls spärlich aus, zumal im Zusammenhang mit Pizza.

Gleichzeitig war er bekannt für seine Akribie und die enge Zusammenarbeit mit Originalautor*innen, denen er gerne sogenannte Inkompetenzlisten zukommen ließ. Darin sammelte er Textstellen, bei deren Übersetzung er sich unsicher war, und bat um eine literarische Zweitmeinung. Auch wenn er nach Vorlage schrieb, sein persönlicher Stil blieb unverwechselbar. Autoren wie Frank McCourt (Die Asche meiner Mutter), David Sedaris oder Philip Ardagh sind in Deutschland teilweise erst durch seine Übersetzungen und die Werbewirksamkeit seines Namens richtig bekannt geworden. „Das Buch musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen“, empfiehlt ein Cartoon des Künstlerduos Hauck & Bauer augenzwinkernd. „Im Original geht da viel verloren!“

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The ameising Schämes Scheuss

Wie weit dürfen Übersetzer*innen aber wirklich gehen, ohne Ärger zu kriegen? Obwohl das Urheberrechtsgesetz auch Übersetzungen als „persönliche geistige Schöpfungen“ achtet und entsprechend unter Schutz stellt, sitzen die Autor*innen des Originals dennoch meist am längeren Hebel, wenn es um rechtliche oder moralische Streitfragen geht. Der Germanist Dieter Stündel zum Beispiel veröffentlichte 1993 die erste vollständige deutsche Fassung des berüchtigten James-Joyce-Romans Finnegans Wake – unter dem Titel Finnegans Wehg und mit dem frechen Hinweis „Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkeß fun Schämes Scheuss“ auf der Titelseite.

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Der Roman gilt als einer der schwersten Brocken der Weltliteratur und aufgrund seiner mehrsprachigen Wortspiele als praktisch unübersetzbar – obwohl man manches als deutsche*r Leser*in auch ohne Übersetzung versteht: Das englische Wort amazing buchstabiert Joyce an einer Stelle etwa ameising und beschreibt damit, genau: das Gefühl ehrfürchtigen Staunens beim Anblick einer Ameise. Persönlich hatte er einmal empfohlen, man solle gar nicht erst versuchen, das Buch zu interpretieren, es solle einen einfach zum Lachen bringen. Stephen Joyce, der Enkel und Testamentsvollstrecker des Autors, konnte allerdings über Stündels freie Bearbeitung des heiligen Originals überhaupt nicht lachen und nannte die Übersetzung „eine Beleidigung, eine unglaubliche Schweinerei“. Viele Kritiker*innen urteilten ähnlich. Der Literaturbetrieb kann erstaunlich humorlos sein.

Rechtsruck in Gallien

Wenig lustig ging es auch 1965 beim ersten deutschen Auftritt von Asterix und Obelix zu: Rolf Kauka, der Erfinder von Fix und Foxi, nahm sich damals der beiden Gallier als Übersetzer an und taufte sie in seiner Fassung Siggi und Babarras. Er siedelte sie aus ihrem kleinen gallischen Dorf ans rechte Rheinufer um, machte sie also folgerichtig zu Germanen. Ihrem Chef, heute bekannt als Majestix, verpasste er den urdeutschen Namen Hein Mark. Obelix (alias Babarras) hatte damals noch nicht zu seinem sprichwörtlichen „Die spinnen, die Römer!“ gefunden, sondern schimpfte begrenzt eloquent: „Uii, die Römer sind doof!“

Auf den ersten Blick wirkt das einfach nur albern – auf den zweiten ist es mit einer verstörenden politischen Agenda unterlegt, die ebenfalls ganz klar vom rechten Ufer stammt: Aus dem gallischen Dorf wird bei Kauka die Fliehburg Bonnhalla, der Chef wird gern mal mit „Heil Hein Mark“ gegrüßt und der starke Babarras wird gemahnt: „Germanien braucht deine Kraft wie nie zuvor.“ Außerdem schlagen sich die Ost-West-Spannungen der Nachkriegszeit in platten Anspielungen auf westgermanische Kapitalist*innen und sächselnde Ostgot*innen nieder. Als Originalautor Goscinny erfuhr, wie frei man mit seiner Schöpfung im deutschsprachigen Raum umsprang, ging er auf die Barrikaden: Kauka verlor nach kurzem heftigem Streit die Lizenzrechte. In den späten Sechzigern übernahm mit deutlich mehr Fingerspitzengefühl schließlich Gudrun Penndorf das Ruder als Stammübersetzerin. Ihr gelang der schwierige Balanceakt zwischen respektvoller Originaltreue und kreativer Neuerfindung – Gallien war wieder Gallien, Hein Mark hieß ab sofort Majestix und die Römer*innen durften endlich spinnen.

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Theorie und Abenteuerlust

Muss es also immer ein böses Ende nehmen, wenn Übersetzer*innen gegen das Original rebellieren? Oft kommt das ganz auf die Art der Rebellion an. Rolf Kauka etwa hat damals seiner Comicübersetzung einen politischen Subtext verpasst, den das französische Original beim besten Willen nicht hergibt – das hat nicht mehr allzu viel mit künstlerischer Freiheit zu tun und umso mehr mit Verfälschung. Für seinen Asterix hat er damit eine der wichtigsten heiligen Kühe der Übersetzungstheorie geopfert: das Prinzip der Äquivalenz. Das klingt wie viele theoretische Konstrukte erst mal ehrfurchtgebietend kompliziert, besagt im Wesentlichen aber ganz einfach, dass eine Übersetzung bei ihren Leser*innen möglichst dieselbe Wirkung hervorrufen sollte wie das Original – sprachlich, humoristisch, emotional, in jeder Hinsicht eben, in der man auf einen Text reagieren kann. Dazu gehört natürlich oft mehr, als dass einfach nur der Sinn derselbe bleibt und dieselbe Geschichte erzählt wird. Mut zur Eigenregie und zum sprachlichen Abenteuer ist gefragt.

Romeo eine reinsemmeln

Ein gutes Beispiel für diese Abenteuerlust ist der umstrittene Shakespeare-Übersetzer Frank Günther, dessen deutsche Fassungen der Originalstücke bereits seit vier Jahrzehnten erscheinen und von vielen Theatern gespielt werden. Umstritten ist er vor allem, weil Shakespeare bei ihm sehr modern klingt. Gerade Figuren niederen Standes drücken sich eher salopp aus, und obwohl die klassischen Blankverse stehen bleiben, werden Stücke wie Romeo und Julia, die man fälschlicherweise oft für blumige Schmonzetten hält, bei ihm zu einem unerwartet frechen Erlebnis. „Wenn die Pflaumen uns eine reinsemmeln, dann mach ich die zur Mücke“, prahlt da zum Beispiel ein hitzköpfiger Diener.

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Manche Leser*innen (oder Zuschauer*innen) stößt das erst mal vor den Kopf. Aber auch im Original-Shakespeare gibt es ganz verschiedene Sprachebenen: Romeo und Julia hat nicht nur poetisch getaktete Liebesschwüre vom Balkon zu bieten, sondern auch derbe Flüche, alberne Sexwitze und ganz profane Alltagssprache. Da ist es gar nicht so abwegig, dass sich kampflustige Jugendliche in einer moderneren Übersetzung eben nicht mehr als „verzagte Knechte“ dissen wie noch im 19. Jahrhundert, sondern als „feige Schwuchteln“. Politisch korrekt ist das natürlich nicht – aber politische Korrektheit sucht man in den klassischen Werken der Weltliteratur sowieso meist vergeblich.

Shakespeare hat versucht, die Lebensrealität seiner Zeit sprachlich abzubilden. Für uns klingt seine Sprache heute alt; damals war sie frisch, revolutionär und vor allem ohne Fußnoten und Wörterbuch direkt verständlich. Wenn ein Übersetzer wie Frank Günther uns also – ganz nach dem Äquivalenzprinzip – ein ähnliches Gefühl vermitteln will, wie es Theatergänger*innen zu Lebzeiten des Dichters vielleicht hatten, mag es gar nicht unbedingt die schlechteste Idee sein, ein bisschen mit dem Feuer der Modernisierung zu spielen.

GZSZ in Mittelerde

Die entgegengesetzte Wirkung tritt ein, wenn sich in der mythischen Sagenwelt des Herrn der Ringe Figuren auf einmal ganz deutschkorrekt siezen, Sam seinen Frodo Chef nennt und aus dem Waldläufer Streicher ein „Penner“ wird. Auch Wolfgang Krege hat in seiner Neuübersetzung des Tolkien-Klassikers aus den späten Neunzigern mit dem Feuer gespielt – und sich ziemlich verbrannt. Seine Übersetzung ist insgesamt zwar besser als ihr Ruf, fiel aber gerade aufgrund solcher Fremdkörper bei Kritiker*innen und Fans durch. Ein Romanepos, das altertümliche Sprache bewusst einsetzt, um eine entsprechende Atmosphäre zu schaffen, sollte auf Deutsch eben nicht nach GZSZ in Mittelerde klingen. Selbst der Rebell Frank Günther betont gern, man müsse beim Lesen und Übersetzen von Shakespeare trotz sprachlicher Modernisierungen stets in dessen Welt bleiben. Einfache Arbeit ist das nicht.

Neues entsteht zwischen den Welten

Gewissermaßen bewegen sich Übersetzer*innen immer zwischen zwei Welten: zwischen dem Fremden und dem Vertrauten, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Treue und Untreue, Selbstvertrauen und Demut. Sie vermitteln zwischen Sprachen und Kulturen und sind schon allein deshalb aus unserer globalisierten Welt nicht wegzudenken. Sie schaffen Worte und erzählen Witze, dichten nach und dichten um. Sie verleihen ihren Texten mit Hammer und Meißel neue Form – oder mit dem Presslufthammer. Ihre Arbeit kann überzeugend sein oder enttäuschend, erstaunlich oder ärgerlich, neutral oder ideologisch gefärbt, Teamwork oder Egotrip.

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Aber egal, wie das Ergebnis ausfällt: Es ist immer mehr als eine bloße Kopie. Sobald Bücher in andere Sprachen übersetzt werden, entstehen neue Originale, die nicht länger nur den Autor*innen der Vorlage gehören, sondern auch den Übersetzer*innen, die es überhaupt erst möglich machen, dass man in Deutschland ohne entsprechende Fremdsprachenkenntnisse Harry Potter schmökern kann, in Dänemark über Donald Duck lacht und in Saudi-Arabien Shakespeares Hamlet zu schätzen weiß. Ihr Beitrag zur Weltliteratur und zum kulturellen Miteinander ist so unschätzbar, wie er in der öffentlichen Wahrnehmung leider oft ungeschätzt bleibt. Und es wird Zeit, dass sich das ändert.