Russische Aktivist*innen nutzen die WM, um auf Probleme im Land aufmerksam zu machen

Wie könnte man Russland toleranter und freier gestalten? Aktivist*innen in St. Petersburg nutzen die Fußball-WM, um diese Frage zu beantworten.

Heimat des Diversity House: St. Petersburg

Heimat des Diversity House: St. Petersburg © Olga Maltseva/AFP/Getty Images

„Schön, dass ihr heute gekommen seid“, sagt Alfred, der in der Mitte eines großen, mit Licht durchfluteten Saals steht. Drei Frauen und ein Mann betreten das weitläufige Zimmer mit grünem Kunstrasenboden, bunten Sitzsäcken und Fußballpostern an den Wänden. Sie lassen die Blicke schweifen, weil sie das Backsteingebäude, das während der Fußball-WM zum Diversity House umfunktioniert wird, noch nicht kennen. Zusammen mit anderen Freiwilligen aus St. Petersburg, will der 28-jährige LGBTQ-Aktivist die große Aufmerksamkeit, die Russland während der WM zuteil ist, nutzen, um auf seine Belange aufmerksam zu machen.

Die russische Zivilgesellschaft scheint trotz der Anti-NGO-Strategie der russischen Regierung manchmal doch noch zu funktionieren. Das Diversity House, ein Raum, der als Safe Space für alle Minderheiten dient, also beispielsweise für Migrant*innen und Menschen aus der queeren Community, ist ein Beweis dafür. „In Wirklichkeit ist der Schutzraum für Minderheiten und die Begegnungsstätte für lokale Aktivist*innen, Teil einer viel größeren Idee, dem Cup for People – ein Turnier von Menschen für Menschen“, erklärt die 31-jährige Aktivistin Olga Polyakova aus St. Petersburg. „Ich war letztes Jahr in Hamburg zum alternativen G20-Gipfel, es hat mich inspiriert zu sehen, was Aktivisten alles organisiert haben, großartige Aktionen, Diskussionen und Auftritte“, erzählt sie. In fast jedem Land gebe es engagierte Menschen, die bei Mega-Events ein kritisches Alternativprogramm organisieren, so kam sie auf die Idee ein alternatives Programm mit Vorträgen, Workshops Touren, Konferenzen und Ausstellungen für den Zeitraum der Fußball-WM zu entwickeln.

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Das Diversity House Foto: © Valeria Lazareva

Das Ziel der Freiwilligen: ein möglichst großes Netzwerk von Aktivist*innen und Sozialunternehmer*innen in St. Petersburg auzufbauen, damit auch nach der Fußball-WM im Land weiter über soziale, politische und ökologische Probleme in Russland diskutiert wird und vor allem versucht wird gemeinsam Lösungen für die Probleme zu finden. Diese Probleme liegen weitgehend außerhalb des Sichtfeldes des durchschnittlichen ausländischen Fußballfans. ze.tt hat mit drei jungen St. Petersburger*innen, die sich beim Cup for People engagieren, gesprochen.

Peter Voskresenskij, 33 Jahre alt , LGBT-Aktivist

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Foto: © privat

ze.tt: Peter, was können die Leute bei deiner Tour „LGBT-Geschichte in St.Petersburg” lernen?

Peter: Grigorij Rasputin galt als Sexguru, Wunderheiler und Anarcho. Er wurde als Bauer in St. Petersburg geboren und brachte es später bis zum Berater der russischen Zarenfamilie. Was die wenigsten wissen: Der Großherzog Nikolai Michailowitsch schrieb in seinem Tagebuch, dass Rasputin heimlich homosexuelle Beziehung pflegte. Nur eine von vielen Geschichten über Homosexuelle in unserer Stadt. Ich möchte den Teilnehmer*innen meiner Tour die Gesichter und Geschichte von LGBT-Menschen in Russland damals und heute näher bringen.

Wie ist die Situation für LGBT-Menschen in Russland heutzutage?

Lesben, Homosexuelle, Bisexuelle und Transsexuelle werden in Russland diskriminiert, überall sehen sie sich mit aggressiver Homophobie konfrontiert. Das ist ein Teil meiner persönlichen Lebensgeschichte. In der Vergangenheit fiel ich des öfteren homophober Gewalt zum Opfer. Leider kann man in so einem Fall wenig machen, von der russischen Polizei kann man jedenfalls keine Hilfe erwarten, die nimmt die Ermittlungen erst gar nicht auf oder ermittelt nur zum Schein, um letztendlich zu zeigen, dass die Täter*innen sich nicht strafbar gemacht haben. Ich setze mich seit Jahren aktiv für die Rechte von LGBT-Menschen in Russland ein, oft wurde ich dafür bei Demonstrationen verhaftet. Im Jahr 2013 wurde das sogenannte Gesetz zum „Verbot der Propaganda nichttraditioneller sexueller Orientierungen unter Minderjährigen“ in Russland verabschiedet. Seitdem heizte sich die homophobe Atmosphäre im Land spürbar auf und zwingt die LGBT-Szene ins Verborgene: Nun findet der Austausch vielfach fernab der breiten Öffentlichkeit seinen Raum, darunter in den Nischen des Internets.

Die Fußball-WM ist eine gute Gelegenheit, um international auf das Problem  der Diskriminierung von LGBT- Menschen aufmerksam zu machen. Warum?

Ich halte es für eine gute Idee, nicht nur während der WM in Russland, sondern prinzipiell bei jeder Gelegenheit die Aufmerksamkeit anderer Länder auf die Menschenrechtslage in in unserem Land zu lenken. Die Rechte aller in Russland lebenden Menschen, auch die von Minderheiten, müssen endlich zu 100 Prozent von allen respektiert werden. Übrigens ist die Diskriminierung der LGBT-Menschen nicht das Hauptproblem, sondern es ist viel schlimmer, dass nicht für alle Menschen in unserem Land die gleichen Grund- und Menschenrechte gelten.

Andrei Bubaleh, 29 Jahre alt, Anarchist und Fußball-Coach

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Foto: © Andreas Rossbach

ze.tt: Andrei, wie ist die Situation von Geflüchteten und Migrant*innen in Russland?

Andrei: Rassismus und Diskriminierung ethnischer Minderheiten ist in Russland ein ernst zu nehmendes Problem. Viele Migrant*innen und Geflüchtete werden zum Opfer verbaler und manchmal sogar physische Gewalt. Als Ausländer*in mit dunklerer Hautfarbe wird man häufiger angehalten als ein*e Durchschnittsbürger*in und muss sich ausweisen: Pass, Migrationskarte, Registrierung, Arbeitserlaubnis. Die Polizist*innen schauen sich alles genau an und lassen dich gehen. Es ist immer dasselbe. Was mir noch aufgefallen ist: Weil Russ*innen in der Metro meistens schweigend nebeneinander sitzen, Ausländer*innen sich aber oft lebhaft unterhalten, scheint es so, als redeten wir sehr laut. Es sind einfach verschiedene Gepflogenheiten, die da manchmal aufeinanderprallen.

Ich habe gehört, dass in der Spb DIY football League jede*r mitspielen darf, stimmt das? Kannst du mir mehr von der Liga für Alle, die du mit gegründet hast, erzählen?

Andrei: Ja bei uns dürfen wirklich alle mitspielen. Die Idee, die sich hinter der SPb DIY football league verbirgt, ist eine Liga frei von Diskriminierung. In St. Petersburg und ganz Russland gibt es viele verschiedene Fußball-Ligen, aber keine davon ist frei von Rassismus, Homophobie und Sexmismus. Deswegen gibt es die Spb DIY football League für Alle. Außerdem kicken wir des öfteren auch Fußball für ein guten Zweck, mit dem Erlös von unseren Turnieren können wir kleine soziale Projekte finanzieren.

Worauf kommt es bei einem Teamsport wie Fußball an?

Andrei: Auf gegenseitigen Respekt und die Liebe zum Fairplay. Auf dem Fußballfeld kann in Sachen Emotionen alles Mögliche passieren, aber wenn man sich gegenseitig respektiert und fair spielt, kann man ernste Konflikte vermeiden.

Alisa Zvereva, 28 Jahre alt, Personal Trainer für Ballett und Gründerin einer Diversity-Ballettakademie

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Foto: © privat

ze.tt: Alisa, du hast an einer renommierten russischen Balett-Akademie studiert. Wie war das?

Alisa: Es war eine schwere Zeit auf der Akademie wegen dem enormen physischen und psychischen Druck, dem man dort ausgesetzt ist. Strapazen, Besessenheit und Konkurrenzdruck gehörten dort zum Alltag. Außerdem spielt das äußere Erscheinungsbild eine sehr wichtige Rolle: Das optimale Körpergewicht und am besten lange Beine. Wer nicht perfekt ist, muss mit negativen Kommentaren rechnen. Mir wurde ständig gesagt, dass mein Kopf im Verhältnis zu meinem Körper viel zu groß ist. Ich habe mich deswegen geschämt und sogar keine Mützen getragen, weil ich dachte, dass mein Kopf dann noch größer wirkt. Weil ständig über das perfekte Aussehen gesprochen wurde, hatte ich das Gefühl, dass ich perfekt sein sein muss und wollte immer die beste Bewertung von meinen Pädagog*innen haben. Schlechte Beurteilungen bedeuten für mich immer, dass ich schlecht bin, nicht gut aussehe und nicht vollkommen bin.

Hast du deswegen deine eigene Ballettschule gegründet?

Ja, als ich darüber nachdachte meine eigene Ballettschule zu gründen, wollte ich eine vielfältige Gruppe von Mädchen unterrichten, auch solche, welche nach den Standards staatlicher Balettakademien keine ideale Figur haben. Wir sind alle verschieden und unser Körper sollte uns nicht daran hindern unsere Ziele zu verwirklichen. Vielfältigkeit gehört zu meinen Lieblingswörtern. Menschen sind vielfältig, schlank und dick, groß und klein, schwarz und weiß. Auch Ballett ist vielfältig, Ballett kann klassisch oder modern sein, es gibt Gaga-Style oder Hiplet, um nur ein Paar Formen zu nennen.

Was lernen die Teilnehmer*innen in deinen Kursen?

Ich möchte den Teilnehmer*innen meiner Tanzkurse zeigen, dass jeder Körper toll ist, und das es beim Tanzen nicht am wichtigsten ist, wer sein Bein am höchsten heben kann und am höchsten springen kann, sondern wer am eindrucksvollsten tanzt. Deswegen versuche ich witzig zu sein und eine liebevolle und verständnisvolle Atmosphäre zu kreieren. Ich wünsche mir, dass es in der Zukunft mehr solche Balettakademien in Russland gibt