Sacha Baron Cohens neue Serie beweist: Er ist immer noch der Cheftroll

Mit Who is America? führt der ehemalige Borat-Darsteller die US-Politik vor. In der ersten Folge bringt er Republikaner zur Forderung, Dreijährige zu bewaffnen. Das sorgt für gehörig Wirbel.

Sacha Baron Cohens neue Serie beweist: Er ist immer noch der Cheftroll

Rechts Sacha Baron Cohen als Anti-Terror-Experte Erran Morad, links der Waffenrechtler Philip Van Cleave, der für eine sogenannte Puppy Pistol wirbt. Screenshot: Showtime / YouTube

Der britische Komiker und Schauspieler Sacha Baron Cohen ist ein Meister darin, Menschen Worte zu entlocken, die so absurd sind, dass man es einfach nicht glauben kann. Viele dürften ihn aus seinem Film Borat kennen, in dem er sich 2006 als kasachischer Journalist verkleidete. Er brachte Interviewte in den USA dazu, sich selbst der Reihe nach als bigott, rückständig oder schlicht dämlich zu entlarven.

Frohes Schießen, Kinder!“ – Joe Walsh, ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter und Radiomoderator

In seiner neuen Serie Who is America? ist das nicht anders. Doch jetzt nimmt er sich in sieben Folgen und vier verschiedenen Rollen die US-Politik vor. In der ersten Folge behandelt er unter anderem den Waffenfanatismus im Land. Dabei gelingt ihm, dass eine Reihe republikanischer Politiker*innen offen vor der Kamera fordern, Kleinkinder zu bewaffnen. Richtig gelesen: Dreijährige mit Waffen im Kindergarten und Vorschulen, das ist für diese Politiker*innen nicht nur ernsthaft in Ordnung – sie empfehlen das tatsächlich, um das Land sicherer zu machen. Abschließend wünschen sie ihnen „Frohes Schießen“.

Wie Cohen das anstellt? Verkleidet als israelischer Anti-Terror-Experte Erran Morad besucht er zunächst den US-Waffenrechtler Philip Van Cleave und behauptet, er habe in israelischen Kindergärten ein Programm namens Kinderguardians gestartet. Dabei würden Kleinkinder von drei bis zwölf Jahren mit sogenannten Gunimals ausgestattet, um sich selbst und Klassenkamerad*innen zu schützen. Dabei handele es sich um Waffen, die in Teddys eingearbeitet sind und Namen tragen wie Puppy Pistol, Dino-Gun, Gunny Rabbit und – speziell für Mädchen – die Uzicorn.

Cleave glaubt das dem getarnten Komiker nicht nur; er lässt sich dazu bewegen, ein Werbevideo mit Cohen zu drehen, in dem er diese Waffen vorstellt. Er singt darin sogar ein Kinderlied mit dem Text: „Zielt auf Kopf, Schulter, nicht auf Zehen, nicht auf Zehen.“

Aussagen von Republikaner*innen sorgen für Wirbel

Mit dem fertigen Video im Gepäck trifft Cohen eine Reihe von Waffenrechtlern, aktuelle und ehemalige republikanische Kongressabgeordnete und Senatsmitglieder. Diese fragt er nach ihrer Unterstützung für das Programm. Während nur ein Politiker bei Cohens Wunsch stutzig wird, er solle vor der Kamera doch bitte die Bewaffnung von Vierjährigen fordern, werben andere voller Elan für die Kinderguardians, darunter die Republikaner Dana Rohrabacher und Joe Wilson.

Der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete und Radiomoderator Joe Walsh sagt in der Serie selbstbewusst, die Kinder würden für das Programm professionell in Waffenkunde ausgebildet. In weniger als einem Monat würden so aus firstgraders, übersetzt Erstklässler*innen, sogenannte firstgranaders. Als Zuschauende*r kann man nicht anders, als ungläubig den Kopf zu schütteln.

In einer Serienkritik schreibt Zeit Online, das sei weder klug noch witzig, weil Cohen die Realität mittlerweile eingeholt habe und es nichts Neues sei, dass gewisse Persönlichkeiten in den USA so denken würden.

Während dieser Humor sicher Geschmackssache ist, zeigt sich aber, dass Cohen mit seiner Arbeit die Realität mindestens beeinflusst: Die Aussagen der Republikaner*innen nämlich brachten Kongressabgeordnete der Demokrat*innen dazu, eine politische Kampagne gegen sie zu starten und die Republikaner*innen aus der Serie dazu, sich nach ihren Aussagen auf Social-Media-Kanälen und im TV zu rechtfertigen. So dürften nicht wenige Menschen in den USA erneut auf das Thema Waffenrechte aufmerksam geworden sein.

Politiker*innen beschweren sich über Cohen

Die Republikanerin Sarah Palin wurde in der Serie offenbar ebenfalls von Cohen vorgeführt und äußerte sich noch vor der Ausstrahlung dazu. „Ich reihe mich ein in eine lange Liste amerikanischer Persönlichkeiten, die dem bösen, ausbeuterischen, kranken Humor des britischen Komikers Sacha Baron Cohen zum Opfer gefallen sind“, schreibt sie auf Facebook. Der ehemalige Abgeordnete Walsh beschwerte sich nach der Ausstrahlung seiner absurden Forderung ebenfalls, er wäre reingelegt worden – was eben das Ziel Cohens ist. Die Teilnehmer*innen seiner Aktionen wissen nie, dass sie Teilnehmer*innen sind.

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Cohen gilt seit seinem ersten Auftreten als Rapper Ali G als kompromissloser und genialer Satiriker, der Menschen den Spiegel vorhält und so tief sitzenden Sexismus, Antisemitismus und Rassismus zu Tage fördert. Er ist für seine Guerilla-Taktik berüchtigt: Cohen setzt alles daran, dass Gesprächspartner*innen glauben, was er darstelle, sei echt. Während den Dreharbeiten zu Borat blieb er etwa immer in seiner Rolle, selbst dann noch, als er vom FBI verhört wurde.

Seit einiger Zeit war es still um ihn, er tauchte nur wenige Male in Talkshows auf. Einige vermuteten, er sei mittlerweile einfach zu bekannt, um verkleidet Menschen aufs Glatteis führen zu können, gerade in Zeiten von Smartphones und Live-Videos auf Social Media. Who is America? zeigt: Er kann es noch.