Schlachthofarbeit: Wie schaffen es Menschen, täglich hunderte Tiere zu töten?

Zwei ehemalige Schlachter und ein Soziologe erklären, wie das Tier in der professionellen, industrialisierten Schlachtung vom Lebewesen zum Werkstoff wird und wie das den Schlachter*innen hilft, ihre Arbeit emotional zu bewältigen.

Ministerpräsident Weil besucht Schlachthof
In einer Schlachterei in Niedersachsen hängen Schweine am Haken. Wie bekommen Menschen das hin, jeden Tag so viele Tiere zu töten? Foto: © Mohssen Assanimoghaddam / dpa

„Das war eigentlich ziemlich abartig“, sagt Thomas Schalz heute über seine Arbeit in einem Schlachthof. 17 Jahre lang hat er dort gearbeitet. In allen Bereichen: Eintrieb, Betäubung, Tötung und Zerlegung der Tiere. Der Schlachthof, in dem er arbeitete, entwickelte sich über die Jahre zu einem Großschlachthof, spezialisiert auf Schweine. Bis zu 3.500 Schweine wurden pro Tag geschlachtet.

Vor allem die Betäubung der Schweine mit CO2, die vor ihrer eigentlichen Tötung passiert, verfolgt Schalz in Gedanken bis heute. „Die Schweine fahren in einer Gondel in über neunzigprozentiges CO2-Gas nach unten. Bis die Tiere bewusstlos sind, vergehen im Normalfall 20 bis 30 Sekunden. Und ja, die kriegen einfach keine Luft mehr. Da ist kein Sauerstoff mehr, den sie einatmen können. Die stärksten Tiere versuchen über die anderen rüberzuklettern und ihren Rüssel aus dem Gitterkorb nach oben zu strecken, um Sauerstoff einzuatmen. Aber da ist kein Sauerstoff“, beschreibt Schalz das Betäubungsverfahren.

Auch Peter Hübner hat in einem Großschlachthof gearbeitet – im Rahmen seiner Ausbildung zum Fleischer. Wie Schalz ist auch er ein Aussteiger. Er erinnert sich: „Man hat diese Angst gesehen in den Augen, man hat diese Hilflosigkeit gesehen und man hat die Tiere ganz bewusst in den Tod getrieben.“ Im Rückblick sagt er: „Das war schon unwahrscheinlich schwer.“

Wie hat es Hübner damals geschafft, so viele Tiere in ihren Tod zu treiben? Wie hat es Thomas Schalz geschafft, über Jahre hinweg Tausende Schweine per Knopfdruck in die CO2-Grube hinunter zu fahren, wohl wissend, was dort passiert? Wie gehen Schlachthofmitarbeiter*innen damit um, täglich Hunderte Tiere in Fließbandarbeit zu schlachten? Wie wird das Töten von Tieren zum business as usual?

Das ist eine Frage, die sich der Soziologe Marcel Sebastian stellt. Er hat vor Kurzem seine Doktorarbeit an der Universität Hamburg eingereicht. In ihr forscht er unter anderem zum Thema der Mensch-Tier-Beziehung in Schlachthöfen. Der Soziologe hat 13 gelernte Fleischer – seine Interviewpartner waren ausschließlich männlich –, die in sechs verschiedenen Schlachthöfen unterschiedlicher Größe im Bereich des Eintriebs, der Tötung und Betäubung arbeiten, interviewt. „Ich untersuche, welche kulturellen Anforderungen ein Schlachthof an das Fühlen der Mitarbeiter*innen stellt. Was wird als angemessenes, als notwendiges und als richtiges Fühlen und richtiger Ausdruck von Gefühlen verstanden?“, beschreibt Sebastian sein Forschungsinteresse.

Die Tiere, die im Schlachthof landen, für die gibt es kein Entrinnen mehr, die kommen nur noch als Teilstück aus dem Betrieb raus.

Thomas Schalz

Bemerkenswert findet Marcel Sebastian, dass das Töten der Tiere von seinen Interviewpartnern nicht verdrängt wird. „Das ist ja das, was wir als Bevölkerung, was wir als Konsument*innen, eigentlich machen“, findet der Soziologe. Im Schlachthof hingegen sei das Töten von Tieren ein normaler Alltagsgegenstand.

Hübner sagt: „Mir war klar: Jedes Tier, das kommt, muss getötet werden. Ich wusste ganz genau: Das Tier hat gar keine Chance. Es wird getötet. So oder so. Und wenn es nicht hier getötet wird, muss es wieder auf den Transporter, und wird woanders getötet.“ Auch Thomas Schalz sagt: „Die Tiere, die im Schlachthof landen, für die gibt es kein Entrinnen mehr, die kommen nur noch als Teilstück aus dem Betrieb raus.“

Thomas Schalz und Peter Hübner haben nie verdrängt, dass es bei ihrer Arbeit um das Töten unzähliger Tiere geht. Sie haben bewusst mit dem Tod der Tiere operiert, ihn eingeleitet. Wie geht das? Wie verpackt man das emotional? Der Schlachthof fordere von den Arbeiter*innen etwas ein, das Marcel Sebastian als emotionale Neutralität bezeichnet. Im Schlachthof gelte: „Man baut keine individuellen Beziehungen zu einzelnen Tieren auf.“

Thomas Schalz beschreibt, wie viel emotionaler Kontrolle das manchmal bedürfe. „So ein Schwein kann einen ja auch ganz toll anschauen“, sagt er. „Aber man versucht das natürlich sofort wieder auszublenden“, fügt er hinzu. „Im Schlachthof kannst du zu den Schweinen keine emotionale Bindung mehr aufbauen. Du darfst das Schwein nicht als süß und toll anschauen“, sagt er. Ein Selbstschutzmechanismus, wie Schalz meint.

Man müsse versuchen, den Schalter im Kopf umzulegen, so beschreibt es Thomas Schalz. Ein Satz, den auch Marcel Sebastian von vielen seiner Interviewpartner gehört hat. Seine Schlussfolgerung: Die emotionale Neutralität gegenüber den Tieren müssten die Schlachthofmitarbeiter*innen erwerben, erlernen und ausüben. Sie sei nichts, was die Schlachter*innen automatisch mitbringen würden. „Sie sind nicht so geboren. Ihre emotionale Neutralität ist das Resultat von Arbeit – von Emotionsarbeit“, betont Sebastian. Die Schlachthofmitarbeiter*innen würden Techniken anwenden, um unberührt zu bleiben, so der Soziologe. Was sind das für Techniken?

Im Schlachthof werden die Tiere nicht mehr als leidensfähige Individuen angesehen, sondern als ein Werkstoff, mit dem man arbeitet.

Marcel Sebastian

Eine solche Technik, um unberührt zu bleiben, sei ein hoher Alkoholkonsum, berichtet Thomas Schalz. „Unter meinen Kollegen waren viele, die ein Alkoholproblem hatten. Die haben versucht, das ganze Elend mit Alkohol zu betäuben“, erzählt er.

Eine Erfahrung, die auch Peter Hübner gemacht hat. Er berichtet: „In meiner Kolonne stand schon gleich zum Frühstück ein Bier auf dem Tisch, weil es eigentlich gar nicht ohne ging.“ Auch er selbst fing an zu trinken, um die Arbeit im Schlachthof auszuhalten: „Man betäubt diese Grausamkeiten, die man ja auch selbst praktiziert. Man versucht, es sich schöner beziehungsweise angenehmer zu trinken.“

Eine andere Strategie, die im Schlachthof erforderliche emotionale Neutralität zu erlangen, sei die Objektifizierung der Tiere, führt der Soziologe Marcel Sebastian aus. „Im Schlachthof werden die Tiere nicht mehr als leidensfähige Individuen angesehen, sondern als ein Werkstoff, mit dem man arbeitet“, so Sebastian. Thomas Schalz formuliert es so: „Du musst das lebende Tier schon als das Schnitzel betrachten, das dann irgendwann nach der Zerlegung hinten raus geht.“

Ohne diese Objektifizierung der Tiere sei die Arbeit im Schlachthof praktisch unmöglich, erklärt Peter Hübner. „Die Menschen, die länger im Schlachthof arbeiten, sehen das Tier nicht mehr als Lebewesen an – sonst könnten sie den Beruf gar nicht ausüben“, sagt Hübner. Er fragt: „Wie will man sonst ein Tier auf Tempo in die Tötung treiben, zur Betäubung treiben? Wie will man die Elektrozangen oder Bolzenschussgeräte ansetzen? Wie will man dem Tier den Hals aufschneiden zur Endblutung?“ Das ginge ja nur, wenn man das Tier als ein Produkt betrachte, findet er.

Meine Großeltern hatten Tiere, die sie großgezogen haben, um sie später zu essen. Das fand ich legitim.

Peter Hübner

Fast alle von Marcel Sebastians Interviewpartnern hatten bereits in ihrer Kindheit mit dem Thema Schlachtung zu tun. Sei es, dass sie auf einem Bauernhof aufgewachsen seien oder der Vater Metzger gewesen sei, berichtet der Soziologe. So auch Thomas Schalz und Peter Hübner. Schalz berichtet: „Ich bin durch meinen Vater, der als Personaldienstleister für Schlachthöfe gearbeitet hat, fast automatisch in diese ganze Geschichte reingerutscht.“ Peter Hübner ist auf dem Bauernhof seiner Großeltern groß geworden und sagt: „Ich kenne das Schlachten von klein auf.“

Solch ein früher Kontakt mit dem Thema helfe bei der Arbeit im Schlachthof und dabei, diese als normal zu empfinden, sagt Marcel Sebastian. „So wurden schon früh bestimmte Konzepte und Ideen über die Tiere internalisiert, die bei der Arbeit im Schlachthof helfen“, erklärt der Soziologe. Vor allem eben die Idee, dass es Nutztiere gibt, die als „Fleischproduktionsmaschinen“ dienen, wie es Sebastian formuliert. „Meine Großeltern hatten Tiere, die sie großgezogen haben, um sie später zu essen“, erinnert sich Peter Hübner. Er sagt: „Das fand ich legitim.“

Vor allem bei Fehlbetäubungen bricht die emotionale Neutralität

Was führte schließlich dazu, dass Thomas Schalz und Peter Hübner aus der Branche ausstiegen – einer Branche, die für sie zuvor eine große Normalität, Tradition und Legitimität besessen hatte? Heute leben die beiden vegan und setzen sich gemeinsam mit Philipp Hörmann, einem ehemaligen Metzger, als Metzger gegen Tiermord für bessere Tierrechte ein. Wie kam es zu diesem Wandel?

Wenn du Jungbullen hast, die aus dem Laufstall kommen, die noch keine 24 Monate alt sind, da kommt es häufiger zu einer Fehlbetäubung, weil die extrem mit Energie geladen sind.

Thomas Schalz

Er habe bei fast allen seiner Interviewpartner immer wieder Momente feststellen können, in denen die professionelle Distanz und emotionale Neutralität gegenüber den Tieren brach, sagt Marcel Sebastian. „Die emotionale Neutralität funktioniert dann nicht oder bei einigen funktioniert sie dann nicht, wenn Unvorhergesehenes passiert“, beschreibt der Soziologe. Auch Thomas Schalz und Peter Hübner kennen diese Momente des Unvorhergesehenen, in denen die professionelle Distanz brach, in denen sie nicht mehr emotional neutral sein konnten.

Immer dann, wenn sie Fehlbetäubungen mitbekamen, fiel ihnen die emotionale Neutralität schwer. Bevor ein Tier im Schlachthof getötet wird, wird es betäubt. So ist es zumindest vorgesehen. So sieht es das Gesetz vor. Allerdings funktioniert die Betäubung manchmal nicht und das Tier befindet sich während seiner Tötung nicht, wie es die Schlachtverordnung im §12 (1) vorsieht, in einem „Zustand der Wahrnehmungs- und Empfindungslosigkeit“. Vielmehr erlebt es seine Tötung mit. Es leidet.

Das sei vor allem bei Rindern der Fall, berichtet Thomas Schalz. „Wenn du Jungbullen hast, die aus dem Laufstall kommen, die noch keine 24 Monate alt sind, da kommt es häufiger zu einer Fehlbetäubung, weil die extrem mit Energie geladen sind. Wenn die in der Betäubungsfalle stehen, halten die nicht still.“ Die Folge: Das Bolzenschussgerät, das bei Rindern die Betäubung durch eine Gehirnerschütterung auslösen soll, wird falsch angesetzt und das Projektil trifft nicht richtig. Das Tier erlebt seine Tötung bei Bewusstsein. „Das nimmt man dann schon mit nach Hause“, sagt Schalz.

Auch Peter Hübner hat Fehlbetäubungen miterlebt – nicht nur bei Rindern, auch bei Schweinen. Seine Erfahrung: Fehlbetäubungen würden oftmals nicht korrigiert. Seine damaligen Kollegen – es waren ausschließlich Männer – hätten das Tier einfach unbetäubt an die nächste Station weitergegeben.

„Das Schwein kommt an – der Betäuber setzt die Elektrozange an. Nicht immer trifft er richtig. Aber wenn das Tier umgekippt ist, kommt schon das nächste Tier von hinten rein. Das heißt, er reicht es einfach weiter zum Stecher, der den Entblutungsschnitt macht. Weil der drängelt ja auch schon. Der will ja Geld verdienen. So, der Stecher sieht dann: Das Tier ist ja gar nicht richtig betäubt. Er betäubt aber nicht nach, sondern er sticht einfach“, beschreibt Peter Hübner den Umgang mit fehlbetäubten Tieren, den er während seiner Ausbildung im Schlachthof erlebt hat.

Wir als Gesellschaft entscheiden, welche Tiere schlachtbar und essbar sind.

Marcel Sebastian

Das waren für Thomas Schalz und Peter Hübner jene Momente, in denen ihre emotionale Neutralität immer mehr brach, die später dafür sorgten, dass sie aus der Branche raus und sich an diesen Brutalitäten nicht mehr beteiligen wollten und heute, wie es Thomas Schalz beschreibt, das Gegenteil leben von dem, was sie früher gemacht haben.

Ausstiege aus der Branche sind die Ausnahme

Wie oft kommt ein solcher Ausstieg aus der Branche vor? „Das sind – würde ich sagen – rein quantitativ die absoluten Ausnahmen“, sagt der Soziologe Marcel Sebastian. „Das darf man nicht verwechseln mit einem typischem Vorgang oder einem Effekt, der häufig passiert“, sagt er. Sebastian zieht aus seinen Interviews den Schluss: „Im Wesentlichen arbeiten da Leute – gerade im Bereich Eintrieb, Betäubung und Tötung – , die das mit einer gewissen Überzeugung und inneren Stabilität machen und den Normalablauf eines Schlachthofs, da kommt ein Schwein, da kommt das nächste, und das nächste, problemlos als business as usual hinbekommen.“ Noch.

Für die Zukunft sieht es Marcel Sebastian als wahrscheinlich an, dass sich das Mensch-Tier-Verhältnis grundlegend transformieren wird. Wenn man in die Historie schaue, seien ja auch Hunde von vormaligen Schlachttieren zu Haustieren geworden. „Wir als Gesellschaft entscheiden, welche Tiere schlachtbar und essbar sind“, betont der Soziologe. Und er beobachtet schon jetzt: „Die Legitimität der Idee von schlachtbaren Nutztieren wird zunehmend in Frage gestellt.“

Je mehr die Legitimität dieser Idee in Frage gestellt werde, desto schwieriger werde es für Schlachter*innen in Zukunft werden, im Einvernehmen mit der Gesellschaft als deren verlängerter Arm zu arbeiten. Und dazu, dass sie immer mehr in Frage gestellt wird, wollen die Metzger gegen Tiermord ihren Beitrag leisten.