Schlager in die Magengrube: So singt Mascha über Gewalt an Frauen

Die Wiener Sängerin Mascha verwandelt vermeintliche Alpenidylle in einen Albtraum aus häuslicher Gewalt. Über eine Musikerin, die sich nicht den Mund verbieten lässt.

Schlager in die Magengrube: So singt Mascha über Gewalt an Frauen

Welche Schäden ein fehlgeleitetes Bild von Männlichkeit verursachen kann, verarbeitet Mascha nicht zum ersten Mal in ihrer Musik. Foto: Mascha

Keck dreht die junge Sängerin Mascha ihren Oberkörper im geschnürten Dirndl hin und her. Ihr blondes Haar leuchtet in der Wintersonne, die Augen strahlen mit schneebedeckten Berggipfeln um die Wette. „Liebe siegt“, verkündet sie mit ihrer überraschend dunklen Stimme und singt weiter: „wer nicht zustimmt, sollte welche erleben mal.“ Oder: „Liebe siegt, und wer keine Hoffnung hat, ist nicht mein Fall.“

Nur ein seichter Refrain zu elektronischem Schlagerbeat also – wäre, abgesehen von Maschas Lippenbewegungen, nicht auch die ganze Szenerie seltsam asynchron. Die Triggerwarnung am Anfang des Musikvideos ließ es schon ahnen: Diese Alpenidylle trügt, Gewalt liegt in der klaren Bergluft. Auch für diesen Text gilt diese Warnung, denn es folgt eine Beschreibung von häuslicher Gewalt. Sie ist der Grund, warum Maschas Musikvideo Liebe siegt in Österreich für Gesprächsstoff sorgt und seit dem Osterwochenende schon 17.000 Mal gesehen wurde.

Diese Alpenidylle trügt, Gewalt liegt in der klaren Bergluft.

(Ex-)Partner*innen können tödlich sein

Denn die Romantik endet in diesem Lied nach wenigen Strophen: Gerade vergöttert die Protagonistin ihren Mann noch, denn „er ist so stark und trägt mich auf Händen“. Kurz darauf tritt er sie aber schon mit Füßen und schlägt betrunken auf sie ein. Ihr Auge ist zu einem blau-violetten Veilchen angeschwollen, die Lippe aufgeplatzt, das Postkartenlächeln einer schmerzverzerrten Visage gewichen. Immer noch besteht Mascha darauf, dass Liebe siegt und heilig ist; aber sie schreit es irgendwann mehr wie ein verletztes Tier. Der Mann und Familienvater, den sie voller Inbrunst besungen hat, zerrt sie an den Haaren durch die Wohnung.

Das ist ein unerwarteter Schluss für einen Schlager und doch kein überraschender Ausgang für eine Beziehung – auch in Österreich, wo eine von fünf Frauen sexuelle oder körperliche Gewalt erleidet. Bei Morden und versuchten Morden sind die Opfer mehrheitlich mit den Tätern bekannt oder leben sogar im selben Haushalt, so die österreichische Kriminalstatistik.

In Deutschland erfassen die Behörden den Beziehungsstatus von Opfer und Täter genauer: 138.893 Deutsche wurden im Jahr 2017 von ihrem*r Partner*in oder Ex-Partner*in verletzt, bedroht, genötigt oder gestalkt. 82 Prozent der Opfer waren Frauen, 147 von ihnen wurden dabei getötet. Familienministerin Franziska Giffey sagte zu diesen Fakten: „Das Problem geht durch alle gesellschaftlichen Schichten und alle ethnischen Hintergründe.“ Denn der Anteil deutscher Staatsangehöriger unter den Tatverdächtigen lag bei knapp 68 Prozent.

Gewalt beginnt nicht erst mit der Ohrfeige

Mascha, die 26 Jahre alte Künstlerin hinter Liebe siegt, hat aufgrund ihrer eigenen Herkunft einen differenzierten Blick auf die oft zitierte vermeintlich importierte Gewalt. Erst in der Grundschulzeit kam sie nach Wien, ihre Wurzeln sind in der Ukraine. „Ich kenne dort tatsächlich niemanden, der nicht irgendwie von Gewalt betroffen war“, sagt sie. Armut und Alkoholismus sind Gründe, aber auch eine Kultur, in der ein starker Mann und Ernährer noch immer das Wunschbild vieler Frauen sei.

Auch in Österreich hält sich jedoch das Ideal vom starken Patriarchen und einer schönen, heilen Welt, in der Frauen im Dirndl gut aussehen – aber wenig zu entscheiden haben. „Gewalt beginnt ja nicht mit einer Ohrfeige“, glaubt Mascha. „Sie beginnt da, wo ein Partner glaubt, die Macht über den anderen zu haben.“

Ihr Protest gegen das Patriarchat macht Mascha angreifbar

Welche Schäden ein fehlgeleitetes Bild von Männlichkeit verursachen kann, verarbeitet Mascha nicht zum ersten Mal in ihrer Musik. Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde sie mit ihrem Sigi-Maurer-Protestsong, der bei Facebook mittlerweile rund 50.000 Mal geteilt wurde. Darin entlarvt sie das Anspruchsdenken und die verletzte Eitelkeit von jenen Typen, die Frauen im Internet mit ihren sexuellen (Gewalt-)Fantasien und ungebetenen Anzüglichkeiten überziehen. Sie veröffentlichte das Lied, als die ehemalige Grünen-Politikerin Sigi Maurer in erster Instanz zu Schadensersatzzahlungen verdonnert worden war, weil sie sexuelle Hassnachrichten veröffentlicht und einen mutmaßlichen Verfasser namentlich genannt hatte.

Das Gerichtsurteil war der Funke, der in Mascha ein Gemisch aus jahrelangen Beobachtungen zu einem explosiven Song aufgehen ließ. „Mund nur auf, wenn Penis rein, alles andere muss nicht sein, wir haben keine Empathie“, zitiert sie fiktive Hassposter in einem rhythmischen Sprechgesang am Keyboard.

Nachdem Boulevardmedien wie Heute, Österreich und die Krone auf den viralen Hit aufmerksam gemacht hatten, bekam sie gleich selbst einen Geschmack davon, was manche Menschen im Internet aushalten müssen. „Es gab Männer, die daraufhin sehr hartnäckig, sehr lange und sehr untergriffig alles kommentierten, was ich machte“, sagt sie. „Da kam ich manchmal an die Schmerzgrenze.“ Trotzdem würde sie es wieder machen, da sie noch mehr Rückenwind bekommen habe und einige Menschen zum Nachdenken bringen konnte.

Nach dem Aktivismus: Tanzen!

Dass sie nach den teils heftigen Reaktionen auf ihren feministischen Protestsong so schnell wieder religiöse Symbole und die alpenländische Idylle des heimischen Schlagers zerlegt, hat zwei Gründe. Erstens erschütterten zu Beginn des Jahres immer neue Schlagzeilen von brutalen Frauenmorden die österreichische Gesellschaft. Und zweitens fehlte ihr noch ein Schlager für ihr Konzeptalbum mascha.exe, das im Herbst erscheinen wird. Aufgrund der starken Reaktionen auf Liebe siegt startete Mascha eine Spendenaktion für den Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF).

Liebe siegt ist der erste Teil einer musikalischen Sammlung, die von Hip-Hop über Elektropop bis hin zu ernsten Klavierballaden zeigen soll, was Mascha unter post genre versteht. Ihr ukrainischer, folklorischer Electro-Rave Dali Dali oder ihr Wie 1 James Bond Song beweisen, dass sie auch locker und leicht kann.

Ihre stilistischen Experimente basieren auf einem soliden Fundament: In Kiew hat sie eine klassische Klavierausbildung gemacht und nahm mit eigenen Kompositionen an Wettbewerben teil; seit der Jugend schreibt sie Gedichte und sie weiß, was eine Pointe ist. Mascha ist seit Sommer 2018 beim österreichischen Label Problembär Records unter Vertrag – von dem aus schon international bekannte Musiker*innen wie Wanda oder Nino aus Wien groß wurden. „Meine Herangehensweise ist für die schon etwas Neues“, sagt sie. „Aber sie probieren das mit mir und schauen, was dabei herauskommt.“

Ähnlich geht sie selbst auch ihre Songs und deren Geschichten an. „Ich weiß meistens nicht, was ich tue, bis es da ist.“ Und doch folgt sie konsequent ihrer Vision: Text, Melodie, Bild und sogar die Maske von Liebe siegt entstammen allein der Vorstellung der Künstlerin, die ihre Musik bisher mit Konzepten und Postproduktion im multimedialen Bereich finanziert hat. Darum wisse sie auch, wie man eine Sache so auf den Punkt bringt, dass es „arg ist“. Zuletzt bedeutete das: die bittere Realität von häuslicher Gewalt im brennenden, blutbeschmierten Dirndl zu erzählen.


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